Geld oder Leben

02/Jan/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den blauen Nachmittagshimmel. Gerade hatte er mit einem Kollegen telefoniert und sich für die kommende Woche zu einem Termin verabredet.

Sie hatten über Geld gesprochen und sein Kollege hatte ihn gefragt, wo er nun arbeiten würde. Er antwortete, dass er seit dem letzten Jahr für eine kleine Firma tätig war, die jedoch durch eine komplexe internationale Konstruktion im Eigentum des nach Zahlen größten Unternehmens der Welt stand. Er war somit ein winzig kleines Rädchen in einem unglaublich großen Gefüge. Doch er liebte seine Arbeit. Und sie war ihm wichtig.

Daneben ging er weiterhin seiner Arbeit als Bildender Künstler nach, der Malerei, der Bildhauerei und dem Aktionismus. Er verdiente nicht viel, aber ausreichend, um sich einen Lebensstandard leisten zu können, der ihm behaglich war. Er erinnerte sich mit Freude an die sonntäglichen Spaziergänge mit seinem Vater in der Innenstadt in seiner Kindheit. Sein Vater, der schon eine Generation vor ihm Betriebswirtschaft studiert hatte, betrachtete lange gemeinsam mit ihm mit Genuss die Auslagen der geschlossenen Geschäfte, schaute ihn an und meinte lächelnd zu ihm, Sokrates zitierend: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf.“

Slupetzky bedurfte inzwischen fast gar nichts mehr. In den letzten Jahren hatte er fast seine gesamte Habe verschenkt, seine Möbel, seine Kleidung, seine Bücher, sein Geschirr und seine Kunstwerke. Er war überzeugt davon, dass sein ganzes Hab und Gut letztendlich in einen Koffer passen müsste, und wenn er nun für seine Firma auf Reisen war, blieb fast nichts mehr in seiner Wohnung zurück. „Nicht, wer wenig hat, sondern, wer viel wünscht, ist arm.“

„Haben oder Sein“. Zu diesem Buch von Erich Fromm hatte er die Mutter seiner Kinder kennengelernt. Er hatte Seminare zur „Einführung in die Volkswirtschaftslehre“ an der Wiener Wirtschaftsuniversität gehalten, bei denen seine spätere Frau seine Studentin gewesen war, und Erich Fromm gegen jede Norm das Thema der ersten Stunde. Ohne diese Grundlage war sein ganzes Leben nicht zu verstehen. Er wollte nichts „haben“. Er wollte bloß „sein“. Radikal und ohne Kompromisse. Und er war bereit, jeden Preis dafür zu zahlen.

Er war zu jener Zeit bereits Millionär gewesen. Er hatte in kürzester Zeit Unsummen verdient gehabt, doch er sah, dass ihm Geld überhaupt keine Sicherheit gab. Und er hatte bereits in Lateinamerika gearbeitet, wo er ein Leben kennengelernt hatte, das er liebte, ein Leben im Moment, voller Fröhlichkeit und Herzlichkeit, spontan und ohne große Pläne, vollkommen unvernünftig, verrückt von der Norm. „Ihr Europäer lebt, um zu arbeiten, wir aber arbeiten, um zu leben.“

Wozu waren wir auf der Welt? Was wollten wir wirklich? Slupetzky lächelte. Nun war sie in sein Leben getreten. Sie war gänzlich anders als er, ihm scheinbar kontradiktorisch entgegengesetzt. Sie wollte alles. Er wollte nichts. Er wollte sie nicht haben. Und er brauchte sie nicht. Aber er konnte sie lieben. Bei ihr konnte er sein. Und er konnte sie sein lassen, ihr Leben im Moment, voller Fröhlichkeit und Herzlichkeit, spontan und ohne große Pläne, vollkommen unvernünftig, verrückt von der Norm.

Er liebte. Er liebte sie. Das stand völlig außer Zweifel.

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