Peter Wurm: „Sinnlos“

21/Sep/2016

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„Sinnlos“:

Xaver Finster ist das Kind einer Generation, die noch keinen Namen hat. Seine Großeltern waren tief im Nationalsozialismus verstrickt, seine Eltern sind erfolgreicher Teil der Aufbau-Generation nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wächst im Wien des Kalten Krieges auf, am Rande der westlichen Welt. Sein Vater scheitert grandios, er selbst begibt sich auf der Suche nach Liebe bis an die Grenzen der Welt.

„‚Sinnlos‘ ist eine schonungslose Erzählung vom Leben in einer Gesellschaft, die Werte definiert, ohne sie selbst einzuhalten.“ (Judith Scharinger)

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Die Erste Lesung im Rahmen der Reihe „Wilde Worte“
am 12. September 2016 im Wiener Amerlinghaus:

(Fotos: www.romanpicha.at)

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Es ist soweit: „Sinnlos“ ist da!

Wien, 8. Dezember 2016

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Die Lesung im „Kafka“ (8. Dezember 2016):

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„Sinnlos“ auf Facebook: @SinnlosPeterWurm

„Sinnlos“ auf Amazon: Sinnlos Peter Wurm

„Sinnlos“ bei der Edition Sonnberg

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Erinnerungen an das Paradies

12/Feb/2017

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den winterlichen Mitternachtshimmel. Es war stockdunkel draußen und es war bitterkalt.

Er sah seine kleine Blume vor sich auf seinem Schreibtisch stehen, die inzwischen all ihre Blätter verloren hatte. Einstmals war sie die schönste Blume gewesen, die ihm je begegnet war, doch nun war sie verwelkt. Als sie im Frühling zu blühen begonnen hatte, da war sie so wunderschön gewesen, schöner als jede andere, die es überhaupt gab. Im Sommer strahlte sie dann mit all ihrer herrlichen Kraft und selbst als sie im Herbst ihre Blätter verlor, da schimmerte sie in solch bunten Farben wie keine zweite auf der Welt.

Nun war es Winter geworden und sie hatte all ihre Blätter verloren. Weder blühte sie mehr, noch verströmte sie irgendeinen Duft. Sie war verwelkt, gestorben zu Beginn des Winters, als die Kälte einsetzte. Seine kleine Blume auf seinem Schreibtisch war tot.

Er erinnerte sich an seinen Vater, der ihn in seiner Kindheit einmal gefragt hatte: „Wann ist es in der Nacht am kältesten?“ „Zu Mitternacht!“ hatte Slupetzky stolz geantwortet. Da sah ihn sein Vater an und schüttelte den Kopf: „Nein, mein Sohn. Denke nochmals darüber nach!“

Slupetzky saß da und starrte ins Leere. Es war Mitternacht, draußen war es dunkel und kalt, und die kleine Blume auf seinem Schreibtisch war verwelkt. Ihn fror und er hatte Angst. Er fürchtete sich, dass seine kleine Blume niemals wieder blühen würde. Er war wie versteinert und fürchtete sich vor dem Tod.

Lange saß er da und blickte in die Nacht. Draußen war es völlig dunkel und es wurde kälter und kälter. Inzwischen war es stockdunkel und bitterkalt geworden. Die Tränen rannen ihm über sein Gesicht. Er war unfähig, irgendetwas zu spüren. Seine kleine Blume war tot.

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In der Neuen Welt 

03/Jan/2017

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die sternenklare Nacht. Nun war sie in sein Leben getreten.

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Gott und der Mensch 

25/Dez/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die sternenklare Weihnachtsnacht. Er dachte an Gott. 

„Gott also schuf den Menschen als Gottes Abbild. Als Mann und Frau schuf Gott ihn“, stand in der Schöpfungsgeschichte der Genesis zu lesen. Nun also saß er da und dachte an sie. 

Als Dich und mich schuf Gott ihn. 

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Frohe Weihnachten!

21/Dez/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die winterliche Nacht. Im Vorjahr hatte er seinem Sohn eine kleine Weihnachtsgeschichte geschrieben, eine Geschichte über den Lieben Gott und über Fußball. Nun war es knapp vor dem Heiligen Abend und er hörte im Hintergrund Beethovens „Missa Solemnis“.

Welche Weihnachtsgeschichte könnte er seiner Tochter schreiben? Welche Geschichte könnte er ihr schenken? Er erinnerte sich daran, wie ihn seine Tochter vor langer Zeit als kleines Kind einmal fragte: „Papa, was glauben wir?“

Er schaute sie an und verstand nicht recht. „Was meinst Du damit? Was heißt ‚Was glauben wir?‘?“

„Na, wenn wir sterben. Kommen wir dann in den Himmel oder kommen wir wieder auf die Erde zurück?“ Er schaute sie an und sagte lächelnd: „Na, wie Du willst.“

Sie überlegte einen kurzen Moment. Dann sah sie ihn an und meinte fröhlich: „Na gut, dann kommen wir wieder auf die Erde zurück.“

Das war sie schon, die Weihnachtsgeschichte. Nicht er brauchte sie ihr zu schreiben. Sie selbst hatte sie ihm geschenkt. Er schaute wieder in den Himmel und war glücklich. „Na gut, dann kommen wir wieder auf die Erde zurück.“

Frohe Weihnachten!

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Geschützt: Im Himmel

15/Dez/2016

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Sterben

14/Dez/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den winterlichen Nachmittag. Vor Kurzem hatte er seinen Vater besucht.

Sein Vater war ein alter Mann, der ein schweres Leben gehabt hatte, außergewöhnlich schwer. Nun lebte er in einem Heim und wartete dort auf den Tod. Inzwischen war Slupetzky der Einzige, der ihn noch besuchte. Als er zu seinem letzten Geburtstag bei ihm war, da hatten sie sehr lange miteinander gesprochen. Am Ende dieses Gespräches begannen sie, fast ebenso lange miteinander zu schweigen. Da schaute ihn sein Vater an, begann zu lächeln und sagte sanft: „Ich danke Dir, mein Sohn. Jetzt kann ich in Ruhe sterben.“ Und sie Beide wussten, dass sie in diesem Moment in Frieden gekommen waren, in Frieden mit sich und der Welt.

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Gott sei Dank

05/Dez/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die Nacht. Soeben war ein Sonntag zu Ende gegangen. Es war nicht irgendein Sonntag. Für ihn war es ein Tag von entscheidender Bedeutung. 

In seinem Land hatten Wahlen stattgefunden, Wahlen zum Staatsoberhaupt. Für ihn waren es keine gewöhnlichen Wahlen, für ihn war es eine historische Entscheidung. Sein Land war ein kleines Land, unscheinbar vielleicht. Doch von seinem Land waren die drei grausamsten Kriege der Geschichte ausgegangen und – was für ihn von entscheidender Bedeutung war – die größte Katastrophe der Menschheit, die Vernichtung, der Holocaust, die Shoah.

Nun standen nur noch zwei Kandidaten zur Wahl. Beide teilten seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen, die an Ungerechtigkeit kaum mehr zu überbieten waren. Doch sie gaben völlig gegensätzliche Antworten darauf. Dem Einen war er politisch verbunden, doch das war für ihn nicht entscheidend. Von entscheidender Bedeutung war für ihn der andere Kandidat. Jener bekannte sich, für alle offen sichtbar dazu, den Weg in die Katastrophe noch einmal gehen zu wollen. „Nichts und niemand wird uns aufhalten.“

Slupetzky hatte die Berichterstattung an diesem Abend äußerlich zwar völlig gelassen, innerlich aber mit höchster Spannung verfolgt. Er wusste auch bereits inoffiziell, wie die Wahl ausgegangen war. Doch im Moment, da das Ergebnis verlautbart wurde, traten ihm Tränen in die Augen. Die Entscheidung war gefallen. Sie hatten es geschafft. Sie hatten es endlich geschafft. Die Geschichte durfte weitergehen. Die Geschichte durfte endlich weitergehen. Er war das erste mal in seinem Leben von Herzen stolz auf sein Land. Und er war das erste mal in seinem Leben stolz, ein Mensch zu sein.

Danke, Österreich!

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Norbert Hofer Bundespräsident

03/Dez/2016

Oder: Warum die Linke versagt.

Wenn ich meinen kleinen Kindern erklären müsste, was jetzt gerade auf der Welt passiert, dann würde ich ihnen eine Geschichte erzählen:

Vor 250 Jahren lebte in Deutschland einmal ein Mann, der hat Gott getötet. Dieser Mann hieß Immanuel Kant. Wie hat er das gemacht? Wie hat er Gott getötet? Er hat einfach gesagt: „Trau‘ Dich, selber zu denken!“ Und weil er selber ein supergescheiter Mensch war, hat er selber nachgedacht. Und er ist draufgekommen, dass Gott ein Blödsinn ist. Und er hat alles, was er sich dazu gedacht hat, aufgeschrieben.

Und weil die meisten Menschen nicht so gescheit waren wie er, haben sie gar nicht wirklich verstanden, was das heißt. Und dann ist ein anderer Mann gekommen, der in einem kleinen Haus in einer kleinen deutschen Stadt geboren wurde und hat geglaubt, er ist auch so gescheit wie der Immanuel Kant – oder sogar noch gescheiter. Und weil er geglaubt hat, dass er so gescheit ist, hat er geglaubt, bei dem Satz „Trau‘ Dich, selber zu denken!“ geht es ums Denken. Und deswegen hat er ganz viel geschrieben, was er sich gedacht hat. Und weil niemand verstanden hat, was er da schreibt, haben alle geglaubt, es ist sehr gescheit.

Dann ist ein Dritter Mann gekommen, der auch in Deutschland geboren wurde. Der ist draufgekommen, dass der zweite Mann gar nicht so gescheit war, wie alle geglaubt haben. Und weil er selber blitzgescheit war, hat er gesagt, er stellt jetzt den ganzen Mist vom zweiten Mann „vom Kopf auf die Füße“, weil es sonst ein Riesenblödsinn ist. Dieser Dritte Mann hat auch super nachdenken können und hat Karl Marx geheißen.

Und danach ist ein großer Streit unter den gescheiten Menschen in Deutschland – und auf der Welt – ausgebrochen. Manche haben gesagt, der Karl Marx hat Recht, und manche haben gesagt, dass er nicht Recht hat. Und weil sie so viel darüber nachgedacht haben und fair sein wollten, haben sie sich was ausgemacht. Sie haben gesagt, die Freunde vom Karl Marx sind Links und die Anderen sind Rechts.

Und während sie gestritten haben, sind ein paar andere gekommen und haben sich überhaupt nicht darum gekümmert. Die haben ganz einfach alles zusammengehaut. Diese Menschen, die alles zusammengehaut haben, haben Nazis geheißen, das ist die Abkürzung für die National-Sozialistischen-Deutschen-Arbeiter. Die waren nämlich Rechts-Links-Rechts-Links. Und damit haben sie Alle überholt.

Die National-Sozialistischen-Deutschen-Arbeiter haben am Schluss (Gott sei Dank) auch sich selber zusammengehaut. Aber sie haben allen gezeigt, worum es beim Immanuel Kant eigentlich wirklich geht: Es geht beim Satz „Trau‘ Dich, selber zu denken!“ nicht ums Denken. Es geht um ganz etwas Anderes. Es geht um’s Sich-Trauen.

Aber (Gott sei Dank) hat es in Deutschland schon vorher zwei Männer gegeben, die gesehen haben, dass der zweite Mann ein völliger Quatschkopf war und diese Streiterei zwischen „Links“ und „Rechts“ daher völlig wurscht. Und die haben gewusst, dass der Immanuel Kant nicht nur gescheit, sondern vor allem mutig war. Und dass er dabei Gott getötet hat. Und beide haben hintereinander ihre Antwort darauf gegeben. Der Erste hat bedingungslos „Nein“ zu Allem gesagt, und der Zweite bedingungslos „Ja“.

Diese Beiden haben Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche geheißen. Die haben gesehen, dass es beim Immanuel Kant nicht um’s Denken geht (Was soll ich?), sondern um’s Sich-Trauen (Was will ich?). Und sie haben gesehen, wo das noch hinführen wird.

Es geht überhaupt nicht darum, was wir (moralisch) sollen. Es geht darum, was wir (mutig) wollen. Was wollen wir? Was wollen wir wirklich?

Und solange die „Linke“ nicht begreift, dass sie mit ihrem moralischen Denken Luftschlösser bekämpft, wird sie den Kampf um das mutige Handeln immer verlieren.

Hegel ist tot. Gott sei Dank.

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The Austrian answer to Donald Trump

10/Nov/2016

More than ever.

 

vanderbellen

 

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Liebenswürdigkeit 

16/Okt/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die dunkle Sonntagnacht. „Love is being nice to other people“, hatte er vor Kurzem irgendwo gelesen. 

Er lebte in einer Zeit, in der dieses Verständnis anscheinend mehr und mehr verloren ging. Wenn er die öffentliche Auseinandersetzung verfolgte, dann schien sie ihm immer enthemmter zu werden. Es kam offensichtlich aus der Mode, einfach nett zueinander zu sein. Liebenswürdigkeit wurde durch Brutalität ersetzt. 

Wollte er sich daran gewöhnen? Nein, das wollte er nicht. 

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