Morgendliche Musik

31/Dez/2015

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den morgendlich blauen Himmel. Gerade war er aufgestanden und hatte sich Musik aufgelegt, um den Tag zu beginnen.

Er hatte sich schon lange abgewöhnt, in der Früh das Radio aufzudrehen. Er war im wahrsten Sinne nicht interessiert daran, was ihm da entgegenströmte. Gerade weil er ein hochpolitischer Mensch war, ließ er die Politik am Morgen vor der Türe. Selbst untertags, wenn ihm irgendein Politiker seine Parolen ins Mikrofon kläffte, dachte er höflich, aber bestimmt zurück: „Das kannst Du gerne sagen, aber nicht hier in meinem Wohnzimmer.“ Dann drehte er die Nachrichten wieder ab.

So kam an diesem Morgen, wie sonst auch, nur Musik infrage. Wen wollte er zu sich in die Wohnung einladen? Es müsste einer der Alten Meister sein, das war gewiss, ein sogenannter Klassiker oder Romantiker, wie sie alle gemeinhin bezeichnet wurden.

Bach war ihm jetzt zu mathematisch und Bruckner zu schwer. Auch auf Händel war er nicht aufgelegt, weder auf den Messias, der gerade in der Weihnachtszeit en vogue war, noch auf die Feuerwerksmusik, zu der seine Eltern geheiratet hatten. Messen kamen gar nicht infrage, ebensowenig Opern.

Haydn, der hier in seiner Gegend gelebt und gearbeitet hatte, war ihm insgesamt zu einfach. Und Schumann, der kompliziert war? Wollte er wirklich im Irrenhaus sterben wie er? Mahler, der von seiner Frau verlassen wurde? Oder Schubert, der nicht einmal verlassen werden konnte? Brahms schied überhaupt aus.

Er war auf Klavier aufgelegt. Und es müsste aus Wien kommen, aus seiner ureigenen Stadt. Seine morgendliche Auswahl reduzierte sich an diesem Tag daher auf Mozart oder Beethoven. Welches Klavierkonzert würde er hören wollen? Mozarts Erstes oder Beethovens Fünftes? Mit wem würde er den Tag beginnen wollen?

Mozart war glücklich verliebt und Beethoven unsterblich. Mozarts Preis dafür war das Armengrab und Beethovens Preis die Einsamkeit. Wollte er lieber arm sterben oder einsam? Es war ihm egal. Er war weder einsam noch arm. Und er wollte auch nicht sterben. Er wollte leben. Er wollte den Tag beginnen, nicht ihn beenden. Und er war glücklich.

In Wahrheit machte er sich überhaupt keine Gedanken. Er legte Mozarts Erstes Klavierkonzert auf und pfiff leise mit. Für Beethoven war immer noch Zeit.

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