An ihren Früchten werdet Ihr sie erkennen.

24/Jul/2015

„An ihren Früchten werdet Ihr sie erkennen“ (Mt 7,16)
Beitrag für Salvator-Missionen 2/2015

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Anfang März dieses Jahres fuhr ich mit Pater Josef, dem Provinzial der Salvatorianer in Österreich, nach Temweswar, um insbesondere die Arbeit der „Pater Berno Stiftung“ kennenzulernen. Pater Josef hatte mir schon seit längerer Zeit davon erzählt und so freute ich mich sehr auf diese Reise. Nachdem wir mit dem Auto ein paar Stunden durch Ungarn unterwegs gewesen waren, war ich dann zum ersten mal in meinem Leben in Rumänien. Mein erster Eindruck von diesem Land, dem „Armenhaus der EU“, waren malerisch verfallene kleine Häuser und zwei Pferdefuhrwerke, die uns auf der Landstraße entgegenkamen. Ich erinnerte mich sofort an meine Zeit als Entwicklungshelfer in Ecuador, dem Armenhaus Südamerikas, und fühlte mich plötzlich unglaublich wohl – auch wenn mir gleichzeitig völlig klar war, dass ich in solch einem verfallenen kleinen Haus sicherlich nicht länger als unbedingt notwendig übernachten wollen würde.

In Temeswar angekommen, bezogen wir unser Quartier im Salvatorianerkloster in der Elisabethstadt, jeder von uns ein Einzelzimmer im Zweiten Stock. Hier würde ich gerne auch länger als unbedingt notwendig bleiben, dachte ich mir, als eine alte dunkelblaue Straßenbahn vor meinem Zimmerfenster vorbeifuhr und mich gleich an die Wohnung meiner Großeltern in Wien erinnerte. Überhaupt erinnerte mich die Stadt mit ihren alten verfallenen Bürgerhäusern an die untergegangene Donaumonarchie. Ich fühlte mich insgesamt wie in die Vergangenheit versetzt.

Zum ersten Abendessen lernte ich die 5 Brüder der Salvatorianer kennen, darunter auch Pater Berno, den bald 80-jährigen Pionier der Salvatorianer vor Ort. Nach dem Abendessen unterhielt ich mich lange mit ihm über seine Arbeit und die Projekte der „Pater Berno Stiftung“. Ich war begeistert von seiner kindlichen Begeisterung, mit der er über die Arbeit sprach und vom spitzbübischen Lachen in seinen junggebliebenen Augen. Wir vereinbarten, gleich am nächsten Morgen gemeinsam die Projekte in Bacova, einem Vorort von Temeswar zu besuchen.

Die „Jugendfarm Pater Paulus“ in Bacova kannte ich bereits von Fotos aus dem Internet. Dort angekommen, fand ich sie noch schöner vor, als ich sie mir vorgestellt hatte. „Ethik und Ästhetik sind Eins“ schreibt Ludwig Wittgenstein in seinem „Tractatus“. Was gut ist, ist auch schön – was insgesamt mit der Sorgfalt zusammenhängt, mit der man sich einer Sache widmet. Die „Jugendfarm Pater Paulus“ ist ganz offensichtlich ein sehr sorgfältig geführtes Projekt. „Pater Berno ist eine gute Mann.“ begrüßte mich einer der Bewohner in gebrochenem Deutsch strahlend. Pater Berno führte mich durch alle Gebäude der Farm und ich war wiederum angetan von seiner Begeisterung dabei.

Da das Kinderhaus „Casa Pater Berno“ gerade verschlossen war, besuchten wir danach nur noch das daneben gelegene Altenheim. Da ich auch als Behindertenbetreuer gearbeitet habe, weiß ich, wie schwer und mühevoll die Arbeit in der Pflege sein kann. Doch auch hier war alles sorgfältig und liebevoll gestaltet. Die alten bettlägrigen Frauen begannen zu strahlen, als wir sie begrüßten und ich nicht mehr als „Peter. Austria…“ stammeln konnte. „Ah! Austria. Salut!“ Mehr von diesen kurzen Gesprächen konnte ich leider nicht verstehen. „Arevedere!“ „Arevedere!“ verabschiedeten wir uns danach herzlich voneinander.

Am Abend dieses Samstags besichtigten wir gemeinsam mit einer Besuchergruppe aus Pater Bernos schwäbischem Geburtsort das „Pater Jordan Nachtasyl“. Von 15.000 obdachlosen Rumänen werden hier jede Nacht 87 aufgenommen. „In Wien gibt es ein Obdachlosenhaus namens `Gruft`“, erzählte Berno von den Anfängen des Projekts. „Dort habe ich gesehen, was es für solch ein Vorhaben braucht.“ Ich selbst wohne in Wien gleich neben der `Gruft`, habe jahrelang gespendet und mich in schweren Zeiten dort selbst um ein warmes Essen angestellt. Und so war ich begeistert von den großen hellen Fenstern, den großen hellen Aufenthaltsräumen und den großen hellen Schlafräumen. Im Aufenthaltsraum im Ersten Stock saßen zwei Dutzend Männer und schauten mit Begeisterung Fußball.

Am Sonntag besuchten wir nach der mittäglichen Ausspeisung der Obdachlosen im Kloster mit einem riesigen Topf Fleischsuppe noch das „Frauenhaus Maria von den Aposteln“ in einem ruhigen Vorort von Temeswar, einer Gartensiedlung. Im Hof saßen zwei Frauen neben ihren spielenden Kindern. Für mich war dieses Projekt der abschließende Höhepunkt der Reise. Das Haus strahlte in seiner ruhigen und sorgfältigen Schönheit einen unglaublichen Frieden aus. Ich versuchte mir vorzustellen, wie der 3-monatige Aufenthalt in diesem Haus eine wohltuende Basis für einen Neuanfang dieser zerrütteten Familien sein könnte.

„Den Rumänen geht es ja bald besser als den Leuten bei uns.“ merkte eine Besucherin irgendwann an diesem Wochenende kritisch an. „Das ist ja das Schöne.“ dachte ich bei mir. „Diese Arbeit hat wirklich Sinn. Gott sei Dank.“ Und Pater Josef betrachtete Berno, der vom Ausflug zurückkam. „Berno, warum ist denn Deine Jacke so schmutzig?“ „Ach, da sind mir die Hunde draufgesprungen.“ antwortete er. Oder, um mit Wittgenstein zu sprechen: „Pater Berno ist eine schöne Mann.“

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