Romantik

12/Mai/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den abendlichen Himmel. Wie unromantisch war doch so Vieles, was rund um ihn geschah. Aber sie hatte ihm einen Satz geschenkt, einen Halbsatz nur, im Grunde einen einzigen kurzen Gedanken:

„Die Weichen stellen in den Augenblick.“ Nun war es an ihm, diesen Gedanken zu vollenden. Er hörte die Vögel im Hof, sah die Flugzeuge am Himmel, roch die Farbe an seinen Händen und schmeckte den Tee. Die Realität war ihm romantisch genug.

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Vor der Entscheidung

25/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den wolkenverhangenen Sonntagabend. An diesem Tag hatten in seinem Land die Wahlen zum Staatsoberhaupt stattgefunden. Von den 6 zur Auswahl stehenden Kandidaten waren 2 übrig geblieben, die in einem Monat nochmals gegeneinander antreten würden.

Nun saß er da und schaute in den Himmel. Was würde er seinen Enkeln erzählen wollen über diese Entscheidung? Für ihn war es das Ende des bestehenden politischen Systems. Im kommenden Monat würde sich entscheiden, wohin sich sein Land, vielleicht sogar sein Kontinent entwickeln würde. Doch wohin würde die Reise gehen?

Ihm kam der verstorbene deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker in den Sinn, der in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Europa gesagt hatte:

„Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder gegen Türken,
gegen Alternative oder gegen Konservative,
gegen Schwarz oder gegen Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“

Wir alle würden völlig neue Lösungen finden müssen, das war klar. Doch wie würden wir sie suchen?

Miteinander oder gegeneinander?

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Die Mitte der Quinte

20/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den wolkenverhangenen Himmel. Es war schon wieder Mitternacht vorbei. Gerade war er mit seinem Freund, dem Tonsetzer unterwegs gewesen.

Sie hatten von der Musik ausgehend wieder einmal über Alles gesprochen, über Physik und Metaphysik, Gott und die Welt, von der Entstehung des Universums bis zu seinem Vergehen. Sie sprachen über Glück und Unglück, über Sein und Nichtsein, über Freude und Schmerz.

Beide waren sie geschichtsphilosophische Optimisten, was nichts Anderes bedeutete, als dass sie sich einig waren, dass die Geschichte gut ausgehen würde, welche Geschichte auch immer es wäre. Am Ende stand ein wunderschöner Schlussakkord.

Nun saß er da und schaute lange in den Himmel. Es war stockdunkle Nacht. Doch irgendwo hinter den Wolken würde der Mond leuchten, der in drei Tagen voll sein würde. Slupetzky vertraute fest darauf. Er wusste es sogar. Und dafür war er aus ganzem Herzen dankbar.

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Verantwortung

13/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den heißen Frühlingstag. Am Vorabend hatte er eine Entscheidung zu treffen gehabt, die im wahrsten Sinne bestimmend für den Rest seines Lebens war.

Er hatte lange Zeit überlegt und sinniert, mit Freunden und Vertrauten gesprochen und sich beraten. Doch letztendlich musste er selbst entscheiden. Dabei hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, langsam spazieren zu gehen sowie lange in seinem Lehnstuhl zu sitzen und dabei an nichts zu denken.

Wem war er verantwortlich? Vor wem hatte er seine Entscheidung zu verantworten? Wem hatte er im eigentlichen Sinne Antwort zu geben? Lange in seinem Leben hatte er gemeint, er wäre seinen Kindern verantwortlich. Er hätte schlussendlich seinen Kindern Antwort zu geben, er wäre letzten Endes seinen Kindern eine Antwort schuldig.

Er dachte an die altbekannte Unterscheidung zwischen einem König und dem Kaiser. Ein König war sich selbst und seinem Volk verantwortlich, der Kaiser hingegen sich selbst, seinem Volk sowie Gott.

So hatte er die bisher schwierigste Entscheidung seines Lebens getroffen. Er wusste, wem er verantwortlich war.

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Ein weißes Blatt Papier

10/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den dunklen Nachthimmel. Vor ihm lag ein weißes Blatt Papier.

Was sollte er schreiben im Angesicht des Nichts? Was gab ihm Trost? Gerade hatte er einen Satz von John Cage gelesen: „Sobald wir gewahr werden, dass wir nichts besitzen, gibt es Poesie.“

Vor ihm lag das weiße Blatt Papier. Dabei ließ er es bewenden. Es war ihm Trost genug.

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Der tiefe innere Friede

03/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den sonnig blauen Sonntagshimmel. Gerade hatte er ein Gespräch geführt, das ihn wieder einmal in wunderbarer Weise mit Gott verband.

„Vielleicht kommt Dir meine Geschichte ein wenig skurril vor…“ hatte sie anfänglich zu ihm gemeint. Sie war eine Frau aus dem Süden Deutschlands, Naturwissenschafterin von Ausbildung und Beruf. Vor Kurzem hatte sie sein Bild „Die Vergewaltigung Mariens“ in den Tiefen des Internets entdeckt gehabt. Sie hatte einfach die 2 Worte „Maria Vergewaltigung“ nebeneinander gestellt und mittels Suchmaschine auf das Ergebnis gewartet. Dabei war sie auf sein Bild gestoßen und hatte sich daraufhin bei ihm gemeldet.

Nun entspann sich ein wunderschönes Gespräch über Krisen und ihre Lösung, über Unvernunft und Religion, über Dualität und Polarität, über Chaos und die Göttliche Ordnung. Ohne Karfreitag kein Ostersonntag, ohne Nord kein Süd. Es gab kein „Gut“ und kein „Böse“ mehr, nur einen tiefen Frieden im Angesicht der Göttlichen Ordnung.

Slupetzky spürte eine sonntägliche Dankbarkeit in sich aufsteigen. Wenn es nur einen einzigen Menschen gab, der seine Kunst verstand, dann war sein Leben schon gelungen. Nun war es wieder einmal soweit. Und er verspürte einen tiefen inneren Frieden.

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Ich und Du

07/Mrz/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in das Dunkel der Nacht. Er hatte sich schon von der Welt zurückgezogen, war alleine und hörte Bruckners Neunte.

„Das Ich wird am Du“ war einer der zentralen Gedanken Martin Bubers. Und er wurde.

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Demokratie und Freiheit

26/Feb/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den strahlend blauen Himmel. Es war Freitag Nachmittag, der Beginn des neuen Wochenendes.

Er saß da und war dankbar. Er war dankbar und glücklich, in einem freien Land leben zu können, in einem freien Land leben zu dürfen. Das war für ihn keine Selbstverständlichkeit.

In seinem Land standen Wahlen zur Bundespräsidentschaft vor der Türe. Anders als in allen anderen deutschsprachigen Ländern wurde in seinem Land dieses Staatsoberhaupt direkt vom Volk gewählt. Zu dieser Wahl hatten sich 6 Personen gemeldet.

Es waren dies der Sozialdemokrat Rudolf Hundstorfer, der Konservative Andreas Khol, der Nationale Norbert Hofer, der Grüne Alexander van der Bellen, die ehemalige Höchstrichterin Irmgard Griss, der Baumeister Richard Lugner und die Künstlerin El Awadalla.

So hatte er für Alexander van der Bellen eine Unterstützungserklärung zur Kandidatur abgegeben, war ins Personenkomitee für Rudolf Hundstorfer gegangen, hatte Richard Lugner persönlich und Norbert Hofer schriftlich Alles Gute gewünscht, für Irmgard Griss Geld gespendet, dachte an El Awadalla und schloss Andreas Khol in sein Nachmittagsgebet ein.

Er wusste, wen er in der Wahlzelle geheim wählen würde, und jeder Andere würde es auch wissen können. Aber würde ihn irgendjemand überhaupt verstehen können? Er selbst wusste, was er tat. Er wusste es genau.

So saß er da und war dankbar. Und er war glücklich. Er war in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt.

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Schweigen

24/Feb/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den Himmel. Die Sonne war gerade dabei, hinter den Häusern aufzugehen.

Er saß da und schwieg. Er sah die Wolken, hörte die Musik, roch an seiner Hand und schmeckte seine Zunge. Welch schöne Sätze hatte er gerade gelesen. Sätze voller Zuneigung und Liebe. Er saß da und schaute in die Wolken. Es gab so viel Schönes. Es gab so viel Unaussprechliches. Es gab so viel Schweigen.

Manchmal hatte er sich mit der Welt versöhnt. Manchmal war es ein Schweigen gemeinsam mit ihr. Manchmal war es ein Schweigen gemeinsam mit Gott.

Er schaute in die Wolken und sah die Musik. Manchmal waren alle Verletzungen verheilt. Und er schwieg.

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Schluss machen

17/Feb/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den abendlichen Himmel. Gerade eben hatte er seine Liebesbeziehung beendet.

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