Posts Tagged ‘alexander van der bellen’

Gott sei Dank

05/Dez/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die Nacht. Soeben war ein Sonntag zu Ende gegangen. Es war nicht irgendein Sonntag. Für ihn war es ein Tag von entscheidender Bedeutung. 

In seinem Land hatten Wahlen stattgefunden, Wahlen zum Staatsoberhaupt. Für ihn waren es keine gewöhnlichen Wahlen, für ihn war es eine historische Entscheidung. Sein Land war ein kleines Land, unscheinbar vielleicht. Doch von seinem Land waren die drei grausamsten Kriege der Geschichte ausgegangen und – was für ihn von entscheidender Bedeutung war – die größte Katastrophe der Menschheit, die Vernichtung, der Holocaust, die Shoah.

Nun standen nur noch zwei Kandidaten zur Wahl. Beide teilten seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen, die an Ungerechtigkeit kaum mehr zu überbieten waren. Doch sie gaben völlig gegensätzliche Antworten darauf. Dem Einen war er politisch verbunden, doch das war für ihn nicht entscheidend. Von entscheidender Bedeutung war für ihn der andere Kandidat. Jener bekannte sich, für alle offen sichtbar dazu, den Weg in die Katastrophe noch einmal gehen zu wollen. „Nichts und niemand wird uns aufhalten.“

Slupetzky hatte die Berichterstattung an diesem Abend äußerlich zwar völlig gelassen, innerlich aber mit höchster Spannung verfolgt. Er wusste auch bereits inoffiziell, wie die Wahl ausgegangen war. Doch im Moment, da das Ergebnis verlautbart wurde, traten ihm Tränen in die Augen. Die Entscheidung war gefallen. Sie hatten es geschafft. Sie hatten es endlich geschafft. Die Geschichte durfte weitergehen. Die Geschichte durfte endlich weitergehen. Er war das erste mal in seinem Leben von Herzen stolz auf sein Land. Und er war das erste mal in seinem Leben stolz, ein Mensch zu sein.

Danke, Österreich!

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The Austrian answer to Donald Trump

10/Nov/2016

More than ever.

 

vanderbellen

 

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Ist unsere Welt aus den Fugen geraten?

23/Jul/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den hochsommerlichen Himmel. Er hatte sich von der Welt zurückziehen wollen, doch die sich verdichtenden Schreckensmeldungen der jüngsten Vergangenheit ließen ihn nachdenklich werden.

Neben den politischen Radikalisierungen auf seinem kleinen Planeten hörte er in immer rascherer Abfolge von Terroranschlägen und Amokläufen in seiner nächsten Umgebung. Hatten sich diese einst auf ferne Länder beschränkt, so waren sie in der letzten Zeit immer näher gekommen. Die Welt um ihn herum schien zu verrohen, sich im wahrsten Sinn des Wortes zu brutalisieren.

Die politische Auseinandersetzung spielte sich vordergründig zwischen verschiedenen Gruppen ab, die einander die Schuld an der Gewalt zuschoben, um die Macht der eigenen Gruppe zu stärken. Doch dahinter ging es immer wieder um den Umgang mit der radikalsten menschlichen Grenzerfahrung, mit dem Tod.

Der Mensch war bekanntermaßen das einzige Tier, das sich seiner Sterblichkeit bewusst war. Den eigenen Tod voraussehen zu können, machte ihn erst zum Menschen. Doch so sehr er sich auch bemühte, war es ihm unmöglich, sich seinen eigenen Tod auch vorstellen zu können.

Slupetzky dachte an seinen Großvater, der in hohem Alter friedlich in seinem eigenen Bett gestorben war. Nun war er dagegen mit Bildern konfrontiert, in denen junge Menschen gewaltsam aus dem Leben gerissen wurden. Welche Vorstellung würde sich durchsetzen?

Slupetzky wünschte sich und seinen Liebsten dereinst selbstverständlich einen friedlichen Tod, im Grunde sogar jedem Lebewesen. Sein Großvater durfte sterben, die Ermordeten der jüngsten Vergangenheit mussten es. Doch würde er diesbezüglich irgendetwas beeinflussen können?

Er würde es höchstens dadurch tun können, dass er selbst friedlich blieb. Es galt, gerade auch im Angesicht der Gewalt das friedliche Leben zu kultivieren. Er wollte möglichst in jedem Augenblick dankbar sein, dass er leben durfte. Vielleicht konnten ihm die Nachrichten der letzten Zeit sogar dabei helfen.

Es ging ihm nicht darum, Partei zu ergreifen, indem er jemandem die Schuld an der Gewalt zuschob. Es ging ihm ganz im Gegenteil darum, in den Grenzen des Lebens dankbar zu sein. Es ging ihm um die Kultivierung des Friedens in sich selbst. Dies zu erkennen war für ihn die wahre Herausforderung jener Tage.

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Vor der Entscheidung

25/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den wolkenverhangenen Sonntagabend. An diesem Tag hatten in seinem Land die Wahlen zum Staatsoberhaupt stattgefunden. Von den 6 zur Auswahl stehenden Kandidaten waren 2 übrig geblieben, die in einem Monat nochmals gegeneinander antreten würden.

Nun saß er da und schaute in den Himmel. Was würde er seinen Enkeln erzählen wollen über diese Entscheidung? Für ihn war es das Ende des bestehenden politischen Systems. Im kommenden Monat würde sich entscheiden, wohin sich sein Land, vielleicht sogar sein Kontinent entwickeln würde. Doch wohin würde die Reise gehen?

Ihm kam der verstorbene deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker in den Sinn, der in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Europa gesagt hatte:

„Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder gegen Türken,
gegen Alternative oder gegen Konservative,
gegen Schwarz oder gegen Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“

Wir alle würden völlig neue Lösungen finden müssen, das war klar. Doch wie würden wir sie suchen?

Miteinander oder gegeneinander?

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Demokratie und Freiheit

26/Feb/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den strahlend blauen Himmel. Es war Freitag Nachmittag, der Beginn des neuen Wochenendes.

Er saß da und war dankbar. Er war dankbar und glücklich, in einem freien Land leben zu können, in einem freien Land leben zu dürfen. Das war für ihn keine Selbstverständlichkeit.

In seinem Land standen Wahlen zur Bundespräsidentschaft vor der Türe. Anders als in allen anderen deutschsprachigen Ländern wurde in seinem Land dieses Staatsoberhaupt direkt vom Volk gewählt. Zu dieser Wahl hatten sich 6 Personen gemeldet.

Es waren dies der Sozialdemokrat Rudolf Hundstorfer, der Konservative Andreas Khol, der Nationale Norbert Hofer, der Grüne Alexander van der Bellen, die ehemalige Höchstrichterin Irmgard Griss, der Baumeister Richard Lugner und die Künstlerin El Awadalla.

So hatte er für Alexander van der Bellen eine Unterstützungserklärung zur Kandidatur abgegeben, war ins Personenkomitee für Rudolf Hundstorfer gegangen, hatte Richard Lugner persönlich und Norbert Hofer schriftlich Alles Gute gewünscht, für Irmgard Griss Geld gespendet, dachte an El Awadalla und schloss Andreas Khol in sein Nachmittagsgebet ein.

Er wusste, wen er in der Wahlzelle geheim wählen würde, und jeder Andere würde es auch wissen können. Aber würde ihn irgendjemand überhaupt verstehen können? Er selbst wusste, was er tat. Er wusste es genau.

So saß er da und war dankbar. Und er war glücklich. Er war in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt.

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Was ist Wirtschaft?

27/Jun/2014

Am Vorabend des 100jaehrigen Jahrestags des Attentats von Sarajevo samt „Ultimatum“ der EU samt „Wirtschaftssanktionen“ gegen die Russische Foederation ein kurzer Gedanke:

Was ist Wirtschaft:

Wie viel kostete der Arlbergtunnel?

14 Tote.

Und wie lang ist er?

14 Kilometer.

DAS ist Wirtschaft. Nichts sonst.

Und:

Wie viel kostete der Holocaust?

55 Millionen Tote.

Und wie viele haben ueberlebt?

5 Millionen.

Auch DAS ist Wirtschaft. Nichts sonst.

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2020: Die Vereinigten Staaten von Europa

22/Jun/2013

Am heutigen Samstag haben die Grüne Bildungswerkstatt und die Grüne Europa-Abgeordnete Ulrike Lunacek zum Zukunftskongress Europa mit der Vision der Vereinigten Staaten von Europa eingeladen. (Meine eigene Vorstellung dazu habe ich schon vor langer Zeit formuliert: The United States of Europe.) Heute sprach der deutsche Fraktionsvorsitzende der Grünen, Jürgen Trittin, beim Kongress davon, dass wir uns den Vereinigten Staaten von Europa „asymptotisch annähern“ sollten. Auch wenn ich das defensive Vorgehen deutscher Politiker in dieser Frage grundsätzlich verstehe und nachvollziehen kann, möchte ich dem doch entschieden widersprechen. Eine Asymptote trifft ihr Ziel erst im Unendlichen. So viel Zeit haben wir nicht. Vielmehr sollten wir uns am erfolgreichsten Projekt der Kennedy-Administration ein Beispiel nehmen:

Das erfolgreichste Projekt von John F. Kennedy als US-Präsident war selbstverständlich weder die Invasion in der Schweinebucht, noch der Krieg in Viet Nam, sondern die Mondlandung. Nach dem „Sputnik-Schock“ versuchte John F. Kennedy den Gegenschlag gegen die damals in der Raumfahrt und im Weltraum dominierende Sowjetunion, indem er vorgab: „Bis 1970 ist ein US-Amerikaner auf dem Mond!“ – womit er nebenbei durch diese Einführung des „Countdown“ bis hin zu einem Zeitpunkt 0 in der Zukunft das weltweite Projektmanagement revolutionierte.

Nehmen wir uns an John Fitzgerald Kennedy ein Beispiel:
„Bis 2020 haben wir Die Vereinigten Staaten von Europa!“

Ick bin ein Europäer!

zukunftskongress europa 20.06.2013

 

The United States of Europe:

use

 

The Anthem of The United States of Europe:

Lieber Alexander van der Bellen!

21/Nov/2010

Lieber Alexander van der Bellen!

Nachdem ich mehr als 15 Jahre lang treuer Wähler Deiner Partei gewesen war, ging ich am 14. Juli 2004, dem 215. Jahrestag der französichen Revolution, in die Lindengasse und ließ mich als Mitglied der Wiener Grünen aufnehmen. Ich habe bei Christoph Chorherr studiert, Sigrid Pilz im Rahmen des Wiener Psychiatrieskandals außerordentlich schätzen gelernt, David Ellensohn als Freund gewonnen und mich in Eva Glawischnig verliebt. Doch gewählt habe ich die Grünen fast nur wegen Dir. Am Höhepunkt dieser Beziehung kandidierte ich im Herbst 2008 auf der Reststimmenliste der Wiener Grünen für den Nationalrat.

Zwei Jahre später bin ich nun im Winter dieses Jahres wegen unüberbrückbarer Differenzen mit dem Landesvorstand, insbesondere wegen meines Blog-Eintrags „Der Antisemitismus“, aus der Partei ausgetreten. Ungefähr zu der Zeit, als Du Deinen Vorzugsstimmenwahlkampf für den Wiener Gemeinderat aufnahmst, begann ich mich daher nach wählbaren Alternativen umzusehen. Ich schwankte lange zwischen KPÖ und Liberalem Forum, als mich die beiden grandiosen Auftritte von Mary Vassilakou im österreichischen Privatfernsehen überzeugten, abermals Grün zu wählen.

Genauso wie Du war ich immer schon ein Anhänger von Rot-Grün nach der Landtagswahl. Ich gab daher meine beiden Vorzugsstimmen Armin Soyka und Dir, denn Du versprachst, im Falle eines Wahlsieges in den Gemeinderat zu wechseln. Nach der Wahl erfolgte Deine diesbezügliche Einschränkung auf Rot-Grün. Jetzt haben wir Rot-Grün und Du bist nicht nach Wien gewechselt, obwohl Du das bemerkenswerteste Wahlergebnis seit Josef Cap einfahren konntest. Anstatt wie versprochen zu wechseln, bleibst Du im Nationalrat.

Jetzt hoffst Du in Deinen Rechtfertigungen dafür auf das Verständnis Deiner Wähler. Ich bin Dein Wähler und ich habe kein Verständnis dafür. Gemeinsam mit Johannes Voggenhuber halte ich es dagegen für eine respektlose Mißachtung des Wählerwillens. Da hilft es nichts, dass nun aufgrund Deines Verzichts der sympathische, hochanständige und ehrliche Senol Akkilic statt Dir in den Gemeinderat einzieht. Sympathisch, hochanständig und ehrlich: Dein Verhalten war das Gegenteil davon.

Indem Du auf Deinem Nationalratssessel kleben bleibst, trittst Du die Grundsätze der Demokratie mit Füßen und verletzt mich dabei auch persönlich. Du hast mich belogen, betrogen und getäuscht. Ich kann daher nicht anders, als Dich mit allem Nachdruck zu ersuchen, Dein Nationalratsmandat mit sofortiger Wirkung zurückzulegen.

Lieber Alexander van der Bellen, bitte tritt zurück!

Mit lieben Grüßen

Peter Wurm

Die grüne Katastrophe

08/Jun/2009

In allen österreichischen Internet-Foren beschäftigen sich grüne Sympathisanten mit der gestrigen Niederlage. Eine inhaltlich wunderbare Analyse liefert wieder einmal der von mir sehr geschätzte Christoph Chorherr in seinem Blog. Ich habe ihm verzweifelt geantwortet:

Lieber Christoph,

es ist ermutigend, wie klar Du die gestrige Niederlage siehst. Es ist erschütternd, wie alleine Du damit in der grünen Partei bist, wenn ich die offiziellen Kommentare von Glawischnig, Sburny, Lunacek und Vassilakou höre und lese.

Ich selbst bin – wie Du weisst – Mitglied der Wiener Grünen und habe gestern in meiner tiefen Verzweiflung erstmals nicht mehr grün gewählt, sondern die Liste Hans-Peter Martin. Wenn es HPM nicht gegeben hätte, dann wäre es noch verzweifelter die KPÖ geworden, obwohl ich dezidiert kein dialektischer Materialist bin.

Ich bin völlig verzweifelt über die derzeitige Situation der österreichischen Grünen. Die Uneinsichtigkeit der Führungsriege ist erschütternd. Die österreichischen Grünen sind – anders als die deutschen oder französischen – anscheinend überhaupt nicht in der Lage, eine positive Vision unserer gemeinsamen Ideen zu entwerfen und danach zu kommunizieren. Die Katastrophe dabei ist, dass sich die österreichischen Grünen in einer Negation festgebissen haben, aus der es anscheinend kein Entrinnen gibt: Es ist das selbsternannte so genannte BOLLWERK GEGEN RECHTS.

Ich halte dieses Selbstverständnis für katastrophal und darüberhinaus lächerlich. Wer nicht einmal in der Lage ist, zehn Prozent von 42 Prozent der wahlberechtigten Bürger zu erreichen, der hat nie und nimmer einen Anspruch, irgendein Bollwerk zu sein. Wenn schon, dann waren gestern Hans Peter Martin und Othmar Karas ein Bollwerk gegen rechts, aber nie und nimmer das armselige Häufchen derjenigen Grünen, die – wenn ich allen österreichischen Internet-Foren glauben darf – in überwiegendem Ausmaß nur noch mit Bauchweh und aus Verzweiflung grün gewählt haben.

Politik heisst, Menschen für seine Ideen zu begeistern. Die heutigen Grünen sind Lichtjahre davon entfernt, auch nur irgendjemanden zu begeistern. Denn begeistern kann man Menschen nur FÜR etwas, so wie es allem Anschein nach Daniel Cohn-Bendit in Frankreich gelungen ist.

Die österreichischen Grünen (Glawischnig, Sburny, Lunacek und Vassilakou) verstehen sich dagegen als Vereinigung GEGEN irgendetwas. Doch GEGEN etwas kann man Menschen niemals begeistern, sondern nur instrumentalisieren. Die heutigen österreichischen Grünen instrumentalisieren ihre Anhänger GEGEN etwas (und sei die Idee dahinter noch so hehr und vernünftig), anstatt sie FÜR etwas zu begeistern.

Es gibt ganz wenige in der heutigen grünen Partei, denen ich gerne zuhöre, wenn sie mich von etwas begeistern wollen. Du bist einer davon. Doch diese Spezies scheint in dieser Partei im Aussterben begriffen zu sein. Und langsam, aber sicher stirbt die gesamte Partei und die grüne Idee mit ihr mit.

Die Umkehr dieses eingeschlagenen Irrweges kann anscheinend nur durch eine riesige Katastrophe bewirkt werden. Augenscheinlich war das gestrige Ergebnis nicht katastrophal genug. Ich bin erschüttert, traurig und verstört.

Liebe Sigrid Pilz,

05/Feb/2009

ich kenne Sie als offene, engagierte, fröhliche, warmherzige und kompetente Mandatarin der Grünen. Ich bin daher glücklich und dankbar, dass es Sie in prominenter Position bei den Grünen gibt. Deswegen reizt mich ihr heutiger Kommentar im Standard zu einem Widerspruch:

Es geht nicht um Johannes Voggenhuber. Es geht um die Frage, WOFÜR die Grünen stehen. Der erweiterte Bundesvorstand hat entschieden, WOGEGEN er steht: Gegen eine Kandidatur Johannes Voggenhubers auf der Kandidatenliste zum Europaparlament. Ihr Kommentar verteidigt diese Position, bleibt daher defensiv und ist somit zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

Ihr heutiger Kommentar hat mich im privaten Gespräch zur Aussage bewogen: „Sie kapieren’s nicht.“ Die Spitze der Grünen scheint nicht zu verstehen, worum es in dieser Diskussion geht. Auch Sie scheinen nicht zu erkennen, worum es hier grundsätzlich geht.

Es geht nicht darum, dass „Voggenhuber und seine Unterstützer ihren Sympathisanten offenbar Klarstellungen schuldig geblieben sind.“ Es geht nicht um den „Versuch, sich – ohne von der Basis gewählt zu sein – mit einer Kampfkandidatur gegen gewählte Spitzenkandidatinnen und die neue Parteiführung in Stellung zu bringen und damit den kommenden Wahlkampf zu einer Konfliktpartie unter Grünen zu machen.“ Es geht auch nicht darum, dass „Voggenhuber sich öffentlich als Opfer einer Intrige darstellt und damit grüne Freunde quer durchs Land und durch die internen Parteiströmungen in Geiselhaft genommen hat.“ Und es geht nicht darum, dass „die populistische Umdeutung des Vorgefallenen in sein Gegenteil allerdings eine kommunikative Meisterleistung des EU-Parlamentariers ist.“

Sie stellen sich und damit den EBV in guter psychologischer Tradition dieses Landes als Opfer Johannes Voggenhubers dar. Das ist zu wenig. Es offenbart nur die auch bei den Grünen gepflegte Strategie des Aufbaus von Feindbildern, durch deren mutige Bekämpfung erst Gemeinsamkeit geschaffen wird. Der gemeinsame Feind ist immer ein ausgezeichnetes Identifikationspotenzial. Politik funktioniert seit Jahrtausenden mit diesem Instrument. Die Grünen stehen – leider – voll und ganz in dieser gesellschaftlichen Tradition. Jetzt hat das gemeinsame Feindbild die eigene Partei erreicht.

Ich halte diese Krise für eine einmalige Chance, genau diesen zerstörerischen Grundsatz bei uns endlich zu überwinden. Es wird nicht leicht, denn viele Grüne sind tief in der Tradition des gemeinsamen Feindes verhaftet. Doch gerade die rasante Entwicklung im Fall Voggenhuber hat deutlich gemacht, wohin die Identifikation durch den gemeinsamen Feind stets führt: Zu Konflikt, Krieg und letztendlich Vernichtung.

Nehmen wir diese Krise als Chance zu formulieren, WOFÜR wir Grüne stehen. Nehmen wir diese Krise als Chance, möglichst viele Menschen FÜR unsere Ideen zu begeistern. Notwendig dafür ist es, dass wir alle – von der Parteispitze bis zur Basis der Wählerschaft – formulieren, was wir gemeinsam wollen. Was wollen wir? Nicht: Was wollen wir nicht? Was wollen wir? Was wollen wir gemeinsam?

Ich bin skeptisch, ob ich solch einen Schritt der jetzigen Parteispitze zutraue. Doch ich lasse mich gerne überraschen. Barack Obama zeigt uns täglich vor, wie es geht. Es geht nur mit Vertrauen und Respekt. Dieses Vertrauen und diesen Respekt lässt die jetzige Parteispitze schmerzlich vermissen. Doch jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Und dieser Schritt geht nur gemeinsam. Es geht um die Integration aller Grünen und grünen Sympathisanten. Und wenn ich die Entwicklungen der letzten Zeit richtig verstanden habe, dann kann es als ersten Schritt nur eine Entscheidung geben: Johannes Voggenhuber kandidiert.

Liebe Grüße

Peter Wurm