Die jüdischen Siedler

1. November 2009

Die Verhandlungen um ein friedvolles Zusammenleben der Völker diesseits des Jordan scheinen in einer Sackgasse zu stecken. Anlässlich des Besuchs von US-Secretary Hillary Clinton weigert sich Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, ohne vorherigen Siedlungsstopp mit der israelischen Regierung zu sprechen, während ihm genau dies der israelische Ministerpräsident vorhält.

Ich verstehe das Problem, sehe jedoch eine sehr einfache Lösung: Isaaks Rabin Motiv zu den damaligen Verhandlungen in Oslo war es, dass ein Groß-Israel samt Cisjordanien von den palästinensischen Arabern samt ihrer hohen Geburtenrate langsam, aber sicher unterwandert und ausgedünnt werden würde. Nun steht Mahmud Abbas vor genau dem gegenteiligen Problem: Jüdische Siedler unterwandern seinen Palästinenserstaat.

Im Grunde ist es wurscht. Entweder leben diese Juden in Israel mit einer mit hoher Wahrscheinlichkeit jüdischen Regierung, oder sie bleiben in Palästina mit einer mit hoher Wahrscheinlichkeit arabischen Regierung. Entweder kehren sie „heim ins Reich“ oder sie werden sich in einem Palästinenserstaat zurechtfinden müssen. Und beide Seiten werden lernen, mit Minderheiten in ihrem Land zu leben. So wie wir Österreicher auch…


Das Wiener Modell

1. Oktober 2009

Das Wiener Modell des bedingungslosen Grundeinkommens:

800 Euro 14 mal jährlich.

Gegenfinanzierung:

Sockelbetrag Einkommenssteuer:

14 x 800 / 12 monatlich.


The winner takes it all

29. September 2009

„If everything is under control, you are going too slow.“

Mario Andretti, Formula One Champion 1978


Roman Polanski

27. September 2009

Am Abend der Wahlergebnisse in Oberösterreich und Deutschland, zu denen ich vor allem Rudi Anschober gratuliere, gibt es für mich eine Spitzenmeldung: Roman Polanski ist in der Schweiz verhaftet worden.

Grund dafür ist ein Haftbefehl der Vereinigten Staaten, der mehr als 30 Jahre alt ist. Im Jahr 1977 hatte Roman Polanski nach eigenen Angaben eines Abends auf einer Party im Haus seines besten Freundes Jack Nicholson die damals 13-jährige Samantha Geimer mit Champagner und Drogen „gefügig gemacht und verführt.“ Sex mit Minderjährigen gilt in Kalifornien automatisch als Vergewaltigung, woraus sich der Haftbefehl begründet.

Jetzt haben wir laut Spiegel-Online zwei offizielle Reaktionen darauf. Die erste stammt vom französischen Kulturminister Frédéric Mitterand: „Fassungslos“ reagierte auch der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand auf die Festnahme des „international renommierten Regisseurs“ und „französischen Staatsbürgers“. Ohne sich in das „sehr alte Verfahren“ einmischen zu wollen, dem ein „übertriebener Wert“ beigemessen werde, bedauere er auf „das heftigste“, dass Polanski dieser „neue Belastungsprobe“ unterworfen worden sei. Der Minister erinnerte daran, dass der Regisseur in seinem Leben schon genügend Schicksalsschläge hinnehmen musste.

Die zweite stammt von der heute 45-jährigen Samantha Geimer: „Er hat einen schrecklichen Fehler gemacht“, sagte Samantha Geimer vor einiger Zeit dem „Starbulletin“, „aber er hat dafür bezahlt. Ich wünschte, er könnte in die USA zurückkehren – und das ganze Drama hätte endlich ein Ende für uns.“ Die heute 45-Jährige ist verheiratet und lebt mit Mann und drei Kindern auf Hawaii.

„Ich wünschte, er könnte in die USA zurückkehren – und das ganze Drama hätte endlich ein Ende für uns.“

Nur darum geht es.

Geh scheissen, Mitterrand!


Männer und Frauen II

19. September 2009

Als ich Ende der 1990er Jahre während meiner Zeit als Bildhauer zum Broterwerb in Wien am Wochenende Taxi fuhr, da stand ich Sonntag Früh meist auf dem Standplatz Urban-Loritz-Platz im 7.Bezirk. Dieser Standplatz war zu dieser Zeit ein Geheimtipp, da ihn unglaublich viele Gürtellokale als Stammplatz anriefen ließen. Und so führte ich der Reihe nach Nutten, Freier, Betrunkene und Alkoholleichen in die verschiedensten Winkel Wiens, um gleich wieder zurückzukehren, um diesen herrlichen Standplatz zu genießen. Er war am Ostende des Urban-Loritz-Platzes gleich in der Nähe der Stadthalle gelegen und nach Süden ausgerichtet. Und so genoss ich die Zeit zwischen 4 Uhr und 6 Uhr Morgens, als die Stadt wie ausgestorben vor mir lag und die Sonne langsam das Häusermeer von hinten zu erleuchten begann.

Einmal zu dieser Tageszeit wurde ich wieder in ein Gürtellokal gerufen. Ich nahm an und war zwei Minuten später dort. Ich wartete kurz, dann öffnete sich dir Lokaltüre und eine kleine zierliche Frau mit dunklen langen Haaren stieg bei mir ein. Sie setzte sich rechts hinter den Beifahrersitz und schloss die Wagentüre: „In den Achtzehnten. Schopenhauerstraße, bitte.“ Ich blickte in den Rückblickspiegel: „Welche Route wollen Sie fahren?“ Einen Moment hielt sie inne. Dann seufzte sie: „Das ist aber lieb, dass Sie fragen!“

Und in diesem einen Moment realisierte ich, dass ich der erste und einzige Mann an diesem zu Ende gehenden Tag gewesen war, der sie gefragt hatte, was SIE wollte.


Lust auf Visionen

18. September 2009

Hallo Eva,

hast Du Lust auf eine Vision?

  • Der Hauptsitz der Europäischen Union wird nach Wien verlegt, die Kommission kommt ins Vienna International Center in Kaisermühlen.
  • Die gemäß dem politischen Partnerschaftsprinzip vom Volk direkt gewählten (Rats-)Präsidenten residieren in der Hofburg, namentlich in den Kaiser-Appartments.
  • Der Hauptsitz der Vereinten Nationen wird von NYC in das extraterritoriale ungeteilte Jerusalem mit dem Zentrum des Felsendomes verlegt.
  • Hauptstädte von Israel und Palästina werden Tel Aviv und Ramallah.

Sound good?

Love

Peter


Ich kandidiere

7. September 2009

Heute habe ich meine Kandidatur für die Grünen Wien für die nächste Wiener Gemeinderatswahl bekanntgegeben:

Kandidatur 2009.


Mein Nazi-Onkel Gerald

1. September 2009

Vor zwei Stunden habe ich meinen letzten Artikel online gestellt: Der Antisemitismus. Es ist vielleicht mein wichtigster Text bisher. Ich habe dazu in den letzten beiden Stunden über Facebook unglaublich schöne und wohltuende Reaktionen erhalten. Und die Zugriffszahlen auf das Blog bewegen sich hinauf wie ein erigierter Schwanz.

Wenn ich das nun ein wenig auf mich wirken lasse, dann empfinde ich große Dankbarkeit. Und mir kommt mein Nazi-Onkel Gerald in den Sinn. Dieser war Arzt, Gynäkologe und Primarius, und er wohnte im selben Haus wie wir einen Stock über uns. Und ich sah ihn fast jeden Tag, ganz besonders an den Sonntagen, wenn wir gemeinsam zu Mittag aßen.

Mein Nazi-Onkel Gerald war 1937 oder 1938 geboren, ich glaube 1937, im März. Er war also bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges, der sich in dieser Nacht zum siebzigsten mal jährt, wahrscheinlich zweieinhalb Jahre alt. Sein Vater war Nazi und nach dem Krieg gemeinsam mit meinem Großvater in Glasenbach inhaftiert. Zur Entnazifizierung.

Ich mochte meinen Nazi-Onkel Gerald sehr gerne. Er war auch mein Taufpate, obwohl er evangelisch war. Gemeinsam mit meinem anderen Großvater war er mein Taufpate. Und mein Großvater war ganz sicher Antisemit.

Mein Nazi-Onkel Gerald war ein lustiger Mensch. Er lachte gerne und blödelte sich durch das Leben, so gut er eben konnte. Ich mochte ihn, weil er immer fröhlich war. Er war ein lieber Mensch. Und an einem Sonntag erzählte er zum Ende des gemeinsamen Mittagessens wieder einmal einen Witz:

Ein Jude und ein Deutscher fahren in einem Schlafwagenabteil. Der Jude liegt unten, der Deutsche liegt oben. Da fragt der Jude: „Deutscher, tauscht du mit mir das Bett?“ Der Deutsche ist verwundert, doch dann besinnt er sich: „Na gut. Wenn Du willst. Ich tausche mit dir.“ Und so tauschen sie die Betten.

Als der Jude oben liegt, fragt er den Deutschen: „Deutscher, gibst du mir bitte deine Decke?“ Nach kurzem Überlegen reicht der Deutsche ihm die Decke. „Und deinen Polster?“ „Gut. Da hast du meinen Polster.“

Kurz darauf stellt sich der Jude zum Waschbecken. „Deutscher, borgst du mir bitte dein Zahnbürschtl?“ Der Deutsche erschrickt: „Nein. Mein Zahnbürschtl kriegst du nicht.“

„Siehst, ich hab gwusst: Du bist ein Antisemit.“

Und als er diesen Witz erzählt hatte, da lachte er, mein Nazi-Onkel Gerald. Aus wirklich vollstem Herzen. Wenn ich mich heute, dreissig Jahre danach, zurückerinnere und an die eben eingetroffenen Reaktionen auf meinen vorigen Eintrag denke, dann überkommt mich ein Gefühl der Dankbarkeit.

Danke, Onkel Gerald.


Der Antisemitismus

31. August 2009

Lieber Ariel Muzicant,

gerade sitze ich in meiner Wiener Wohnung vor dem Laptop, es ist Abend und meine Frau fragt mich: „Was machst du jetzt?“ „Ich schreibe dem Ariel Muzicant.“ „Warum?“ „Weil mir der Antisemitismus auf die Nerven geht.“ „Und da schreibst du dem Ariel Muzicant?“ „Ja.“

Lieber Ariel Muzicant, lassen Sie mich Ihnen versichern, dass ich Sie sehr schätze. Ich mag Sie, weil ich Ihre Art mag, Ihre Freundlichkeit, Ihre Intelligenz, Ihren leicht versteckten Witz und Ihre Gelassenheit. Gerade erinnere ich mich an Ihr Interview in Rau-TV, das ich vor einiger Zeit auf Standard-Online gesehen habe. Und da gefielen Sie mir wieder sehr.

Ich weiß nicht viel über Sie, ich weiß, dass Sie Präsident, oder Vorsitzender, oder einfach Chef der IKG in Wien sind. Ich weiß, dass Sie Medizin studiert haben und in der Immobilienbranche ziemlich erfolgreich sind. Ich erinnere mich, dass mir einmal, als ich mit einem Freund über die geplante Tiefgarage unter dem Neuen Markt in Wien sprach, dieser verstohlen zuflüsterte: „Muzicant!“

Ich erinnere mich auch, dass Sie Jörg Haider selig am Aschermittwoch anno 2001 nach Christus in der Rieder Jahnturnhalle mit seinem Krickl-Witz bedachte: „Wenn einer Ariel heisst und so viel Dreck am Stecken hat…“ Ich habe meine Konsequenz gezogen und mich ganz genau deswegen Jörg Haider in den Weg gestellt. Und der Jörgerl Haider ist schlussendlich an mir zerschellt. Ich bekenne: Nicht der Mossad hat Jörg Haider in den Tod getrieben. Nein. Das war ich.

Egal. Warum ich Ihnen heute schreibe, ist die aktuelle Diskussion über das Doppel-Wort „Exil-Jude“, mit dem irgendein Vorarlberger Politiker irgendeinen Vorarlberger Museumsdirektor bezeichnet hat. „Exil-Jude aus Amerika…“ oder so ähnlich, und deswegen soll der sich nicht in seine Wahlplakate einmischen.

Jetzt ist meine politische Einstellung sonnenklar. Ich bin dafür, dass sich alle einmischen, ob sie nun Exil-Juden sind oder Oahoamische, Ostasiaten oder Westdeutsche, Arier oder Hawaiianer mit Kansas-Kenianischem Migrationshintergrund.

Mir geht es nur um ein Wort. Dieses Wort brachten Sie persönlich in die Diskussion, ich glaub im Standard, oder sonst wo. Sie sagten, und ich glaube, ich erinnere mich wörtlich daran:“Dieser Sager ist ganz eindeutig Antisemitismus.“

Zack. Antisemitismus. Antisemitismus. Was soll das sein? Was, um Gottes Christi Himmels Willen, soll Anti-Semitismus sein? Jetzt weiß ich natürlich, dass es seit mindestens hundert, wenn nicht tausend Jahren (und in Wahrheit werden es wohl mehr als drei Jahrtausende sein), ganz wichtige und präzise Abhandlungen zu diesem Terminus gibt. Tausende Bücher sind ganz sicherlich über diesen Begriff geschrieben und Millionen Seiten gefüllt worden. Jeder Mensch scheint zu wissen, oder zumindest vorzugeben zu wissen, was dieser Antisemitismus ist. Also gut:

Wenn es Antisemitismus gibt, dann muss es auch Prosemitismus geben. (Interessanterweise unterstreicht mein Rechtschreibprogramm von Microsoft-Word dieses Wort „Prosemitismus“ jetzt – und jetzt schon wieder, während es das Wort Antisemitismus nicht unterstreicht. Aha. Sehr interessant. Bill Gates manipuliert die Welt. Dieser Jude!)

Also gut: Prosemitismus? Was soll das sein? Nicht mal das Rechtschreibprogramm von Bill Gates kennt das. Da sind anscheinend nicht so viele Bücher darüber geschrieben worden bisher. Um es kurz zu machen: Semiten sind Völker des vorderen Orients, soweit ich weiß. Semiten sind Juden, Araber, Palästinenser, Jordanier, Syrier und was weiß ich noch was alles. Also diese Völker, die aus dem Nahen Osten stammen, aus Babylon, Sumer, Assur und Jerusalem. Vielleicht auch aus Kairo, ich weiß es nicht. Also jedenfalls alle Menschen aus dieser umstrittenen Gegend.

Aber ich habe noch nie gehört, dass irgendein Palästinenser oder Jordanier oder Araber irgendeinem anderen Menschen „Antisemitismus“ vorgeworfen hat, wenn dieser ihm mit der Keule eins übergezogen hat. Nein. Der Vorwurf, und das ist es, ja, es ist ein Vorwurf, der Vorwurf des Antisemitismus kommt – soweit mir bekannt und in der öffentlichen Diskussion stattfindend – immer, immer, immer nur von Juden. Von Juden. Von Juden.

Von Juden. Damit sind wir beim Kern des Problems. Der so genannte Antisemitismus ist natürlich nur ein billiger Trick. In Wahrheit geht es um die Juden. Und um den Judenhass. Wenn wir öffentlich über unsere bescheidenen Nachfahren der arischen Herrenrasse diskutieren, dann sollten wir genau sein. Worum es hier geht, ist ganz einfach: Es geht um Judenhass.

Tja, lieber Ariel Muzicant. Das ist das Problem. In dieser Welt herrscht Judenhass. Zwar nur vereinzelt und versteckt, aber doch, und immer wieder. Vielleicht wirklich seit Abraham und Isaak. In dieser Welt herrscht Judenhass. Ich habe noch nie gehört, dass es Babylonierhass gäbe, oder Palästinenserhass, oder Türkenhass, oder Amerikanerhass oder Europäerhass oder Vorarlbergerhass. Nicht mal Christenhass oder Moslemhass oder Buddhistenhass. Nein.

Judenhass.

Lieber Ariel Muzicant, ich bin auf Ihrer Seite. Ich mag Sie und ich mag den Doron Rabinovici. Ich mag den Bruno Kreisky und den Barack Obama. Gerade heute habe ich mir wieder gedacht: „Wenn mich einer fragen würde, ob ich Jude bin, ich würd gar nicht wissen, was ich antworte.“

Ich weiß bis heute nicht, was das sein soll, ein Jude. „Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat.“ Das ist die offizielle Definition. Geht’s noch? „Christ ist, wer eine christliche Mutter hat.“ „Vorarlberger ist, wer eine Vorarlberger Mutter hat.“ „Araber ist, wer eine arabische Mutter hat.“ „Buddhist ist, wer eine buddhistische Mutter hat.“

Und Isaak? Hatte Isaak eine jüdische Mutter? Und Ismail nicht? Und Jakob? Warum ist Jakob Jude? War Isaaks Frau Jüdin? Warum? Was machte Isaaks Frau zur Jüdin? Isaaks Mutter war Jüdin, Ismails Mutter war es nicht.

Lieber Ariel Muzicant. Solange sich das Judentum auf so einem Scheissdreck begründet, solange dürfts euch mit dem Judenhass herumschlagen.

Jude ist, wer beschnitten ist. Viel Spaß damit.

Mit sehr lieben Grüßen, und von Herzen: Shalom!

Peter Wurm


Der Exil-Jude

26. August 2009

Die aktuelle Diskussion über den österreichischen Antisemitismus in Vorarlberg zeigt wieder einmal, wie geistlos und vorhersehbar öffentliche Diskussionen in unserem Land geführt werden. Die Beantwortung der folgenden Doppelfrage macht anschaulich, worum es in Wahrheit immer wieder geht. Einfach zum Nachdenken:

Wie heißt der Obmann der FPÖ Vorarlberg?
Wie heißt der Direktor des jüdischen Museums Hohenems?