Dietmar Schoder: Versuch zu Peter Wurms aktuellem Werk

19/Mai/2013

Ein Gastbeitrag von Dietmar Schoder:

Beginnen wir – zum besseren Verständnis – mit U2. Diese Band trat mit „The Joshua Tree“ in mein Leben. Dort blieb sie so lange, bis sie fortfuhr, sich selbst neu zu erfinden. Von dem späteren Werk habe ich dann wenig verstanden.

Heute ist mir klar, dass die Band U2 im Jahr 1987 wie ein Komet in meine Nähe kam, um mich vielleicht mitzureißen. Es stand aber immer fest, dass sie ihre eigene Reise durchzog, die ich nicht einfrieren würde. 2002 kam sie dann nochmals in meine Nähe, mit dem Song „Electrical Storm“. Aber eins musste ich akzeptieren: mein Geschmack bestimmt nicht deren Richtung. Und so lange sie Dinge produziert, die mein einfaches Gehör angenehm findet, nehme ich sie gern als Klangtapete. Mit dem Rest ihres Werks müsste ich mich näher auseinandersetzen.

Kommen wir nun zu Peter Wurm. Zuerst seine „12 Bilder von 12“ (12 Geschichten zu 12 Sätzen zu 12 Bildern). Die gefielen mir. Sie waren allgemein verständlich. Man konnte dazu viel sagen, man konnte sie vorlesen, sie hatten einen Anfang und ein Ende, sie waren schön ausgeschmückt. Viel Ästhetik, viel Gültigkeit, viel Humor, viel Tiefe, viel Sprachkompetenz, viel Präzision, viel Gefühl, viel Mitgefühl.

Vor allem aber verdichteten sie das Fundament „Nackt“, das Peter Wurm davor in die Welt gesetzt hatte. Peter Wurm erkennt in „Nackt“ sich selbst. In den „12 Bildern von 12“ erkennt er noch mehr, nämlich die Welt im Großen. Und dann kam: „Schade. Besser So.“ Nochmals 12 Texte zu nochmals 12 Bildern. Hier jedoch tritt die Figur „Slupetzky“ auf und verfängt sich in minimalen Details (z.B. warmem Badewasser).

Es geht also insgesamt um Distanz. Und Nähe. Und um die Kontrolle darüber. Zuerst blickte Peter Wurm auf sein gesamtes Leben, nachdem er die Frucht vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte (welche Frucht das war, bleibt im Verborgenen). Da stellte er fest, dass er „nackt“ war. Dann betrachtete er die Welt überhaupt, erkannte in seinen „12 von 12 Bildern“ z.B. „Vincent und Paul“, „John Lennon und Yoko Ono“, die Ägypter oder das Prinzip von Normalität und Wahnsinn (in Steinhof). Schließlich – in „Schade. Besser so.“ – schaute er ganz genau hin. Ging sehr nahe an das Geschehen heran. Verallgemeinerte sich selbst auf eine neutrale Person Slupetzky, die im Kleinsten agierte.

In den drei Werken („Nackt“, „12 Bilder von 12“ und „Schade. Besser So.“) wird Peter Wurm also zum Adam, der das klare Sehen lernt. Zoom, Brennweite und Fokus werden maximal ausprobiert und genutzt. Vor allem aber kommt er aus dem Ich, aus dem „ich bin nackt“, schnell zu den anderen. Die sind ja auch nackt. Peter Wurm kommt zu sich, und er kommt zu uns. Vielleicht kommen wir alle zu uns? Das ist seine Hoffnung, unterstelle ich ihm.

Schließlich präsentiert Peter Wurm die Videos: „Go“, „God“ oder „Die Gedanken sind frei.“

Peter Wurm schreibt jetzt nicht mehr darüber, wie er sich selbst nackt sieht. Oder wie er uns nackt sieht. Er fängt an, sich selbst uns nackt zu zeigen: So geht er. So besingt er Gott. So fühlt er sich frei. Wir dürfen jetzt plötzlich sehr nahe an Peter Wurm heran. Nicht nur an seine Werke oder an seine Gedanken. Nein, an ihn persönlich. Jeder darf jetzt sehr nahe an ihn heran.

Und nun? Peter Wurm produziert die Videos: „Ave Maria“ und „You’ll never walk alone“. Wir sind den ganzen Weg mit Peter Wurm mitgegangen. Es war eine aufregende Zeit. So wie bei U2, The Joshua Tree. Aber was ist das jetzt? Musik (mit Mario Zaunschirm)? Punk? Rock? Klassik? Erfindet sich Peter Wurm ganz neu, auf einer Bahn, der wir nicht mehr folgen können? Wird er uns erst später wieder einmal besuchen? Mit einem „Electrical Storm“?

Nein. Es geht hier (wieder) nicht um die Form. Es geht hier (wieder) nicht um das Äußere. Es geht um den Inhalt. Nur um den Inhalt. Um den nackten Inhalt.

Peter Wurm ist Vater.

Darauf läuft sein Erkennen über alle diese Werke letztlich (bis dato) hinaus: auf das Schauen auf die blanke Wahrheit. Aus allen Perspektiven und aus allen Distanzen: Peter Wurm und seine beiden Kinder.

Peter Wurm ist kein Komet auf einem Trip. Er erfindet sich auch nicht neu. Oder die Welt. Nein. Er ist Adam, der die Augen aufmacht. Mehr noch: Er ist Peter Wurm, der erkennt, dass er nicht nur nackt ist. Sondern er ist Peter Wurm, der begreift, dass ihm seine beiden Kinder unendlich fehlen.

Und Gott.

Und seine Kunst lässt uns das mit ihm begreifen.

Wien, 19.5.2013, Pfingstsonntag

Dietmar Schoder

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