Drei tote Wiener Bauarbeiter

10/Mrz/2014

Vor Kurzem wurde das hoechste Haus Oesterreichs, der 250 Meter hohe „DC-Tower“ von Dominique Perrault am Ufer der Neuen Donau vor dem Vienna International Center feierlich eroeffnet. Beim Bau dieses Wolkenkratzers waren kurz vor der Fertigstellung 3 Wiener Bauarbeiter ums Leben gekommen. Sie hatten alle 3 in derselben Schicht gearbeitetet, einer kam aus Wien-Floridsdorf, einer aus Wien-Meidling, und einer aus Wien-Doebling.

Sie waren von Anfang an immer gemeinsam eingeteilt gewesen und hatten sich gleichsam von Stockwerk zu Stockwerk „hochgearbeitet“. Selbstverstaendlich verbrachten sie auch jede Mittagspause gemeinsam, weit draussen auf dem Baugeruest mit dem direkten Blick tief nach unten. Gegessen hatten sie in diesen Mittagspausen ebenfalls immer das Gleiche: Der Floridsdorfer ein Brot mit Emmentaler Kaese, der Meidlinger ein Brot mit Ungarischer Salami, und der Doeblinger ein Brot mit Erdbeermarmelade.

Als sie nun vor Kurzem gemeinsam mit ihrer gesamten Schicht den vorletzten Stock vollendet gehabt hatten, da machten sie wieder gemeinsam Mittagspause. Der Floridsdorfer packte sein Brot aus, schaute verzweifelt und meinte: „Wenn ich morgen am Abschluss zum letzten Mittagessen schon wieder ein Brot mit Emmentaler Kaese bekomme, dann spring‘ ich wirklich hinunter. Ich halte das Alles nicht mehr aus.“ Der Meidlinger oeffnete sein Pausenpaket und sagte im Angesicht eines neuerlichen Brotes mit Ungarischer Salami: „Ja. Es reicht! Entweder schafft sie morgen zum Abschluss irgendeine Ueberraschung, anstatt mich immer mit demselben Scheiss zu quaelen, oder ich springe auch.“ Der Doeblinger oeffnete als Letzter sein eingepacktes Mittagessen, erblickte schon wieder ein Brot mit Erdbeermarmelade, sah die Beiden Anderen kurz stumm an an und sagte dann nur: „Deal!“

Am naechsten Mittag war es soweit. Der letzte Stock war fertig gestellt. Die Mittagspause kam und die Drei sassen nochmals zum Mittagessen auf dem Baugeruest und blickten aus mehr als 200 Metern in die Tiefe. Der Floridsdorfer oeffnete sein Jausenbrot und sah schon wieder ein Brot mit Emmentaler Kaese. Und so beugte er sich nach vorne und liess sich vom obersten Stockwerk aus in die Tiefe fallen. Er war sofort tot. Der Meidlinger oeffnete sein Lunchpaket, erblickte neuerlich ein Brot mit Ungarischer Salami, atmete noch ein letztes mal tief durch und sprang ebenfalls kopfueber hinunter. Auch er war selbstverstaendlich sofort tot. Der Doeblinger oeffnete als Letzter sein eingepacktes Mittagessen und sah schon wieder ein Brot mit Erdbeermarmelade. Er blickte kurz hinauf in den Himmel – und sprang als Dritter in den Tod.

Als nach den polizeilichen Ermittlungen mit ausserordentlich muehseligen Zeugenbefragung die Todesumstaende geklaert werden konnten, wurden Alle Drei, da sie ja schon seit Jahren Freunde geworden waren, gemeinsam bestattet. Bei der Aufbahrung der Drei Saerge im Krematorium des Wiener Zentralfriedhofs weinte die Witwe des Floridsdorfer Bauarbeiters bitterlich und meinte zu den Beiden anderen Witwen: „Wenn ich das gewusst haette! Nichts waere leichter gewesen, als ihm einmal auch ein anderes Brot einzupacken!“ Die Witwe des Meidlinger Arbeiters war ebenfalls bis ins Mark erschuettert. „Selbstverstaendlich. Aber ich habe immer gedacht, er haette das Brot mit der Ungarischen Salami so geliebt!“ Und die die Witwe des Doeblingers schluchzte: „Ja. Und die groesste Tragoedie daran war: Er hat sich das Brot immer selbst geschmiert!“

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