Posts Tagged ‘norbert hofer’

Gott sei Dank

05/Dez/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die Nacht. Soeben war ein Sonntag zu Ende gegangen. Es war nicht irgendein Sonntag. Für ihn war es ein Tag von entscheidender Bedeutung. 

In seinem Land hatten Wahlen stattgefunden, Wahlen zum Staatsoberhaupt. Für ihn waren es keine gewöhnlichen Wahlen, für ihn war es eine historische Entscheidung. Sein Land war ein kleines Land, unscheinbar vielleicht. Doch von seinem Land waren die drei grausamsten Kriege der Geschichte ausgegangen und – was für ihn von entscheidender Bedeutung war – die größte Katastrophe der Menschheit, die Vernichtung, der Holocaust, die Shoah.

Nun standen nur noch zwei Kandidaten zur Wahl. Beide teilten seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen, die an Ungerechtigkeit kaum mehr zu überbieten waren. Doch sie gaben völlig gegensätzliche Antworten darauf. Dem Einen war er politisch verbunden, doch das war für ihn nicht entscheidend. Von entscheidender Bedeutung war für ihn der andere Kandidat. Jener bekannte sich, für alle offen sichtbar dazu, den Weg in die Katastrophe noch einmal gehen zu wollen. „Nichts und niemand wird uns aufhalten.“

Slupetzky hatte die Berichterstattung an diesem Abend äußerlich zwar völlig gelassen, innerlich aber mit höchster Spannung verfolgt. Er wusste auch bereits inoffiziell, wie die Wahl ausgegangen war. Doch im Moment, da das Ergebnis verlautbart wurde, traten ihm Tränen in die Augen. Die Entscheidung war gefallen. Sie hatten es geschafft. Sie hatten es endlich geschafft. Die Geschichte durfte weitergehen. Die Geschichte durfte endlich weitergehen. Er war das erste mal in seinem Leben von Herzen stolz auf sein Land. Und er war das erste mal in seinem Leben stolz, ein Mensch zu sein.

Danke, Österreich!

———-

 

 

Advertisements

Ist unsere Welt aus den Fugen geraten?

23/Jul/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den hochsommerlichen Himmel. Er hatte sich von der Welt zurückziehen wollen, doch die sich verdichtenden Schreckensmeldungen der jüngsten Vergangenheit ließen ihn nachdenklich werden.

Neben den politischen Radikalisierungen auf seinem kleinen Planeten hörte er in immer rascherer Abfolge von Terroranschlägen und Amokläufen in seiner nächsten Umgebung. Hatten sich diese einst auf ferne Länder beschränkt, so waren sie in der letzten Zeit immer näher gekommen. Die Welt um ihn herum schien zu verrohen, sich im wahrsten Sinn des Wortes zu brutalisieren.

Die politische Auseinandersetzung spielte sich vordergründig zwischen verschiedenen Gruppen ab, die einander die Schuld an der Gewalt zuschoben, um die Macht der eigenen Gruppe zu stärken. Doch dahinter ging es immer wieder um den Umgang mit der radikalsten menschlichen Grenzerfahrung, mit dem Tod.

Der Mensch war bekanntermaßen das einzige Tier, das sich seiner Sterblichkeit bewusst war. Den eigenen Tod voraussehen zu können, machte ihn erst zum Menschen. Doch so sehr er sich auch bemühte, war es ihm unmöglich, sich seinen eigenen Tod auch vorstellen zu können.

Slupetzky dachte an seinen Großvater, der in hohem Alter friedlich in seinem eigenen Bett gestorben war. Nun war er dagegen mit Bildern konfrontiert, in denen junge Menschen gewaltsam aus dem Leben gerissen wurden. Welche Vorstellung würde sich durchsetzen?

Slupetzky wünschte sich und seinen Liebsten dereinst selbstverständlich einen friedlichen Tod, im Grunde sogar jedem Lebewesen. Sein Großvater durfte sterben, die Ermordeten der jüngsten Vergangenheit mussten es. Doch würde er diesbezüglich irgendetwas beeinflussen können?

Er würde es höchstens dadurch tun können, dass er selbst friedlich blieb. Es galt, gerade auch im Angesicht der Gewalt das friedliche Leben zu kultivieren. Er wollte möglichst in jedem Augenblick dankbar sein, dass er leben durfte. Vielleicht konnten ihm die Nachrichten der letzten Zeit sogar dabei helfen.

Es ging ihm nicht darum, Partei zu ergreifen, indem er jemandem die Schuld an der Gewalt zuschob. Es ging ihm ganz im Gegenteil darum, in den Grenzen des Lebens dankbar zu sein. Es ging ihm um die Kultivierung des Friedens in sich selbst. Dies zu erkennen war für ihn die wahre Herausforderung jener Tage.

———-

 

Vor der Entscheidung

25/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den wolkenverhangenen Sonntagabend. An diesem Tag hatten in seinem Land die Wahlen zum Staatsoberhaupt stattgefunden. Von den 6 zur Auswahl stehenden Kandidaten waren 2 übrig geblieben, die in einem Monat nochmals gegeneinander antreten würden.

Nun saß er da und schaute in den Himmel. Was würde er seinen Enkeln erzählen wollen über diese Entscheidung? Für ihn war es das Ende des bestehenden politischen Systems. Im kommenden Monat würde sich entscheiden, wohin sich sein Land, vielleicht sogar sein Kontinent entwickeln würde. Doch wohin würde die Reise gehen?

Ihm kam der verstorbene deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker in den Sinn, der in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Europa gesagt hatte:

„Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder gegen Türken,
gegen Alternative oder gegen Konservative,
gegen Schwarz oder gegen Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“

Wir alle würden völlig neue Lösungen finden müssen, das war klar. Doch wie würden wir sie suchen?

Miteinander oder gegeneinander?

———-

 

Demokratie und Freiheit

26/Feb/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den strahlend blauen Himmel. Es war Freitag Nachmittag, der Beginn des neuen Wochenendes.

Er saß da und war dankbar. Er war dankbar und glücklich, in einem freien Land leben zu können, in einem freien Land leben zu dürfen. Das war für ihn keine Selbstverständlichkeit.

In seinem Land standen Wahlen zur Bundespräsidentschaft vor der Türe. Anders als in allen anderen deutschsprachigen Ländern wurde in seinem Land dieses Staatsoberhaupt direkt vom Volk gewählt. Zu dieser Wahl hatten sich 6 Personen gemeldet.

Es waren dies der Sozialdemokrat Rudolf Hundstorfer, der Konservative Andreas Khol, der Nationale Norbert Hofer, der Grüne Alexander van der Bellen, die ehemalige Höchstrichterin Irmgard Griss, der Baumeister Richard Lugner und die Künstlerin El Awadalla.

So hatte er für Alexander van der Bellen eine Unterstützungserklärung zur Kandidatur abgegeben, war ins Personenkomitee für Rudolf Hundstorfer gegangen, hatte Richard Lugner persönlich und Norbert Hofer schriftlich Alles Gute gewünscht, für Irmgard Griss Geld gespendet, dachte an El Awadalla und schloss Andreas Khol in sein Nachmittagsgebet ein.

Er wusste, wen er in der Wahlzelle geheim wählen würde, und jeder Andere würde es auch wissen können. Aber würde ihn irgendjemand überhaupt verstehen können? Er selbst wusste, was er tat. Er wusste es genau.

So saß er da und war dankbar. Und er war glücklich. Er war in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt.

———-