Ostern – Die Versöhnung mit Gott

31/Mrz/2015

Nachdem die Zeit davor durch eine schwere Krise in meinem Leben gekennzeichnet war, habe ich mir im letzten Jahr ein sogenanntes „Sabbatical“ gegönnt. Diese Auszeit von möglichst allem habe ich spirituell und philosophisch unter das Motto meiner „Versöhnung mit Gott“ gestellt.

Meine Freunde wissen, dass meine Herkunft das konservativ-katholische Wiener Bürgertum ist, das ich in meinem Zorn über die dort herrschenden Zustände auch immer wieder „klerikal-faschistoid“ genannt habe. Und so galt meine Versöhnung in diesem Jahr insbesondere auch meiner weltanschaulichen Heimat.

Die Symptome von Krisen sind kurzfristig immer leicht zu lösen, die Ursachen langfristig jedoch nur, wenn man in der Lage ist, von der Oberfläche zu den Wurzeln vorzudringen. Das bedeutet, dass die Lösung „radikal“ angegangen werden muss. Und diese radikale Lösung meiner bisherigen Probleme mündete daher ganz entscheidend in meine „Versöhnung mit Gott“.

Es hat in meinem Leben ganz große Katastrophen gegeben, die insbesondere auch im Namen Gottes geschehen sind – sowohl politisch, als auch privat. Die politischen Missbrauchsfälle im Dunstkreis der Kirche sind im letzten Jahrzehnt – Gott sei Dank – wie Pilze an der Oberfläche aufgepoppt und harren seither einer Lösung. Die privaten Missbrauchsfälle im Namen Gottes in meinem Leben habe ich immer wieder verzweifelt angedeutet, doch niemals gänzlich ausgesprochen. Insgesamt jedoch war das Vorgehen im Namen Gottes in meinem Leben daher von unsäglichem Leid, und somit himmelschreiendem Unrecht geprägt.

„Wenn Gott dieses unsägliche Leid und himmelschreiende Unrecht in Seinem Namen zulässt, dann bekommt Er es mit Mir zu tun. Wenn es wirklich sein muss, dann stelle Ich mich Ihm in den Weg.“ war das unausgesprochene Motto meines bisherigen Lebens. Und so war mein Leben in der Vergangenheit von einem Kampf geprägt, der an Intensität kaum zu überbieten war. Ich habe mich seit Kindheit an für diesen Kampf gerüstet, intellektuell und emotional, geistig und psychisch. Und so habe ich mich Gott in den Weg gestellt.

Ich habe ganz gewaltige Verletzungen bei diesem Kampf davongetragen. Heute weiß ich, dass solch ein Kampf in der Geschichte bereits mehrmals geführt wurde, insbesondere von Jakob, dem Stammvater Israels. Im Buch Genesis wird in Kapitel 32 von diesem Kampf, von „Jakobs Kampf mit Gott“ erzählt. Es war finsterste Nacht und Jakob war  – nachdem er seine Familie gerettet hatte – gänzlich alleine (Gen 32,24f). Es war der Kampf seines Lebens.

Auch in meinem Leben war es finsterste Nacht, und auch ich war gänzlich alleine. Doch genau so wie Jakob bin auch ich letztendlich mit dem Leben davongekommen. „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch mit dem Leben davongekommen.“ heißt es in Genesis 32,31 zum Abschluss dieses Lebenskampfes. Und genau so wie Jakob habe ich den Kampf meines Lebens gewonnen – und habe Frieden mit Gott geschlossen.

Doch genau so wie Jakob habe ich Gott die entscheidende Bedingung gestellt: „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“ (Gen 32,27) „Mit Gott und den Menschen hast Du gestritten und hast gewonnen.“ sprach Gott darauf (Gen 32,29). Und „dann segnete Er ihn dort.“ heißt es zum Höhepunkt dieses Kampfes (Gen 32,30). Die Details sind zu privat, um hier darüber zu schreiben, aber es war am 21. März dieses Jahres. Es war Samstag Abend, und es war in der Wiener Michaelerkirche. Dieser Frühlingsbeginn war somit mein Friedensschluss mit Gott. Und es war der Friedensschluss mit meinen Wurzeln, es war der Friedensschluss mit meiner Welt, es war der Friedensschluss mit mir selbst. Es war das Ende meines Jakobskampfs.

Die religiösen Rituale, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, fand ich immer zum Abgewöhnen und die religiöse Frömmelei ist mir bis heute noch zutiefst zuwider. Notwendigerweise habe ich mich daher bereits als junger Erwachsener spirituell dem Buddhismus zugewandt, insbesondere dem Zen, sowie dem Taoismus. Der Zen und das Tao wurden bald zu meiner religiösen Zufluchtsstätte, zu meiner spirituellen Heimat. Der Zen und das Tao haben mein Leben niemals missbraucht. Und so bin ich bis heute ein Anhänger des Zen und des Tao geblieben.

Ich habe somit seit Langem bereits das „Beten“ verworfen und mich dem „Meditieren“ zugewandt. Und so habe ich auch bisher niemals mehr „gebetet“, sondern nur noch „meditiert“, selbst über die neu gefundenen Bibelgeschichten. Nun aber habe ich nach diesem Frühlingsbeginn einen Holzpfahl genommen und ihn in meiner Wohnung aufgehängt. Dieses knapp 2 Meter lange „Kreuz“ hängt nun in meinem Wohnzimmer – und seither bete ich. Was bedeutet das, gerade auch vor Ostern?

Ich habe endlich einen Ort, von dem aus ich Gott BESCHULDIGEN kann. Ich bin NICHT schuld an all dem Leid in der Welt. Ich habe erkannt, dass ich eben nicht Gott bin, genauso wenig wie alle anderen Menschen. Wir sind eben nur die „Geschöpfe Gottes“ (Gen 1,27), die „Kinder Gottes“ (Joh 1,12f; 1.Joh 31,1; Röm 8,16) – und somit NICHT schuld an all den Katastrophen in dieser Welt.

Ich bin nicht schuld am Hunger in Afrika, ich bin nicht schuld an der Ausbeutung in Südostasien, ich bin nicht schuld an der Umweltzerstörung in Südamerika, ich bin nicht schuld am Krieg im Nahen Osten, ich bin nicht schuld an den Flüchtlingsströmen nach Europa, ich bin nicht schuld an der Armut in der Welt und ich bin nicht schuld an all den sonstigen Katastrophen.

Ich bin nicht schuld an den höllischen Fehlern meiner Eltern, ich bin nicht schuld an den grausamen Lieblosigkeiten meiner Familie, ich bin nicht schuld an der heimtückischen Gewalt meiner Lehrer, ich bin nicht schuld am todbringenden Missbrauch im Namen Gottes.

Ich bin in diese Welt gekommen, ohne hier bewusst danach gefragt worden zu sein, ich habe mich nach Liebe und Zuneigung gesehnt und bin bitterlich getäuscht und enttäuscht worden. Ich bin belogen und bestohlen worden, ich bin missbraucht worden – und beinahe auch ermordet. Ich bin NICHT schuld daran.

Gott ist schuld. Gott hat diese Welt erschaffen – und somit ist ER schuld an diesem Leid. Ich bin eben NICHT schuld. Ich bin verantwortlich für meine Fehler, für meine Lieblosigkeiten und für mein Versagen. Aber, genauso wie alle Anderen, habe ich es anscheinend nicht besser gelernt. Wie alle Anderen bin ich zuvor bitterlich getäuscht und enttäuscht worden und habe erst DANACH meine Fehler gemacht. GOTT ist daran schuld.

Vielleicht hat Er an dieser Welt nur geübt. Aber, ob bewusst oder unbewusst, ob gewollt oder grob fahrlässig – ER hat all das Leid in dieser Welt geschaffen. Ich bin NICHT verantwortlich für all das Leid in dieser Welt. Gott ist verantwortlich; und Gott ist schuld daran. Gott hat sich massiv schuldig gemacht an seiner eigenen Schöpfung. Gott ist schuld.

Und so kommt Jesus in Spiel. Das Geschehen am Karfreitag war himmelschreiendes Unrecht. GOTT HAT SICH AM KARFREITAG MASSIV SCHULDIG GEMACHT. Gott hat die Schuld daran, niemand sonst, weder die jüdischen Hohepriester, noch Herodes, noch Pontius Pilatus. Jedermann dieser Geschichte hat gemäß seiner eigenen zuvor erlittenen Täuschungen und Enttäuschungen nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt – und niemand kann im Grunde wirklich etwas dafür. Die jüdischen Hohepriester haben offensichtlich, genauso wie Herodes und Pontius Pilatus, in ihrer Verantwortung sicherlich Fehler gemacht – genauso wie möglicherweise Jesus selbst. Jesus selbst hätte die Kreuzigung vermeiden können, so steht es geschrieben. Doch er wollte nicht, warum auch immer.

Gott selbst, den Jesus „Abba“ (Mk 14,36) nennt, „Vater, Mutter, Eltern“, hat sich am Karfreitag massiv schuldig gemacht. Gott selbst hat diesen Menschen Jesus, der sich selbst als „Menschensohn“, als „Ben Adam“ (Lk 24,7) bezeichnet, Gott selbst hat diesen, „seinen“ Sohn, sein eigenes Geschöpf hinrichten lassen. GOTT SELBST HAT DIESEN KARFREITAG ZU VERANTWORTEN. GOTT SELBST HAT SICH AN DIESEM KARFREITAG MASSIV SCHULDIG GEMACHT.

Und Jesus hat dieses „Kreuz auf sich genommen“ (Mt 27,27ff; Mk 15,15ff; Lk 23,23ff; Joh 19,16ff). Jesus hat sich letztendlich ganz passabel geschlagen. Er hat all das Leid, all die Schuld, im Grunde NICHT weitergegeben. Jesus hat all das Leid und all die Schuld Seines Vaters auf sich genommen. Er hat selbst in der Folter und Hinrichtung nichts davon weitergegeben. Das ist nicht nur respektabel, das ist in meinen Augen sogar bewundernswert. Jesus war letztendlich ein unglaublich mutiger Mensch. Und er hat Gott, seinem „Abba“ bis zuletzt vertraut, trotz dieses gewaltigen Missbrauchs, trotz dieses himmelschreienden Unrechts, trotz Folter, Hinrichtung und Ermordung. DAVON handelt die Passion.

Ich habe lange versucht, auf erlittenes Unrecht so sanft zu reagieren wie dieser Jesus. Ich bin daran gescheitert. Ich bin nicht nur nicht Gott, ich bin auch nicht Jesus. Ich bin Ich und habe meine Art des Umgangs mit dem Leid in dieser Welt, mit dieser Schöpfung Gottes. Und ich klage Ihn an. Ich stehe vor dem Kreuz und klage an. Ich klage Gott an für all das Leid, das ER in diese Welt gesetzt hat. Gott ist schuld, niemand sonst. DAVON handelt der Karfreitag.

Und dass dieser Karfreitag, dass all dieses Leid NICHT das Ende ist, davon handelt das Osterfest. Es gibt, selbst nach all dem himmelschreienden Unrecht, selbst nach all dem katastrophalen Leid, ein „Happy End“. Und genau davon handelt die Jesus-Geschichte. Wie auch immer man sich die „Auferstehung“ vorstellen mag, ob primitiv wie gemeinhin, oder doch etwas klüger als bisher – „Das Reich Gottes ist inwendig in Euch“ (Lk 17,21) – es gibt ein gutes Ende. DAS ist die Geschichte von Ostern.

„Was macht es für einen Unterschied, ob es Gott gibt oder nicht?“ habe ich als junger Erwachsener den klügsten Freund meines Vaters gefragt. Und er hat mich angeschaut und gesagt: „Peter, wenn es Gott gibt, dann geht es gut aus.“ Ganz einfach. Wenn es Gott gibt, dann geht es gut aus. Oder, um es musikalisch zu beschreiben: Trotz aller möglichen Dissonanzen in diesem Musikstück – am Ende steht ein wunderschöner Schlussakkord.

Wir dürfen auf Gott vertrauen. Trotz aller Schuld, die ER auf sich geladen hat. NUR DAVON HANDELT DAS OSTERFEST. Und so habe ich mich letzten Endes mit ihm versöhnt. Es geht gut aus. Versprochen. Es gibt einen wunderschönen Schlussakkord. Und „ER WIRD DA SEIN“, wie es bei Moses auf dem Berg Horeb heißt (Elle Schemót 3,14), Er, „DER ALLERBARMER, DER BARMHERZIGE“, wie Ihn Mohammed nennt (Quran Sura 1-114). Die Versöhnung mit Gott ist gelungen. Danke, lieber Gott. Danke, Jesus von Nazareth. Danke Jesus, der Christus, mein Bruder und Freund.

———-

 

Eine Antwort to “Ostern – Die Versöhnung mit Gott”

  1. Eveline Riedling Says:

    Ja!
    Eveline


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: