Die sinnlosen Selbstmordattentate

26/Jul/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den blauen Abendhimmel. Anlässlich der wahrhaft sinnlosen Mord- und Selbstmordanschläge in seiner Zeit war ihm wieder die tragischste Figur der Sinnlosigkeit, Homers Sisyphos in den Sinn gekommen. Diesen hatte Albert Camus in seinem „Mythos von Sisyphos“ bezeichnenderweise den „Helden des Absurden“ genannt.

Der Verbrecher Sisyphos, gleichzeitig „der weiseste und klügste unter den Sterblichen“ war von den Göttern aufgrund „einer gewissen Leichtfertigkeit“ im Umgang mit ihnen dazu verurteilt worden, „unablässig einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein von selbst wieder hinunterrollte.“ Diese tragische Figur aus Homers „Odyssee“ hatte Camus abschließend dennoch „dank seiner Leidenschaften und seiner Qual“ als glücklichen Menschen bezeichnet: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

„Heutzutage arbeitet der Werktätige sein Leben lang unter gleichen Bedingungen, und sein Schicksal ist genauso absurd“, hatte Camus 1942 geschrieben. Nicht nur wälzte jeder Einzelne seinen Stein immer wieder sinnlos den Berg hinauf, sondern er sah auch alle Anderen dasselbe tun. Alle waren „Helden des Absurden“ geworden.

Doch worin bestanden „die gewaltigen Qualen“, von denen Homer berichtet hatte? „Fluch und Seligkeit“ hatte Camus sie genannt. Sisyphos, dieser „ewige Rebell“ wusste, was er tat. Und er tat es nicht zum Spaß. Er war von den Göttern dazu verurteilt worden. Slupetzky seufzte. Nur aus diesem Blickwinkel war der Nihilismus der Selbstmordattentäter überhaupt zu verstehen. „Dieser Mythos ist tragisch, weil sein Held bewusst ist“, hatte Camus geschrieben. Die Tragödie bestand darin, dass sich die Mörder der Sinnlosigkeit bewusst waren. Sie wussten, was sie taten.

Slupetzky wurde nachdenklich. Wenn Sisyphos wusste, dass es ihm niemals gelungen war, dann musste er auch ahnen, dass es ihm niemals gelingen würde. Warum versuchte er es trotzdem? „Der Gipfel des Wahnsinns ist es, auf Veränderung zu hoffen, ohne etwas zu verändern“, hatte Albert Einstein gemeint. Slupetzky erschrak. Sisyphos war offensichtlich wahnsinnig. Doch waren die Morde nun Teil des Wahnsinns oder ein verzweifelter Versuch, den Wahnsinn zu beenden?

„Ach, und ich sah Sisyphos in gewaltigen Qualen, als er versuchte, einen riesigen Stein mit den Händen zu heben“, begann Homer die Geschichte mit den Augen des Odysseus zu erzählen. Und er beendete diesen kurzen Besuch mit den Worten: „Aber er würde sich wieder anstrengen und ihn zurück hinaufschieben, und der Schweiß rann von seinen Gliedern herab und der Staub stieg von seinem Haupt auf.“

Slupetzky atmete tief durch. Wer würde nicht Mitleid mit diesem Menschen haben? Wer würde nicht versuchen, ihn zu befreien? „Heutzutage arbeitet der Werktätige sein Leben lang unter gleichen Bedingungen, und sein Schicksal ist genauso absurd“, las er nochmals. Wenn er Odysseus wäre, was würde er tun?

In seinem als „Höhlengleichnis“ bekannten Text aus „Der Staat“ hatte der von Arthur Schopenhauer so genannte „Göttliche Platon“ seinen Lehrer Sokrates eine Geschichte erzählen lassen. Diese handelte davon, wie der erleuchtete Philosoph nach seiner Befreiung von seinen Fesseln erkannte, dass alle Anderen nur Schattenspiele verfolgten, während er selbst bereits das Licht der Sonne erblickt hatte. Nachdem er zu Beginn seiner Befreiung geblendet und verwirrt gewesen wäre, sei er nach seiner Rückkehr in die Höhle den anderen Menschen in der Finsternis sogar gefährlich erschienen. Diese Geschichte der Erleuchtung sei jedoch keine Gewissheit, sondern einzig eine Hoffnung: „Nur Gott mag wissen, ob sie richtig ist.“

„Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen“, begann jede einzelne der 114 Strophen des „Edlen Koran“. Und er endete mit „Die Menschheit“: „Ich nehme Zuflucht beim Herrn der Menschen, dem König der Menschen, dem Gott der Menschen vor dem Übel des Einflüsterers, der entweicht und wiederkehrt, der den Menschen in die Brust einflüstert, sei dieser vom Satan oder den Menschen.“

Slupetzky wurde völlig still. In diesem Sinne war jeder Selbstmordattentäter ein verzweifelter Gotteskämpfer, ein erleuchteter Philosoph, ein mitleidender Odysseus. Minutenlang saß er da und schwieg.

„Wir Christen sind Hoffnungsträger“, kam ihm einer seiner besten Freunde in den Sinn. Worin aber sollte diese Hoffnung bestehen? „Gemeinsam mit den anderen monotheistischen Religionen glauben wir Christen, dass das Universum aus einer Entscheidung der Liebe des Schöpfers hervorgegangen ist“, hatte der Römische Bischof Franziskus anlässlich der Eröffnung der UN-Vollversammlung im Jahr zuvor gesagt. Und diese Entscheidung erlaube dem Menschen, „sich respektvoll der Schöpfung zu bedienen zum Wohl seiner Mitmenschen und zur Ehre des Schöpfers.“

„Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ war die berechtigte Frage der Atheisten. Wenn Odysseus gekonnt hätte, dann hätte er Sisyphos von seinen Qualen befreit. Slupetzky blickte in den Himmel. Inzwischen war es dunkel geworden. Wie hätte er Sisyphos befreit? Was hätte er getan? Was hätte er überhaupt tun können? Wie würde er handeln, wenn er Odysseus wäre? Was tat er jetzt?

Slupetzky schaute lange in die Nacht. Dann begann er ganz leise zu weinen. Albert Camus schied aus dem Leben, nachdem er mit seinem Auto gegen einen Baum gerast war. Danach kam er nie mehr wieder zurück. Wir müssen uns Odysseus als einen traurigen Menschen vorstellen.

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Eine Antwort to “Die sinnlosen Selbstmordattentate”

  1. Eveline Riedling Says:

    Gut, dass sich Slupetzky nicht zurückgezogen hat.
    LG Eveline


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