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Die sinnlosen Selbstmordattentate

26/Jul/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den blauen Abendhimmel. Anlässlich der wahrhaft sinnlosen Mord- und Selbstmordanschläge in seiner Zeit war ihm wieder die tragischste Figur der Sinnlosigkeit, Homers Sisyphos in den Sinn gekommen. Diesen hatte Albert Camus in seinem „Mythos von Sisyphos“ bezeichnenderweise den „Helden des Absurden“ genannt.

Der Verbrecher Sisyphos, gleichzeitig „der weiseste und klügste unter den Sterblichen“ war von den Göttern aufgrund „einer gewissen Leichtfertigkeit“ im Umgang mit ihnen dazu verurteilt worden, „unablässig einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein von selbst wieder hinunterrollte.“ Diese tragische Figur aus Homers „Odyssee“ hatte Camus abschließend dennoch „dank seiner Leidenschaften und seiner Qual“ als glücklichen Menschen bezeichnet: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

„Heutzutage arbeitet der Werktätige sein Leben lang unter gleichen Bedingungen, und sein Schicksal ist genauso absurd“, hatte Camus 1942 geschrieben. Nicht nur wälzte jeder Einzelne seinen Stein immer wieder sinnlos den Berg hinauf, sondern er sah auch alle Anderen dasselbe tun. Alle waren „Helden des Absurden“ geworden.

Doch worin bestanden „die gewaltigen Qualen“, von denen Homer berichtet hatte? „Fluch und Seligkeit“ hatte Camus sie genannt. Sisyphos, dieser „ewige Rebell“ wusste, was er tat. Und er tat es nicht zum Spaß. Er war von den Göttern dazu verurteilt worden. Slupetzky seufzte. Nur aus diesem Blickwinkel war der Nihilismus der Selbstmordattentäter überhaupt zu verstehen. „Dieser Mythos ist tragisch, weil sein Held bewusst ist“, hatte Camus geschrieben. Die Tragödie bestand darin, dass sich die Mörder der Sinnlosigkeit bewusst waren. Sie wussten, was sie taten.

Slupetzky wurde nachdenklich. Wenn Sisyphos wusste, dass es ihm niemals gelungen war, dann musste er auch ahnen, dass es ihm niemals gelingen würde. Warum versuchte er es trotzdem? „Der Gipfel des Wahnsinns ist es, auf Veränderung zu hoffen, ohne etwas zu verändern“, hatte Albert Einstein gemeint. Slupetzky erschrak. Sisyphos war offensichtlich wahnsinnig. Doch waren die Morde nun Teil des Wahnsinns oder ein verzweifelter Versuch, den Wahnsinn zu beenden?

„Ach, und ich sah Sisyphos in gewaltigen Qualen, als er versuchte, einen riesigen Stein mit den Händen zu heben“, begann Homer die Geschichte mit den Augen des Odysseus zu erzählen. Und er beendete diesen kurzen Besuch mit den Worten: „Aber er würde sich wieder anstrengen und ihn zurück hinaufschieben, und der Schweiß rann von seinen Gliedern herab und der Staub stieg von seinem Haupt auf.“

Slupetzky atmete tief durch. Wer würde nicht Mitleid mit diesem Menschen haben? Wer würde nicht versuchen, ihn zu befreien? „Heutzutage arbeitet der Werktätige sein Leben lang unter gleichen Bedingungen, und sein Schicksal ist genauso absurd“, las er nochmals. Wenn er Odysseus wäre, was würde er tun?

In seinem als „Höhlengleichnis“ bekannten Text aus „Der Staat“ hatte der von Arthur Schopenhauer so genannte „Göttliche Platon“ seinen Lehrer Sokrates eine Geschichte erzählen lassen. Diese handelte davon, wie der erleuchtete Philosoph nach seiner Befreiung von seinen Fesseln erkannte, dass alle Anderen nur Schattenspiele verfolgten, während er selbst bereits das Licht der Sonne erblickt hatte. Nachdem er zu Beginn seiner Befreiung geblendet und verwirrt gewesen wäre, sei er nach seiner Rückkehr in die Höhle den anderen Menschen in der Finsternis sogar gefährlich erschienen. Diese Geschichte der Erleuchtung sei jedoch keine Gewissheit, sondern einzig eine Hoffnung: „Nur Gott mag wissen, ob sie richtig ist.“

„Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen“, begann jede einzelne der 114 Strophen des „Edlen Koran“. Und er endete mit „Die Menschheit“: „Ich nehme Zuflucht beim Herrn der Menschen, dem König der Menschen, dem Gott der Menschen vor dem Übel des Einflüsterers, der entweicht und wiederkehrt, der den Menschen in die Brust einflüstert, sei dieser vom Satan oder den Menschen.“

Slupetzky wurde völlig still. In diesem Sinne war jeder Selbstmordattentäter ein verzweifelter Gotteskämpfer, ein erleuchteter Philosoph, ein mitleidender Odysseus. Minutenlang saß er da und schwieg.

„Wir Christen sind Hoffnungsträger“, kam ihm einer seiner besten Freunde in den Sinn. Worin aber sollte diese Hoffnung bestehen? „Gemeinsam mit den anderen monotheistischen Religionen glauben wir Christen, dass das Universum aus einer Entscheidung der Liebe des Schöpfers hervorgegangen ist“, hatte der Römische Bischof Franziskus anlässlich der Eröffnung der UN-Vollversammlung im Jahr zuvor gesagt. Und diese Entscheidung erlaube dem Menschen, „sich respektvoll der Schöpfung zu bedienen zum Wohl seiner Mitmenschen und zur Ehre des Schöpfers.“

„Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ war die berechtigte Frage der Atheisten. Wenn Odysseus gekonnt hätte, dann hätte er Sisyphos von seinen Qualen befreit. Slupetzky blickte in den Himmel. Inzwischen war es dunkel geworden. Wie hätte er Sisyphos befreit? Was hätte er getan? Was hätte er überhaupt tun können? Wie würde er handeln, wenn er Odysseus wäre? Was tat er jetzt?

Slupetzky schaute lange in die Nacht. Dann begann er ganz leise zu weinen. Albert Camus schied aus dem Leben, nachdem er mit seinem Auto gegen einen Baum gerast war. Danach kam er nie mehr wieder zurück. Wir müssen uns Odysseus als einen traurigen Menschen vorstellen.

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Tag 128

14/Jul/2011

Der gestrige Tag war reich an Neuigkeiten: Deutschland verkauft Patruillienboote an Angola, die Ratingagenturen stufen Griechenland und Irland herab und drohen den USA mit dem Entzug der Bestnote, Rupert Murdoch verliert den Übernahmekampf um BSkyB, ein Nudelsieb wird von den österreichischen Behörden als religiöses Symbol des Fliegenden Spaghettimonsters anerkannt, das frischvermählte Fürstenpaar von Monaco wirkt auf seiner Hochzeitsreise kühl und distanziert, Japan und die USA erreichen das Finale der Frauen-Fußball-WM und der Kampf um die Herrschaft über Europa geht in seine alles entscheidende Phase:

EU-Ratspräsident Herman van Rompuy schlägt vor, am Wochenende einen Sondergipfel zum Thema Finanzkrise abzuhalten. Er ist derjenige, der einen solchen einberufen kann und wird dabei vor allem vom Vereinigten Königreich unterstützt. Als Reaktion lässt die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel verlautbaren, dass sie keinen Anlass für einen solchen Gipfel sähe, während der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy meint, ein Gipfel wäre prinzipiell wünschenswert, aber terminlich am Wochenende nicht zu machen. Wer gewinnt diesen Machtkampf um Europa? Van Rompuy, Merkel oder Sarkozy? Findet der Gipfel am Wochenende, gar nicht oder etwas später statt? In Kürze werden wir wissen, wer der mächtigste Mensch in Europa ist. Ich warte gespannt auf dieses Ergebnis.

Die allerbeste Nachricht kommt heute zum Schluss: Japan steigt aus der Atomkraft aus.

Tag 50

27/Apr/2011

Der Super-GAU von Tschernobyl jährte sich gestern zum fünfundzwanzigsten mal. Angesichts dieses Jahrestages kam es in ganz Europa zu Gedenkkundgebungen und im Anblick der gegenwärtigen Katastrophe von Fukushima zu dringenden Appellen zum Ausstieg aus der Atomkraft. In Syrien geht das Regime gnadenlos gegen die oppostionellen Demonstranten vor, der UN-Sicherheitsrat berät über Sanktionen, konnte sich aber bisher nicht einigen. Und in Österreich einigte man sich gestern über die zweisprachigen Kärntner Ortstafeln.

In China beträgt die Inflation derzeit 5,4 Prozent bei einem Wirtschaftswachstum von knapp 10 Prozent. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat Zweifel an der Kreditwürdigkeit Japans un droht mit dem Entzug der derzeitigen viertbesten Note. Die Produktionsauslastung bei Toyota beträgt zur Zeit nur 50 Prozent, was den Autohersteller wie auch andere japanische Industrieunternehmen über kurz oder lang in massive finanzielle Schwierigkeiten bringen wird.

Wenn ich mir diese Wirtschaftsmeldungen zu Gemüte führe, wird mir fast schlecht. Unser derzeitiger Weg ist nur mit einem weiteren materiellen Wachstum durchzustehen. Alles, aber auch wirklich alles in der derzeitigen Wirtschaftsordung ist auf materiellem „Wachstum“ aufgebaut. Fällt der Fetisch „Wachstum“ weg, dann bricht alles zusammen. „Der Fortschritt vergisst innezuhalten und sich selbst zu hinterfragen“ habe ich vor zwanzig Jahren als Entwicklungshelfer in Ecuador geschrieben. Daran hat sich bis heute nichts geändert, die Geschehnisse haben sich sogar noch dramatisch beschleunigt.

Was wäre, wenn wir alle mal für kurze Zeit Pause machen? So wie es aussieht, werden wir das in Kürze sogar tun müssen. Und dann können wir überlegen, wie es weitergehen soll.

Tag 35

12/Apr/2011

Die japanische Regierung hat heute die die Ereignisse von Fukushima auf der INES-Skala der Internationalen Atomenergiebehörde von 5 auf auf die Höchststufe 7 erhöht. Fukushima ist daher auch offiziell ein „katastrophaler Unfall“ inclusive „schwerster Freisetzung mit Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld“. Das ist der Super-GAU. Der Unfall von Tschernobyl aus dem Jahr 1986 wird von Fukushima an katastrophalen Konsequenzen noch übertroffen werden.

Lassen wir das einfach auf uns wirken und denken wir darüber nach, wie wir alle auf dieser Welt weiter leben wollen. Wohin soll unsere Reise gehen? Was wollen wir wirklich? Welchen Preis sind wir bereit zu zahlen?

Im Propädeutikum haben wir vor Kurzem einen klugen Gedanken gehört: Wer stets Gas gibt und beschleunigt, wird auf Dauer nicht glücklich werden. Um Erfolg zu haben, müssen wir einfach nur einen Gang zurückschalten.

In diesem Sinne ist der heutige Eintrag auch schon wieder vorbei.

Tag 23

31/Mrz/2011

Als ich gestern schlafen gegangen bin, war die Lage in Fukushima die vorletzte Meldung der Mitternachtsnachrichten im Radio. Die Tatsache, dass der Grenzwert der radioaktiven Strahlenbelastung im Meer um mehr als das Dreitausendfache überschritten wurde, ist nur noch eine Nachricht unter vielen. Heute Früh war das gar keine Meldung mehr wert. Statt dessen erfuhr ich, dass ein abgestürzter Polizeihubschrauber im Achensee geortet wurde und ein Mann am Großglockner in eine Gletscherspalte gefallen ist.

Gestern hatten wir Propädeutikum zum Thema „Sucht des Kindes- und Jugendalters“. Und dabei sprachen wir auch darüber, inwiefern unsere Gesellschaft Süchte fördert. Die Atomkraft ist ein gutes Beispiel dafür. Wir alle wollen möglichst ohne Aufwand ein riesiges Ausmaß an erfolgreichen Ergebnissen erzielen. Dafür sind uns fast alle Mittel recht. Die Begleiterescheinungen und Folgeschäden werden nicht thematisiert. Und so sind wir kurzfristig glücklich, wenn wir das Leben und seine mühsamen Regeln wieder einmal ausgetrickst haben.

Wir leben in einer suchtkranken Welt. Unsere Gesellschaft braucht legale und illegale Drogen, Konsum, Energie, Aufmerksamkeit und Reize im Übermaß, um überleben zu können. Wir wollen von allem immer mehr. Die Kosten dafür werden nicht beachtet. Heute wird bekannt, dass das Defizit Österreichs im letzten Jahr in Wahrheit 4,6 Prozent des BIP betrug, der höchste Wert seit 15 Jahren. Es war nur niedriger angegeben worden, weil die staatseigenen Betriebe ausgelagert gewesen sind. Ähnlich der Umgang mit der Atomkatastrophe von Fukushima: Am Montag wurden durch einen Beschluss der EU-Kommission die Grenzwerte für Strahlenbelastung in Lebensmitteln einfach um das 20-fache erhöht. Jetzt können wir wieder Fisch aus Japan importieren.

Wir tricksen uns durch das Leben, nur um nicht zuzugeben, dass wir krank sind. Unsere Gesellschaft ist krank, suchtkrank. Wir steuern auf einen Abgrund zu und beschleunigen dabei immer mehr, um uns nicht konfrontieren zu müssen. Wir brauchen ständig eine Erhöhung der Dosis, weil wir sonst zusammenbrechen würden.

Der Zusammenbruch wird kommen; laut Mayakalender Ende August. Ich habe noch keine Vorstellung, wie er konkret aussehen wird, eine Finanzkrise, eine Energiekrise, eine Wirtschaftskrise, eine Lebensmittelkrise, eine Versorgungskrise oder alles zusammen. Wir werden nach Stoff betteln und es wird kein Stoff mehr da sein. „Kauf dich glücklich“ heisst es seit Neuestem in einer irregeleiteten Radiowerbung eines Handelshauses. Dieser Spuk ist bald vorbei.

Tag 20

28/Mrz/2011

Am gestrigen Sonntag haben in Deutschland zwei Landtagswahlen stattgefunden, die noch am Abend von den Kommentatoren als „historisch“ und „sensationell“ bewertet wurden. In Baden-Württemberg, dem Stammland der CDU, muss die Partei erstmals seit 58 Jahren das Amt des Ministerpräsidenten abgeben. Zum ersten mal wird in Deutschland ein Grüner Ministerpräsident, da die Grünen ihr Ergebnis verdoppeln konnten und nun vor der SPD liegen. In Rheinland-Pfalz, wo die regierende SPD knapp zehn Prozentpunkte verlor, konnten die Grünen ihr Ergebnis – von niedrigem Niveau aus – sogar verdreifachen und ziehen nun ebenfalls in die Regierung ein.

Sensationell fand ich neben dem hervorragenden Abschneiden der Grünen und dem Machtwechsel in Baden-Württemberg vor allem, dass sich alle – Sieger wie Verlierer – einig waren, dass es sich dabei um eine Abstimmung über die Energiewende gehandelt hat. Die Atomkraft in Deutschland ist nicht länger mehrheitsfähig, der massive Umstieg zu erneuerbarer Energieproduktion wird kommen. Das war das eindeutige Votum des gestrigen Tages.

Wenn nun im größten Land Europas die Stimmung so klar in Richtung Nachhaltigkeit geht, dann halte ich das für ein großartiges Zeichen auf dem Weg zum erleuchteten Allbewusstsein, das uns der Mayaklander für die neunte Unterwelt verspricht. Das gestrige Ergebnis ist ein Meilenstein bei der Überwindung des bisher herrschenden materiellen Machtstrebens einiger Weniger hin zu einem konsensorientierten Weg der Ganzheitlichkeit, der von der Basis ausgeht.

Der abgewählte Ministerpräsident Stefan Mappus sprach in einer ersten Reaktion auf das Wahlergebnis von einem „schlechten Tag für Baden-Württemberg“. Das ist genau die Denkweise, die die Eigeninteressen mit den Gesamtinteressen verwechselt. Ähnlich würde wahrscheinlich Muammar al-Gaddafi argumentieren, wenn er gestürzt würde. Gerade dieses Herrschaftsdenken der Wenigen gehört in einer Zeit wie unserer auf den Misthaufen der Geschichte. Gott sei Dank geschieht dieser Prozess der Überwindung der Eigeninteressen in Europa inzwischen auf demokratische Weise.

Zum Ergebnis der beiden deutschen Landtagswahlen passt gut, dass man heute in Japan von einer bereits erfolgten Kernschmelze im Reaktor Fukushima I und davon spricht, dass die dortige atomare Krise noch Jahre andauern wird. Wir haben einen Preis zu zahlen auf dem Weg zur Erleuchtung. Wie hoch dieser Preis letztendlich ist, wird die nahe Zukunft zeigen. Es geht anscheinend um nichts weniger als um das menschliche Leben auf diesem Planeten.

Tag 16

24/Mrz/2011

Worüber soll ich heute schreiben? In Tokio ist das Trinkwasser ausverkauft, in Portugal ist die Regierung zurückgetreten, Libyen wird weiter bombardiert, Ernst Strassers Brüsseler Büro wurde von der Korruptionsbehörde versiegelt und Elizabeth Taylor ist gestorben. Ich beginne mich an all diese Nachrichten zu gewöhnen. Was war das für eine Aufregung, als Griechenland vor der Pleite stand! Jetzt trifft es Portugal und es ist eine Meldung unter vielen. Die Bombardierung Libyens hat ebenso wenig Neuigkeitswert, einzig ein Rücktritt des Revolutionsführers Gaddafi würde hier noch Aufmerksamkeit hervorrufen. Der Wassermangel im Großraum Tokio wird in vielen Nachrichtenseiten überhaupt nicht erwähnt.

Es scheint mir die Qualität der letzten Stufe des Mayakalenders zu sein, dass wir uns im großen Ausmaß an Dinge gewöhnen, die vor Kurzem noch unvorstellbar waren. Ein Euro-Schutzschirm in der Höhe von 700 Miliarden Euro? Ein wirtschaftlicher Schaden durch die japanische Katastrophe in der Höhe von knapp 250 Milliarden Dollar, wie ich kürzlich im Economist las? Die somit größte Naturkatastrophe der Geschichte? Wir stehen vor solchen Meldungen und zucken die Achseln. Die Dimensionen sind uns über den Kopf gewachsen und übersteigen unsere bisherige Vorstellungskraft.

Langsam, aber stetig beginnt sich das Fass zu füllen. Hunderttausende Obdachlose in Haiti? Schon längst vergessen. Bürgerkrieg und Flüchtlingsströme in der Elfenbeinküste? Keiner Rede wert. Die größte Naturkatastrophe Australiens? Wer erinnert sich noch daran? Die Dosis der außergewöhnlichen Geschehnisse wird Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat in einer Intensität erhöht, die vor einiger Zeit noch unvorstellbar war. Die monetären Bewertungen der Ereignisse übersteigen jede bisherige Norm.

Wer kann sich vorstellen, was es heißt, wenn eine Nuklearkatastrophe wie in Japan ein Land trifft, dessen Staatsverschuldung bei knapp 200 Prozent des BIP liegt? Wer kann sich vorstellen, was es heißt, wenn dieses Land die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist? Wer kann sich vorstellen, was es heißt, wenn 35 Millionen Menschen de facto ohne Trinkwasser dastehen? Wer kann sich vorstellen, was es heißt, wenn das Ausmaß des Euro-Rettungsschirms dasjenige dieser japanischen Katastrophe noch um ein Dreifaches übersteigt?

Dagobert Duck, der Uncle Scrooge der Duck-Familie, hat seinen Reichtum einst in Phantastilliarden gezählt. Ähnlich geht es mir im Angesicht der Verhältnisse dieser neuen Welt. Wir gewöhnen uns an immer größere Dimensionen des Herkömmlichen. Dementsprechend gewaltig wird der Zusammenbruch sein.

Tag 11

19/Mrz/2011

Ich hatte gestern gerade meine Stunde bei meinem neuen Psychotherapeuten beendet, als ich folgende SMS bekam: „(Ö3 Newsflash 13:52) Libyen will alle Kampfhandlungen einstellen. Außenminister Moussa Koussa hat in Tripolis eine Waffenruhe angekündigt.“ Ich war begeistert. Kurz zuvor hatte ich noch geschrieben, dass sich aufgrund der Energien des Mayakalenders die Lage in Libyen und Japan entspannen könnte und nun trat diese Entspannung wirklich ein. Während des restlichen Tages musste ich zwar feststellen, dass es mit dieser Waffenruhe nicht weit her war und die libysche Armee weiterhin in Kämpfe gegen die Rebellen verwickelt war, doch insgesamt schien die Lage weniger dramatisch als noch vor einigen Tagen. Den ganzen gestrigen Tag lang war ich aufgrund dieser Neuigkeit mit dem Schicksal versöhnt.

Auch in Fukushima scheint sich das Geschehen zu beruhigen. Seit ein paar Stunden erreichen uns Nachrichten, dass die Stromversorgung in den beschädigten Reaktoren wieder instandgesetzt werden könnte und die Brennstäbe so wieder gekühlt würden. Und somit gibt es wieder Raum für gewöhnlichere Meldungen: In Ägypten findet ein Referendum über eine Verfassungsänderung statt und die deutsche Schirennläuferin Maria Riesch gewinnt aufgrund der Absage der letzten Rennen in der Schweiz den Gesamtweltcup.

Mir selbst geht es auch wieder besser. Nachdem mich die Katastrophe in Japan noch vor einigen Tagen ziemlich gestresst hatte, bin ich nun recht entspannt. Natürlich weiß ich, dass in Japan Hunderttausende Bebenopfer obdachlos sind, hungern und frieren und in Libyen weiterhin Menschen in Kämpfen getötet werden. Aber Alles in Allem bin ich mit der Welt im Einklang. Die Freizeit nach dem gestrigen Nachtdienst hat mir sehr gut getan und in den nächsten beiden Tagen habe ich schamanisches Seminar. Langsam beginne ich mich in der universalen Unterwelt heimisch zu fühlen.

Zehnter Tag

18/Mrz/2011

Gestern kurz vor Mitternacht wurden die Ereignisse in Japan als Spitzenmeldung der Nachrichtenseiten verdrängt. Ich saß gerade im Nachtdienst, als ich erfuhr, dass der UN-Sicherheitsrat soeben eine militärische Sanktion gegen Libyen beschlossen hatte. Diese Resolution erlaubt militärische Mittel zur Durchsetzung eines Flugverbots über Libyen und zum Schutz der Zivilbevölkerung, Bodentruppen sind jedoch explizit ausgeschlossen. 10 Mitglieder des Sicherheitsrates, allen voran Frankreich, UK und die USA stimmten dafür, 5 Länder, namentlich Russland, China, Indien, Südafrika und Deutschland enthielten sich der Stimme. Damit war die notwendige Mehrheit von 9 Zustimmungen ohne Veto gegeben. Überraschend war insbesondere, dass sich Russland und vor allem China der Stimme enthielten und somit auf ihr Veto verzichteten.

In der Praxis heißt das, dass es in Kürze zu Luftschlägen gegen das libysche Militär kommen wird. Frankreich kündigt die ersten Einsätze bereits für heute an, die USA wollen ersten Meldungen zufolge noch ein paar Tage zuwarten. Während die libyschen Aufständischen die Entscheidung noch in der Nacht bejubelten, kündigte Revolutionsführer Gaddhafi Vergeltungsschläge gegen westliche Schiffe im Mittelmeer an. Der libysche Bürgerkrieg ist seit heute ein internationaler Konflikt.

Ich habe mich gefragt, wie ich als österreichischer Botschafter oder Außenminister entschieden hätte. Wenn die Mehrheit festgestanden wäre, hätte ich mich vielleicht ebenso wie Deutschland der Stimme enthalten, um ein wenig Spielraum für zusätzliche Diplomatie zu schaffen. Wenn es hingegen auf meine Stimme angekommen wäre, so hätte ich trotz Neutralität selbstverständlich zugestimmt. Der libysche Bürgerkrieg ist bereits ein Krieg und das Vorgehen der Truppen Gaddhafis ist seit Wochen bekannt und nicht zu tolerieren. Es kann nicht sein, dass Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen, von der Armee mit den brutalsten Mitteln umgebracht werden. Wie vor zwölf Jahren im Kosovo geht es auch heute darum, den Schlächtern Einhalt zu gebieten.

Aus diesem Grund überrascht mich, dass Russland und China auf ihr Veto verzichtet haben. Beide Länder sind nämlich in Konflikte mit ihrem eigenen Volk verwickelt, Russland in Tschetschenien sogar gegen einen Volksaufstand. Auch die Tschetschenen kämpfen so wie die libyschen Revolutionäre für ihre Freiheit und auch sie werden von der herrschenden Regierung brutal unterdrückt. Wir werden sehen, was die Entscheidung von heute Nacht für die innerrussischen Konflikte bedeutet.

Mit dem gestrigen Tag hat die erste Welle der neunten Stufe im Mayakalender ihren Höhepunkt erreicht. Ähnlich wie nach Vollmond flaut nun die Energie für die nächsten 2×9 Tage wieder ab, um danach für 2×9 Tage wieder zuzunehmen. Es kann daher sein, dass sich die Geschehnisse in Japan in den nächsten Tagen beruhigen und es zu einer Lösung der Probleme in Fukushima kommt. Auch in Libyen kann es nach dem gestrigen Höhepunkt zu einer Entspannung kommen. Ich bin mir aber nicht sicher, weil daneben der Tzolkin, der spirituelle Tageskalender der Maya, mit seinen 20 Trecenas (13-Tage-Einheiten) weiterläuft. So fließen bis zum 28. Oktober mehrere Tageswellen ineinander. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Achter Tag

16/Mrz/2011

Achter Tag. Die neunte Stufe des Mayakalenders ist jetzt genau eine Woche alt. Es ist unglaublich, was in dieser Woche geschehen ist. Ich glaube, dass in Japan schon jetzt nichts mehr so sein wird wie zuvor. Japan hat eine lange Tradition in Erdbebenbewältigung, aber diese Katastrophe geht über das Normalmaß noch einen Schritt hinaus. Heute hat sich der Kaiser in einer Fernsehansprache an sein Volk zu Wort gemeldet. Klarerweise versuchte er zu beruhigen.

Was mich irritiert, ist die Tendenz der europäischen Eliten, business as usual zu betreiben. Wir haben die Angewohnheit, uns die Umwälzungen in der Welt quasi erste Reihe fußfrei anzusehen und so zu tun, als beträfe uns das alles gar nicht. Tunesien? Ihr Problem. Ägypten? Schön, aber nicht relevant. Libyen? Schade, aber da kann man nichts machen. Japan? Schrecklich, schrecklich, aber Gott sei Dank sehr weit weg. Die Welt ist kleiner geworden und zusammengerückt, aber im Notfall immer noch groß genug, um sich hinter ihrer Größe zu verstecken.

Christina hat letztens gemeint, wir werden wohl nie wieder Fischstäbchen essen können. Jetzt ist das zwar kein besonders großer Verlust, aber doch eine kleine Änderung unserer Gewohnheiten. Langsam, ganz langsam macht sich der Wandel des globalen Bewusstseins auch bei uns bemerkbar. Ich habe keine Lust, auf weitere Katastrophen zu warten, die endlich auch uns selbst betreffen. Ich weiß aber aus Erfahrung, dass wir uns erst ändern werden, wenn die Konsequenzen des status quo schmerzhafter werden als die Konsequenzen des Wandels.

Die universale Unterwelt wird einen solchen Wandel mit sich bringen, da bin ich mir gewiss. Ich hoffe sogar darauf, dass die Änderungen dramatisch werden, hoffe nur gleichzeitig, dass sie für uns nicht lebensbedrohlich sind. So habe ich heute beispielsweise erfahren, dass die Inflation in Österreich im Februar 3 Prozent überschritten hat. Die Geldentwertung ging bisher schleichend voran, ich erwarte, dass sie in den nächsten Monaten dramatisch ansteigen wird.

Gestern habe ich in der NZZ gelesen, dass Josef Ackermann, Peter Löscher und Martin Winterkorn, die Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, von Siemens und von Volkswagen, allesamt jeweils mehr als neun Millionen Euro im vergangenen Jahr verdient haben, wobei Winterkorn der Spitzenverdiener aller Manager im DAX ist. Der Vorstand des Investmentbankings der Deutschen Bank, das zum Gewinn des Gesamtinstituts drei Viertel beiträgt, verdient sogar mehr als sein Chef. Ich freue mich, wenn sie am Ende dieses Jahres mehr als zehn Millionen Euro verdient haben werden, sich jedoch darum nichts mehr kaufen werden können.

Ich schmunzle leise in mich hinein, wenn ich gestern im Standard lese, dass sich die Anleger aufgrund der Krise in Japan in „sichere Anlagen“ wie US-Staatsanleihen flüchten. „Sichere Anlagen wie US-Staatsanleihen…“ Dieses Kartenhaus wird bald in sich zusammenbrechen und das gesamte kapitalistische System unter sich begraben. Und ich bin mir gewiss, dass ein Zusammenbruch des Kapitalismus, den ich aufgrund des Mayakalenders für Ende August erhoffe, die Richtigen treffen wird. Die Verlierer werden Josef Ackermann, Peter Löscher und Martin Winterkorn sein, auch wenn man uns einzureden versucht, dass eine Krise besonders den „kleinen Mann von der Straße“ treffen wird.

Bullshit. Der kleine Mann von der Straße hat ohnehin nichts zu verlieren. Ich zum Beispiel investiere derzeit mein gesamtes Kapital in meine Bildung und Ausbildung. Was habe ich bei einem Zusammenbruch zu verlieren? Ich nehme an dem Pyramidenspiel schon längst nicht mehr teil. Neun Millionen Euro Verdienst pro Jahr. Diese Zahlen sind einfach nur obszön. Das Geheimnis des Kapitals ist, dass es sich dort anhäuft, wo es sich ohnehin schon vorher akkumuliert hat. Im Kapitalismus werden die Reichen zwangsläufig immer reicher. Wer hat, dem wird gegeben. Es wird Zeit, dass dieses System zusammenbricht. Warten wir’s ab. Und leisten wir unseren Beitrag dazu.