Der Chef

06/Apr/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den mitternächtlichen Himmel. Draußen war alles dunkel, nur herinnen brannte seine kleine Schreibtischlampe und erleuchtete schwach seinen Arbeitsplatz.

Er war glücklich. Gerade war er von einem Treffen mit seiner Freundin, der Gutsbesitzerin zurückgekommen. Dabei hatte er ihr auch von seiner Arbeit erzählt und von seinem Problem mit seiner Gegenspielerin. Seine Gegenspielerin war wie so viele andere auch eine machtbewusste Frau. Er selbst hingegen war sich eher seiner Ohnmacht bewusst. Diese Kombination schmerzte ihn immer wieder aufs Neue.

Am Nachmittag hatte er daher mit seinem Chef gesprochen und mit ihm einen Termin für den übernächsten Tag vereinbart. Sein Chef war nicht eigentlich sein Chef, denn der Chef des Chefs des Chefs seines Chefs war sein Stellvertreter in diesem nach Zahlen größten Unternehmen der Welt. Insofern war er mehr oder weniger sein eigener Chef.

Slupetzky besaß genau die Hälfte der Anteile dieses Unternehmens, daneben noch bestimmenden Einfluss auf die zwei größten Mitbewerber in diesem Oligopol, doch er konnte niemanden entlassen und auch sonst nichts entscheiden, da man für jede Entscheidung die absolute Mehrheit brauchte. So versuchte er immer wieder, Verbündete für seine Vorhaben zu finden, in diesem Falle die seines Chefs.

Er mochte seinen Chef sehr, denn dieser war einfühlsam und mit Humor gesegnet, darüber hinaus einer der ganz Wenigen in seiner Firma, der sowohl etwas von Gott, als auch vom Fußball verstand. Seine Gegenspielerin hingegen verstand von Beidem nichts. Diese Tatsache machte ihm oft das Leben zur Hölle.

Seine Freundin, die Gutsbesitzerin hatte ihn gefragt, warum ihn seine Gegenspielerin so irritieren würde, schließlich wäre sie ja nur eine von Vielen und ihm nicht nahe stehend. Genau dies wäre ja das Problem, dachte Slupetzky bei sich. Machtbewusste Menschen, die nichts von Gott und Fußball verstehen, derer gab es so viele. Er sehnte jenen Tag herbei, an dem die Eigentümerin der anderen Hälfte seiner Firma endlich in Erscheinung treten würde. Irgendwann würde es so weit sein.

So lehnte er sich zurück und nahm einen Schluck Tee. Als er ausgetrunken hatte, ging er in die Küche, wusch die Teetasse ab und ging schlafen. Er war glücklich. Irgendwann würde es so weit sein.

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