Herzweh

24/Dez/2015

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch das Dachfenster in den nächtlichen Himmel. Gerade war er von Freunden heimgekehrt, vom Christbaumschmücken am Vorabend des Weihnachtsfests. Er hatte sich schon bald verabschiedet, weil er nach Hause gehen wollte, um eine kleine Geschichte zu schreiben.

Durfte er schreiben, dass er verliebt war? Slupetzky seufzte. Lange saß er da und schaute in die Leere. Wie könnte er beschreiben, wie ihm zumute war? Am Nachmittag noch war er traurig gewesen, als er eine Nachricht bekam: „Ich hoffe, es geht Dir gut. Ich wünsche Dir entspannte Festtage.“ Es dauerte lange, bis er antworten konnte: „Bin grad traurig. Wie geht es Dir?“ „Huch! Was macht Dich traurig? Bei mir alles gut, danke.“ „So eine einfache Frage und so eine schwierige Antwort. Werd‘ für Dich eine Weihnachtsgeschichte schreiben. Ich mag Dich nämlich sehr.“ „Freue mich auf eine Geschichte. Ich mag Dich auch.“

Jetzt saß er da und war verzweifelt. Sie hatte ihm sein Herzweh weggezaubert. Doch was sollte er schreiben? Seine Trauer hatte ja auch mit ihr zu tun. Wie sollte er es ihr sagen? Er blickte in den Himmel und wartete, bis der Mond hinter den Wolken hervorkam. „Slupetzky. Schreib‘, dass Du sie liebst.“ Er tippte ein paar Buchstaben auf sein weißes Blatt Papier. Dann nahm er das Blatt heraus und begann die Geschichte von vorne. „Mond, hilf mir bitte!“ „Ich helfe Dir doch.“ antwortete der Mond sanft. „Schreib‘ einfach, dass Du sie liebst.“

Slupetzky kam sich vor wie ein kleines Kind. Im Märchen war alles so leicht und in Wirklichkeit so schwierig. Sie war so klug. Und er fand sie so schön. Und er mochte sie so gerne. Aber er kannte sie ja gar nicht gut. Er hatte sie erst einmal getroffen und sich dann gar nicht mehr bei ihr gemeldet. Lange saß er da, seufzte und überlegte. Wie könnte er es ihr schreiben? Was hatte er zu verlieren? Er hatte viel zu verlieren. Er hatte sie zu verlieren. Er hatte Angst.

Inzwischen war es fast Mitternacht geworden. Er schrieb lange Sätze, um sich zu erklären. Dann strich er sie wieder durch. Draußen hörte er eine Polizeisirene. Er grübelte und überlegte. Sie hatte ihm sein Herzweh weggenommen. Jetzt war es wieder da. Auch der Mond war wieder hinter den Wolken verschwunden. Es war sieben Minuten vor Mitternacht. Er fürchtete sich. Und er schämte sich.

Dann nahm er all seinen Mut zusammen, begann eine neue Zeile, atmete noch einmal tief durch und schrieb:

Ich liebe Dich.

———-

 

Eine Antwort to “Herzweh”

  1. Eveline Riedling Says:

    Alles Gute, Eveline


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