Die Flucht ist zu Ende – Tag 0

13/Sep/2015

Heute Sonntag, den 13. September um 17:00 Uhr hat die Bundesrepublik Deutschland beschlossen, die Grenzen gegenüber ihren Nachbarstaaten zu schließen. Ich war zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit meinen Freunden Mario und Vince auf dem Wiener Kahlenberg. Zuvor waren wir von Nussdorf über den Beethovengang hinauf spaziert. Ich besuchte danach um 18:00 Uhr die Messe der Caritasgemeinde am Meidlinger Schedifkaplatz, später ging ich noch in die Wiener Nationalbibliothek, um meine Arbeit im Internet zu erledigen.

Als ich um 21:30 nach Hause kam, erfuhr ich über den ORF-Teletext vom Beschluss der Deutschen Bundesregierung. Mir dämmerte langsam, was da wirklich geschehen war, als ich erfuhr, dass es eine „Zeit im Bild 2 Spezial“ Nachrichtensendung um 21:53 geben würde. Ich zog mir meine kurze Hose an und machte es mir vor dem Fernseher gemütlich.

Ich kapierte erst, welche Dramatik dieser Schritt für Europa bedeuten würde, als ich in dieser Nachrichtensendung den Burgenländischen Polizeipräsidenten Hans-Peter Doskozil sah, wie er vor Hunderten einlangenden Flüchtlingen am Grenzübergang Nickelsdorf ein nächtliches Live-Interview gab. Er meinte, heute würden mehrere Tausend Flüchtlinge die Grenze überschritten haben und für morgen würde er noch mehr erwarten.

In der anschließenden „Im Zentrum“ Diskussionssendung im österreichischen Fernsehen sah ich den jungen Außenminister Sebsatian Kurz von der Christlich-Sozialen ÖVP, wie er sehr aufgeregt wörtlich von „verheerenden“ Auswirkungen für Österreich sprach. Der alte Sozialminister Rudolf Hundstorfer von der sozialdemokratischen SPÖ versuchte ruhig zu bleiben. Als die Diskussion dann begann, schaltete ich den Fernseher aus, zog mir meine schönste Hose und mein schönstes Hemd an und verließ die Wohnung, um zum nahegelegenen Westbahnhof zu fahren. Beim Hinausgehen dachte ich mir: „Wenn mich meine Kinder dereinst fragen werden: ‚Papa, was hast DU damals gemacht?‘ Dann will ich antworten können: ‚Ich habe eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen.'“

Als ich am Westbahnhof ankam, waren gerade Dutzende Flüchtlinge Richtung Busbahnhof unterwegs. Ich ging zum Auffanglager der Caritas und meldete mich an, meine Wohnung für eine Familie mit 2 Kindern bereitstellen zu wollen. Der junge Flüchtlingshelfer Max setzte mich auf die Liste und machte neben meinem Eintrag ein Rufzeichen.

„Hättest Du auch Zeit, jeden Abend vorbeizukommen, um das Essen für die Familie abzuholen?“ „Ja.“

„Ich danke Dir.“

„Ich danke Euch.“

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