Der Osten der Ukraine

18/Jul/2014

Der Osten der Ukraine

Wenn ich die letzte Woche Revue passieren lasse, so kommt mir – neben dem Tod von Lorin Maazel. Gert Voss und Nadine Gordimer am Sonntag – der Krieg im Osten der Ukraine in den Sinn. Beginnen wir jeoch mit dem Ableben der drei Künstler:

Gert Voss wird allgemein als der wichtigste Theaterschauspielr des deutschen Sprachraums angesehen, Lorin Maazel als einer der bedeutendsten Dirigenten weltweit, und Nadine Gordimer war Nobelpreistraegerin fuer Literatur. Dennoch hat ihr Ableben nur fuer ein bis zwei Tage fuer Schlagzeilen gesorgt. Das gibt mir zu denken.

Diese drei Kuenstler haben sich ein Leben lang in ihrem Fach bemueht, Spitzenleistungen zu erzielen. Alle drei waren womoeglich die groessten Meister ihres Faches. Und dennoch sind sie in der allgemeinen Wahrnehmung nur ein paar Stunden aufgetaucht – und wurden danach wieder vergessen.

Wie belanglos muss doch das Leben sein, wenn selbst die groessten Kuenstler ihres Faches bei ihrem Ableben nur fuer ein paar Stunden die internationalen Meldungen beherrschen. Und bei den getoeteten Flugpassagieren im Osten der Ukraine wissen ueberhaupt nur die engsten Familienangehoerigen, um wen es sich dabei gehandelt hat.

Wie belanglos ist doch ein Menschenleben! Im Osten der Ukraine sterben zur Zeit im Buergerkrieg sicherlich ein paar Dutzend Menschen pro Tag, im Gazastreifen durch die Luftangriffe der israelischen Armee ebenso. Weltweit verhungern pro Minute zehn Kinder – und niemand nimmt davon besondere Notiz.

Selbst im medialen Sommerloch beherrschen Nebensaechlichkeiten die Tagesordnung. In Oesterreich berichtet man ueber den Sommerurlaub eines ehemaligen Finanzministers, wo er doch aufgrund ernster gesundheitlicher Probleme einen Gerichtstermin abgesagt hat. Die Spielereien dieses ehemaligen Finanzministers werden so weit wichtiger als die Toten im Osten der Ukraine, im Gazastreifen oder das Sterben der Weltkuenstler am vergangenen Sonntag.

In dieser meldungsarmen Zeit des Hochsommers wird so deutlich, was uns Menschen interessiert. Im Grunde sind es immer Nebensaechlichkeiten. Die Vergaenglichkeit des Lebens gehoert offenbar nicht dazu. Wir ergoezen uns an den Spielereien des ehemaligen oesterreichischen Finanzministers, um uns von der Vergaenglichkeit des Lebens so gut wie moeglich abzulenken. Der Osten der Ukraine, der Gazastreifen und die drei toten Weltkuenstler stoeren uns nur dabei. Und deshalb werden sie so schnell wie moeglich verdraengt und vergessen.

Unsere eigene Ohnmacht im Angesicht des Todes ist uns offensichtlich unangenehm. Daher wollen wir sie so schnell wie moeglich durch Nebensaechlichkeiten abloesen. Nach dem Ende der Weltmeisterschaft im Maennerfussball wird dieser Mechanismus besonders deutlich. Hatten in den letzten paar Wochen die Gladiatorenspiele in Brasilien die Meldungen bestimmt, so sind es jetzt ganz offensichtlich Belanglosigkeiten. Der „Chronik“-Teil der Zeitungen wird dabei wichtiger als sonst. Und der Krieg im Osten der Ukraine sowie im Gazastreifen wird dadurch wichtig, weil er gleichsam den internationalen Chronik-Teil ausmacht.

Was ist uns wirklich wichtig? Wenn ich mir die Nachrichten im medialen Sommerloch zu Gemuete fuehre, dann wird mir fast uebel. Am Ende der Fussball-Weltmeisterschaft beherrscht dann die Diskussion ueber den „Gaucho-Tanz“ der deutschen Weltmeister die Szenerie – mit allen peinlichen Urteilen inclusive. Bis hin zum offenbar unvermeidlichen „Nazi“ wird hier verurteilt, weil sechs deutsche Spieler einen im Fussball weit verbreiteten Tanz vor dem Brandenburger Tor aufgefuehrt haben. Auch das gehoert offensichtlich zu den Wichtigkeiten in der Berichterstattung.

Was ist mir wichtig? Mir ist wichtig, dass die Ukraine in ihrer Gesamtheit zu Europa gehoert, und wir uns dieser Verantwortung bis hin zur Ueberwindung des Buergerkriegs zu stellen haben. Mir ist wichtig, dass aufgeklaert wird, wer fuer den Abschuss der Malaysischen Boeing 777 verantwortlich ist – samt der Toetung von ueber 200 Menschen. Und mir ist wichtig, dass die internationale Staatengemeinschaft sich dafuer einsetzt, die toedliche Spirale der Gewalt zwischen Israel und Palaestine ueberwinden zu helfen. Und letztendlich ist mir wichtig, dass das Leben und Werken von herausragenden Menschen gewuerdigt wird – und das laenger als nur fuer ein paar Stunden. Das Leben ist lebenswert – und der Mensch ist wichtig. Weit wichtiger als sommerliche Nebensaechlichkeiten.

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