Nichts tun

15/Sep/2014

Der vietnamesische Zen-Meister und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh, neben dem Dalai Lama der wahrscheinlich wichtigste Vertreter des Buddhismus weltweit, beginnt eines seiner Buecher mit dem Kapitel: „Der Mensch, fuer den es nichts zu tun gibt“:

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„Wie ich es sehe, gibt es nicht viel zu tun. Seid ganz natuerlich – legt Eure Kleidung an, esst Euer Essen und verbringt die Zeit damit, nichts zu tun.“ (Meister Linji, 18 Unterweisung)

Ein Mensch, fuer den es nichts zu tun gibt, ist Meister seiner selbst. Er braucht sich nicht aufzuspielen oder irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Der wahre Mensch ist ein aktiv teilnehmender Mensch, in seinem Umfeld engagiert, doch ohne sich davon bedruecken zu lassen. Alle Phaenomene durchlaufen die verschiedenen Erscheinungsformen von Geburt, Verbleiben, Wandel und Tod, und doch ist der wahre Mensch kein Opfer von Traurigkeit, Glueck, Liebe oder Hass. Er lebt voller Gewahrsein als ganz normaler Mensch, ob er nun steht, geht, liegt oder sitzt. Er spielt keine Rolle, auch nicht die eines grossen Zen-Meisters. Das meint Meister Linji mit den Worten: „Seid unabhaengig, wo immer ihr seid, und nutzt diesen Ort als Sitz des Erwachens.“

Wir ueberlegen vielleicht: „Wenn ein Mensch keine Richtung hat, nicht betrebt ist, ein Ideal zu erreichen und kein Ziel im Leben hat, wer wird dann den Lebewesen helfen, frei zu werden, wer wird jene retten, die im Ozean des Leids zu ertrinken drohen?“ Ein Buddha ist ein Mensch, der keine Geschaefte mehr zu erledigen hat und nach nichts mehr Ausschau haelt. Indem wir nichts tun, einfach innehalten, koennen wir frei und uns selbst treu leben, und unsere Befreiung wird zur Befreiung aller Wesen beitragen.

(Thich Nhat Hanh: Aufwachen zu dem, der du bist
(c) S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2009)

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Dieser Gedanke ist fuer einen westlich sozialisierten Menschen wahrscheinlich eine reine Provokation. Ist solch ein Leben heute ueberhaupt noch moeglich?

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zen.

3 Antworten to “Nichts tun”

  1. alphachamber Says:

    Prima, sollte man als Aushang an alle HartzIV Antragsschalter heften🙂
    Das Problem des Zen ist natürlich sein Gegensatz zum rationalen und konzeptuellen Denken, was den konfuzianischen Kulturen fremd ist.

  2. goetheist Says:

    Im Nichtstun liegt gerade der Urgrund aller Tätigkeit. Der westlich zivilisierte Mensch ist ständig am Tunmüssen, das macht sich vor allem durch seinen Drang zum ständigen Reden bemerkbar. Oft ist es nichts weiter, als die ständige Vorführung der eigenen Nützlichkeit oder Würdigkeit für das Zusammenleben mit Anderen. Aber mit der Ruhe des Nichtstuns käme erst überhaupt Mal ein wahrer Funke reiner Motivation auf. Irgendwann kommt dieser Funke, aber dafür müsste manch einer erst mal lange Zeit nichts tun. Dafür haben wir keine Zeit.


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