Was ist Vertrauen in der Politik?

02/Aug/2013

—– Original Message —–
From: Peter Wurm
To: <johannes_paul_ii@vatican.va
Sent: Monday, August 30, 2004 4:55 PM
Subject: dawarisch karol 113

so, mein lieber!

wenn es gerhard schröder ernst ist mit seinen überzeugungen, dann macht er gesine schwan zu seiner nachfolgerin und empfiehlt ihr, oskar lafontaine als finanzminister zu bestellen. dann kann er sich die nächsten zehn jahre daheim um die deutsch-russische aussöhnung bemühen. und jetzt will ich dir vom grössten beruflichen erfolg meines lebens erzählen:

im dezember 1993 ereilten mich in thailand die schlimmsten depressionen meines lebens. und so kehrte ich um und noch vor weihnachten nach wien zurück. zu silvester sass ich dann am frühen abend in hans gratzers wohnung im alsergrund gemeinsam mit meinem freund stöff am kleinen tisch in der küche und wir tranken roten wein.

stöff erzählte mir, dass er anlässlich der bevorstehenden premiere von „angels in america“ im schauspielhaus eine idee geboren hätte. er würde, da in diesem stück das thema aids, an dem sein bruder jakob verstorben war, zentral behandelt würde, ein paar künstlerfreunde ersuchen, zugunsten der aidskranken einen engel zu malen. ich sass da, schaute ihn an und sagte: „okay, wenn ich darf, mach ich mit.“

„und jetzt machen wir eine politische geschichte daraus.“ ich nahm einen stift und wir schrieben alle menschen des öffentlichen lebens auf ein blatt, die uns überhaupt einfielen. alle. und noch mehr. am schluss hatten wir genau 654, weil erstens jeder 654. österreicher damals hiv-positiv war. ausserdem klang es ein wenig wie ein countdown. auf irgendeine zahl mussten wir uns ja einigen. und für 666 fehlte uns der mut.

es war klar, dass wir die institutionelle unterstützung vom schauspielhaus bekamen. und so hatten wir den notwendigen organisatorischen rahmen, das briefpapier und das geld für die briefmarken. und irgendwann wussten wir, dass wir, wenn wir erfolg haben wollten, einen schirmherren von ausserhalb benötigen würden.

und so verfassten wir einen brief: „sehr geehrter herr bürgermeister, lieber helmut! ‚angels in america‘ bla bla bla gezeichnet hans gratzer“ ein sehr höflicher, ausgesprochen feiner brief. und wir gaben ihn ein paar leuten zu lesen, hans zuerst, denn der musste ihn ja schliesslich unterschreiben. und ich erinnere mich genau, wie ich hinter dem schreibtisch im letzten zimmer des schauspielhaus-büros sass und toni auf uns zukam, anton wiesinger, co-direktor und bester freund von hans:

„burschen. nein. das könnts nicht machen. der zilk versteht das nicht. das ist viel zu förmlich. der kapiert das nicht. der kriegt hundert briefe am tag. das interessiert ihn nicht. das muss heissen: ’superbroadwayhit.'“

ich schaute toni an. ich schaute ihn nur an. nein. echt. nein. das schreib ich nicht. nein. ich schreib nicht: ’superbroadwayhit.‘

und ich machte genau eine korrektur: „sehr geehrter herr bürgermeister, lieber helmut! der superbroadwayhit ‚angels in america‘ bla bla bla gezeichnet hans gratzer“

der wiener bürgermeister lag damals im spital. in der intensivstation des wiener allgemeinen krankenhauses. niedergestreckt. briefgebombt. da gab es kein durchkommen. der war abgeschnitten von der aussenwelt. das büro des bürgermeisters liess damals nichts an ihn heran. und es gab genau eine deadline. donnerstag, irgendwann jänner. alles war fertig. 654 briefe an ganz österreich. am donnerstagabend gingen die raus. alles war fertig. es fehlte nur noch der schirmherr.

wir hätten rainhard fendrich als ersatz gehabt. doch ich wollte helmut zilk. und so telefonierte ich noch ein letztes mal mit seinem büro: „wir brauchen bis 20 uhr eine antwort.“ „sie wissen, dass der herr bürgermeister im spital liegt. und er bekommt gerade so viele briefe. da kann ich nichts machen.“ „wir brauchen bis 20 uhr eine antwort. ich rufe sie nochmals an.“

um 20 uhr rief ich nochmals an. „wie schauts aus?“ „der herr bürgermeister hat noch nicht geantwortet. aber er wird antworten.“ „wir brauchen die antwort jetzt.“ „er wird antworten.“ „und wie wird die antwort aussehen?“ „sie können davon ausgehen, dass sie positiv ist.“ „können sie mir das faxen?“ „nein.“ „aber ich brauch das schriftlich. die briefe müssen raus.
kann ich mich darauf verlassen?“ „ja.“

in dieser nacht gingen die briefe raus: „engel in österreich. ehrenschutz helmut zilk“ wir hatten nichts in der hand.

dawarisch karol. seither weiss ich, was vertrauen heisst.

auf doktor helmut zilk superstar. und auf dagmar koller.

gottes segen

peter

(Aus: „Dawarisch Karol“, Wien 2004)

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Siehe auch: War Helmut Zilk ein Spion?

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