Wieder ein bisschen was zum Holocaust:

08/Jul/2013

—–Original Message —–
From: Peter Wurm
To:johannes_paul_ii@vatican.va
Sent:Friday, August 27, 2004 11:15 PM
Subject: dawarisch karol 096

so, mein lieber!

ein ausschnitt aus meiner standard-lektüre während des heutigen abendessens: „psychopathen erobern die chefetagen“ steht da auf seite 5 zu lesen. „die zahl der psychopathischen führungskräfte wächst, sagen us-psychologen.“ und dann erläutert einer: „psychopathen treten häufig liebenswürdig auf. weil sie sich gut ausdrücken können, denkt jeder, sie wären zur führung eines unternehmens geeignet.“

dawarisch karol, haben die die affizierbarkeit der bush-administration untersucht? oder den vorstand der deutschen bank? oder waren die bei dir in rom?

dawarisch karol, mir gehts wieder elend. robert dornhelms zweiteiliger spielfilm über anne frank im kabelfernsehen. will ich nicht sehen. ich mag robert dornhelm. und ich liebe anne frank. aber ich will nicht andauernd die opfer betrauern müssen. „ich will keinen erfolg, ich will wirkung“ meint stephen spielberg in der „zeit“. früher wollte ich zu weihnachten stets im anschluss an das obligate lukas-evangelium einen eintrag des 24.12. aus anne franks tagebuch lesen. einmal habe ich mich sogar durchgesetzt.

weisst du, wie elend es ist, irgendwann einmal alleine durch das südliche niedersachsen zu fahren und unter nebelverhangenem himmel die reste von bergen-belsen zu besuchen. irgendwelche steinhaufen, irgendwelche sträucher und irgendwelche bäume. hie und da sogar ein anderer mensch. und ich stehe dort alleine und habe im grunde nichts damit zu tun. ich habe keine opfer zu beklagen. wenn schon, dann täter, die sich selbst zu opfern stilisieren. aber ich habe nichts damit zu tun. nichts. mit den ruinen von bergen-belsen habe ich nichts zu tun. nichts. dort fühle ich mich einzig und alleine fremd. dawarisch karol, wenn du dich irgendwann einmal völlig fremd auf dieser welt fühlen willst, dann fahr eines nachmittags alleine unerkannt nach bergen-belsen.

auschwitz, das ist ein thema. mauthausen auch. für einen österreicher. das holocaust museum in washington auch. und yad vashem sicherlich auch. aber bergen-belsen? nicht einmal alle historiker wissen, wo das liegt. bergen-belsen hat überhaupt keinen mythos. sogar ravensbrück ist mythisch. aber bergen-belsen?

bei anne frank endet meine welt. warum thematisieren wir anne frank und die hunderttausenden anderen jüdischen kinder nicht? anne frank war privillegiert. anne frank war das privillegierteste holocaust-opfer. das macht alles so unerträglich. anne frank ist das vorzeigeopfer. das arme kleine mädchen, eingesperrt im dachboden des hinterhauses. wie privillegiert ist das eingesperrtsein im dachboden eines hinterhauses für ein jüdisches kind im amsterdam des arthur seyss-inquart? wie privillegiert war bruno kreiskys badeurlaub an der schwedischen ostsee.

dawarisch karol, weisst du, wie unerträglich schwer es ist, alles, aber auch wirklich alles akzeptieren zu können? weisst du, welche unendliche kraft es kostet, zu allem „ja“ sagen zu können? zu allem?

die meisten unserer freunde haben ihren kleinen kindern geholfen, laufen zu lernen. sie haben ihnen die hand gereicht und sind mit ihnen herumspaziert. ich nicht. ich habe mich neben sie gesetzt und zugesehen, wie sie immer wieder hinfallen. immer und immer wieder. und ich bin dabeigewesen und habe ihnen zugeschaut. immer und immer wieder.

gottes segen

peter

(Aus: Peter Wurm: Dawarisch Karol, Wien 2004)

Anne Frank, Amsterdam

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