Das größte Vorbild meines Lebens: Hans Marsalek

15/Jun/2013

 

A. Ernst SMETANA
KLM No.87060
Israel

An die Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen
z.Hd. Herrn Hans Marsalek

Sehr geehrter Herr Hans,

Am 15. September dJ. besuchte ich anlässlich einer Europa-Reise Mauthausen. Dies war mein zweiter Besuch, der erste war im Jahre 1972 mit meiner Frau und unseren zwei Kindern (damals noch jung – 6 und 9 Jahre alt). Diesmal kam ich nur mit meiner Frau und erkundigte mich im Museum welche Dokumente erhältlich wären. Auf meine Fragen wurde mir das Buch des ehemaligen Lagerschreibers empfohlen und meine weitere Frage ob sein Vorname nicht Hans wäre wurde bejaht.

Mein Vater Leo Smetana (KLM No.87061) und ich wurden am 10.August 1944 ins KL Mauthausen eingeliefert. Wir stammen aus Bohunin in der CSR, wurden nach Krakow „verweht“ und so kamen wir aus dem Lager Krakow-Plaszow. Von der unheimlichen Ansicht Mauthausens beeindruckt und andererseits mit der Hoffnung dass es jetzt nicht mehr schlimmer wird, meinte mein Vater (beim Entkleiden am Appellplatz), dass hier „Ordnung und Gehorsam“ das Überleben sichern würden. In diesem Sinne habe ich später bei der Registrierung mein wirkliches Geburtsdatum angegeben (1929). Nach einigen Tagen im Quarantäne-Block wurde ich zusammen mit anderen Jugendlichen und Älteren ausgesondert und musste seither jeden Morgen mit dieser Gruppe antreten. Mein Vater wollte unbedingt mit mir zusammen bleiben.

So begab er sich zum Lagerschreiber Hans, der Vaters Namen auf die Liste meiner Gruppe übertrug. Ab nächsten Morgen standen wir also beim Appell wieder zusammen. Wir wussten nicht wofür diese Gruppe bestimmt war, es wurde gesagt, für „leichtere Arbeit“ Das erweckte ernste Zweifel bei meinem Vater, ich selbst aber machte mir darüber keine Sorgen.

Ich glaube es war noch am selben Tag, da entschloss sich mein Vater zum zweiten mal den Lagerschreiber Hans aufzusuchen. Er sagte mir nicht viel darüber, und ich war ja auch nicht beunruhigt. Als er zurückkam sagte er mir, Lagerschreiber Hans würde versuchen uns wieder in die Hauptgruppe zu übertragen, versprechen kann er es aber nicht, nachdem dazu eine Änderung meines Geburtsdatums nötig ist. Es war uns klar, dass dieser Eingriff für den Lagerschreiber eine sehr ernste Gefährdung bedeutete. Es geschah aber doch, wir beide wurden nach einem oder zwei Tagen aufgerufen, mit der Hauptgruppe zum Appell anzutreten!

Es vergingen noch ein paar Tage und kurz vor Ablauf der Quarantäne (ca. 3 Wochen) wurde die kleine Gruppe auf einen Lastwagen geladen und weggeführt. Wir sahen die Menschen nie mehr. (Dies war wahrscheinlich der Transport vom 19.8.1944 nach Auschwitz!) Vater und ich kamen dann ins Linz III wo wir bis zur Befreiung im „Hermann Göring Werk-Hauptwerkstätte“ mit der „Judenschicht“ Tag oder Nacht arbeiteten. 

Nach der Befreiung wurden wir mit Hilfe des Tschechischen Komitees über Hauptlager Mauthausen nach Prag repatriiert Ich wanderte 1948 nach Israel aus Mein Vater folgte mir später. Während der vielen Jahre sprachen wir öfter im Familienkreis mit Freunden und besonders mit den Kindern über die Ereignisse des Holocaust. Die Geschichte der Änderung meines Geburtsdatums durch Lagerschreiber Hans (Familiennamen gab es nicht) ist vielen bekannt. Es bedeutete die Lebens-Rettung zweier für Hans absolut anonymen Menschen … Ich werde sie immer weiter erzählen, besonders jetzt, da seine Persönlichkeit plötzlich (für mich) aus der nebelhaften Vergangenheit in die Wirklichkeit hervortrat.

Ich weiß nicht, ob mein Vater (er starb 1980 in hohem Alter) die Gelegenheit fand, Ihnen noch vor der Abfahrt nach Linz III unseren Dank auszusprechen, ich fühle jedenfalls, daß dies auch heute nach 47 Jahren richtig wäre. auch wenn mir die Worte dazu fehlen und vielleicht gar nicht zu finden sind …

Mit freundlichen Grüssen, Ihr

A. E Smetana

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Danke, Hans!

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