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Gott sei Dank

05/Dez/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die Nacht. Soeben war ein Sonntag zu Ende gegangen. Es war nicht irgendein Sonntag. Für ihn war es ein Tag von entscheidender Bedeutung. 

In seinem Land hatten Wahlen stattgefunden, Wahlen zum Staatsoberhaupt. Für ihn waren es keine gewöhnlichen Wahlen, für ihn war es eine historische Entscheidung. Sein Land war ein kleines Land, unscheinbar vielleicht. Doch von seinem Land waren die drei grausamsten Kriege der Geschichte ausgegangen und – was für ihn von entscheidender Bedeutung war – die größte Katastrophe der Menschheit, die Vernichtung, der Holocaust, die Shoah.

Nun standen nur noch zwei Kandidaten zur Wahl. Beide teilten seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen, die an Ungerechtigkeit kaum mehr zu überbieten waren. Doch sie gaben völlig gegensätzliche Antworten darauf. Dem Einen war er politisch verbunden, doch das war für ihn nicht entscheidend. Von entscheidender Bedeutung war für ihn der andere Kandidat. Jener bekannte sich, für alle offen sichtbar dazu, den Weg in die Katastrophe noch einmal gehen zu wollen. „Nichts und niemand wird uns aufhalten.“

Slupetzky hatte die Berichterstattung an diesem Abend äußerlich zwar völlig gelassen, innerlich aber mit höchster Spannung verfolgt. Er wusste auch bereits inoffiziell, wie die Wahl ausgegangen war. Doch im Moment, da das Ergebnis verlautbart wurde, traten ihm Tränen in die Augen. Die Entscheidung war gefallen. Sie hatten es geschafft. Sie hatten es endlich geschafft. Die Geschichte durfte weitergehen. Die Geschichte durfte endlich weitergehen. Er war das erste mal in seinem Leben von Herzen stolz auf sein Land. Und er war das erste mal in seinem Leben stolz, ein Mensch zu sein.

Danke, Österreich!

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Erste Lesung aus „Sinnlos“

08/Sep/2016

Montag, 12. September 2016 um 20:00 Uhr

Amerlinghaus (Galerie)
1070 Wien, Stiftgasse 8

Erste öffentliche Lesung aus „Sinnlos“
im Rahmen der Lesereihe „Wilde Worte“

Hier die Ankündigung im „Falter“

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sinnlos_web„Sinnlos“:

Xaver Finster ist das Kind einer Generation, die noch keinen Namen hat. Seine Großeltern waren tief im Nationalsozialismus verstrickt, seine Eltern sind erfolgreicher Teil der Aufbau-Generation nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wächst im Wien des Kalten Krieges auf, am Rande der westlichen Welt. Sein Vater scheitert grandios, er selbst begibt sich auf der Suche nach Liebe bis an die Grenzen der Welt.

„‚Sinnlos‘ ist eine schonungslose Erzählung vom Leben in einer Gesellschaft, die Werte definiert, ohne sie selbst einzuhalten.“ (Judith Scharinger)

„Sinnlos“ erscheint in der Edition Sonnberg Wien

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Demokratie und Freiheit

26/Feb/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den strahlend blauen Himmel. Es war Freitag Nachmittag, der Beginn des neuen Wochenendes.

Er saß da und war dankbar. Er war dankbar und glücklich, in einem freien Land leben zu können, in einem freien Land leben zu dürfen. Das war für ihn keine Selbstverständlichkeit.

In seinem Land standen Wahlen zur Bundespräsidentschaft vor der Türe. Anders als in allen anderen deutschsprachigen Ländern wurde in seinem Land dieses Staatsoberhaupt direkt vom Volk gewählt. Zu dieser Wahl hatten sich 6 Personen gemeldet.

Es waren dies der Sozialdemokrat Rudolf Hundstorfer, der Konservative Andreas Khol, der Nationale Norbert Hofer, der Grüne Alexander van der Bellen, die ehemalige Höchstrichterin Irmgard Griss, der Baumeister Richard Lugner und die Künstlerin El Awadalla.

So hatte er für Alexander van der Bellen eine Unterstützungserklärung zur Kandidatur abgegeben, war ins Personenkomitee für Rudolf Hundstorfer gegangen, hatte Richard Lugner persönlich und Norbert Hofer schriftlich Alles Gute gewünscht, für Irmgard Griss Geld gespendet, dachte an El Awadalla und schloss Andreas Khol in sein Nachmittagsgebet ein.

Er wusste, wen er in der Wahlzelle geheim wählen würde, und jeder Andere würde es auch wissen können. Aber würde ihn irgendjemand überhaupt verstehen können? Er selbst wusste, was er tat. Er wusste es genau.

So saß er da und war dankbar. Und er war glücklich. Er war in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt.

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Die Flucht ist zu Ende – Tag 1

14/Sep/2015

In den Frühnachrichten der österreichischen Radiosender Ö1 und Ö3 und den Nachrichten des österreichischen Fernsehens ORF 2 um 08:00 Uhr und 09:00 Uhr habe ich von den heutigen Entwicklungen erfahren. Die Polizei hat ihre Schätzung für die Zahl der heute in Österreich ankommenden Flüchtlinge nach oben auf circa 20.000 korrigiert. Das ist ungefähr die Hälfte des Wiener Ernst-Happel-Stadions und knapp weniger als das neue Allianz-Stadion von Rapid Wien.

Ich bin dennoch zunächst meiner Arbeit nachgegangen und habe mein letztes Bild fertiggestellt. Danach habe ich das kleine Schlafzimmer für Gäste vorbereitet, eine Matratze hineingelegt, diese mit Bettzeug überzogen und das Kinder-Hochbett gemacht. Das Überziehen des Polsters ist mir kurz auf die Nerven gegangen, weil der Polster zu groß für den Überzug ist. Außerdem fehlt mir das vierte Bett.

Gerade kam ein SMS von der Caritas-Lebensmittelhilfe: „Liebe Leos, hätte heute jemand Zeit, von 14-17 Uhr Textilien vom Leo zum Westbahnhof zu bringen? Wenn ja, bitte um Anruf bis 12 Uhr. Näheres per Telefon.“ Ich habe mich gemeldet und nun den Rückruf erhalten. Es haben sich schon 2 Fahrer eintragen lassen, dieser Dienst wird in Zukunft aber wahrscheinlich regelmäßig gebraucht.

Jetzt werde ich zum Westbahnhof fahren, um zu schauen, was heute gebraucht wird. Ich habe derzeit nicht viel Geld zur Verfügung, aber 5 Euro am Tag kann ich schon entbehren. Dafür gehen sich 4 Duschgel aus.

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Die Flucht ist zu Ende – Tag 0

13/Sep/2015

Heute Sonntag, den 13. September um 17:00 Uhr hat die Bundesrepublik Deutschland beschlossen, die Grenzen gegenüber ihren Nachbarstaaten zu schließen. Ich war zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit meinen Freunden Mario und Vince auf dem Wiener Kahlenberg. Zuvor waren wir von Nussdorf über den Beethovengang hinauf spaziert. Ich besuchte danach um 18:00 Uhr die Messe der Caritasgemeinde am Meidlinger Schedifkaplatz, später ging ich noch in die Wiener Nationalbibliothek, um meine Arbeit im Internet zu erledigen.

Als ich um 21:30 nach Hause kam, erfuhr ich über den ORF-Teletext vom Beschluss der Deutschen Bundesregierung. Mir dämmerte langsam, was da wirklich geschehen war, als ich erfuhr, dass es eine „Zeit im Bild 2 Spezial“ Nachrichtensendung um 21:53 geben würde. Ich zog mir meine kurze Hose an und machte es mir vor dem Fernseher gemütlich.

Ich kapierte erst, welche Dramatik dieser Schritt für Europa bedeuten würde, als ich in dieser Nachrichtensendung den Burgenländischen Polizeipräsidenten Hans-Peter Doskozil sah, wie er vor Hunderten einlangenden Flüchtlingen am Grenzübergang Nickelsdorf ein nächtliches Live-Interview gab. Er meinte, heute würden mehrere Tausend Flüchtlinge die Grenze überschritten haben und für morgen würde er noch mehr erwarten.

In der anschließenden „Im Zentrum“ Diskussionssendung im österreichischen Fernsehen sah ich den jungen Außenminister Sebsatian Kurz von der Christlich-Sozialen ÖVP, wie er sehr aufgeregt wörtlich von „verheerenden“ Auswirkungen für Österreich sprach. Der alte Sozialminister Rudolf Hundstorfer von der sozialdemokratischen SPÖ versuchte ruhig zu bleiben. Als die Diskussion dann begann, schaltete ich den Fernseher aus, zog mir meine schönste Hose und mein schönstes Hemd an und verließ die Wohnung, um zum nahegelegenen Westbahnhof zu fahren. Beim Hinausgehen dachte ich mir: „Wenn mich meine Kinder dereinst fragen werden: ‚Papa, was hast DU damals gemacht?‘ Dann will ich antworten können: ‚Ich habe eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen.'“

Als ich am Westbahnhof ankam, waren gerade Dutzende Flüchtlinge Richtung Busbahnhof unterwegs. Ich ging zum Auffanglager der Caritas und meldete mich an, meine Wohnung für eine Familie mit 2 Kindern bereitstellen zu wollen. Der junge Flüchtlingshelfer Max setzte mich auf die Liste und machte neben meinem Eintrag ein Rufzeichen.

„Hättest Du auch Zeit, jeden Abend vorbeizukommen, um das Essen für die Familie abzuholen?“ „Ja.“

„Ich danke Dir.“

„Ich danke Euch.“

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Geschützt: Parndorf. Das Ende der Normalität

28/Aug/2015

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Rassismus in der österreichischen Polizei

29/Jun/2013

—– Original Message —–

From: Peter Wurm
To: arthur.reis@polizei.gv.at
Cc: Some
Sent: Saturday, June 29, 2013 3:11 AM
Subject: Rassismus in der österreichischen Polizei

Sehr geehrter Herr General!

Als ich von September 2008 bis September 2009 Pächter der BP-Tankstelle im Sankt Pöltener Regierungsviertel war, da war neben der halben Landesregierung und dem Landtag auch die halbe Polizei der Landeshauptstadt meine Kunden. Die Polizisten des Regierungsviertels waren sogar meine häufigsten und treuesten Stammkunden. Verdient habe ich an Ihnen nichts, aber das war nicht Ihre Schuld, sondern meine eigene, weil ich erst im Zuge meines Abgangs von dieser Position wirklich begriffen habe, welche perfiden Mechanismen diesem System zugrunde liegen. Und so habe ich meinen Krieg mit diesem Royal Petroleum Crap Club geführt, der mir zwar wieder einmal ein riesiges Chaos beschert hat, meinen Gegnern jedoch mit Hilfe meiner mächtigen Freunde dieseits und jenseits des Horizonts den größten Verlust ihrer gesamten Geschichte eingebracht, indem ich ihre „Deepwater-Horizon“-Insel im Gulf of Mexico explodieren ließ. Mein Freund Ferdinand, dessen Vater jahrzehntelang Generaldirektor der British Petroleum Austria gewesen war, meinte im Zuge dieses Weltkriegs zu mir: „Ein wenig mehr noch, und sie hätten Dich nach London verfrachtet und Her Majesty vorgeführt.“

So weit so gut.

Irgendwann im Winter jenes Jahres meinte einer meiner Stammgäste zu mir: „Wissen Sie, wer das war? Das war der Herr General Reis!“ Mir war das ja eigentlich wurscht, ich behandle Alle meine Kunden mit Respekt, wenn nicht schon aus meiner Weltanschauung, so doch zumindest deswegen, weil ich weiß, dass ich – was immer ich auch ökonomisch veranstalte – letztendlich immer nur vom Kunden bezahlt werde – egal, ob er nun Polizeipräsident von Niederösterreich ist oder eine zigeunernde Sinti-Frau auf der Durchreise von Frankreich nach Rumänien.

Sie, sehr verehrter Herr General Reis, sind mir jedoch schon vorher aufgefallen. Ich habe bis heute noch im Gedächtnis, wie Sie getankt haben. Ich glaube, Sie haben ein helles Auto gehabt – einen Audi wahrscheinlich, Ferdinand Piech sei Dank – und immer selbst getankt und vor allem selbst die Scheiben geputzt. Und als ich Sie irgendwann später einmal beim Zahlen angesprochen habe: „Wie geht es Ihnen, Herr General?“ da haben Sie mich angeschaut und gemeint: „Na, zu Hause und privat bin ich sicher kein General mehr!“

Ich erinnere mich auch genauestens daran, wie ich Sie am Ende jenes Jahres im österreichischen Fernsehen gesehen habe. Es war im Zuge des nächtlichen Einbruchs in einer Kremser Merkur-Filiale, bei dem ein Jugendlicher vom männlichen Partner einer herbeigerufenen Polizeistreife von hinten erschossen wurde. Ich erinnere mich noch so genau daran, weil ich als Tankstellenpächter mit den Öffnungszeiten von 05:00 bis 24.00 Uhr ganz genau nachvollziehen konnte, in welcher Situation sich dieses Drama abgespielt haben musste – und ich weiß bis heute nicht, ob es ein Hoax war. Auf jeden Fall erinnere mich an die Diskussion am „Runden Tisch“ des ORF an jenem Abend, bei der neben Ihnen noch der Journalist Florian Klenk teilnahm und ein sympathischer kahlrasierter Polizeioffizier, dessen Namen ich mir nur deswegen gemerkt habe, weil er ungefähr genauso saudeppert ist wie meiner: Holunder-Holunder.

Ich erinnere mich noch genau an diese Diskussion, bei der Florian Klenk sinngemäß gemeint hat, dass Sie, sehr verehrter Herr General, für Ihre menschliche und kooperative Amtsführung bekannt wären. Und ich erinnere mich noch genauestens an Ihre offensichtliche Erschütterung über diesen Vorfall und an Ihre Ohnmacht, weil Sie von „Ihrem“ Apparat nicht genügend informiert und anscheinend völlig im Stich gelassen worden sind. Und ich erinnere mich noch genauestens an meine Wahrnehmung, dass ich Sie ja persönlich kannte und nun im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Ihnen wirklich körperlich mitlitt, weil das Alles nicht wahr sein konnte und nicht wahr sein durfte. Seither liebe ich Sie.

Trösten Sie sich, meine diesbezügliche Liebe ist amtsbekannt und weniger homoerotisch als politisch. Und so vernahm ich in der Zeit danach mit allerhöchstem Respekt, dass Sie sich von der Position als Polizeipräsident ablösen ließen, um Ausbildungsleiter der Exekutive im Anhaltelager Traiskirchen zu werden. Mein zweiter Ex-Schwiegervater, Herr Direktor Hofrat Magister Franz Feik war Vizebürgermeister und Kulturstadtrat von Traiskirchen und so kenne ich diesen Ort privat und genauestens aus der Perspektive der Stadtrandsiedlung. Ich habe die Sonntage bei meinen Schwiegereltern immer geliebt. Blöderweise schulde ich ihnen immer noch Geld, aber das soll nicht Ihr Problem sein. Rufen Sie doch mal meinen Schwiegervater an und unterhalten Sie sich doch mal bei einem Kaffee über den gewachsenen Charakter, die Qualitäten und Probleme dieser Stadt.

Warum ich Ihnen heute schreibe, hat einen einfachen Grund. Und ich mache es ganz genau so wie mein Freund und Ihr ehemaliger Chef, der Herr Landeshauptmann Doktor Erwin Pröll. Dieser hat im Zuge der Diskussion um das legendäre „Moltofon“ im ORF und die Interventionen österreichischer Politiker die EINZIG wahre und richtige Antwort gegeben: „Na, SELBSTVERSTÄNDLICH interveniere ich! Jeden Tag! Tausendmal! DAS IST MEIN JOB!“ Auch ihn liebe ich dafür. Gott sei Dank konnte ich es noch im letzten Moment verhindern, dass er sich zu unserem Bundespräsidenten wählen ließ, denn letztendlich ist er doch auch manchmal mein politischer Sparringpartner – genauso wie der zweifelhafte Scharinger-Clan jenseits der Enns.

Lieber Herr General! Hiermit interveniere ich bei Ihnen: Gestern Abend habe ich beim Nachbarschaftsfest der „Votivkirchen“-Flüchtlinge im Wiener Servitenkloster eine junge Kollegin kennengelernt, die sich ebenso dafür einsetzt, dass wir Alle endlich dieses unendlich tragische Problem von Krieg, Not, Tod, Vertreibung, Armut und Flucht zu lösen beginnen – wir eben aus der Wiener Sicht Europas. Und so erzählte sie mir, dass sie ihre Bakkalaureatsarbeit im Bereich der Internationalen Entwicklung über das Thema des Rassismus innerhalb der österreichischen Polizei schreibt, wobei sie insbesondere die Fälle Marcus Omofuma, Cheibani Wague und Bakari J. untersucht. Als sie gegen Ende des Gesprächs meinte, sie stünde gerade vor der Frage, inwieweit diesbezügliche Interviews einen Sinn ergäben, habe ich sie gefragt: „Wen willst Du interviewen? Was wünscht Du Dir?“ Was sie antwortete, weiß ich nur ungefähr, ich habe mir jedenfalls Folgendes aufgeschrieben:

„Polizeichef. Abteilungsleiter Rassismus. Dissidenten. Aussteiger. Verurteilte.“

Meine Kollegin heißt Julia Steiner und ist 1991 geboren. Und: Da steht gleich als Erstes: Polizeichef. Jetzt kenne ich Sie, wie erwähnt, und weiß, dass Sie zu Hause und privat eben kein General und Polizeichef sind. Aber irgendwie dann halt doch. Nehmen Sie sich doch ein Herz und eine Stunde Zeit, um ihre Fragen zu beantworten. Bitte! Die Arbeit muss ja nicht gleich so epochal werden wie das Matthäus-Evangelium oder Churchills „Zweiter Weltkrieg“. Aber es wäre doch vielleicht UNSER Beitrag zum Versuch einer Überwindung dieses weltweiten Problems – gerade für uns hier in Österreich. Sehr verehrter Herr General, ich bitte Sie darum.

Überlegen Sie es sich doch und geben Sie doch bitte Bescheid, wem Sie wollen. Der Frau Minister, dem Herrn Landeshauptmann, dem Herrn Klenk, meinem Schwiegervater, dem Staatsoperndirektor, mir oder der Frau Steiner selber. Ich danke Ihnen.

Hochachtungsvoll

Peter Wurm

General Arthur Reis

Der Profit des Einen ist der Verlust von Allen

08/Mai/2013

Nehmen wir einmal an, Geld wäre eine objektive Größe. Dann geht es auf diesem Planeten zu wie in einem Casino. Das Casino gewinnt 100 Euro, die 10 Spieler verlieren jeweils 10. Wenn also ExxonMobil im Jahr 2012 einen Gewinn von 45 Milliarden US-Dollar gemacht hat, dann hat die restliche Welt in diesem Jahr 45 Milliarden US-Dollar verloren – jeder von uns durchschnittlich 6,43 US-Dollar. Von wo sonst hätte ExxonMobil dieses Geld verdienen sollen? Von den Marsmenschen?

Jeder, der auf diesem Planeten Geld verdient, nimmt es jemand Anderem weg. Das ist das einfachste Gesetz des Kapitalismus. Wie kommen wir aus dieser Falle wieder heraus? Die einzige Möglichkeit, diesen Planeten zu retten, besteht darin, dass – vereinfacht gesagt – die Europäische Zentralbank (Unser Aller Bank in Europa) umgerechnet 45 Milliarden US-Dollar ganz einfach aus dem Nichts gedruckt hat, um sie an ExxonMobil zu überweisen.

Das ist zur Zeit die einzige Lösung, den Wahnsinn des Kapitalismus zu überwinden – bis irgendwann auch der Dümmste einsieht, dass Geld in Wahrheit ohnehin Nichts wert ist. Geld ist eben – und das ist unsere Rettung – keine objektive Größe, sondern eine kollektive Fiktion.

Carissimo Presidente! Machen Sie bitte weiter so! Im Namen meiner Kinder: Grazie Mille!

Das Leben ohne Geld

05/Mai/2013

Wenn ich meinen Freunden gegenüber über die Vision der „Geldlosen Gesellschaft“ spreche, dann beginnen selbst die wohlmeinendsten zu zweifeln: „Wie soll das gehen?“ Und ausnahmslos alle bringen danach angsterfüllt den Begriff der „Tauschwirtschaft“ ins Spiel. Rothschild scheint ganze Arbeit geleistet zu haben…

Als ich 1991 als Entwicklungshelfer im südamerikanischen Ecuador gearbeitet habe, in dem inzwischen – sehr zum Ärger von Rothschilds Mannen – das „Buen Vivir“ der Ureinwohner als oberstes Ziel in die Verfassung aufgenommen wurde, da fuhr ich an fast jedem Wochenende durch das Land. Und spätestens bei meinen Ausflügen in das Urwaldgebiet des Amazonas bemerkte ich, dass ein Leben ohne Geld selbstverständlich möglich ist: Völlig ohne Geld – und völlig ohne Tauschwirtschaft.

Im „Oriente“ des ecuadorianischen Amazonasgebiets leben die Menschen, wie fast überall in Amerika vor Kolumbus, Cortes und Cheney, in einer intakten Umwelt, fröhlich und frei, nachhaltig – und ohne Geld. Wenn eines der Boote irgendwann kaputtgeht, dann kommen alle Nachbarn am nächsten Wochenende zusammen, um gemeinsam ein neues zu bauen. Und nach Vollendung des neuen Bootes gibt es dann ein Fest mit Essen, Trinken, Musik und Tanz, bis irgendwann ein anderes Boot kaputtgeht.

Selbstverständlich versuchen Rothschilds Mannen – wie überall sonst auch – diese Gebiete unter ihre Kontrolle zu bekommen. Und so sprudelt inzwischen das Schwarze Gold des Petra-Oleum unter schwersten Opfern für Mensch und Natur quer über alle Welt in die Tanks der SUVs unserer langbeinigen Freundinnen, um diese dreimal pro Tag in das nächstgelegene Schuhgeschäft zum Einkaufen zu bringen.

Als ich von Ecuador wieder nach Europa zurückkam, versuchte ich, das Leben weiterzuleben, das ich dort gelernt hatte. Mehr als zwei Jahrzehnte später sitze ich nun da und gebe – unter schwersten Opfern – immer noch nicht auf, die amerikanischen Ureinwohner gegenüber Kolumbus, Cortes und Cheney zu rächen. Kolumbus, Cortes und Cheney hatten Glasperlen und Feuerwasser zur Hand – und Schießpulver. Ich habe Wasser und Brot – und meine Tastatur.

Erstens: Unsere Marktwirtschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie – mit oder ohne Geld – eine „Tauschwirtschaft“ ist, sondern eine „arbeitsteilige“. Dementsprechend werden wir ohne Geld nicht zum Tausch überwechseln müssen, sondern – wie im Amazonasgebiet – weiterhin arbeitsteilig agieren. Wenn unsere langbeinigen Freundinnen passendes Schuhwerk gefunden haben, dann müssen sie dafür nichts eintauschen (und sei es letztendlich die Freigabe ihrer Geschlechtlichkeit), sondern einfach weiterhin das tun, was sie bisher tun: Journalistische Artikel schreiben, architektonische Bauvorhaben organisieren, kaufmännische Analysen erstellen, touristische Reisen vorbereiten, künstlerische Bühnenbilder ermöglichen, pharmazeutische Arzneiwaren vertreiben, medizinische Krankheiten diagnostizieren, juristische Mandanten vertreten und jugendliche Behinderte betreuen. Jeder und Jede macht weiterhin das, was er und sie will.

„Ja, aber dann wird niemand mehr Supermarkt-Kassierin sein wollen!“ Ja, genau. Supermarkt-Kassierinnen brauchen wir dann keine mehr.

Willkommen im Amazonasgebiet!

peterwurm amazonas

„Aber was machst Du in Frankfurt?“

25/Apr/2013

„Aber was machst Du in Frankfurt?“

Nach einer Frage meiner 14jährigen Tochter
und einem Bild von Roman Picha

Sechstes Bild von 12

(Sechstes Bild von 12)

Für meine Tochter Hanna

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(Frankfurt, letzter Stock)

„Nimm Platz, Wolfgang!“

„Ich sitze schon!“

„Ach, ja, natürlich. Etwas zu trinken?“

„Gerne, Josef!“

„Ich habe Otard, Remy Martin, Courvoisier und Hennessy.“

„XO?“

„Selbstverständlich.“

„Dann bitte Otard.“

„Gerne! Mit Gupf?“

„Gupf? Was ist das?“

„Das ist die Bezeichnung für ‚randvoll‘.“

„Dann bitte mit Gupf.“

(Ackermann schenkt ein.)

„Hier, Wolfgang! Bei Gupf muss man höllisch acht geben, dass man nichts verschüttet.“

„Klar!“

„Ich stelle den Schwenker da ab.“

„Danke!“

„Trink doch gleich vom Rand! Da verschüttest Du nichts.“

„Ich werde mich bemühen.“

(Schäuble beugt sich nach vorne und trinkt.)

„Wir haben Sechzehn Komma Vier Milliarden in Athen.“

„Sechzehn Komma Vier?“

„Ja.“

„Und in Madrid?“

„Vierundfünfzig Prozent mehr. Fünfundzwanzig Komma Fünfundzwanzigsechs.“

„Ach.“

„Madrid ist kein Problem. Mariano ist bei uns.“

„Ich weiß.“

„Mario wird sie um Drei Komma Fünf kaufen.“

„Die Sechzehn Komma Vier?“

„Ja.“

„Das sind dann knapp Siebzehn.“

„Sechzehn Komma Siebenundneunzig genau.“

„Sechzehn Komma Siebenundneunzigvier.“

„Ja.“

„Und Du? Otard oder Hennessy?“

„Remy. Und Courvoisier.“

„Schaffst Du die Sechzehn heuer?“

„Mit Mühe.“

„Wo?“

„Zu Siebenundfünfzig Prozent in Athen, Zweiundzwanzig Prozent in Dublin, Elf Prozent in Lissabon und Zehn Prozent hier.“

„Zehn Prozent hier? Das ist viel.“

„Ja. Das sind Zwei Komma Achtsiebensieben.“

„Davon bleiben Dir doch nur Zwei Komma Fünfzehnsieben.“

„Leider.“

„Wir könnten es verschieben.“

„Das wäre hilfreich.“

„Auf die nächsten Zwei.“

„Jahre?“

„Ja.“

„Auch Drei?“

„Auch Drei.“

„Dann würden die Zwei Komma Achtsiebensieben zur Gänze bleiben.“

„Voraussichtlich ja.“

„Danke.“

(Schäuble beugt sich nach vorne und trinkt.)

„Das waren jetzt Null Komma Fünfundzwanzig.“

„Was?“

„Liter.“

„Das macht dann Eins Komma Einsvieracht pro Hektoliter.“

„Ja.“

„Ist das in Ordnung für Dich?“

„Wenn Du mir noch eine Stulle gibst.“

„Fährst Du oder fliegst Du?“

„Ich fliege.“

„Wie lange?“

„Null Komma Vierzig.“

„Das sind Vierundzwanzig Minuten.“

„Ja.“

„Dann gebe ich Dir Zwei.“

„Danke.“

„Eine pro Zwölf.“

„Das ist gerecht.“

„Ich denke auch.“

„Ja.“

„So grüße mir Walhall!“

„Grüße mir Wotan!“

„Grüße mir Wälse und alle Helden!“

„Grüß‘ auch die holden Wunschesmädchen!“

„Leb‘ wohl, Wolfgang!“

„Leb‘ wohl, Josef!“

Stimmen von unten:

„Falsch und feig ist, was dort oben sich freut!“

(Sonnenuntergang. Vorhang.)