Der Sinn des Lebens – Teil 2015

18/Dez/2015

Slupetzky saß vor seiner alten Schreibmaschine und ließ sein Leben an sich vorüberziehen. Wo sollte er beginnen? Nun war er in der Mitte seines Lebens angelangt, hatte also die Hälfte bereits hinter sich und die andere Hälfte noch vor sich. Seitenwechsel, würde man es im Fußball nennen.

Doch wie war das Zwischenergebnis? Wie viele Tore hatte er schon geschossen, wie viele Treffer bereits erhalten? War es bisher die Pflicht und folgte nun die Kür? Was würden die Punkterichter sagen? Wie weit war er gesprungen, wie oft gefallen – und wie oft gefoult worden? Wie oft hatte er selbst gefoult? Wer, zum Teufel, war überhaupt der Schiedsrichter?

Slupetzky kam mit sich überein, dass „Gott“ der Schiedsrichter war. „Gott“ war letztendlich derjenige, der über sein Spiel zu entscheiden hatte. Vor „Gott“ würde er Rechenschaft ablegen müssen. Doch wer war dieser „Gott“?

Gott war ein lieber Gott, dessen war er sich gewiss. Gott würde sein Leben liebevoll verfolgen und mit Liebe betrachten. Vor diesem „Lieben Gott“ würde er Rechenschaft ablegen müssen. Der „Liebe Gott“ war die Letztinstanz seines Lebens.

Wenn der Liebe Gott die Letztinstanz seines Lebens war, dann müsste er selbst auch aus Liebe Zeugnis über sein Leben ablegen müssen. Er selbst müsste mit Liebe auf sein Leben blicken. Er selbst müsste liebevoll mit sich selbst umgehen. Er selbst müsste lieb zu sich sein.

Vielleicht stand es bisher unentschieden, vielleicht Null zu Null. Wer jedoch sollte der Gegner sein?

Wer war der Gegner seines Lebens? Wer, zum Teufel, war der Gegner seines Lebens? In demselben Moment, da er sich diese Frage nun zum allerersten Mal stellte, da erkannte er, dass er selbst sein Gegner war. Slupetzky spielte das Spiel des Lebens gegen sich selbst.

Wenn die beiden Mannschaften seines Lebens nun aus der Halbzeitpause zurückkamen, wie sollten sie spielen? „Schön“ sollten sie spielen; „schön“, aber wozu? Wozu sollten sie überhaupt noch weiterspielen? Warum sollten sie sich nicht alle beide in den Rasen setzen und einfach die Zeit vergehen lassen. Wozu sollten sie überhaupt noch spielen, wenn sie selbst ihre eigenen Gegner sein würden?

Slupetzky war verwirrt. Er rieb sich seine Augen und strich sich über die Stirn. Was hatte dieses Spiel des Lebens überhaupt für einen Sinn? 45 Minuten lang war er nun gegen sich selbst über den Rasen gerannt und hatte sich bis zum Umfallen angestrengt, nur um zu erkennen, dass er selbst sein eigener Gegner war. Was, zum Teufel, sollte er jetzt noch tun? Wie sollten die nächsten 45 Minuten über die Bühne gehen?

Er erinnerte sich an das „Skandalspiel“ von Gijon zwischen Österreich und Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien. Aufgrund der vorangegangenen Ergebnisse war es klar, dass beide Mannschaften in der Vorrundengruppe mit Algerien und Chile bei einem knappen Sieg der Deutschen in die nächste Runde aufsteigen würden. So stand es nach wenigen Minuten bereits 1:0 für Deutschland. Damit war klar, dass dieses Ergebnis beiden Ländern reichen würde, um als Erster und Zweiter in die nächste Runde zu gelangen.

Die restlichen 80 Minuten wurden zur Farce.

Slupetzky blickte auf das leere Blatt vor sich und atmete durch. Sein Leben war zur Farce geworden. Er erinnerte sich, dass die Zuschauer in Gijon bereits nach kurzer Zeit begannen, mit weißen Tüchern zu winken, was im Stierkampf so viel wie demütigendes Abwinken bedeutete. Das Spiel von Gijon war zum Abwinken schlecht, weil kein einziger Spieler einen Grund hatte, überhaupt weiterzuspielen. Beide Mannschaften standen sich in völliger Sinnlosigkeit gegenüber. Grotesker konnte ein Fußballspiel nicht sein.

Der Fußball-Weltverband beschloss nach dem Spiel von Gijon die Regeln zu ändern und die beiden letzten Spiele einer Vorrundengruppe gleichzeitig auszutragen, um eine solche „Schiebung“ (im wahrsten Sinne des Wortes) nicht mehr zuzulassen. Von nun an würde das notwendige Ergebnis nicht mehr im Vorhinein bekannt sein.

Slupetzky spürte das Jucken unter seiner Haube. Würde Gott nach seinem Spiel des Lebens ebenfalls die Regeln ändern müssen? Er seufzte. Wenn es keinen Gegner gab, dann war sein Leben sinnlos geworden.

Die beiden Mannschaften kamen aus der Halbzeitpause zurück und fanden keinen Gegner mehr vor. Sie spielten die schönsten 45 Minuten ihres Lebens.

———-

 

 

Eine Antwort to “Der Sinn des Lebens – Teil 2015”

  1. Eveline Riedling Says:

    Schön, einfach schön. Das Leben als Fußballspiel🙂


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: