Neujahr in Wien

01/Jan/2016

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den morgendlichen Himmel. Es war Neujahr, das Fest der Beschneidung des Herrn, am Tag nach Silvester, genau eine Woche nach Weihnachten.

In der Nacht war er hier gesessen und hatte die Feuerwerkskörper gesehen, wie sie am Himmel explodierten. Er war gemeinsam mit Freunden auf einem Fest gewesen, jedoch schon vor Mitternacht nach Hause gegangen, um alleine zu sein. Er wollte allein sein, All-Eins mit sich und der Welt.

Er hatte an die vielen Silvesternächte gedacht, die er schon erlebt hatte. Er dachte an jene vor knapp zwei Jahrzehnten, die er gemeinsam mit seiner Ersten Frau in der steirischen Ramsau am Dachstein verbracht hatte. Da hatten sie beschlossen, im darauf folgenden Jahr zu heiraten, und dies im Geheimen, in Italien, in der toskanischen Versiglia, wo er zu jener Zeit die Steinbildhauerei betrieb. Sie waren danach lange über die tief verschneite Ebene spaziert, er hatte in den sternenklaren Himmel geblickt und leise gerufen: „Kinder, jetzt könnt Ihr kommen!“ Zwei Wochen später war seine Tochter inkarniert, ein Jahr später sein Sohn.

Er dachte auch an jene Silvesternacht vor knapp einem Jahrzehnt, in der er genau hier, unter seinem Dachfenster, sein Buch „Schneeflocke“ schrieb, sein kleines Büchlein „Zen in der Kunst, einer Schneeflocke beim Schmelzen zuzuschauen“, das erste, das er veröffentlichen würde. Kurz darauf hatte er seine Zweite Frau kennengelernt und im nächsten Jahr geheiratet.

Jene beiden Silvesternächte kamen ihm in den Sinn, als er hier zu Mitternacht mit sich alleine war. Frauen wollten sehr unterschiedlich geliebt werden, das war seine Erfahrung. Und sie konnten sehr unterschiedlich lieben. Nun war er mit ihr zusammengekommen, knapp eine Woche zuvor. Wie wollte sie geliebt werden? Wie konnte sie lieben?

Er brauchte sich nicht zu fragen. Er wusste es bereits. Er war mit ihr schon alleine gewesen. Er würde mit ihr alleine bleiben wollen. Und er würde sie alleine lassen können. Bedingungslos und ohne Fragen. Sie würden beide alleine bleiben. Radikal und kompromisslos. All-Eins.

Slupetzky blickte aus seinem Dachfenster auf die alten Dächer vor ihm. Lange saß er da und schaute hinaus. Dann begann es leicht zu schneien, zum ersten Mal in diesem Winter, zum ersten Mal in diesem Jahr. Und er verspürte eine tiefe Dankbarkeit.

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