Slupetzkys Träume

10/Aug/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die Nacht. Gerade hatte er sich von einer Kollegin verabschiedet, die am nächsten Tag die Heimreise in den Osten antreten würde.

Zum Abschied hatte sie ihn herzlich umarmt und liebevoll zu ihm gemeint: „And may your dreams come true.“ Er lächelte still zurück. Würde sie seine Träume kennen? Wenn er es sich recht überlegte, so waren fast alle seine Träume Albträume, aus denen er jedesmal voller Angst schweißgebadet aufschreckte.

Es waren meist fürchterliche Träume. Als Kind hatte er von Hexen geträumt, nun träumte er von Lagern, Krieg und Kindesentführungen. Er war froh, wenn er manchmal einfach nichts träumte. Alles war besser als das, was er träumte. Am schönsten waren Begebenheiten wie gerade eben, eine herzliche Umarmung und ein liebevoller Satz.

„And may your dreams come true.“ Slupetzky schwieg traurig lächelnd zurück.

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Das Glück

05/Aug/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den abendlichen Himmel. Draußen regnete es. Er sah die Tropfen, wie sie auf das Dachfenster prasselten und dachte wieder einmal lange über das Glück nach.

Was war Glück für ihn? Glück war für ihn, den Tropfen zuzusehen. Glück war für ihn, wenn es sein durfte, wie es war. Das war Glück. Es war gar nicht mehr. Aber es war auch nicht weniger. Das war es schon. Es durfte sein, wie es war.

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Die sinnlosen Selbstmordattentate

26/Jul/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den blauen Abendhimmel. Anlässlich der wahrhaft sinnlosen Mord- und Selbstmordanschläge in seiner Zeit war ihm wieder die tragischste Figur der Sinnlosigkeit, Homers Sisyphos in den Sinn gekommen. Diesen hatte Albert Camus in seinem „Mythos von Sisyphos“ bezeichnenderweise den „Helden des Absurden“ genannt.

Der Verbrecher Sisyphos, gleichzeitig „der weiseste und klügste unter den Sterblichen“ war von den Göttern aufgrund „einer gewissen Leichtfertigkeit“ im Umgang mit ihnen dazu verurteilt worden, „unablässig einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein von selbst wieder hinunterrollte.“ Diese tragische Figur aus Homers „Odyssee“ hatte Camus abschließend dennoch „dank seiner Leidenschaften und seiner Qual“ als glücklichen Menschen bezeichnet: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

„Heutzutage arbeitet der Werktätige sein Leben lang unter gleichen Bedingungen, und sein Schicksal ist genauso absurd“, hatte Camus 1942 geschrieben. Nicht nur wälzte jeder Einzelne seinen Stein immer wieder sinnlos den Berg hinauf, sondern er sah auch alle Anderen dasselbe tun. Alle waren „Helden des Absurden“ geworden.

Doch worin bestanden „die gewaltigen Qualen“, von denen Homer berichtet hatte? „Fluch und Seligkeit“ hatte Camus sie genannt. Sisyphos, dieser „ewige Rebell“ wusste, was er tat. Und er tat es nicht zum Spaß. Er war von den Göttern dazu verurteilt worden. Slupetzky seufzte. Nur aus diesem Blickwinkel war der Nihilismus der Selbstmordattentäter überhaupt zu verstehen. „Dieser Mythos ist tragisch, weil sein Held bewusst ist“, hatte Camus geschrieben. Die Tragödie bestand darin, dass sich die Mörder der Sinnlosigkeit bewusst waren. Sie wussten, was sie taten.

Slupetzky wurde nachdenklich. Wenn Sisyphos wusste, dass es ihm niemals gelungen war, dann musste er auch ahnen, dass es ihm niemals gelingen würde. Warum versuchte er es trotzdem? „Der Gipfel des Wahnsinns ist es, auf Veränderung zu hoffen, ohne etwas zu verändern“, hatte Albert Einstein gemeint. Slupetzky erschrak. Sisyphos war offensichtlich wahnsinnig. Doch waren die Morde nun Teil des Wahnsinns oder ein verzweifelter Versuch, den Wahnsinn zu beenden?

„Ach, und ich sah Sisyphos in gewaltigen Qualen, als er versuchte, einen riesigen Stein mit den Händen zu heben“, begann Homer die Geschichte mit den Augen des Odysseus zu erzählen. Und er beendete diesen kurzen Besuch mit den Worten: „Aber er würde sich wieder anstrengen und ihn zurück hinaufschieben, und der Schweiß rann von seinen Gliedern herab und der Staub stieg von seinem Haupt auf.“

Slupetzky atmete tief durch. Wer würde nicht Mitleid mit diesem Menschen haben? Wer würde nicht versuchen, ihn zu befreien? „Heutzutage arbeitet der Werktätige sein Leben lang unter gleichen Bedingungen, und sein Schicksal ist genauso absurd“, las er nochmals. Wenn er Odysseus wäre, was würde er tun?

In seinem als „Höhlengleichnis“ bekannten Text aus „Der Staat“ hatte der von Arthur Schopenhauer so genannte „Göttliche Platon“ seinen Lehrer Sokrates eine Geschichte erzählen lassen. Diese handelte davon, wie der erleuchtete Philosoph nach seiner Befreiung von seinen Fesseln erkannte, dass alle Anderen nur Schattenspiele verfolgten, während er selbst bereits das Licht der Sonne erblickt hatte. Nachdem er zu Beginn seiner Befreiung geblendet und verwirrt gewesen wäre, sei er nach seiner Rückkehr in die Höhle den anderen Menschen in der Finsternis sogar gefährlich erschienen. Diese Geschichte der Erleuchtung sei jedoch keine Gewissheit, sondern einzig eine Hoffnung: „Nur Gott mag wissen, ob sie richtig ist.“

„Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen“, begann jede einzelne der 114 Strophen des „Edlen Koran“. Und er endete mit „Die Menschheit“: „Ich nehme Zuflucht beim Herrn der Menschen, dem König der Menschen, dem Gott der Menschen vor dem Übel des Einflüsterers, der entweicht und wiederkehrt, der den Menschen in die Brust einflüstert, sei dieser vom Satan oder den Menschen.“

Slupetzky wurde völlig still. In diesem Sinne war jeder Selbstmordattentäter ein verzweifelter Gotteskämpfer, ein erleuchteter Philosoph, ein mitleidender Odysseus. Minutenlang saß er da und schwieg.

„Wir Christen sind Hoffnungsträger“, kam ihm einer seiner besten Freunde in den Sinn. Worin aber sollte diese Hoffnung bestehen? „Gemeinsam mit den anderen monotheistischen Religionen glauben wir Christen, dass das Universum aus einer Entscheidung der Liebe des Schöpfers hervorgegangen ist“, hatte der Römische Bischof Franziskus anlässlich der Eröffnung der UN-Vollversammlung im Jahr zuvor gesagt. Und diese Entscheidung erlaube dem Menschen, „sich respektvoll der Schöpfung zu bedienen zum Wohl seiner Mitmenschen und zur Ehre des Schöpfers.“

„Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ war die berechtigte Frage der Atheisten. Wenn Odysseus gekonnt hätte, dann hätte er Sisyphos von seinen Qualen befreit. Slupetzky blickte in den Himmel. Inzwischen war es dunkel geworden. Wie hätte er Sisyphos befreit? Was hätte er getan? Was hätte er überhaupt tun können? Wie würde er handeln, wenn er Odysseus wäre? Was tat er jetzt?

Slupetzky schaute lange in die Nacht. Dann begann er ganz leise zu weinen. Albert Camus schied aus dem Leben, nachdem er mit seinem Auto gegen einen Baum gerast war. Danach kam er nie mehr wieder zurück. Wir müssen uns Odysseus als einen traurigen Menschen vorstellen.

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Ist unsere Welt aus den Fugen geraten?

23/Jul/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den hochsommerlichen Himmel. Er hatte sich von der Welt zurückziehen wollen, doch die sich verdichtenden Schreckensmeldungen der jüngsten Vergangenheit ließen ihn nachdenklich werden.

Neben den politischen Radikalisierungen auf seinem kleinen Planeten hörte er in immer rascherer Abfolge von Terroranschlägen und Amokläufen in seiner nächsten Umgebung. Hatten sich diese einst auf ferne Länder beschränkt, so waren sie in der letzten Zeit immer näher gekommen. Die Welt um ihn herum schien zu verrohen, sich im wahrsten Sinn des Wortes zu brutalisieren.

Die politische Auseinandersetzung spielte sich vordergründig zwischen verschiedenen Gruppen ab, die einander die Schuld an der Gewalt zuschoben, um die Macht der eigenen Gruppe zu stärken. Doch dahinter ging es immer wieder um den Umgang mit der radikalsten menschlichen Grenzerfahrung, mit dem Tod.

Der Mensch war bekanntermaßen das einzige Tier, das sich seiner Sterblichkeit bewusst war. Den eigenen Tod voraussehen zu können, machte ihn erst zum Menschen. Doch so sehr er sich auch bemühte, war es ihm unmöglich, sich seinen eigenen Tod auch vorstellen zu können.

Slupetzky dachte an seinen Großvater, der in hohem Alter friedlich in seinem eigenen Bett gestorben war. Nun war er dagegen mit Bildern konfrontiert, in denen junge Menschen gewaltsam aus dem Leben gerissen wurden. Welche Vorstellung würde sich durchsetzen?

Slupetzky wünschte sich und seinen Liebsten dereinst selbstverständlich einen friedlichen Tod, im Grunde sogar jedem Lebewesen. Sein Großvater durfte sterben, die Ermordeten der jüngsten Vergangenheit mussten es. Doch würde er diesbezüglich irgendetwas beeinflussen können?

Er würde es höchstens dadurch tun können, dass er selbst friedlich blieb. Es galt, gerade auch im Angesicht der Gewalt das friedliche Leben zu kultivieren. Er wollte möglichst in jedem Augenblick dankbar sein, dass er leben durfte. Vielleicht konnten ihm die Nachrichten der letzten Zeit sogar dabei helfen.

Es ging ihm nicht darum, Partei zu ergreifen, indem er jemandem die Schuld an der Gewalt zuschob. Es ging ihm ganz im Gegenteil darum, in den Grenzen des Lebens dankbar zu sein. Es ging ihm um die Kultivierung des Friedens in sich selbst. Dies zu erkennen war für ihn die wahre Herausforderung jener Tage.

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Slupetzkys Abschied

01/Jun/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den abendlichen Himmel. Er war glücklich. Er war dem Leben auf den Grund gekommen. Er hatte den Himmel auf Erden gefunden. Er war am Ende und am Anfang zugleich. Die Sonne ging unter und wieder auf. Er war auf dem Weg. Und er war am Ziel. Er wurde und war. Er war das Alpha und das Omega.

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Romantik

12/Mai/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den abendlichen Himmel. Wie unromantisch war doch so Vieles, was rund um ihn geschah. Aber sie hatte ihm einen Satz geschenkt, einen Halbsatz nur, im Grunde einen einzigen kurzen Gedanken:

„Die Weichen stellen in den Augenblick.“ Nun war es an ihm, diesen Gedanken zu vollenden. Er hörte die Vögel im Hof, sah die Flugzeuge am Himmel, roch die Farbe an seinen Händen und schmeckte den Tee. Die Realität war ihm romantisch genug.

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Vor der Entscheidung

25/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den wolkenverhangenen Sonntagabend. An diesem Tag hatten in seinem Land die Wahlen zum Staatsoberhaupt stattgefunden. Von den 6 zur Auswahl stehenden Kandidaten waren 2 übrig geblieben, die in einem Monat nochmals gegeneinander antreten würden.

Nun saß er da und schaute in den Himmel. Was würde er seinen Enkeln erzählen wollen über diese Entscheidung? Für ihn war es das Ende des bestehenden politischen Systems. Im kommenden Monat würde sich entscheiden, wohin sich sein Land, vielleicht sogar sein Kontinent entwickeln würde. Doch wohin würde die Reise gehen?

Ihm kam der verstorbene deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker in den Sinn, der in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Europa gesagt hatte:

„Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder gegen Türken,
gegen Alternative oder gegen Konservative,
gegen Schwarz oder gegen Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“

Wir alle würden völlig neue Lösungen finden müssen, das war klar. Doch wie würden wir sie suchen?

Miteinander oder gegeneinander?

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Die Mitte der Quinte

20/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den wolkenverhangenen Himmel. Es war schon wieder Mitternacht vorbei. Gerade war er mit seinem Freund, dem Tonsetzer unterwegs gewesen.

Sie hatten von der Musik ausgehend wieder einmal über Alles gesprochen, über Physik und Metaphysik, Gott und die Welt, von der Entstehung des Universums bis zu seinem Vergehen. Sie sprachen über Glück und Unglück, über Sein und Nichtsein, über Freude und Schmerz.

Beide waren sie geschichtsphilosophische Optimisten, was nichts Anderes bedeutete, als dass sie sich einig waren, dass die Geschichte gut ausgehen würde, welche Geschichte auch immer es wäre. Am Ende stand ein wunderschöner Schlussakkord.

Nun saß er da und schaute lange in den Himmel. Es war stockdunkle Nacht. Doch irgendwo hinter den Wolken würde der Mond leuchten, der in drei Tagen voll sein würde. Slupetzky vertraute fest darauf. Er wusste es sogar. Und dafür war er aus ganzem Herzen dankbar.

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Verzaubert

17/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den ruhig gewordenen Sonntag Abend. Das ganze Wochenende lang hatte er nicht aufgehört, an sie zu denken.

Er hatte sie am Freitag Abend bei der Rückfahrt nach Wien im Zug kennengelernt gehabt und war vom ersten Moment an verzaubert gewesen. Es war nicht nur ihre Schönheit und Klugheit, es war ihre unglaubliche Herzlichkeit und ihr strahlendes Lachen. Er fand ihr ganzes Wesen unendlich liebenswert. Doch als sie sich voneinander verabschiedet hatten, kannte er nicht einmal ihren Namen. Er hatte es einfach nicht geschafft, sie danach zu fragen. Er machte offensichtlich lauter Fehler. Er brachte kein vernünftiges Wort über die Lippen. Er war wie ein verschüchtertes kleines Kind. Er war verzaubert.

Zu Hause angekommen, wurde er traurig. Er hatte auf allen Linien versagt. Doch sie hatte ihm erzählt, bei welcher Veranstaltung sie an diesem Abend arbeiten würde. Und er wusste, dass sie Rosen liebte. Wo würde es welche geben, so spät am Abend? Er fuhr von Bahnhof zu Bahnhof und ging von Tankstelle zu Tankstelle. Nirgends gab es mehr Blumen. Wo gab es Rosenverkäufer? Als er zum Naschmarkt kam, entdeckte er in einem Lokal einen Strauß weißer Rosen. Der am Tisch sitzende Mann hatte sie anscheinend seiner Frau geschenkt. Er fasste sich ein Herz und ging hinein.

„Gnädige Frau, ich habe eine Bitte.“ stammelte er. „Ich brauche eine weiße Rose.“ Sie sah ihn an. „Für eine Dame?“ „Ja.“ antwortete er mit zittriger Stimme. Sie griff zum Strauß, nahm eine Rose und reichte sie ihm lächelnd. „Ich danke Ihnen.“ verabschiedete er sich schnell.

Er ging nach Hause, um eine Visitenkarte zu holen. Er wusste ja gar nicht, ob er sie sehen würde können. Was sollte er auf seine Karte schreiben? Er kannte ja nicht einmal ihren Namen. Also schrieb er nichts. Was hätte er schreiben sollen? Er ging, um sie zu suchen. Als er sie fand, war er aufgeregt wie nie zuvor. „Ich habe vergessen, Dich nach Deinem Namen zu fragen.“ stammelte es aus ihm heraus. Da war es wieder, ihr strahlendes Lachen. Er überreichte ihr die Rose und die kleine Karte. Dann drehte er um und ging davon. Was hätte er sagen können?

Es gab einen einzigen Satz, den er ihr sagen wollte. Es gab einen einzigen Satz, den er geschrieben hätte. Es gab einen einzigen Satz, an den er dachte. Es gab einen einzigen Satz. Doch er hatte es einfach nicht geschafft, ihn ihr zu sagen. Er machte offensichtlich lauter Fehler. Er brachte kein vernünftiges Wort über die Lippen. Er war wie ein verschüchtertes kleines Kind. Er war verzaubert.

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Melanie

16/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den sternenklaren Himmel. Es war bereits Mitternacht vorbei.

Was sollte er schreiben? Er saß da und seufzte.  Wie könnte er beschreiben, was sich an diesem Tag zugetragen hatte?

Dann begann er zu lächeln. Sie würde es wissen. Das genügte. Er hatte sich in sie verliebt.

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