Gott sei Dank

05/Dez/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in die Nacht. Soeben war ein Sonntag zu Ende gegangen. Es war nicht irgendein Sonntag. Für ihn war es ein Tag von entscheidender Bedeutung. 

In seinem Land hatten Wahlen stattgefunden, Wahlen zum Staatsoberhaupt. Für ihn waren es keine gewöhnlichen Wahlen, für ihn war es eine historische Entscheidung. Sein Land war ein kleines Land, unscheinbar vielleicht. Doch von seinem Land waren die drei grausamsten Kriege der Geschichte ausgegangen und – was für ihn von entscheidender Bedeutung war – die größte Katastrophe der Menschheit, die Vernichtung, der Holocaust, die Shoah.

Nun standen nur noch zwei Kandidaten zur Wahl. Beide teilten seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen, die an Ungerechtigkeit kaum mehr zu überbieten waren. Doch sie gaben völlig gegensätzliche Antworten darauf. Dem Einen war er politisch verbunden, doch das war für ihn nicht entscheidend. Von entscheidender Bedeutung war für ihn der andere Kandidat. Jener bekannte sich, für alle offen sichtbar dazu, den Weg in die Katastrophe noch einmal gehen zu wollen. „Nichts und niemand wird uns aufhalten.“

Slupetzky hatte die Berichterstattung an diesem Abend äußerlich zwar völlig gelassen, innerlich aber mit höchster Spannung verfolgt. Er wusste auch bereits inoffiziell, wie die Wahl ausgegangen war. Doch im Moment, da das Ergebnis verlautbart wurde, traten ihm Tränen in die Augen. Die Entscheidung war gefallen. Sie hatten es geschafft. Sie hatten es endlich geschafft. Die Geschichte durfte weitergehen. Die Geschichte durfte endlich weitergehen. Er war das erste mal in seinem Leben von Herzen stolz auf sein Land. Und er war das erste mal in seinem Leben stolz, ein Mensch zu sein.

Danke, Österreich!

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3 Antworten to “Gott sei Dank”

  1. Verena Arnulf Says:

    welche 3 Kriege waren es?

  2. Eveline Riedling Says:

    Ja Peter, wieder einmal einer Deiner schönen sensiblen Texte. LG Eveline


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