Archive for the 'Politik' Category

Gott sei Dank

05/Dez/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die Nacht. Soeben war ein Sonntag zu Ende gegangen. Es war nicht irgendein Sonntag. Für ihn war es ein Tag von entscheidender Bedeutung. 

In seinem Land hatten Wahlen stattgefunden, Wahlen zum Staatsoberhaupt. Für ihn waren es keine gewöhnlichen Wahlen, für ihn war es eine historische Entscheidung. Sein Land war ein kleines Land, unscheinbar vielleicht. Doch von seinem Land waren die drei grausamsten Kriege der Geschichte ausgegangen und – was für ihn von entscheidender Bedeutung war – die größte Katastrophe der Menschheit, die Vernichtung, der Holocaust, die Shoah.

Nun standen nur noch zwei Kandidaten zur Wahl. Beide teilten seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen, die an Ungerechtigkeit kaum mehr zu überbieten waren. Doch sie gaben völlig gegensätzliche Antworten darauf. Dem Einen war er politisch verbunden, doch das war für ihn nicht entscheidend. Von entscheidender Bedeutung war für ihn der andere Kandidat. Jener bekannte sich, für alle offen sichtbar dazu, den Weg in die Katastrophe noch einmal gehen zu wollen. „Nichts und niemand wird uns aufhalten.“

Slupetzky hatte die Berichterstattung an diesem Abend äußerlich zwar völlig gelassen, innerlich aber mit höchster Spannung verfolgt. Er wusste auch bereits inoffiziell, wie die Wahl ausgegangen war. Doch im Moment, da das Ergebnis verlautbart wurde, traten ihm Tränen in die Augen. Die Entscheidung war gefallen. Sie hatten es geschafft. Sie hatten es endlich geschafft. Die Geschichte durfte weitergehen. Die Geschichte durfte endlich weitergehen. Er war das erste mal in seinem Leben von Herzen stolz auf sein Land. Und er war das erste mal in seinem Leben stolz, ein Mensch zu sein.

Danke, Österreich!

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Liebenswürdigkeit 

16/Okt/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die dunkle Sonntagnacht. „Love is being nice to other people“, hatte er vor Kurzem irgendwo gelesen. 

Er lebte in einer Zeit, in der dieses Verständnis anscheinend mehr und mehr verloren ging. Wenn er die öffentliche Auseinandersetzung verfolgte, dann schien sie ihm immer enthemmter zu werden. Es kam offensichtlich aus der Mode, einfach nett zueinander zu sein. Liebenswürdigkeit wurde durch Brutalität ersetzt. 

Wollte er sich daran gewöhnen? Nein, das wollte er nicht. 

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Wie wenig man braucht

26/Sep/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die wolkenlose Sonntagnacht. Er hatte ein wundervolles Wochenende verbracht. Überhaupt lebte er in Zeiten, die ihm anscheinend sehr gewogen waren.

Die meisten Menschen in seiner Umgebung waren finanziell reicher als er, hatten ein weit höheres Einkommen. Doch er hatte sein Auskommen. Er hatte ein Dach über dem Kopf, ein angenehm weiches Bett, saubere Kleidung und ausreichend zu essen.

Er lebte sein Leben langsam, so langsam er konnte. Und er lebte von wenig. Er hatte sich den Minimalismus zu eigen gemacht. Im Vergleich zu Vielen rund um ihn war er ein Asket, ein Bettler fast. Doch er war zufrieden. Und er war glücklich.

Er kannte Menschen, die er Freundinnen und Freunde nannte und vollbrachte Tätigkeiten, die ihn erfüllten. Kurz hielt er inne und schaute in den Himmel. Dann begann er zu lächeln. Wie wenig man doch braucht, um glücklich zu sein.

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Peter Wurm: „Sinnlos“

21/Sep/2016

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„Sinnlos“:

Xaver Finster ist das Kind einer Generation, die noch keinen Namen hat. Seine Großeltern waren tief im Nationalsozialismus verstrickt, seine Eltern sind erfolgreicher Teil der Aufbau-Generation nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wächst im Wien des Kalten Krieges auf, am Rande der westlichen Welt. Sein Vater scheitert grandios, er selbst begibt sich auf der Suche nach Liebe bis an die Grenzen der Welt.

„‚Sinnlos‘ ist eine schonungslose Erzählung vom Leben in einer Gesellschaft, die Werte definiert, ohne sie selbst einzuhalten.“ (Judith Scharinger)

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Die Erste Lesung im Rahmen der Reihe „Wilde Worte“
am 12. September 2016 im Wiener Amerlinghaus:

(Fotos: www.romanpicha.at)

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Die Lesung im „Kafka“:

Wien, 8. Dezember 2016

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„Sinnlos“ auf Amazon: Sinnlos Peter Wurm

„Sinnlos“ bei der Edition Sonnberg

Kontakt: office(at)peterwurm.com

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Erste Lesung aus „Sinnlos“

08/Sep/2016

Montag, 12. September 2016 um 20:00 Uhr

Amerlinghaus (Galerie)
1070 Wien, Stiftgasse 8

Erste öffentliche Lesung aus „Sinnlos“
im Rahmen der Lesereihe „Wilde Worte“

Hier die Ankündigung im „Falter“

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sinnlos_web„Sinnlos“:

Xaver Finster ist das Kind einer Generation, die noch keinen Namen hat. Seine Großeltern waren tief im Nationalsozialismus verstrickt, seine Eltern sind erfolgreicher Teil der Aufbau-Generation nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wächst im Wien des Kalten Krieges auf, am Rande der westlichen Welt. Sein Vater scheitert grandios, er selbst begibt sich auf der Suche nach Liebe bis an die Grenzen der Welt.

„‚Sinnlos‘ ist eine schonungslose Erzählung vom Leben in einer Gesellschaft, die Werte definiert, ohne sie selbst einzuhalten.“ (Judith Scharinger)

„Sinnlos“ erscheint in der Edition Sonnberg Wien

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Das Glück

05/Aug/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den abendlichen Himmel. Draußen regnete es. Er sah die Tropfen, wie sie auf das Dachfenster prasselten und dachte wieder einmal lange über das Glück nach.

Was war Glück für ihn? Glück war für ihn, den Tropfen zuzusehen. Glück war für ihn, wenn es sein durfte, wie es war. Das war Glück. Es war gar nicht mehr. Aber es war auch nicht weniger. Das war es schon. Es durfte sein, wie es war.

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Ist unsere Welt aus den Fugen geraten?

23/Jul/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den hochsommerlichen Himmel. Er hatte sich von der Welt zurückziehen wollen, doch die sich verdichtenden Schreckensmeldungen der jüngsten Vergangenheit ließen ihn nachdenklich werden.

Neben den politischen Radikalisierungen auf seinem kleinen Planeten hörte er in immer rascherer Abfolge von Terroranschlägen und Amokläufen in seiner nächsten Umgebung. Hatten sich diese einst auf ferne Länder beschränkt, so waren sie in der letzten Zeit immer näher gekommen. Die Welt um ihn herum schien zu verrohen, sich im wahrsten Sinn des Wortes zu brutalisieren.

Die politische Auseinandersetzung spielte sich vordergründig zwischen verschiedenen Gruppen ab, die einander die Schuld an der Gewalt zuschoben, um die Macht der eigenen Gruppe zu stärken. Doch dahinter ging es immer wieder um den Umgang mit der radikalsten menschlichen Grenzerfahrung, mit dem Tod.

Der Mensch war bekanntermaßen das einzige Tier, das sich seiner Sterblichkeit bewusst war. Den eigenen Tod voraussehen zu können, machte ihn erst zum Menschen. Doch so sehr er sich auch bemühte, war es ihm unmöglich, sich seinen eigenen Tod auch vorstellen zu können.

Slupetzky dachte an seinen Großvater, der in hohem Alter friedlich in seinem eigenen Bett gestorben war. Nun war er dagegen mit Bildern konfrontiert, in denen junge Menschen gewaltsam aus dem Leben gerissen wurden. Welche Vorstellung würde sich durchsetzen?

Slupetzky wünschte sich und seinen Liebsten dereinst selbstverständlich einen friedlichen Tod, im Grunde sogar jedem Lebewesen. Sein Großvater durfte sterben, die Ermordeten der jüngsten Vergangenheit mussten es. Doch würde er diesbezüglich irgendetwas beeinflussen können?

Er würde es höchstens dadurch tun können, dass er selbst friedlich blieb. Es galt, gerade auch im Angesicht der Gewalt das friedliche Leben zu kultivieren. Er wollte möglichst in jedem Augenblick dankbar sein, dass er leben durfte. Vielleicht konnten ihm die Nachrichten der letzten Zeit sogar dabei helfen.

Es ging ihm nicht darum, Partei zu ergreifen, indem er jemandem die Schuld an der Gewalt zuschob. Es ging ihm ganz im Gegenteil darum, in den Grenzen des Lebens dankbar zu sein. Es ging ihm um die Kultivierung des Friedens in sich selbst. Dies zu erkennen war für ihn die wahre Herausforderung jener Tage.

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Vor der Entscheidung

25/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den wolkenverhangenen Sonntagabend. An diesem Tag hatten in seinem Land die Wahlen zum Staatsoberhaupt stattgefunden. Von den 6 zur Auswahl stehenden Kandidaten waren 2 übrig geblieben, die in einem Monat nochmals gegeneinander antreten würden.

Nun saß er da und schaute in den Himmel. Was würde er seinen Enkeln erzählen wollen über diese Entscheidung? Für ihn war es das Ende des bestehenden politischen Systems. Im kommenden Monat würde sich entscheiden, wohin sich sein Land, vielleicht sogar sein Kontinent entwickeln würde. Doch wohin würde die Reise gehen?

Ihm kam der verstorbene deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker in den Sinn, der in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Europa gesagt hatte:

„Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder gegen Türken,
gegen Alternative oder gegen Konservative,
gegen Schwarz oder gegen Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“

Wir alle würden völlig neue Lösungen finden müssen, das war klar. Doch wie würden wir sie suchen?

Miteinander oder gegeneinander?

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Die Mitte der Quinte

20/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den wolkenverhangenen Himmel. Es war schon wieder Mitternacht vorbei. Gerade war er mit seinem Freund, dem Tonsetzer unterwegs gewesen.

Sie hatten von der Musik ausgehend wieder einmal über Alles gesprochen, über Physik und Metaphysik, Gott und die Welt, von der Entstehung des Universums bis zu seinem Vergehen. Sie sprachen über Glück und Unglück, über Sein und Nichtsein, über Freude und Schmerz.

Beide waren sie geschichtsphilosophische Optimisten, was nichts Anderes bedeutete, als dass sie sich einig waren, dass die Geschichte gut ausgehen würde, welche Geschichte auch immer es wäre. Am Ende stand ein wunderschöner Schlussakkord.

Nun saß er da und schaute lange in den Himmel. Es war stockdunkle Nacht. Doch irgendwo hinter den Wolken würde der Mond leuchten, der in drei Tagen voll sein würde. Slupetzky vertraute fest darauf. Er wusste es sogar. Und dafür war er aus ganzem Herzen dankbar.

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Verantwortung

13/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den heißen Frühlingstag. Am Vorabend hatte er eine Entscheidung zu treffen gehabt, die im wahrsten Sinne bestimmend für den Rest seines Lebens war.

Er hatte lange Zeit überlegt und sinniert, mit Freunden und Vertrauten gesprochen und sich beraten. Doch letztendlich musste er selbst entscheiden. Dabei hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, langsam spazieren zu gehen sowie lange in seinem Lehnstuhl zu sitzen und dabei an nichts zu denken.

Wem war er verantwortlich? Vor wem hatte er seine Entscheidung zu verantworten? Wem hatte er im eigentlichen Sinne Antwort zu geben? Lange in seinem Leben hatte er gemeint, er wäre seinen Kindern verantwortlich. Er hätte schlussendlich seinen Kindern Antwort zu geben, er wäre letzten Endes seinen Kindern eine Antwort schuldig.

Er dachte an die altbekannte Unterscheidung zwischen einem König und dem Kaiser. Ein König war sich selbst und seinem Volk verantwortlich, der Kaiser hingegen sich selbst, seinem Volk sowie Gott.

So hatte er die bisher schwierigste Entscheidung seines Lebens getroffen. Er wusste, wem er verantwortlich war.

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