Posts Tagged ‘geld’

Wie wenig man braucht

26/Sep/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die wolkenlose Sonntagnacht. Er hatte ein wundervolles Wochenende verbracht. Überhaupt lebte er in Zeiten, die ihm anscheinend sehr gewogen waren.

Die meisten Menschen in seiner Umgebung waren finanziell reicher als er, hatten ein weit höheres Einkommen. Doch er hatte sein Auskommen. Er hatte ein Dach über dem Kopf, ein halbwegs weiches Bett, saubere Kleidung und ausreichend zu essen.

Er lebte sein Leben langsam, so langsam er konnte. Und er lebte von wenig. Er hatte sich den Minimalismus zu eigen gemacht. Im Vergleich zu Vielen rund um ihn war er ein Asket, ein Bettler fast. Doch er war zufrieden. Und er war glücklich.

Er kannte Menschen, die er Freundinnen und Freunde nannte und vollbrachte Tätigkeiten, die ihn erfüllten. Kurz hielt er inne und schaute in den Himmel. Dann begann er zu lächeln. Wie wenig man doch braucht, um glücklich zu sein.

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Geld oder Leben

02/Jan/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den blauen Nachmittagshimmel. Gerade hatte er mit einem Kollegen telefoniert und sich für die kommende Woche zu einem Termin verabredet.

Sie hatten über Geld gesprochen und sein Kollege hatte ihn gefragt, wo er nun arbeiten würde. Er antwortete, dass er seit dem letzten Jahr für eine kleine Firma tätig war, die jedoch durch eine komplexe internationale Konstruktion im Eigentum des nach Zahlen größten Unternehmens der Welt stand. Er war somit ein winzig kleines Rädchen in einem unglaublich großen Gefüge. Doch er liebte seine Arbeit. Und sie war ihm wichtig.

Daneben ging er weiterhin seiner Arbeit als Bildender Künstler nach, der Malerei, der Bildhauerei und dem Aktionismus. Er verdiente nicht viel, aber ausreichend, um sich einen Lebensstandard leisten zu können, der ihm behaglich war. Er erinnerte sich mit Freude an die sonntäglichen Spaziergänge mit seinem Vater in der Innenstadt in seiner Kindheit. Sein Vater, der schon eine Generation vor ihm Betriebswirtschaft studiert hatte, betrachtete lange gemeinsam mit ihm mit Genuss die Auslagen der geschlossenen Geschäfte, schaute ihn an und meinte lächelnd zu ihm, Sokrates zitierend: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf.“

Slupetzky bedurfte inzwischen fast gar nichts mehr. In den letzten Jahren hatte er fast seine gesamte Habe verschenkt, seine Möbel, seine Kleidung, seine Bücher, sein Geschirr und seine Kunstwerke. Er war überzeugt davon, dass sein ganzes Hab und Gut letztendlich in einen Koffer passen müsste, und wenn er nun für seine Firma auf Reisen war, blieb fast nichts mehr in seiner Wohnung zurück. „Nicht, wer wenig hat, sondern, wer viel wünscht, ist arm.“

„Haben oder Sein“. Zu diesem Buch von Erich Fromm hatte er die Mutter seiner Kinder kennengelernt. Er hatte Seminare zur „Einführung in die Volkswirtschaftslehre“ an der Wiener Wirtschaftsuniversität gehalten, bei denen seine spätere Frau seine Studentin gewesen war, und Erich Fromm gegen jede Norm das Thema der ersten Stunde. Ohne diese Grundlage war sein ganzes Leben nicht zu verstehen. Er wollte nichts „haben“. Er wollte bloß „sein“. Radikal und ohne Kompromisse. Und er war bereit, jeden Preis dafür zu zahlen.

Er war zu jener Zeit bereits Millionär gewesen. Er hatte in kürzester Zeit Unsummen verdient gehabt, doch er sah, dass ihm Geld überhaupt keine Sicherheit gab. Und er hatte bereits in Lateinamerika gearbeitet, wo er ein Leben kennengelernt hatte, das er liebte, ein Leben im Moment, voller Fröhlichkeit und Herzlichkeit, spontan und ohne große Pläne, vollkommen unvernünftig, verrückt von der Norm. „Ihr Europäer lebt, um zu arbeiten, wir aber arbeiten, um zu leben.“

Wozu waren wir auf der Welt? Was wollten wir wirklich? Slupetzky lächelte. Nun war sie in sein Leben getreten. Sie war gänzlich anders als er, ihm scheinbar kontradiktorisch entgegengesetzt. Sie wollte alles. Er wollte nichts. Er wollte sie nicht haben. Und er brauchte sie nicht. Aber er konnte sie lieben. Bei ihr konnte er sein. Und er konnte sie sein lassen, ihr Leben im Moment, voller Fröhlichkeit und Herzlichkeit, spontan und ohne große Pläne, vollkommen unvernünftig, verrückt von der Norm.

Er liebte. Er liebte sie. Das stand völlig außer Zweifel.

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Der Profit des Einen ist der Verlust von Allen

08/Mai/2013

Nehmen wir einmal an, Geld wäre eine objektive Größe. Dann geht es auf diesem Planeten zu wie in einem Casino. Das Casino gewinnt 100 Euro, die 10 Spieler verlieren jeweils 10. Wenn also ExxonMobil im Jahr 2012 einen Gewinn von 45 Milliarden US-Dollar gemacht hat, dann hat die restliche Welt in diesem Jahr 45 Milliarden US-Dollar verloren – jeder von uns durchschnittlich 6,43 US-Dollar. Von wo sonst hätte ExxonMobil dieses Geld verdienen sollen? Von den Marsmenschen?

Jeder, der auf diesem Planeten Geld verdient, nimmt es jemand Anderem weg. Das ist das einfachste Gesetz des Kapitalismus. Wie kommen wir aus dieser Falle wieder heraus? Die einzige Möglichkeit, diesen Planeten zu retten, besteht darin, dass – vereinfacht gesagt – die Europäische Zentralbank (Unser Aller Bank in Europa) umgerechnet 45 Milliarden US-Dollar ganz einfach aus dem Nichts gedruckt hat, um sie an ExxonMobil zu überweisen.

Das ist zur Zeit die einzige Lösung, den Wahnsinn des Kapitalismus zu überwinden – bis irgendwann auch der Dümmste einsieht, dass Geld in Wahrheit ohnehin Nichts wert ist. Geld ist eben – und das ist unsere Rettung – keine objektive Größe, sondern eine kollektive Fiktion.

Carissimo Presidente! Machen Sie bitte weiter so! Im Namen meiner Kinder: Grazie Mille!

Das Leben ohne Geld

05/Mai/2013

Wenn ich meinen Freunden gegenüber über die Vision der „Geldlosen Gesellschaft“ spreche, dann beginnen selbst die wohlmeinendsten zu zweifeln: „Wie soll das gehen?“ Und ausnahmslos alle bringen danach angsterfüllt den Begriff der „Tauschwirtschaft“ ins Spiel. Rothschild scheint ganze Arbeit geleistet zu haben…

Als ich 1991 als Entwicklungshelfer im südamerikanischen Ecuador gearbeitet habe, in dem inzwischen – sehr zum Ärger von Rothschilds Mannen – das „Buen Vivir“ der Ureinwohner als oberstes Ziel in die Verfassung aufgenommen wurde, da fuhr ich an fast jedem Wochenende durch das Land. Und spätestens bei meinen Ausflügen in das Urwaldgebiet des Amazonas bemerkte ich, dass ein Leben ohne Geld selbstverständlich möglich ist: Völlig ohne Geld – und völlig ohne Tauschwirtschaft.

Im „Oriente“ des ecuadorianischen Amazonasgebiets leben die Menschen, wie fast überall in Amerika vor Kolumbus, Cortes und Cheney, in einer intakten Umwelt, fröhlich und frei, nachhaltig – und ohne Geld. Wenn eines der Boote irgendwann kaputtgeht, dann kommen alle Nachbarn am nächsten Wochenende zusammen, um gemeinsam ein neues zu bauen. Und nach Vollendung des neuen Bootes gibt es dann ein Fest mit Essen, Trinken, Musik und Tanz, bis irgendwann ein anderes Boot kaputtgeht.

Selbstverständlich versuchen Rothschilds Mannen – wie überall sonst auch – diese Gebiete unter ihre Kontrolle zu bekommen. Und so sprudelt inzwischen das Schwarze Gold des Petra-Oleum unter schwersten Opfern für Mensch und Natur quer über alle Welt in die Tanks der SUVs unserer langbeinigen Freundinnen, um diese dreimal pro Tag in das nächstgelegene Schuhgeschäft zum Einkaufen zu bringen.

Als ich von Ecuador wieder nach Europa zurückkam, versuchte ich, das Leben weiterzuleben, das ich dort gelernt hatte. Mehr als zwei Jahrzehnte später sitze ich nun da und gebe – unter schwersten Opfern – immer noch nicht auf, die amerikanischen Ureinwohner gegenüber Kolumbus, Cortes und Cheney zu rächen. Kolumbus, Cortes und Cheney hatten Glasperlen und Feuerwasser zur Hand – und Schießpulver. Ich habe Wasser und Brot – und meine Tastatur.

Erstens: Unsere Marktwirtschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie – mit oder ohne Geld – eine „Tauschwirtschaft“ ist, sondern eine „arbeitsteilige“. Dementsprechend werden wir ohne Geld nicht zum Tausch überwechseln müssen, sondern – wie im Amazonasgebiet – weiterhin arbeitsteilig agieren. Wenn unsere langbeinigen Freundinnen passendes Schuhwerk gefunden haben, dann müssen sie dafür nichts eintauschen (und sei es letztendlich die Freigabe ihrer Geschlechtlichkeit), sondern einfach weiterhin das tun, was sie bisher tun: Journalistische Artikel schreiben, architektonische Bauvorhaben organisieren, kaufmännische Analysen erstellen, touristische Reisen vorbereiten, künstlerische Bühnenbilder ermöglichen, pharmazeutische Arzneiwaren vertreiben, medizinische Krankheiten diagnostizieren, juristische Mandanten vertreten und jugendliche Behinderte betreuen. Jeder und Jede macht weiterhin das, was er und sie will.

„Ja, aber dann wird niemand mehr Supermarkt-Kassierin sein wollen!“ Ja, genau. Supermarkt-Kassierinnen brauchen wir dann keine mehr.

Willkommen im Amazonasgebiet!

peterwurm amazonas

„Aber was machst Du in Frankfurt?“

25/Apr/2013

„Aber was machst Du in Frankfurt?“

Nach einer Frage meiner 14jährigen Tochter
und einem Bild von Roman Picha

Sechstes Bild von 12

(Sechstes Bild von 12)

Für meine Tochter Hanna

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(Frankfurt, letzter Stock)

„Nimm Platz, Wolfgang!“

„Ich sitze schon!“

„Ach, ja, natürlich. Etwas zu trinken?“

„Gerne, Josef!“

„Ich habe Otard, Remy Martin, Courvoisier und Hennessy.“

„XO?“

„Selbstverständlich.“

„Dann bitte Otard.“

„Gerne! Mit Gupf?“

„Gupf? Was ist das?“

„Das ist die Bezeichnung für ‚randvoll‘.“

„Dann bitte mit Gupf.“

(Ackermann schenkt ein.)

„Hier, Wolfgang! Bei Gupf muss man höllisch acht geben, dass man nichts verschüttet.“

„Klar!“

„Ich stelle den Schwenker da ab.“

„Danke!“

„Trink doch gleich vom Rand! Da verschüttest Du nichts.“

„Ich werde mich bemühen.“

(Schäuble beugt sich nach vorne und trinkt.)

„Wir haben Sechzehn Komma Vier Milliarden in Athen.“

„Sechzehn Komma Vier?“

„Ja.“

„Und in Madrid?“

„Vierundfünfzig Prozent mehr. Fünfundzwanzig Komma Fünfundzwanzigsechs.“

„Ach.“

„Madrid ist kein Problem. Mariano ist bei uns.“

„Ich weiß.“

„Mario wird sie um Drei Komma Fünf kaufen.“

„Die Sechzehn Komma Vier?“

„Ja.“

„Das sind dann knapp Siebzehn.“

„Sechzehn Komma Siebenundneunzig genau.“

„Sechzehn Komma Siebenundneunzigvier.“

„Ja.“

„Und Du? Otard oder Hennessy?“

„Remy. Und Courvoisier.“

„Schaffst Du die Sechzehn heuer?“

„Mit Mühe.“

„Wo?“

„Zu Siebenundfünfzig Prozent in Athen, Zweiundzwanzig Prozent in Dublin, Elf Prozent in Lissabon und Zehn Prozent hier.“

„Zehn Prozent hier? Das ist viel.“

„Ja. Das sind Zwei Komma Achtsiebensieben.“

„Davon bleiben Dir doch nur Zwei Komma Fünfzehnsieben.“

„Leider.“

„Wir könnten es verschieben.“

„Das wäre hilfreich.“

„Auf die nächsten Zwei.“

„Jahre?“

„Ja.“

„Auch Drei?“

„Auch Drei.“

„Dann würden die Zwei Komma Achtsiebensieben zur Gänze bleiben.“

„Voraussichtlich ja.“

„Danke.“

(Schäuble beugt sich nach vorne und trinkt.)

„Das waren jetzt Null Komma Fünfundzwanzig.“

„Was?“

„Liter.“

„Das macht dann Eins Komma Einsvieracht pro Hektoliter.“

„Ja.“

„Ist das in Ordnung für Dich?“

„Wenn Du mir noch eine Stulle gibst.“

„Fährst Du oder fliegst Du?“

„Ich fliege.“

„Wie lange?“

„Null Komma Vierzig.“

„Das sind Vierundzwanzig Minuten.“

„Ja.“

„Dann gebe ich Dir Zwei.“

„Danke.“

„Eine pro Zwölf.“

„Das ist gerecht.“

„Ich denke auch.“

„Ja.“

„So grüße mir Walhall!“

„Grüße mir Wotan!“

„Grüße mir Wälse und alle Helden!“

„Grüß‘ auch die holden Wunschesmädchen!“

„Leb‘ wohl, Wolfgang!“

„Leb‘ wohl, Josef!“

Stimmen von unten:

„Falsch und feig ist, was dort oben sich freut!“

(Sonnenuntergang. Vorhang.)

Hellas Deconstructed

28/Feb/2013

Mein Beitrag zur Eurokrise: „Hellas deconstructed.“

hellas20130226

Was ist Geld?

16/Aug/2012

The Austrian Definition of Money:

1 Money = 1 L Water + 1 Kg Bread

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Thx Georg Pleger, thx Stefan Schmitz.

Occupy Austria und der Antisemitismus

23/Jan/2012

Heute früh wurde ich durch das Läuten meines Handys geweckt. Am Apparat war Thomas Amaran, der mich gleich fragte: „Hast Du schon den Artikel im Profil gelesen?“ Das hatte ich nicht, denn ich hatte bis dahin geschlafen und den gestrigen Sonntag meinen privaten Interessen jenseits der Politik gewidmet. Am Vortag war ich noch in Linz gewesen, um wie Thomas am ersten österreichweiten Treffen der Occupy-Bewegung teilzunehmen.

Jetzt stand ich also auf, um mir die neuesten Berichterstattungen über die Occupy-Bewegung zu Gemüte zu führen. „Unfreundliche Übernahme“ stand da im „profil“ zu lesen und darunter die Einleitung: „Die Occupy-Bewegung gilt international als Plattform für eine offene, gerechtere Gesellschaft. In Österreich ist sie in der Hand von Rechten, Obskuranten und Verschwörungstheoretikern.“

Schon vor dem Wochenende hatte „Die Presse“ einen Artikel über das bevorstehende Zusammentreffen von Occupy in Linz gebracht: „Die Empörten von Occupy Austria und ihr später Selbstfindungstrip“ – „Warum Mitläufer am rechten Rand die Glaubwürdigkeit von Occupy Austria gefährden – und die Bewegung sich deshalb am Wochenende in Linz neu erfinden will.“

Die Bewegung hat sich in Linz „neu erfunden“. Wir sind aus ganz Österreich zusammengekommen, um darzulegen, wofür wir stehen und was wir wollen. Und wir haben die ersten Inhalte in unglaublich mühsamer Arbeit mit Zustimmung jedes einzelnen Teilnehmers formuliert. Die ersten im Konsens getroffenen Ziele und Überzeugungen sind auf http://pad.ethify.org/p/occupy nachzulesen. Aus ihnen ist ersichtlich, dass es sich dabei nicht um endgültige Dogmen handelt, sondern um das erste gemeinsame Ergebnis eines lang anhaltenden Prozesses.

Der allerschwierigste Konsens aus Linz ist für mich der wichtigste. Es ist der Text über unser Geldsystem. Die Basis der Occupy-Bewegung in Bezug auf das Geldsystem besteht nun aus folgenden vier Sätzen:

Neue Geldsysteme umsetzen:

  • Aufklären und hinterfragen des Finanz- und Geldsystems.
  • Überwindung des  zinsbasierten Schuldgeldsystems.
  • Gemeinschaftliche Geldschöpfung mit Transparenz und gemeinsames Gestalten von Alternativen. 

Ich halte diesen kurzen Text für epochal. Er stellt in aller Kürze gleichzeitig den Inhalt als auch den Prozess dar, zu dem wir stehen und den wir gehen wollen. Er ist gleichzeitig völlig klar und konkret, jedoch für den weiteren Prozess gänzlich offen. Diese erste Basis kann als Vorlage für den Umgang mit dem bestehenden System dienen, und dies auf der ganzen Welt.

Dies ist die erste gemeinsame Basis der Occupy-Bewegung. Darüberhinaus gibt es noch einen vorläufigen Text zu den Grundlagen, zu dessen Feinschliff jeder beitragen kann:

Freie Entfaltung ermöglichen
Wir wollen die freie Entfaltung des vollen menschlichen Potentials aller.
Das bedeutet für uns die Möglichkeiten der selbstbestimmten Entdeckung und Erweckung des menschlichen Potentials zu erschaffen und zum Wohle aller umzusetzen. 
Aus diesem Verständnis wird ersichtlich, dass sich die Occupy-Bewegung als ganzheitlich ohne Feindbilder versteht. Es geht um die Überwindung der alten dualistischen Spaltungen. Wer sich diesem ganzheitlichen Verständnis verbunden fühlt, der ist in dieser Bewegung herzlich willkommen.
Es geht darum, uns endlich als gemeinsame Menschheit dieses Planeten zu begreifen. We are the 100 Percent!
occupy austria - linz 2012
occupy austria - linz 2012
occupy austria - linz 2012
Siehe auch:
„The Linz Declaration“ of Occupy Austria 2012

Tag 180

04/Sep/2011

Am heutigen Sonntag endet die Fünfte Nacht der Neunten Welle. Ich möchte dies zum Anlass nehmen, hier drei Interviews zu posten, die sich mit dem Zustand unseres Wirtschaftssystems befassen. Es sind drei Beiträge von drei Ökonomen, die ich heute in drei verschiedenen Tageszeitungen gefunden habe:

Das erste Interview führte die „Financial Times Deutschland“ mit Jens Erhardt, dem „Grandseigneur unter den deutschen Vermögensverwaltern“, wie ihn die Zeitung betitelt. Er sagt zu den gegenwärtigen Entwicklungen: „Ganz ehrlich: Ich bin jetzt seit mehr als 40 Jahren im Geschäft, aber an eine solch komplizierte Situation kann ich mich nicht erinnern. Sicher, auch der Absturz des Jahres 1987 war ein Schock. Aber aktuell machen wir aus meiner Sicht die schwerste und intransparenteste Börsenphase durch, die wir während meiner Laufbahn je hatten.“ Erhardt ist angesichts der gegenwärtigen Lage völlig verzweifelt, weil er sich überhaupt nicht mehr orientieren kann. Er verrät in dem Interview auch seine Anlagestrategie, die in Wahrheit einer Bankrotterklärung seines Weltbildes gleichkommt: „In den defensiven Fonds unseres Hauses haben wir darum die Aktienquote auf 25 Prozent gesenkt, in den anderen in der Regel auf 50 Prozent. Die frei gewordenen Gelder halten wir derzeit vor allem in Cash, so bleiben wir flexibel – was sehr wichtig ist angesichts der aktuell hohen Schwankungen an den Märkten. Einen Teil investieren wir auch in Gold.“

Ein Fondsmanager, dem nichts anderes mehr einfällt, als sein Geld „in Cash zu halten“, darf beruhigt abdanken. Wir sind inzwischen so weit gekommen, dass es für institutionelle Fondsmanager, die Halbgötter des Kapitalismus, keine lohnende Investition mehr gibt. Beeindruckender als in diesem Interview kann man das Scheitern des kapitalistischen Geldsystems nicht darstellen.

Das zweite Interview führte der „Tagesanzeiger“ mit Klaus Wellershoff, dem ehemaligen Chefökonomen der Schweizer Großbank UBS. Es trägt den Titel: „Vermögen werden sich in Luft auflösen.“ Wellershoff spricht davon, dass die Auswirkungen der Krise unterschätzt würden und vor allem die Sparer treffen werden. Interessant finde ich seine Begründung zur Kritik am Euro: „Dahinter stehen zwei starke Interessen: in den USA die Furcht, der Dollar könnte seine Rolle als Leitwährung der Weltwirtschaft verlieren. Und in Grossbritannien das Motiv nach einem starken Finanzplatz London, der mit dem Pfund auf eine eigene Währung angewiesen ist.“ Bei dieser Analyse stimme ich Wellershoff zu, diese Motive werden meiner Ansicht nach in Europa viel zu wenig beachtet.

Zum Abschluss des Gespräches befürwortet Wellershoff als bekennender Liberaler ein Bedingungsloses Grundeinkommen in der Höhe von etwa 1.500 Franken pro Monat: „Schon Milton Friedman war für ein garantiertes Grundeinkommen, er nannte es einfach anders: negative Einkommenssteuer. Diese hätte den Vorteil, dass wir all die anderen komplizierten Sozialversicherungen aufheben könnten, die niemand mehr versteht und daher gerade jene benachteiligen, denen unsere Solidarität gelten sollte.“ Er geht jedoch nicht so weit, dieses Bedingungslose Grundeinkommen mit einem Negativzins in Zusammenhang zu bringen, der für dessen Finanzierung ganz automatisch sorgen würde. Daher rühren auch seine Sorgen: „Niemand weiss, wie die Sozialversicherungen und Krankensysteme in Zukunft finanziert werden können. Die USA und einige EU-Staaten sind faktisch zahlungsunfähig. Viele Vermögen werden sich in Luft auflösen.“ Ein Negativzins wie in der Schweiz könnte alle diese Probleme sehr einfach lösen. Wellershoff ist jedoch nicht in der Lage, das zu erkennen. Das finde ich schade, weil es zeigt, wie sehr der ehemalige Chefökonom noch Gefangener des bisher herrschenden Systems ist.

Das dritte Interview führte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ mit Robert Mundell, dem kanadischen Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 1999. Mundell, der den Nobelpreis für seine „Theorie optimaler Währungsräume“ erhalten hat, sieht die Situation gelassen: „Ja, ich glaube der Euro kann gerettet werden. Der hält viel aus. Sogar wenn Griechenland pleitegehen würde – dann ist noch längst nicht sicher, dass der Euro als ganzer Schwierigkeiten bekäme.“ Er spricht davon, dass die einzelnen Länder Europas, so wie in den USA, endlich Verantwortung für ihre Schulden übernehmen müssten, dazu hätte Griechenland ein Pfand bereitzustellen: „Griechenland ist sehr wertvoll, über Korfu zum Beispiel würden sich die Deutschen sicher freuen. Und dann müsste Griechenland höhere Steuern verlangen.“

Mundell sieht das größte Finanzproblem Europas in den Renten und Pensionen, die die Staatshaushalte auffressen würden. „Italien zahlt netto fast 80 Prozent vom Lohn als Rente – so viel wie kaum ein anderes Land. Das Land muss jetzt einen Zeitplan aufstellen, wie man das Rentenniveau über die Zeit herunterfahren kann, so dass sich die Leute darauf einstellen können.“ Für die weltweiten Turbulenzen macht er die flexiblen Wechselkurse verantwortlich: „Kurz vor der Lehman-Pleite ist der Dollar-Kurs gestiegen. Und eine stärkere Währung ist immer schlecht für eine Wirtschaft. Der Dollarkurs ist mit daran Schuld, dass die Hauspreise dann so schnell gefallen sind. Es wäre schon mal ein Schritt, wenn es für den Kurs von Dollar und Euro eine Zone gäbe, aus der die Notenbanken ihn nicht ausbrechen lassen. Langfristig sollten Euro, Dollar und chinesischer Yuan aneinander gekoppelt werden.“

Diese Idee einer Weltwährung halte ich für grandios, noch dazu, wo Mundell selbst meint, dass eine starke Währung schlecht für die Wirtschaft sei. Genau dieses Problem sehen wir derzeit in der Schweiz. Die Konsequenz daraus ist ein Negativzins dieser Weltwährung, die so mit einem Schlag Schuldgeld in Freigeld umwandeln würde. Mundell, dessen pointierte Gelassenheit ich in diesem Interview sehr schätze, kommt damit meiner Vorstellung eines zukünftigen Wirtschaftssystems sehr nahe.

Ich habe diese drei Interviews für den Abschluss der Fünften Nacht der Neunten Welle ausgewählt, weil sie zeigen, wie verschieden man mit der Krise im Angesicht der Zerstörung des Bisherigen umgehen kann: Der deutsche Vermögensverwalter verzweifelt, der Schweizer Chefökonom wird nachdenklich und der kanadische Wirtschaftswissenschafter entwirft Visionen. Es ist nicht schwer zu erraten, welcher Zugang mir im Zuge der Transformation der liebste ist.

Was ich persönlich aus der „Nacht der Zerstörung“ gelernt habe, ist Zuversicht. Ich glaube jetzt mehr als zuvor, dass der Wandel zu einer Neuen Welt im Grunde friedlich vor sich gehen wird. Wenn ich an den Zusammenbruch unseres Wirtschaftssystems denke, dann kommt mir das Bild eines Ballons in den Sinn. Der Zusammenbruch des bisher herrschenden Systems entspricht eben nicht dem Platzen des Ballons, sondern dem langsamen Zusammenschrumpfen. Der aufgeblasene Ballon des zinsgetriebenen Wachstumswahns fällt stetig in sich zusammen. Es ist kein Platzen, das in den Ohren schmerzt, es ist vielmehr ein Pfeifen, an das wir uns nach und nach gewöhnen können. Das aufgeblasene Monster verliert an Luft. Es fällt langsam in sich zusammen.

Dieses Szenario, das ich gestern Abend mit meiner Freundin Maggy am Telefon besprochen habe, ist keines zum Fürchten. Es ist eher zum Lachen. Das aufgeblasene Monster des Kapitalismus gibt sich nach und nach der Lächerlichkeit preis. Wenn es jetzt im Zuge der Fünften Nacht, dem absoluten Tiefpunkt der Neunten Welle, nicht mit einem lauten Knall zerplatzt ist, dann tut es das auch in Zukunft nicht mehr. Die Luft ist ihm nämlich schon zuvor ausgegangen, meiner Ansicht nach genau am 12. August, wie ich es am Tag 158 der Neunten Welle beschrieben habe. Seit damals hat der Ballon ein Loch, seit damals verliert das aufgeblasene Monster an Luft. Das Monster schrumpft in sich zusammen, bis es dann zum Ende der Neunten Welle am 28. Oktober 2011 völlig leblos am Boden liegt.

Die Neunte Welle hält, was sie versprochen hat. Sie begleitet uns auf dem Weg zur Erleuchtung. Auch wenn wir auf dieser Welt immer wieder mit Katastrophen zu tun haben, so ist in ihr doch kein Platz für einen kollektiven Untergang. Die Neunte Welle ist wunderschön und selbst an ihrem Tiefpunkt, der Fünften Nacht, noch ausgesprochen milde. Ich denke dabei an all jene, die bei der Schlacht um Tripolis ihr Leben gelassen haben. Ihnen danke ich von Herzen, denn sie haben das Schicksal auf sich genommen, am Stamm des Weltenbaums die Entscheidung auszutragen. Von nun an sind wir ohne Umwege auf dem Weg zur ganzheitlichen Erleuchtung. Ab jetzt werden alle Ungleichgewichte beseitigt. Die hungernden Menschen am Horn von Afrika werden es uns danken. Und die suizidgefährdeten Schweizer ebenso.

Tag 112

28/Jun/2011

In diesen Tagen kann man die Kommentare, die sich mit dem Untergang Griechenlands, des Euro, der EU, Europas, der Banken, des Finanzsystems und des Kapitalismus insgesamt beschäftigen zu Dutzenden in den Medien verfolgen. Von der obigen Reihenfolge ist mir der Untergang des Kapitalsimus insgesamt am liebsten. „Was kommt dann, wenn der Kapitalismus scheitert?“ fragen dann manche Beobachter voller Angst. Meine Antwort darauf ist einfach. Wenn es nach mir geht, dann kommt die geldlose Gesellschaft. Wir machen weiter so wie bisher, nur ohne zu bezahlen und bezahlt zu werden.

„Du bist ja völlig naiv!“ höre ich den gemeinen Verstand mir zurufen. „Ohne Geld bricht alles zusammen! Niemand wird mehr arbeiten gehen, die gesamte Versorgung kommt zum Stillstand!“ „Warum denn das?“ frage ich zurück. Wenn jeder weitermacht wie bisher, dann bricht gar nichts zusammen. Nehmen wir meinen heutigen Tag als Beispiel. Ich bin in der Früh aufgestanden, habe am Vormittag meinen Klienten betreut, war danach im Büro meines Arbeitgebers, um mich nach dem neuen Dienstvertrag zu erkundigen, bin dann zu meinem Teamleiter gefahren und habe mit ihm die Abrechnung gemacht. Jetzt am Abend bin ich wieder heimgefahren und schreibe am Laptop meinen heutigen Blog-Eintrag. Später habe ich noch mit meiner Liebsten ein Date und danach werden wir irgendwann schlafengehen.

Warum sollte sich irgendwas daran ändern, nur weil es kein Geld mehr gibt? Ich würde in der Früh genauso einen Kaffee trinken, danach mit der U-Bahn fahren, das Büro aufsuchen und mit meinem Teamleiter die Abrechnung machen. Abends würde ich mit meiner Liebsten weggehen und danach irgendwann einschlafen. Der Unterschied ist nur, dass ich für Nichts mehr bezahlen würde. Der Kaffee müsste nicht bezahlt werden, kein Fahrschein für die U-Bahn wäre nötig, die Abrechnungen würden leichter von der Hand gehen – und ich würde für meine Arbeit kein Geld verdienen.

Na und? Ich arbeite doch nicht wegen des Geldes. Natürlich bin ich froh, wenn ich etwas verdiene, damit ich meine Ausgaben finanzieren kann. Doch wenn ich keine Ausgaben mehr habe, dann brauche ich auch nichts mehr zu verdienen. Den Job jedoch würde ich weitermachen, auch wenn ich nicht dafür bezahlt werde. Natürlich träume auch ich davon, einmal lange Urlaub zu machen, noch dazu, wo mir meine Liebste heute ein Angebot eines griechischen Ferienhauses gemailt hat, das sie im Internet entdeckt hat. Vielleicht würden wir auch so manche Zeit in diesem Ferienhaus verbringen, vielleicht sogar ein bis zwei Jahre. Doch arbeiten würden wir trotzdem.

Als ich noch viel Geld gehabt habe, da habe ich das hie und da versucht: Nichts, aber auch absolut nichts zu machen. Nicht arbeiten und auch sonst nichts zu tun. Um ehrlich zu sein, es war nicht auszuhalten. Nicht zu arbeiten ist auf Dauer nicht auszuhalten. Warum wohl bestehen so Viele auf dem „Recht auf Arbeit“? Es geht nicht um das „Recht auf Geld.“ Es geht um „Recht auf Arbeit.“ Ein Leben ohne Arbeit ist sinnlos. Ein Leben ohne gebraucht zu werden ist sinnlos. Ein Leben ohne Arbeit ist leer.

Der Mensch hat den Urinstinkt, etwas Sinnvolles zu tun. Das Geld ist diesem Urinstinkt bis heute mehr und mehr im Weg gestanden. Wenn wir es endlich schaffen, das Geldsystem über den Haufen zu werfen, dann wird endlich wieder sichtbar, wofür wir eigentlich auf der Welt sind. Wir sind auf der Welt, um ein erfülltes Leben zu leben. Darum sind wir hier. Und darum bete ich zu meinem Gott, dass der Kapitalismus so bald wie möglich das Zeitliche segnet. Und dann, wie meine Freundin Klara letztens gepostet hat, machen wir uns im Herbst ein heimeliges Feuer – aus Geldscheinen und Rechnungen.