Rassismus in der österreichischen Polizei

29/Jun/2013

—– Original Message —–

From: Peter Wurm
To: arthur.reis@polizei.gv.at
Cc: Some
Sent: Saturday, June 29, 2013 3:11 AM
Subject: Rassismus in der österreichischen Polizei

Sehr geehrter Herr General!

Als ich von September 2008 bis September 2009 Pächter der BP-Tankstelle im Sankt Pöltener Regierungsviertel war, da war neben der halben Landesregierung und dem Landtag auch die halbe Polizei der Landeshauptstadt meine Kunden. Die Polizisten des Regierungsviertels waren sogar meine häufigsten und treuesten Stammkunden. Verdient habe ich an Ihnen nichts, aber das war nicht Ihre Schuld, sondern meine eigene, weil ich erst im Zuge meines Abgangs von dieser Position wirklich begriffen habe, welche perfiden Mechanismen diesem System zugrunde liegen. Und so habe ich meinen Krieg mit diesem Royal Petroleum Crap Club geführt, der mir zwar wieder einmal ein riesiges Chaos beschert hat, meinen Gegnern jedoch mit Hilfe meiner mächtigen Freunde dieseits und jenseits des Horizonts den größten Verlust ihrer gesamten Geschichte eingebracht, indem ich ihre „Deepwater-Horizon“-Insel im Gulf of Mexico explodieren ließ. Mein Freund Ferdinand, dessen Vater jahrzehntelang Generaldirektor der British Petroleum Austria gewesen war, meinte im Zuge dieses Weltkriegs zu mir: „Ein wenig mehr noch, und sie hätten Dich nach London verfrachtet und Her Majesty vorgeführt.“

So weit so gut.

Irgendwann im Winter jenes Jahres meinte einer meiner Stammgäste zu mir: „Wissen Sie, wer das war? Das war der Herr General Reis!“ Mir war das ja eigentlich wurscht, ich behandle Alle meine Kunden mit Respekt, wenn nicht schon aus meiner Weltanschauung, so doch zumindest deswegen, weil ich weiß, dass ich – was immer ich auch ökonomisch veranstalte – letztendlich immer nur vom Kunden bezahlt werde – egal, ob er nun Polizeipräsident von Niederösterreich ist oder eine zigeunernde Sinti-Frau auf der Durchreise von Frankreich nach Rumänien.

Sie, sehr verehrter Herr General Reis, sind mir jedoch schon vorher aufgefallen. Ich habe bis heute noch im Gedächtnis, wie Sie getankt haben. Ich glaube, Sie haben ein helles Auto gehabt – einen Audi wahrscheinlich, Ferdinand Piech sei Dank – und immer selbst getankt und vor allem selbst die Scheiben geputzt. Und als ich Sie irgendwann später einmal beim Zahlen angesprochen habe: „Wie geht es Ihnen, Herr General?“ da haben Sie mich angeschaut und gemeint: „Na, zu Hause und privat bin ich sicher kein General mehr!“

Ich erinnere mich auch genauestens daran, wie ich Sie am Ende jenes Jahres im österreichischen Fernsehen gesehen habe. Es war im Zuge des nächtlichen Einbruchs in einer Kremser Merkur-Filiale, bei dem ein Jugendlicher vom männlichen Partner einer herbeigerufenen Polizeistreife von hinten erschossen wurde. Ich erinnere mich noch so genau daran, weil ich als Tankstellenpächter mit den Öffnungszeiten von 05:00 bis 24.00 Uhr ganz genau nachvollziehen konnte, in welcher Situation sich dieses Drama abgespielt haben musste – und ich weiß bis heute nicht, ob es ein Hoax war. Auf jeden Fall erinnere mich an die Diskussion am „Runden Tisch“ des ORF an jenem Abend, bei der neben Ihnen noch der Journalist Florian Klenk teilnahm und ein sympathischer kahlrasierter Polizeioffizier, dessen Namen ich mir nur deswegen gemerkt habe, weil er ungefähr genauso saudeppert ist wie meiner: Holunder-Holunder.

Ich erinnere mich noch genau an diese Diskussion, bei der Florian Klenk sinngemäß gemeint hat, dass Sie, sehr verehrter Herr General, für Ihre menschliche und kooperative Amtsführung bekannt wären. Und ich erinnere mich noch genauestens an Ihre offensichtliche Erschütterung über diesen Vorfall und an Ihre Ohnmacht, weil Sie von „Ihrem“ Apparat nicht genügend informiert und anscheinend völlig im Stich gelassen worden sind. Und ich erinnere mich noch genauestens an meine Wahrnehmung, dass ich Sie ja persönlich kannte und nun im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Ihnen wirklich körperlich mitlitt, weil das Alles nicht wahr sein konnte und nicht wahr sein durfte. Seither liebe ich Sie.

Trösten Sie sich, meine diesbezügliche Liebe ist amtsbekannt und weniger homoerotisch als politisch. Und so vernahm ich in der Zeit danach mit allerhöchstem Respekt, dass Sie sich von der Position als Polizeipräsident ablösen ließen, um Ausbildungsleiter der Exekutive im Anhaltelager Traiskirchen zu werden. Mein zweiter Ex-Schwiegervater, Herr Direktor Hofrat Magister Franz Feik war Vizebürgermeister und Kulturstadtrat von Traiskirchen und so kenne ich diesen Ort privat und genauestens aus der Perspektive der Stadtrandsiedlung. Ich habe die Sonntage bei meinen Schwiegereltern immer geliebt. Blöderweise schulde ich ihnen immer noch Geld, aber das soll nicht Ihr Problem sein. Rufen Sie doch mal meinen Schwiegervater an und unterhalten Sie sich doch mal bei einem Kaffee über den gewachsenen Charakter, die Qualitäten und Probleme dieser Stadt.

Warum ich Ihnen heute schreibe, hat einen einfachen Grund. Und ich mache es ganz genau so wie mein Freund und Ihr ehemaliger Chef, der Herr Landeshauptmann Doktor Erwin Pröll. Dieser hat im Zuge der Diskussion um das legendäre „Moltofon“ im ORF und die Interventionen österreichischer Politiker die EINZIG wahre und richtige Antwort gegeben: „Na, SELBSTVERSTÄNDLICH interveniere ich! Jeden Tag! Tausendmal! DAS IST MEIN JOB!“ Auch ihn liebe ich dafür. Gott sei Dank konnte ich es noch im letzten Moment verhindern, dass er sich zu unserem Bundespräsidenten wählen ließ, denn letztendlich ist er doch auch manchmal mein politischer Sparringpartner – genauso wie der zweifelhafte Scharinger-Clan jenseits der Enns.

Lieber Herr General! Hiermit interveniere ich bei Ihnen: Gestern Abend habe ich beim Nachbarschaftsfest der „Votivkirchen“-Flüchtlinge im Wiener Servitenkloster eine junge Kollegin kennengelernt, die sich ebenso dafür einsetzt, dass wir Alle endlich dieses unendlich tragische Problem von Krieg, Not, Tod, Vertreibung, Armut und Flucht zu lösen beginnen – wir eben aus der Wiener Sicht Europas. Und so erzählte sie mir, dass sie ihre Bakkalaureatsarbeit im Bereich der Internationalen Entwicklung über das Thema des Rassismus innerhalb der österreichischen Polizei schreibt, wobei sie insbesondere die Fälle Marcus Omofuma, Cheibani Wague und Bakari J. untersucht. Als sie gegen Ende des Gesprächs meinte, sie stünde gerade vor der Frage, inwieweit diesbezügliche Interviews einen Sinn ergäben, habe ich sie gefragt: „Wen willst Du interviewen? Was wünscht Du Dir?“ Was sie antwortete, weiß ich nur ungefähr, ich habe mir jedenfalls Folgendes aufgeschrieben:

„Polizeichef. Abteilungsleiter Rassismus. Dissidenten. Aussteiger. Verurteilte.“

Meine Kollegin heißt Julia Steiner und ist 1991 geboren. Und: Da steht gleich als Erstes: Polizeichef. Jetzt kenne ich Sie, wie erwähnt, und weiß, dass Sie zu Hause und privat eben kein General und Polizeichef sind. Aber irgendwie dann halt doch. Nehmen Sie sich doch ein Herz und eine Stunde Zeit, um ihre Fragen zu beantworten. Bitte! Die Arbeit muss ja nicht gleich so epochal werden wie das Matthäus-Evangelium oder Churchills „Zweiter Weltkrieg“. Aber es wäre doch vielleicht UNSER Beitrag zum Versuch einer Überwindung dieses weltweiten Problems – gerade für uns hier in Österreich. Sehr verehrter Herr General, ich bitte Sie darum.

Überlegen Sie es sich doch und geben Sie doch bitte Bescheid, wem Sie wollen. Der Frau Minister, dem Herrn Landeshauptmann, dem Herrn Klenk, meinem Schwiegervater, dem Staatsoperndirektor, mir oder der Frau Steiner selber. Ich danke Ihnen.

Hochachtungsvoll

Peter Wurm

General Arthur Reis

2 Antworten to “Rassismus in der österreichischen Polizei”

  1. max Says:

    Sehr sympathisch geschrieben. Weiß man schon, was daraus wurde?


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