Archive for the 'Et Cetera' Category

Peter Wurm: „Sinnlos“

21/Sep/2016

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„Sinnlos“:

Xaver Finster ist das Kind einer Generation, die noch keinen Namen hat. Seine Großeltern waren tief im Nationalsozialismus verstrickt, seine Eltern sind erfolgreicher Teil der Aufbau-Generation nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wächst im Wien des Kalten Krieges auf, am Rande der westlichen Welt. Sein Vater scheitert grandios, er selbst begibt sich auf der Suche nach Liebe bis an die Grenzen der Welt.

„‚Sinnlos‘ ist eine schonungslose Erzählung vom Leben in einer Gesellschaft, die Werte definiert, ohne sie selbst einzuhalten.“ (Judith Scharinger)

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Die Erste Lesung im Rahmen der Reihe „Wilde Worte“
am 12. September 2016 im Wiener Amerlinghaus:

(Fotos: www.romanpicha.at)

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Die Lesung im „Kafka“:

Wien, 8. Dezember 2016

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„Sinnlos“ auf Amazon: Sinnlos Peter Wurm

„Sinnlos“ bei der Edition Sonnberg

Kontakt: office(at)peterwurm.com

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Vor der Entscheidung

25/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den wolkenverhangenen Sonntagabend. An diesem Tag hatten in seinem Land die Wahlen zum Staatsoberhaupt stattgefunden. Von den 6 zur Auswahl stehenden Kandidaten waren 2 übrig geblieben, die in einem Monat nochmals gegeneinander antreten würden.

Nun saß er da und schaute in den Himmel. Was würde er seinen Enkeln erzählen wollen über diese Entscheidung? Für ihn war es das Ende des bestehenden politischen Systems. Im kommenden Monat würde sich entscheiden, wohin sich sein Land, vielleicht sogar sein Kontinent entwickeln würde. Doch wohin würde die Reise gehen?

Ihm kam der verstorbene deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker in den Sinn, der in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Europa gesagt hatte:

„Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder gegen Türken,
gegen Alternative oder gegen Konservative,
gegen Schwarz oder gegen Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“

Wir alle würden völlig neue Lösungen finden müssen, das war klar. Doch wie würden wir sie suchen?

Miteinander oder gegeneinander?

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Demokratie und Freiheit

26/Feb/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den strahlend blauen Himmel. Es war Freitag Nachmittag, der Beginn des neuen Wochenendes.

Er saß da und war dankbar. Er war dankbar und glücklich, in einem freien Land leben zu können, in einem freien Land leben zu dürfen. Das war für ihn keine Selbstverständlichkeit.

In seinem Land standen Wahlen zur Bundespräsidentschaft vor der Türe. Anders als in allen anderen deutschsprachigen Ländern wurde in seinem Land dieses Staatsoberhaupt direkt vom Volk gewählt. Zu dieser Wahl hatten sich 6 Personen gemeldet.

Es waren dies der Sozialdemokrat Rudolf Hundstorfer, der Konservative Andreas Khol, der Nationale Norbert Hofer, der Grüne Alexander van der Bellen, die ehemalige Höchstrichterin Irmgard Griss, der Baumeister Richard Lugner und die Künstlerin El Awadalla.

So hatte er für Alexander van der Bellen eine Unterstützungserklärung zur Kandidatur abgegeben, war ins Personenkomitee für Rudolf Hundstorfer gegangen, hatte Richard Lugner persönlich und Norbert Hofer schriftlich Alles Gute gewünscht, für Irmgard Griss Geld gespendet, dachte an El Awadalla und schloss Andreas Khol in sein Nachmittagsgebet ein.

Er wusste, wen er in der Wahlzelle geheim wählen würde, und jeder Andere würde es auch wissen können. Aber würde ihn irgendjemand überhaupt verstehen können? Er selbst wusste, was er tat. Er wusste es genau.

So saß er da und war dankbar. Und er war glücklich. Er war in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt.

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Friede

03/Feb/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den nächtlichen Himmel. Gerade war er von einem Treffen mit einem Freund zurückgekehrt.

Sie hatten über Gott und die Welt gesprochen und über sein jüdisch-christlich-moslemisches Erbe der hinduistisch-buddhistischen Aufklärung zum ewigen Frieden. Und so gelüstete es ihn, den größten Satz zu schreiben, der ihm überhaupt möglich war:

Der Holocaust. Er darf gewesen sein.

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Liebeserklärung

16/Jan/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den morgendlich blauen Sonnenhimmel. Im Hintergrund lief David Bowies „Heroes“ auf Repeat.

Sie hatte ihm solch schöne Sätze gesagt wie: „Du warst in mir. Du warst in meinem Kopf.“ Nun wollte er ihr seine Liebe erklären, wie er sie noch keinem Menschen zuvor bezeugt hatte. Und er schrieb:

In Dir fühle ich mich zuhause.

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Der Kopf und das Herz

10/Jan/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den morgendlich blauen Himmel. Er war schon zeitig aufgestanden und hatte sich die Frage gestellt: „Kopf oder Herz?“

Er war seit Langem überzeugt, dass der Mensch aus 4 Polen bestand, aus dem Kopf, dem Herz, dem Bauch und dem Geschlecht. Der Kopf brachte den Intellekt mit sich, das Herz das Gefühl, der Bauch den Instinkt und das Geschlecht den Trieb. Diese 4 Pole galt es in Einklang zu bringen. Doch wie?

Er versuchte, sich bewusst zu werden, wie er vorgehen könnte. Sollte er nachdenken, sollte er fühlen, sollte er instinktiv handeln oder gar seinem Trieb nachgehen? Es trieb ihn, instinktiv zu handeln und zu fühlen, was er dachte. So nahm er ein Buch aus dem Regal heraus und schlug eine Seite auf:

„Der Verständigkeit des besorgenden Aufgehens im Man bleibt so etwas wie ein Entwerfen, und gar ein ontologisches, notwendig befremdend, weil sie sich ‚grundsätzlich‘ dagegen sperrt.“ stand da zu lesen. Slupetzky begann zu lachen. Damit also beschäftigte sich der Kopf? Er hörte die Glocken der nahe gelegenen Kirche und seine Nachbarin, wie sie zu singen begann.

Herz.

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Ein Wintermorgen

04/Jan/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den Himmel. Es schneite dicke Flocken und er war glücklich.

Er war in Es-Dur aufgestanden, zu Franz Schubert mit Alfred Brendel. Rund um ihn war alles weiß und draußen war es kalt. Er begann den Tag so langsam, wie er nur konnte und war dankbar. Er wusste nicht, wem er dankbar sein könnte, doch er war einfach glücklich, dankbar für sein Dasein in der Welt. Er fühlte sich eingebettet in ein größeres Ganzes, das er nicht benennen konnte, aber das brauchte er nicht. Er sah die Schneeflocken auf seinem Dachfenster schmelzen und pfiff leise mit. Langsam wurde das Dachfenster zugeschneit. Er saß da und war dankbar. Und er pfiff leise mit.

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Geld oder Leben

02/Jan/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den blauen Nachmittagshimmel. Gerade hatte er mit einem Kollegen telefoniert und sich für die kommende Woche zu einem Termin verabredet.

Sie hatten über Geld gesprochen und sein Kollege hatte ihn gefragt, wo er nun arbeiten würde. Er antwortete, dass er seit dem letzten Jahr für eine kleine Firma tätig war, die jedoch durch eine komplexe internationale Konstruktion im Eigentum des nach Zahlen größten Unternehmens der Welt stand. Er war somit ein winzig kleines Rädchen in einem unglaublich großen Gefüge. Doch er liebte seine Arbeit. Und sie war ihm wichtig.

Daneben ging er weiterhin seiner Arbeit als Bildender Künstler nach, der Malerei, der Bildhauerei und dem Aktionismus. Er verdiente nicht viel, aber ausreichend, um sich einen Lebensstandard leisten zu können, der ihm behaglich war. Er erinnerte sich mit Freude an die sonntäglichen Spaziergänge mit seinem Vater in der Innenstadt in seiner Kindheit. Sein Vater, der schon eine Generation vor ihm Betriebswirtschaft studiert hatte, betrachtete lange gemeinsam mit ihm mit Genuss die Auslagen der geschlossenen Geschäfte, schaute ihn an und meinte lächelnd zu ihm, Sokrates zitierend: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf.“

Slupetzky bedurfte inzwischen fast gar nichts mehr. In den letzten Jahren hatte er fast seine gesamte Habe verschenkt, seine Möbel, seine Kleidung, seine Bücher, sein Geschirr und seine Kunstwerke. Er war überzeugt davon, dass sein ganzes Hab und Gut letztendlich in einen Koffer passen müsste, und wenn er nun für seine Firma auf Reisen war, blieb fast nichts mehr in seiner Wohnung zurück. „Nicht, wer wenig hat, sondern, wer viel wünscht, ist arm.“

„Haben oder Sein“. Zu diesem Buch von Erich Fromm hatte er die Mutter seiner Kinder kennengelernt. Er hatte Seminare zur „Einführung in die Volkswirtschaftslehre“ an der Wiener Wirtschaftsuniversität gehalten, bei denen seine spätere Frau seine Studentin gewesen war, und Erich Fromm gegen jede Norm das Thema der ersten Stunde. Ohne diese Grundlage war sein ganzes Leben nicht zu verstehen. Er wollte nichts „haben“. Er wollte bloß „sein“. Radikal und ohne Kompromisse. Und er war bereit, jeden Preis dafür zu zahlen.

Er war zu jener Zeit bereits Millionär gewesen. Er hatte in kürzester Zeit Unsummen verdient gehabt, doch er sah, dass ihm Geld überhaupt keine Sicherheit gab. Und er hatte bereits in Lateinamerika gearbeitet, wo er ein Leben kennengelernt hatte, das er liebte, ein Leben im Moment, voller Fröhlichkeit und Herzlichkeit, spontan und ohne große Pläne, vollkommen unvernünftig, verrückt von der Norm. „Ihr Europäer lebt, um zu arbeiten, wir aber arbeiten, um zu leben.“

Wozu waren wir auf der Welt? Was wollten wir wirklich? Slupetzky lächelte. Nun war sie in sein Leben getreten. Sie war gänzlich anders als er, ihm scheinbar kontradiktorisch entgegengesetzt. Sie wollte alles. Er wollte nichts. Er wollte sie nicht haben. Und er brauchte sie nicht. Aber er konnte sie lieben. Bei ihr konnte er sein. Und er konnte sie sein lassen, ihr Leben im Moment, voller Fröhlichkeit und Herzlichkeit, spontan und ohne große Pläne, vollkommen unvernünftig, verrückt von der Norm.

Er liebte. Er liebte sie. Das stand völlig außer Zweifel.

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Sie

30/Dez/2015

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den nächtlichen Himmel. Ihm kam der Fall des Menschen in den Sinn, des Menschen und des Lebens, des Adam und der Eva. Sie waren miteinander ins Paradies zurückgekehrt. Sie hatten sich voreinander entschämt.

Und sie sahen alles an, was sie gemacht hatten. Und es war sehr gut.

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Die Flucht ist zu Ende – Teil 7

03/Okt/2015

Vor ein paar Tagen bekam ich ein sehr erfreuliches Mail betreffend meines Wohnungsangebots für Flüchtlinge. Der Rest der Geschichte ist nun aber privat.

www.helfenwiewir.at

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