Verzaubert

17/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den ruhig gewordenen Sonntag Abend. Das ganze Wochenende lang hatte er nicht aufgehört, an sie zu denken.

Er hatte sie am Freitag Abend bei der Rückfahrt nach Wien im Zug kennengelernt gehabt und war vom ersten Moment an verzaubert gewesen. Es war nicht nur ihre Schönheit und Klugheit, es war ihre unglaubliche Herzlichkeit und ihr strahlendes Lachen. Er fand ihr ganzes Wesen unendlich liebenswert. Doch als sie sich voneinander verabschiedet hatten, kannte er nicht einmal ihren Namen. Er hatte es einfach nicht geschafft, sie danach zu fragen. Er machte offensichtlich lauter Fehler. Er brachte kein vernünftiges Wort über die Lippen. Er war wie ein verschüchtertes kleines Kind. Er war verzaubert.

Zu Hause angekommen, wurde er traurig. Er hatte auf allen Linien versagt. Doch sie hatte ihm erzählt, bei welcher Veranstaltung sie an diesem Abend arbeiten würde. Und er wusste, dass sie Rosen liebte. Wo würde es welche geben, so spät am Abend? Er fuhr von Bahnhof zu Bahnhof und ging von Tankstelle zu Tankstelle. Nirgends gab es mehr Blumen. Wo gab es Rosenverkäufer? Als er zum Naschmarkt kam, entdeckte er in einem Lokal einen Strauß weißer Rosen. Der am Tisch sitzende Mann hatte sie anscheinend seiner Frau geschenkt. Er fasste sich ein Herz und ging hinein.

„Gnädige Frau, ich habe eine Bitte.“ stammelte er. „Ich brauche eine weiße Rose.“ Sie sah ihn an. „Für eine Dame?“ „Ja.“ antwortete er mit zittriger Stimme. Sie griff zum Strauß, nahm eine Rose und reichte sie ihm lächelnd. „Ich danke Ihnen.“ verabschiedete er sich schnell.

Er ging nach Hause, um eine Visitenkarte zu holen. Er wusste ja gar nicht, ob er sie sehen würde können. Was sollte er auf seine Karte schreiben? Er kannte ja nicht einmal ihren Namen. Also schrieb er nichts. Was hätte er schreiben sollen? Er ging, um sie zu suchen. Als er sie fand, war er aufgeregt wie nie zuvor. „Ich habe vergessen, Dich nach Deinem Namen zu fragen.“ stammelte es aus ihm heraus. Da war es wieder, ihr strahlendes Lachen. Er überreichte ihr die Rose und die kleine Karte. Dann drehte er um und ging davon. Was hätte er sagen können?

Es gab einen einzigen Satz, den er ihr sagen wollte. Es gab einen einzigen Satz, den er geschrieben hätte. Es gab einen einzigen Satz, an den er dachte. Es gab einen einzigen Satz. Doch er hatte es einfach nicht geschafft, ihn ihr zu sagen. Er machte offensichtlich lauter Fehler. Er brachte kein vernünftiges Wort über die Lippen. Er war wie ein verschüchtertes kleines Kind. Er war verzaubert.

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