Wien. Center of the Universe

07/Mai/2013

Wissen Sie, Anton Pawlowitsch, es gibt Orte auf der Welt, wo einem bewusst werden kann, dass dieser kleine Planet vielleicht doch etwas für den Fortbestand dieses Universums geleistet hat. 

Vinci zum Beispiel, la „Casa de Leonardo“, das Geburtshaus Leonardo da Vincis; Tribschen und Sils Maria in der Schweiz, die Aufenthaltsorte von Richard Wagner und Friedrich Nietzsche; der Frankfurter Hauptfriedhof mit dem Grab Arthur Schopenhauers – und der Spaziergang in Richtung Paulskirche; das Forum Romanum mit dem Grab Caesars und dem Kapitol – und der Spaziergang in Richtung Petersdom, zur Sistina; das „Café de Flore“ in Saint Germain des Pres – und der Spaziergang in Richtung Louvre und Rive Droit; der Felsendom in Jerusalem – und der Spaziergang in Richtung Ölberg; die Cheops-Pyramide in Gizeh – und der Spaziergang zur Sphinx, zum Seschep Anch; der Bodhi Baum in Bodh Gaya – und Wien.

Gerade – es ist inzwischen 03 Uhr 24 in der Nacht – komme ich aus der Innenstadt zurück. Vor wenigen Minuten bin ich noch am Ring gestanden, gegenüber der Wiener Staatsoper. In diesem Haus hat vor hundert Jahren Gustav Mahler dirigiert – heute arbeitet meine Ex-Frau da. 

Wenn ich hier in die Straßenbahn des „D-Wagen“ oder in die U-Bahn-Linie „U4“ einsteige, bin ich in weniger als einer halben Stunde in Heiligenstadt, wo Ludwig van Beethoven jeden Tag den Anstieg zum Kahlenberg erklommen hat – so wie wir gestern Nachmittag. Das „Eroica-Haus“, in dem er Napoleon Bonapartes kaiserlichen Anspruch, die Überwindung des Gottesgnadentums, mit einem Federstrich zerfetzt hat, liegt weniger als hundert Meter von der Wohnung meiner Kinder entfernt. 

Auf dem Rückweg in die Innenstadt stolpert jeder noch so unbedarfte Tourist über die Wohnstätten von Franz Schubert, Wolfgang Amadeus Mozart und Sigmund Freud. Freuds „Traumdeutung“ entstand auf der Bellevue-Wiese mit Blick über Wien – heute gehen wir bei schönem Wetter dorthin zum Picknick. Gerade jetzt am Abend habe ich mich am Haydn-Denkmal verabredet, das in unmittelbarer Nähe sowohl von Joseph Haydns Wohnung als auch von meiner liegt. 

An Schuberts Grab auf dem Zentralfriedhof hat John Lennon in ehrfürchtiger Dankbarkeit seine Schuhbänder abgelegt. Auf dem Weg dorthin kommen wir am Wittgenstein-Haus vorbei, der architektonisch manifestierten Verkörperung der Sprachphilosophie. Und in der Hörlgasse, in Franz Schuberts Gemeindebezirk Alsergrund, zwei Gassen weiter von Freuds Ordination (und der meines Zahnarztes), vollzog sich die Abkehr Karl Poppers von der kommunistischen Idee. 

Quer durch den kleinen Sigmund-Freud-Park geht es zur Universität, an der unter Anderem die Wiener Medizinische Schule und die Österreichische Schule der Nationalökonomie entstanden sind, der wir beispielsweise unsere hohe Lebenserwartung und unseren wirtschaftlichen Wohlstand verdanken. 

Von Otto Wagner, Adolf Loos, Franz Kafka, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Elias Canetti, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Theodor Herzl, Hans Kelsen, Karl Kraus, Johann Strauß, Johannes Brahms, Arnold Schönberg, Gustav Klimt und Egon Schiele möchte ich gar nicht erst anfangen – und schon gar nicht von der Kapuzinergruft.

Die BBC hat vor Kurzem versucht, einen Artikel darüber zu schreiben: 1913: When Hitler, Trotsky, Tito, Freud and Stalin all lived in the same place. Und so leben wir heute hier…

Ich danke Ihnen, Anton Pawlowitsch, dass Sie mir zugehört haben. Ich gehe jetzt träumen. Haben Sie eine gute Nacht!

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