Während ich in der letzten Zeit hier auf diesem Blog vorwiegend politische Themen besprochen habe, möchte ich diesmal privat beginnen: Gestern Abend saß ich mit der Frau, die ich hier im letzten Jahr immer „meine Liebste“ genannt habe in einer Mediation, um unsere Scheidung zu besprechen. Wir hatten einander zuletzt im Oktober bei meinem Anwalt gesehen und gingen nun daran, unsere einvernehmliche Scheidung zu finalisieren.
Und so waren wir uns schnell einig, was der Auslöser unserer Trennung war. Der Auslöser unserer Trennung war ganz genau ein Facebook-Posting, das ich Anfang Oktober formuliert hatte. An jenem Sonntag Nachmittag war ich mit den Kindern alleine zu Hause, weil meine Liebste eine Premiere hatte. Sie rief mich von ihrem Büro aus an und sagte, dass sie nun bis zum Ende der Vorstellung am späten Abend nicht mehr erreichbar wäre. Zu dieser Zeit würden die Kinder bereits im Bett sein.
Ich saß am Esszimmertisch vor dem Netbook und war online. Kurz nachdem wir aufgelegt hatten, formulierte ich mein nächstes Posting: „Die Reinkarnation von Jesus von Nazareth und Adolf Hitler gleichzeitig zu sein, ist eine spannende Herausforderung.“ Ich hatte gerade die ersten beiden „Likes“ bekommen, als das Handy läutete. Es war Christina. Ich ließ es läuten und ging nicht ran. In diesem Moment brachen wir auseinander. Ich wusste sofort und in der Sekunde, was jetzt gerade in ihr vorging. Eine Minute später klingelte es erneut. Das war der Beweis, dass ich recht hatte. „Scheiße. Jetzt geht’s wieder los. Jetzt bricht sie weg.„
Beim gestrigen Gespräch fragte eine der beiden Mediatorinnen: „Was wollten Sie damit sagen?“ Ich antwortete: „Ganz genau das.“ Die Zweite fragte: „Beziehen Sie das auf sich?“ Als ich sie nur stumm anblickte, fragte wieder die Erste: „Warum haben Sie das geschrieben?“ „Weil es wahr ist.„ Und so kamen wir ganz schnell auf die Grundlagen, um die es mir in meinem Leben geht. Die Grundlage meines Lebens lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Bedingungslose Paktfähigkeit.
Das war der Grund, warum die Aliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen: Weil Churchill und Roosevelt, sowie Montgomery und Eisenhower bedingungslos paktfähig waren und sich blind aufeinander verlassen konnten. Das war auch die Größe und der Mythos der SS unter ihrem Leitspruch „Unsere Ehre heißt Treue.“ Diese Menschen konnte sich bedingungslos aufeinander verlassen, bis in den Tod. Auf der anderen Seite schilderte Hans Marsalek in unserem „Herbstspaziergang„, warum er nach dem Kriegsende Kommunist geworden war: Weil er gesehen hatte, wie die Kommunisten im KZ einander bedingungslos beigestanden waren, selbst auf die höchste Gefahr hin, damit ihr Leben zu opfern.
Das ist auch der Grund, warum Josef Stalin letztendlich ein Verbrecher war. Als die Rote Armee auf Warschau vorrückte und die polnische Bevölkerung sich im Vertrauen auf den nahenden Beistand zum Warschauer Aufstand formierte, da ließ Stalin die Truppen innehalten und wartete, bis sich Deutsche und Polen wechselseitig niedergemetzelt hatten und der Warschauer Aufstand niedergeschlagen war. Und das ist auch der Grund, warum sich Franz Hörmann gerade eben als absolut unbrauchbar erwiesen hat: Wenn ich sehe, dass in der Straßenbahn ein Kind geschlagen wird, dann fange ich nicht zu diskutieren an, ob ich das jetzt wissen kann und ob es sich dabei um ein erlebtes oder erfahrenes Wissen handelt, um danach zum Schluss zu kommen, dass ich wahrscheinlich glaube, was ich da sehe und mich letztendlich wegzudrehen, weil mich vor Gewalt ekelt. Wenn ich sehe, dass Gewalt und Unrecht geschieht, dann greife ich ein. Wir haben bedingungslos Stellung zu beziehen. Alles Andere ist unbrauchbar; unbrauchbar und indiskutabel.
Ich bin da sehr sensibel. Die Tragödie, der Schmerz, das Trauma und die Fürchterlichkeit meines Lebens liegen darin begründet, dass meine Mutter diese bedingungslose Paktfähigkeit und Treue in schändlichster Weise verraten hat. Jetzt bin ich 42 Jahre alt und seit mindestens 25 Jahren erwachsen und dennoch bleibt dieser andauernde Verrat der giftige Stachel in meiner Seele. Auf der anderen Seite ist mein Vater trotz seiner psychotischen Biographie, wann immer er konnte, bedingungslos zu mir gestanden. Ich erinnere mich mit großer Dankbarkeit an die Zeit, als ich im Jahr 2003 das „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ verfasst habe. Da rief ich eines Nachts um vier Uhr früh in tiefster Verzweiflung und höchster Not bei meinem Vater an. Er meldete sich und hörte mir eine Stunde lang zu. Und zum Abschluss dieses Gespräches sagte ich zu ihm: „Papi, ich danke Dir, dass ich Dich 24 Stunden am Tag anrufen kann.“ Und er antwortete: „Ich bin ja auch 24 Stunden am Tag Dein Vater.„
Und so saß ich gestern mit Christina in der Mediation und wir berieten zum Abschluss, zu welchem Konsens wir kommen und wie wir unsere Scheidung unseren Kindern letztendlich mitteilen könnten. Und so erzählte ich, dass ich meiner Cousine Angelica, die ich nun nach 37 Jahren endlich wiedergefunden habe, ein paar Stunden zuvor von den Anfängen meiner Beziehung zu Christina berichtete. Damals hatte Christina zu mir gemeint, dass man ihr Motto und ihren Lebenswunsch in einem einzigen Lied von Radiohead zusammenfassen könnte: „No alarms and no surprises.“ Da lachte Angelica laut auf und sagte: „Das geht ja niemals zusammen! Du bist ja nur alarms und nur surprises!„
Und so verließen wir die Mediation, umarmten uns noch im Stiegenhaus ganz innig und lang, küssten uns und gingen Hand in Hand zu Straßenbahn.
Pacta sunt servanda.
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