Zum Tod des Marcel #Reich-Ranitzki

18/Sep/2013

—– Original Message —–
From: Peter Wurm
To: johannes_paul_ii@vatican.va
Sent: Saturday, August 28, 2004 3:07 PM
Subject: dawarisch karol 098

so, mein lieber!

jetzt hilf mir bitte mal. dawarisch karol, steh mir bitte bei, den schwachsinn zu zertrümmern.

um mitternacht bin ich noch zurück auf den spittelberg spaziert und ins amerling auf zwei bier gegangen. und dort habe ich mir wieder den spiegel zur hand genommen und die augen des bruno ganz geschaut. und hinter den augen des bruno ganz habe ich durchgeblättert, was ich diese woche bisher überblättert hatte.

da war zuerst dieses interview mit frederik de klerk. sagenhaft. dawarisch karol, ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass dieser mensch der bisher letzte weisse präsident am kap war. bisher. bis es irgendwann wirklich wurscht wird, welche hautfarbe jemand hat.

und dann blätterte ich weiter und stieß irgendwann auf das interview mit peter sloterdijk.

gleich vorweg: lieber horst köhler, besuchen’s bitte kein „verfehmtes land“ und begnadigen’s niemand, „von dem man es nicht erwartet.“ es reicht, dass sie bei ihrem ersten offiziellen staatsbesuch in danzig tränen in den augen gehabt haben und danach beim zwischenstopp nach paris in berlin ihre frau aussteigen ließen. und dass sie bei ihrem allerersten staatsbesuch im wiener stephansdom beim requiem für thomas klestil dem vladimir putin den rücken gedeckt haben. der braucht nämlich grad ihre rückendeckung am meisten, damit er stark genug ist, aus der tschetschenienscheisse wieder rauszukommen.

und mut, lieber horst köhler, den mut, der von ihnen verlangt wird, den haben sie schon bewiesen, indem sie als einer der mächtigsten nicht-politiker dieser welt einer ihrer ohnmächtigsten politiker geworden sind. und mut, lieber horst köhler, haben sie schon genug bewiesen, indem sie schon vor ihrer denkbar knappen wahl der hessischen cdu und den bayerischen christsozialisten ins gesicht gesagt haben, wem ihre unterstützung als nächster kanzlerkandidatin der union gilt.

da gibt es menschen auf der welt, deren einzige erfüllung darin besteht, nicht verstanden zu werden. die werfen phrasen in den öffentlichen raum und begeilen sich daran, dass sie niemand versteht. für die zukunft lassen sie sich damit alles offen und für die vergangenheit können sie sich damit von allem distanzieren. denn so, wie sie vielleicht verstanden werden könnten, war es im nachhinein niemals gemeint.

lassen wir es uns ganz klar aussprechen: die bundesrepublik deutschland ist die stabilste demokratie unserer welt. und dafür bin ich unendlich dankbar. ich weiß nicht, wem ich dafür dankbar sein soll, ich bin horst köhler dankbar, ich bin gerhard schröder dankbar, ich bin angela merkel dankbar und oskar lafontaine. ich bin dafür selbstverständlich helmut kohl dankbar und über alle maßen helmut schmidt und willy brandt. und wahrscheinlich auch georg kiesinger und theodor heuss, hans-dietrich genscher und klaus kinkel. und mit grösster sicherheit konrad adenauer und ludwig erhard. und walter scheel. und erich honecker, egon krenz, hans modrow und lothar de maiziere. und am allermeisten meinem freund günter schabowski superstar, dem helden des neunten november. und wenn man es genau nimmt, auch walter ulbricht und last but not least adolf hitler. denn ohne ihn sind seine nachfolger nicht denkbar.

dawarisch karol, adolf hitler hat sich seiner verantwortung gestellt. der hat ganz genau das durchgeführt, was er versprochen hat. er hat ganz genau sein wort gehalten. er hat ganz genau gesagt, was er will. immer. adolf hitler hat immer gesagt, was er will. immer. und er hat die verantwortung dafür übernommen. das dritte reich war ganz genau so gemeint, wie es ausgesehen hat. ganz genau so. vom anfang bis zum ende. vom aufgang der sonne bis zu ihrem untergang.

die gnade der späten geburt bedeutet vor allem verantwortung. verantwortung dafür, antwort geben zu können für unser denken und handeln. verantwortung dafür, was geschehen ist und verantwortung dafür, was geschieht. und verantwortung dafür, was geschehen kann.

von peter sloterdijk habe ich kein einziges buch gelesen. mir reicht, was ich aus seinen interviews vernommen habe. und das sogenannte „philosophische quartett“ im zdf habe ich genau einmal zehn minuten lang gesehen. marcel reich-ranitzki liebe ich. das „literarische quartett“ habe ich gesehen, so oft ich konnte. dieses quartett hat sich seiner verantwortung gestellt. da sind die fetzen geflogen. jeder einzelne hat sich ganz genau zu seiner eigenen position bekannt. und dabei alle eigenen unzulänglichkeiten offen gelegt. und am ende sahen wir betroffen den vorhang zu und alle fragen offen.

peter sloterdijk dagegen will so viel und kann so wenig. der kann überhaupt nichts. der steht am spielfeld wie ein zurückhängender stürmer und stellt sich dem publikum zur schau, anstatt auf den ball zu achten. der kommt geölt auf den rasen und ist nie anspielbar. und ich warte sehnsüchtig auf den moment, in dem ich lese, dass irgendein teilnehmer des „philosophischen quartetts“ im laufe einer sendung aufgestanden ist, zu ihm hingegangen und ihm eine geschmiert hat: „das ist für ihre philosophie.“ bedenklich schlechte philosophie.

peter sloterdijk kommt sicher nicht in den himmel. weder in den himmel noch ins nirvana. der wird sicherlich wiedergeboren. als ersatztormann der bayern münchen amateure. so wie hegel. aber der spielt inzwischen in der ersten.

dawarisch karol, ich bin froh, dass es dich gibt.

gottes segen

peter

Eine Antwort to “Zum Tod des Marcel #Reich-Ranitzki”

  1. Peter Wurm Says:

    „Ich fuerchte, Wir sind uns hoffnungslos einig.“
    (Richard von Weizsaecker)


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