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Gott sei Dank

05/Dez/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die Nacht. Soeben war ein Sonntag zu Ende gegangen. Es war nicht irgendein Sonntag. Für ihn war es ein Tag von entscheidender Bedeutung. 

In seinem Land hatten Wahlen stattgefunden, Wahlen zum Staatsoberhaupt. Für ihn waren es keine gewöhnlichen Wahlen, für ihn war es eine historische Entscheidung. Sein Land war ein kleines Land, unscheinbar vielleicht. Doch von seinem Land waren die drei grausamsten Kriege der Geschichte ausgegangen und – was für ihn von entscheidender Bedeutung war – die größte Katastrophe der Menschheit, die Vernichtung, der Holocaust, die Shoah.

Nun standen nur noch zwei Kandidaten zur Wahl. Beide teilten seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen, die an Ungerechtigkeit kaum mehr zu überbieten waren. Doch sie gaben völlig gegensätzliche Antworten darauf. Dem Einen war er politisch verbunden, doch das war für ihn nicht entscheidend. Von entscheidender Bedeutung war für ihn der andere Kandidat. Jener bekannte sich, für alle offen sichtbar dazu, den Weg in die Katastrophe noch einmal gehen zu wollen. „Nichts und niemand wird uns aufhalten.“

Slupetzky hatte die Berichterstattung an diesem Abend äußerlich zwar völlig gelassen, innerlich aber mit höchster Spannung verfolgt. Er wusste auch bereits inoffiziell, wie die Wahl ausgegangen war. Doch im Moment, da das Ergebnis verlautbart wurde, traten ihm Tränen in die Augen. Die Entscheidung war gefallen. Sie hatten es geschafft. Sie hatten es endlich geschafft. Die Geschichte durfte weitergehen. Die Geschichte durfte endlich weitergehen. Er war das erste mal in seinem Leben von Herzen stolz auf sein Land. Und er war das erste mal in seinem Leben stolz, ein Mensch zu sein.

Danke, Österreich!

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Peter Wurm: „Sinnlos“

21/Sep/2016

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„Sinnlos“:

Xaver Finster ist das Kind einer Generation, die noch keinen Namen hat. Seine Großeltern waren tief im Nationalsozialismus verstrickt, seine Eltern sind erfolgreicher Teil der Aufbau-Generation nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wächst im Wien des Kalten Krieges auf, am Rande der westlichen Welt. Sein Vater scheitert grandios, er selbst begibt sich auf der Suche nach Liebe bis an die Grenzen der Welt.

„‚Sinnlos‘ ist eine schonungslose Erzählung vom Leben in einer Gesellschaft, die Werte definiert, ohne sie selbst einzuhalten.“ (Judith Scharinger)

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Die Erste Lesung im Rahmen der Reihe „Wilde Worte“
am 12. September 2016 im Wiener Amerlinghaus:

(Fotos: www.romanpicha.at)

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Es ist soweit: „Sinnlos“ ist da!

Wien, 8. Dezember 2016

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„Sinnlos“ auf Facebook: @SinnlosPeterWurm

„Sinnlos“ auf Amazon: Sinnlos Peter Wurm

„Sinnlos“ bei der Edition Sonnberg

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Erste Lesung aus „Sinnlos“

08/Sep/2016

Montag, 12. September 2016 um 20:00 Uhr

Amerlinghaus (Galerie)
1070 Wien, Stiftgasse 8

Erste öffentliche Lesung aus „Sinnlos“
im Rahmen der Lesereihe „Wilde Worte“

Hier die Ankündigung im „Falter“

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sinnlos_web„Sinnlos“:

Xaver Finster ist das Kind einer Generation, die noch keinen Namen hat. Seine Großeltern waren tief im Nationalsozialismus verstrickt, seine Eltern sind erfolgreicher Teil der Aufbau-Generation nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wächst im Wien des Kalten Krieges auf, am Rande der westlichen Welt. Sein Vater scheitert grandios, er selbst begibt sich auf der Suche nach Liebe bis an die Grenzen der Welt.

„‚Sinnlos‘ ist eine schonungslose Erzählung vom Leben in einer Gesellschaft, die Werte definiert, ohne sie selbst einzuhalten.“ (Judith Scharinger)

„Sinnlos“ erscheint in der Edition Sonnberg Wien

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Die Reise

05/Sep/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den hellblauen Sonntagnachmittag. In der Nacht war er wieder einmal von einer Reise nach Hause zurückgekommen.

Er hatte die Musik eingelegt, sich einen Tee zubereitet und in sein Wohnzimmer gesetzt. Mehr als eine Stunde lang saß er da und genoss sein Leben. Dann ging er glücklich zu Bett.

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Ist unsere Welt aus den Fugen geraten?

23/Jul/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den hochsommerlichen Himmel. Er hatte sich von der Welt zurückziehen wollen, doch die sich verdichtenden Schreckensmeldungen der jüngsten Vergangenheit ließen ihn nachdenklich werden.

Neben den politischen Radikalisierungen auf seinem kleinen Planeten hörte er in immer rascherer Abfolge von Terroranschlägen und Amokläufen in seiner nächsten Umgebung. Hatten sich diese einst auf ferne Länder beschränkt, so waren sie in der letzten Zeit immer näher gekommen. Die Welt um ihn herum schien zu verrohen, sich im wahrsten Sinn des Wortes zu brutalisieren.

Die politische Auseinandersetzung spielte sich vordergründig zwischen verschiedenen Gruppen ab, die einander die Schuld an der Gewalt zuschoben, um die Macht der eigenen Gruppe zu stärken. Doch dahinter ging es immer wieder um den Umgang mit der radikalsten menschlichen Grenzerfahrung, mit dem Tod.

Der Mensch war bekanntermaßen das einzige Tier, das sich seiner Sterblichkeit bewusst war. Den eigenen Tod voraussehen zu können, machte ihn erst zum Menschen. Doch so sehr er sich auch bemühte, war es ihm unmöglich, sich seinen eigenen Tod auch vorstellen zu können.

Slupetzky dachte an seinen Großvater, der in hohem Alter friedlich in seinem eigenen Bett gestorben war. Nun war er dagegen mit Bildern konfrontiert, in denen junge Menschen gewaltsam aus dem Leben gerissen wurden. Welche Vorstellung würde sich durchsetzen?

Slupetzky wünschte sich und seinen Liebsten dereinst selbstverständlich einen friedlichen Tod, im Grunde sogar jedem Lebewesen. Sein Großvater durfte sterben, die Ermordeten der jüngsten Vergangenheit mussten es. Doch würde er diesbezüglich irgendetwas beeinflussen können?

Er würde es höchstens dadurch tun können, dass er selbst friedlich blieb. Es galt, gerade auch im Angesicht der Gewalt das friedliche Leben zu kultivieren. Er wollte möglichst in jedem Augenblick dankbar sein, dass er leben durfte. Vielleicht konnten ihm die Nachrichten der letzten Zeit sogar dabei helfen.

Es ging ihm nicht darum, Partei zu ergreifen, indem er jemandem die Schuld an der Gewalt zuschob. Es ging ihm ganz im Gegenteil darum, in den Grenzen des Lebens dankbar zu sein. Es ging ihm um die Kultivierung des Friedens in sich selbst. Dies zu erkennen war für ihn die wahre Herausforderung jener Tage.

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Demokratie und Freiheit

26/Feb/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den strahlend blauen Himmel. Es war Freitag Nachmittag, der Beginn des neuen Wochenendes.

Er saß da und war dankbar. Er war dankbar und glücklich, in einem freien Land leben zu können, in einem freien Land leben zu dürfen. Das war für ihn keine Selbstverständlichkeit.

In seinem Land standen Wahlen zur Bundespräsidentschaft vor der Türe. Anders als in allen anderen deutschsprachigen Ländern wurde in seinem Land dieses Staatsoberhaupt direkt vom Volk gewählt. Zu dieser Wahl hatten sich 6 Personen gemeldet.

Es waren dies der Sozialdemokrat Rudolf Hundstorfer, der Konservative Andreas Khol, der Nationale Norbert Hofer, der Grüne Alexander van der Bellen, die ehemalige Höchstrichterin Irmgard Griss, der Baumeister Richard Lugner und die Künstlerin El Awadalla.

So hatte er für Alexander van der Bellen eine Unterstützungserklärung zur Kandidatur abgegeben, war ins Personenkomitee für Rudolf Hundstorfer gegangen, hatte Richard Lugner persönlich und Norbert Hofer schriftlich Alles Gute gewünscht, für Irmgard Griss Geld gespendet, dachte an El Awadalla und schloss Andreas Khol in sein Nachmittagsgebet ein.

Er wusste, wen er in der Wahlzelle geheim wählen würde, und jeder Andere würde es auch wissen können. Aber würde ihn irgendjemand überhaupt verstehen können? Er selbst wusste, was er tat. Er wusste es genau.

So saß er da und war dankbar. Und er war glücklich. Er war in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt.

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Neujahr in Wien

01/Jan/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den morgendlichen Himmel. Es war Neujahr, das Fest der Beschneidung des Herrn, am Tag nach Silvester, genau eine Woche nach Weihnachten.

In der Nacht war er hier gesessen und hatte die Feuerwerkskörper gesehen, wie sie am Himmel explodierten. Er war gemeinsam mit Freunden auf einem Fest gewesen, jedoch schon vor Mitternacht nach Hause gegangen, um alleine zu sein. Er wollte allein sein, All-Eins mit sich und der Welt.

Er hatte an die vielen Silvesternächte gedacht, die er schon erlebt hatte. Er dachte an jene vor knapp zwei Jahrzehnten, die er gemeinsam mit seiner Ersten Frau in der steirischen Ramsau am Dachstein verbracht hatte. Da hatten sie beschlossen, im darauf folgenden Jahr zu heiraten, und dies im Geheimen, in Italien, in der toskanischen Versiglia, wo er zu jener Zeit die Steinbildhauerei betrieb. Sie waren danach lange über die tief verschneite Ebene spaziert, er hatte in den sternenklaren Himmel geblickt und leise gerufen: „Kinder, jetzt könnt Ihr kommen!“ Zwei Wochen später war seine Tochter inkarniert, ein Jahr später sein Sohn.

Er dachte auch an jene Silvesternacht vor knapp einem Jahrzehnt, in der er genau hier, unter seinem Dachfenster, sein Buch „Schneeflocke“ schrieb, sein kleines Büchlein „Zen in der Kunst, einer Schneeflocke beim Schmelzen zuzuschauen“, das erste, das er veröffentlichen würde. Kurz darauf hatte er seine Zweite Frau kennengelernt und im nächsten Jahr geheiratet.

Jene beiden Silvesternächte kamen ihm in den Sinn, als er hier zu Mitternacht mit sich alleine war. Frauen wollten sehr unterschiedlich geliebt werden, das war seine Erfahrung. Und sie konnten sehr unterschiedlich lieben. Nun war er mit ihr zusammengekommen, knapp eine Woche zuvor. Wie wollte sie geliebt werden? Wie konnte sie lieben?

Er brauchte sich nicht zu fragen. Er wusste es bereits. Er war mit ihr schon alleine gewesen. Er würde mit ihr alleine bleiben wollen. Und er würde sie alleine lassen können. Bedingungslos und ohne Fragen. Sie würden beide alleine bleiben. Radikal und kompromisslos. All-Eins.

Slupetzky blickte aus seinem Dachfenster auf die alten Dächer vor ihm. Lange saß er da und schaute hinaus. Dann begann es leicht zu schneien, zum ersten Mal in diesem Winter, zum ersten Mal in diesem Jahr. Und er verspürte eine tiefe Dankbarkeit.

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Auf der Suche

22/Dez/2015

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und beobachtete sich selbst, wie er langsam einen halben Striezel aß, einen kleinen Bissen nach dem anderen. „Handgeflochtener Wiener Zopf – extra flaumig“ stand in großen Buchstaben auf der Verpackung. „500 Gramm – hergestellt in Österreich“. Lustvoll kaute er den saftigen Hefeteig und genoss den süßen Geschmack in vollen Zügen.

„Pro 100g 1253 kJ oder 297 kcal Energie. Entspricht 15% der Referenzmenge für einen durchschnittlichen Erwachsenen.“ Abgesehen von der Frage, ob er sich nun für einen „durchschnittlichen Erwachsenen“ betrachtete, versuchte er auszurechnen, ob er nach dem letzten Bissen für heute satt sein durfte. „15% mal 5 ergibt 75 dividiert durch 2 ist 37,5.“ rechnete er im Kopf vor sich hin. Während er den letzten Bissen zu sich nahm, war er also zu 37,5 Prozent satt.

Gerade war er aus der abendlichen Innenstadt nach Hause in seine kleine Dachstube gekommen. Jetzt konnte er entspannt durchatmen. Er stand auf und legte die zweite Hälfte des Striezels in die Küche. Als er sich wieder zurück an die Schreibmaschine setzte, überlegte er, ob er mit dem soeben in die Tasten gehämmerten Text eine für ihn attraktive Frau ansprechen könnte. Eine Frau, die „schön“ und „klug“ war, würde diese ein Interesse daran haben können, dass er nun zu 37,5 Prozent satt war?

Er setzte sich seine Mütze auf und blickte durch das Dachfenster in den sternenklaren Himmel, sah den Mond, der in 3 Tagen, genau zum Weihnachtsfest „voll“ sein würde und stellte sich vor, dass da draußen eine Frau auf ihn wartete. Der Mond leuchtete durch das Fenster auf ihn herab und flüsterte ihm zu: „Slupetzky. Es geht nicht um ’schön‘ und ‚klug‘. Es geht um einen Menschen, den Du lieben kannst, wie er ist. Vielleicht ist da draußen einer, der gerade jetzt auch auf der Suche ist wie Du. Und der auch eine Mütze auf hat.“

Dann wurde es still. Slupetzky stand auf und ging hinaus in die winterliche Nacht. Ihm kamen lauter fröhliche Menschen entgegen. Alle hatten eine Mütze auf.

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Die Flucht ist zu Ende – Tag 1

14/Sep/2015

In den Frühnachrichten der österreichischen Radiosender Ö1 und Ö3 und den Nachrichten des österreichischen Fernsehens ORF 2 um 08:00 Uhr und 09:00 Uhr habe ich von den heutigen Entwicklungen erfahren. Die Polizei hat ihre Schätzung für die Zahl der heute in Österreich ankommenden Flüchtlinge nach oben auf circa 20.000 korrigiert. Das ist ungefähr die Hälfte des Wiener Ernst-Happel-Stadions und knapp weniger als das neue Allianz-Stadion von Rapid Wien.

Ich bin dennoch zunächst meiner Arbeit nachgegangen und habe mein letztes Bild fertiggestellt. Danach habe ich das kleine Schlafzimmer für Gäste vorbereitet, eine Matratze hineingelegt, diese mit Bettzeug überzogen und das Kinder-Hochbett gemacht. Das Überziehen des Polsters ist mir kurz auf die Nerven gegangen, weil der Polster zu groß für den Überzug ist. Außerdem fehlt mir das vierte Bett.

Gerade kam ein SMS von der Caritas-Lebensmittelhilfe: „Liebe Leos, hätte heute jemand Zeit, von 14-17 Uhr Textilien vom Leo zum Westbahnhof zu bringen? Wenn ja, bitte um Anruf bis 12 Uhr. Näheres per Telefon.“ Ich habe mich gemeldet und nun den Rückruf erhalten. Es haben sich schon 2 Fahrer eintragen lassen, dieser Dienst wird in Zukunft aber wahrscheinlich regelmäßig gebraucht.

Jetzt werde ich zum Westbahnhof fahren, um zu schauen, was heute gebraucht wird. Ich habe derzeit nicht viel Geld zur Verfügung, aber 5 Euro am Tag kann ich schon entbehren. Dafür gehen sich 4 Duschgel aus.

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Die Flucht ist zu Ende – Tag 0

13/Sep/2015

Heute Sonntag, den 13. September um 17:00 Uhr hat die Bundesrepublik Deutschland beschlossen, die Grenzen gegenüber ihren Nachbarstaaten zu schließen. Ich war zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit meinen Freunden Mario und Vince auf dem Wiener Kahlenberg. Zuvor waren wir von Nussdorf über den Beethovengang hinauf spaziert. Ich besuchte danach um 18:00 Uhr die Messe der Caritasgemeinde am Meidlinger Schedifkaplatz, später ging ich noch in die Wiener Nationalbibliothek, um meine Arbeit im Internet zu erledigen.

Als ich um 21:30 nach Hause kam, erfuhr ich über den ORF-Teletext vom Beschluss der Deutschen Bundesregierung. Mir dämmerte langsam, was da wirklich geschehen war, als ich erfuhr, dass es eine „Zeit im Bild 2 Spezial“ Nachrichtensendung um 21:53 geben würde. Ich zog mir meine kurze Hose an und machte es mir vor dem Fernseher gemütlich.

Ich kapierte erst, welche Dramatik dieser Schritt für Europa bedeuten würde, als ich in dieser Nachrichtensendung den Burgenländischen Polizeipräsidenten Hans-Peter Doskozil sah, wie er vor Hunderten einlangenden Flüchtlingen am Grenzübergang Nickelsdorf ein nächtliches Live-Interview gab. Er meinte, heute würden mehrere Tausend Flüchtlinge die Grenze überschritten haben und für morgen würde er noch mehr erwarten.

In der anschließenden „Im Zentrum“ Diskussionssendung im österreichischen Fernsehen sah ich den jungen Außenminister Sebsatian Kurz von der Christlich-Sozialen ÖVP, wie er sehr aufgeregt wörtlich von „verheerenden“ Auswirkungen für Österreich sprach. Der alte Sozialminister Rudolf Hundstorfer von der sozialdemokratischen SPÖ versuchte ruhig zu bleiben. Als die Diskussion dann begann, schaltete ich den Fernseher aus, zog mir meine schönste Hose und mein schönstes Hemd an und verließ die Wohnung, um zum nahegelegenen Westbahnhof zu fahren. Beim Hinausgehen dachte ich mir: „Wenn mich meine Kinder dereinst fragen werden: ‚Papa, was hast DU damals gemacht?‘ Dann will ich antworten können: ‚Ich habe eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen.'“

Als ich am Westbahnhof ankam, waren gerade Dutzende Flüchtlinge Richtung Busbahnhof unterwegs. Ich ging zum Auffanglager der Caritas und meldete mich an, meine Wohnung für eine Familie mit 2 Kindern bereitstellen zu wollen. Der junge Flüchtlingshelfer Max setzte mich auf die Liste und machte neben meinem Eintrag ein Rufzeichen.

„Hättest Du auch Zeit, jeden Abend vorbeizukommen, um das Essen für die Familie abzuholen?“ „Ja.“

„Ich danke Dir.“

„Ich danke Euch.“

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