Tag 180

04/Sep/2011

Am heutigen Sonntag endet die Fünfte Nacht der Neunten Welle. Ich möchte dies zum Anlass nehmen, hier drei Interviews zu posten, die sich mit dem Zustand unseres Wirtschaftssystems befassen. Es sind drei Beiträge von drei Ökonomen, die ich heute in drei verschiedenen Tageszeitungen gefunden habe:

Das erste Interview führte die „Financial Times Deutschland“ mit Jens Erhardt, dem „Grandseigneur unter den deutschen Vermögensverwaltern“, wie ihn die Zeitung betitelt. Er sagt zu den gegenwärtigen Entwicklungen: „Ganz ehrlich: Ich bin jetzt seit mehr als 40 Jahren im Geschäft, aber an eine solch komplizierte Situation kann ich mich nicht erinnern. Sicher, auch der Absturz des Jahres 1987 war ein Schock. Aber aktuell machen wir aus meiner Sicht die schwerste und intransparenteste Börsenphase durch, die wir während meiner Laufbahn je hatten.“ Erhardt ist angesichts der gegenwärtigen Lage völlig verzweifelt, weil er sich überhaupt nicht mehr orientieren kann. Er verrät in dem Interview auch seine Anlagestrategie, die in Wahrheit einer Bankrotterklärung seines Weltbildes gleichkommt: „In den defensiven Fonds unseres Hauses haben wir darum die Aktienquote auf 25 Prozent gesenkt, in den anderen in der Regel auf 50 Prozent. Die frei gewordenen Gelder halten wir derzeit vor allem in Cash, so bleiben wir flexibel – was sehr wichtig ist angesichts der aktuell hohen Schwankungen an den Märkten. Einen Teil investieren wir auch in Gold.“

Ein Fondsmanager, dem nichts anderes mehr einfällt, als sein Geld „in Cash zu halten“, darf beruhigt abdanken. Wir sind inzwischen so weit gekommen, dass es für institutionelle Fondsmanager, die Halbgötter des Kapitalismus, keine lohnende Investition mehr gibt. Beeindruckender als in diesem Interview kann man das Scheitern des kapitalistischen Geldsystems nicht darstellen.

Das zweite Interview führte der „Tagesanzeiger“ mit Klaus Wellershoff, dem ehemaligen Chefökonomen der Schweizer Großbank UBS. Es trägt den Titel: „Vermögen werden sich in Luft auflösen.“ Wellershoff spricht davon, dass die Auswirkungen der Krise unterschätzt würden und vor allem die Sparer treffen werden. Interessant finde ich seine Begründung zur Kritik am Euro: „Dahinter stehen zwei starke Interessen: in den USA die Furcht, der Dollar könnte seine Rolle als Leitwährung der Weltwirtschaft verlieren. Und in Grossbritannien das Motiv nach einem starken Finanzplatz London, der mit dem Pfund auf eine eigene Währung angewiesen ist.“ Bei dieser Analyse stimme ich Wellershoff zu, diese Motive werden meiner Ansicht nach in Europa viel zu wenig beachtet.

Zum Abschluss des Gespräches befürwortet Wellershoff als bekennender Liberaler ein Bedingungsloses Grundeinkommen in der Höhe von etwa 1.500 Franken pro Monat: „Schon Milton Friedman war für ein garantiertes Grundeinkommen, er nannte es einfach anders: negative Einkommenssteuer. Diese hätte den Vorteil, dass wir all die anderen komplizierten Sozialversicherungen aufheben könnten, die niemand mehr versteht und daher gerade jene benachteiligen, denen unsere Solidarität gelten sollte.“ Er geht jedoch nicht so weit, dieses Bedingungslose Grundeinkommen mit einem Negativzins in Zusammenhang zu bringen, der für dessen Finanzierung ganz automatisch sorgen würde. Daher rühren auch seine Sorgen: „Niemand weiss, wie die Sozialversicherungen und Krankensysteme in Zukunft finanziert werden können. Die USA und einige EU-Staaten sind faktisch zahlungsunfähig. Viele Vermögen werden sich in Luft auflösen.“ Ein Negativzins wie in der Schweiz könnte alle diese Probleme sehr einfach lösen. Wellershoff ist jedoch nicht in der Lage, das zu erkennen. Das finde ich schade, weil es zeigt, wie sehr der ehemalige Chefökonom noch Gefangener des bisher herrschenden Systems ist.

Das dritte Interview führte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ mit Robert Mundell, dem kanadischen Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 1999. Mundell, der den Nobelpreis für seine „Theorie optimaler Währungsräume“ erhalten hat, sieht die Situation gelassen: „Ja, ich glaube der Euro kann gerettet werden. Der hält viel aus. Sogar wenn Griechenland pleitegehen würde – dann ist noch längst nicht sicher, dass der Euro als ganzer Schwierigkeiten bekäme.“ Er spricht davon, dass die einzelnen Länder Europas, so wie in den USA, endlich Verantwortung für ihre Schulden übernehmen müssten, dazu hätte Griechenland ein Pfand bereitzustellen: „Griechenland ist sehr wertvoll, über Korfu zum Beispiel würden sich die Deutschen sicher freuen. Und dann müsste Griechenland höhere Steuern verlangen.“

Mundell sieht das größte Finanzproblem Europas in den Renten und Pensionen, die die Staatshaushalte auffressen würden. „Italien zahlt netto fast 80 Prozent vom Lohn als Rente – so viel wie kaum ein anderes Land. Das Land muss jetzt einen Zeitplan aufstellen, wie man das Rentenniveau über die Zeit herunterfahren kann, so dass sich die Leute darauf einstellen können.“ Für die weltweiten Turbulenzen macht er die flexiblen Wechselkurse verantwortlich: „Kurz vor der Lehman-Pleite ist der Dollar-Kurs gestiegen. Und eine stärkere Währung ist immer schlecht für eine Wirtschaft. Der Dollarkurs ist mit daran Schuld, dass die Hauspreise dann so schnell gefallen sind. Es wäre schon mal ein Schritt, wenn es für den Kurs von Dollar und Euro eine Zone gäbe, aus der die Notenbanken ihn nicht ausbrechen lassen. Langfristig sollten Euro, Dollar und chinesischer Yuan aneinander gekoppelt werden.“

Diese Idee einer Weltwährung halte ich für grandios, noch dazu, wo Mundell selbst meint, dass eine starke Währung schlecht für die Wirtschaft sei. Genau dieses Problem sehen wir derzeit in der Schweiz. Die Konsequenz daraus ist ein Negativzins dieser Weltwährung, die so mit einem Schlag Schuldgeld in Freigeld umwandeln würde. Mundell, dessen pointierte Gelassenheit ich in diesem Interview sehr schätze, kommt damit meiner Vorstellung eines zukünftigen Wirtschaftssystems sehr nahe.

Ich habe diese drei Interviews für den Abschluss der Fünften Nacht der Neunten Welle ausgewählt, weil sie zeigen, wie verschieden man mit der Krise im Angesicht der Zerstörung des Bisherigen umgehen kann: Der deutsche Vermögensverwalter verzweifelt, der Schweizer Chefökonom wird nachdenklich und der kanadische Wirtschaftswissenschafter entwirft Visionen. Es ist nicht schwer zu erraten, welcher Zugang mir im Zuge der Transformation der liebste ist.

Was ich persönlich aus der „Nacht der Zerstörung“ gelernt habe, ist Zuversicht. Ich glaube jetzt mehr als zuvor, dass der Wandel zu einer Neuen Welt im Grunde friedlich vor sich gehen wird. Wenn ich an den Zusammenbruch unseres Wirtschaftssystems denke, dann kommt mir das Bild eines Ballons in den Sinn. Der Zusammenbruch des bisher herrschenden Systems entspricht eben nicht dem Platzen des Ballons, sondern dem langsamen Zusammenschrumpfen. Der aufgeblasene Ballon des zinsgetriebenen Wachstumswahns fällt stetig in sich zusammen. Es ist kein Platzen, das in den Ohren schmerzt, es ist vielmehr ein Pfeifen, an das wir uns nach und nach gewöhnen können. Das aufgeblasene Monster verliert an Luft. Es fällt langsam in sich zusammen.

Dieses Szenario, das ich gestern Abend mit meiner Freundin Maggy am Telefon besprochen habe, ist keines zum Fürchten. Es ist eher zum Lachen. Das aufgeblasene Monster des Kapitalismus gibt sich nach und nach der Lächerlichkeit preis. Wenn es jetzt im Zuge der Fünften Nacht, dem absoluten Tiefpunkt der Neunten Welle, nicht mit einem lauten Knall zerplatzt ist, dann tut es das auch in Zukunft nicht mehr. Die Luft ist ihm nämlich schon zuvor ausgegangen, meiner Ansicht nach genau am 12. August, wie ich es am Tag 158 der Neunten Welle beschrieben habe. Seit damals hat der Ballon ein Loch, seit damals verliert das aufgeblasene Monster an Luft. Das Monster schrumpft in sich zusammen, bis es dann zum Ende der Neunten Welle am 28. Oktober 2011 völlig leblos am Boden liegt.

Die Neunte Welle hält, was sie versprochen hat. Sie begleitet uns auf dem Weg zur Erleuchtung. Auch wenn wir auf dieser Welt immer wieder mit Katastrophen zu tun haben, so ist in ihr doch kein Platz für einen kollektiven Untergang. Die Neunte Welle ist wunderschön und selbst an ihrem Tiefpunkt, der Fünften Nacht, noch ausgesprochen milde. Ich denke dabei an all jene, die bei der Schlacht um Tripolis ihr Leben gelassen haben. Ihnen danke ich von Herzen, denn sie haben das Schicksal auf sich genommen, am Stamm des Weltenbaums die Entscheidung auszutragen. Von nun an sind wir ohne Umwege auf dem Weg zur ganzheitlichen Erleuchtung. Ab jetzt werden alle Ungleichgewichte beseitigt. Die hungernden Menschen am Horn von Afrika werden es uns danken. Und die suizidgefährdeten Schweizer ebenso.

4 Antworten to “Tag 180”

  1. Heike Says:

    Ein schönes Bild mit dem Ballon 🙂 und danke, für deine Ausführungen, sie zeigen immer wieder, wie verschieden alles betrachtet werden kann.

    Bin schon gespannt, wies weitergeht !
    LG Heike

  2. Sara Devi Says:

    Sehr schöner Blog und Beitrag.
    Jedoch würde ich gern etwas anmerken.
    Es geht nicht darum ‚hin zur Erleuchtung‘ zu kommen, denn Erleuchtung kann nicht erreicht werden und es gibt auch keinen Weg dorthin. Es ist die Erkenntnis, die ErINNErung in uns allen, dass wir schon längst erleuchtet sind. Wir haben es nur vergessen.
    In diesem Sinne wird uns die Welle erinnern, wer wir wirklich sind – und teilweise geschieht es ja schon.
    Ganz liebe Grüße, Sara Devi

    • Peter Wurm Says:

      Hallo Sara Devi,

      danke für Deine schönen Worte. Ich stimme Dir zu, dass uns „die Neunte Welle daran erinnern wird, wer wir wirklich sind.“ Ich nenne es halt den Weg zur Erleuchtung, weil es ein Prozess ist, der uns „ins Licht“ führt. Das alles sind ja nur Worte. Wichtig ist, dass wir einander verstehen.

      Liebe Grüße

      Peter

      • Sara Devi Says:

        Lieber Peter,

        wollte nur erinnern und danke sagen, dass Du so offene Worte findest und sie tatsächlich in den Bezug bringst mit der Welt. Oft ist es sehr plastisch, was man so liest über den Mayakalender und was so alles geschehen soll. Dein Bemühen, Licht in den Maya-Alltag hineinzubringen macht es vielleicht vielen Menschen einfacher zu akzeptieren, dass es Zeit für eine andere Art des Zusammenlebens ist.

        Ich wünsche Dir von Herzen alles Liebe und mache bitte weiter so … ich bin schon sehr gespannt, wie sich das alles ent-wickelt 🙂

        Liebe Grüße, Sara Devi


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