Ein nächtlicher Brief an meinen Sohn

19/Apr/2013

Ach Gott, mein Sohn!

Wie schwer ist es, Vater zu sein! Und wie schwer erst, Sohn eines Vaters. Vater–Tochter ist so einfach. Vater–Tochter ist wahrscheinlich das liebevollste Verhältnis auf der Welt. Vater–Sohn ist wahrscheinlich das stärkste. Vater und Tochter stellen sich dann vor alle Welt hin und singen „Something stupid“. Und wir?

Gerade jetzt höre ich im Hintergrund „Pavarotti & Friends“. Luciano Pavarotti singt da gemeinsam mit Sting, Zucchero, Lucio Dalla und Anderen. „Pavarotti & Friends“ ist wunderschön, aber sehr leicht. Mit Freunden ist es immer wunderschön, aber sehr leicht. Deswegen sind sie ja Freunde. Aber „Father & Sons“? Das gibt es bisher nur im Geschäftsleben: „Pahlgruber & Söhne“ zum Beispiel bei Loriots „Vertreterbesuch“. Aber sonst? Johann Strauß höchstens. Pieter Brueghel. Die Bachs. Mozart.

Als ich im Montessori-Kinderhaus gearbeitet habe und Ihr auf die Welt gekommen seid, da habe ich mir gedacht: Jetzt muss ich nicht mehr ein ‚väterlicher Freund‘ sein, sondern ein freundlicher Vater. Bisher hatten wahrscheinlich alle Söhne ihre Väter zu überwinden. So wie Lionel Messi Diego Maradona zu überwinden gehabt hätte bei der letzten Weltmeisterschaft. Und deswegen ist Argentinien nicht Weltmeister geworden in Südafrika. Diego Maradona hätte es zulassen müssen, dass Lionel Messi der beste und erfolgreichste Spieler in der Geschichte des Fußballs wird. Daran ist er gescheitert. Diego Maradona war zu klein dafür. Argentinien ist mit 0:4 gegen Deutschland ausgeschieden. Und Diego Maradona lebt jetzt als Trainer irgendwo in Arabien.

Hör‘ Dir mal den „Don Giovanni“ an. Vielleicht ist das die Auseinandersetzung von Wolfgang Mozart mit seinem Vater. Ein fürchterlicher Schluss, ein entsetzliches Finale. Das letzte Wort von Don Giovanni ist „Nein!“. Bei den Bachs war’s genau gegenteilig. Da war der Vater einfach zu groß. Bei den Brueghels hat der Vater sogar sehr früh sterben müssen, und dennoch sagt die Kunstgeschichte, dass seine Söhne ihn nicht überwunden haben. Bei den Cruyffs im Fußball ist es ähnlich.

Das Verhältnis Vater–Sohn ist also bisher immer außerordentlich schwer gewesen. Der Vater von Gautama dem Buddha war übrigens König, der Vater des Jesus hat sich verdrückt – und Mohammeds Vater starb noch vor der Geburt. Bill Clintons Vater erging es genauso, Barack Obamas Vater war auch nie da – und George Bush Junior vergessen wir hier. Vielleicht haben das Johann Strauß Vater & Sohn bisher insgesamt am besten gelöst, den „Radetzkymarsch“ der Vater, den „Donauwalzer“ der Sohn – oder in schwierigeren Fällen die Söhne des Staatssekretärs von Weizsäcker und Albert Speer Junior.

Das schönste Beispiel für mich persönlich ist die Familie Kleiber. Erich Kleiber war einer der besten Dirigenten der Welt. Im Nationalsozialismus ist er dann mit seiner Familie von Europa nach Südamerika ausgewandert. Zuerst hatte er seinem Sohn Carlos verboten, ebenfalls Dirigent zu werden. Carlos studierte daher nach der Rückkehr nach Europa zunächst Chemie. Nach zwei Semestern ging er nochmals zum Vater und wurde daraufhin Dirigent, vielleicht der allerbeste der Welt. „Carlos Kleiber war der vollendetste Vermittler zwischen Gott und der Menschheit, was Musik betrifft.“ sagte der Staatsoperndirektor Ioan Holender nach Carlos Kleibers Tod.

„Ich will eigentlich gar nichts. Ich will, dass Sie was wollen.“ meinte Carlos Kleiber einmal bei einer Probe zu seinen Orchestermusikern. So geht es mir als Vater mit Euch. Ich will eigentlich gar nichts. Ich freue mich, wenn Ihr was wollt. Ganz am Anfang habe ich mich gefragt: „Was will ich eigentlich als Vater?“ Und dann habe ich mir gedacht: „Ich will, dass meine Kinder selbstbestimmt glücklich sein können.“ Und wenn Dir die Kunst und der Fußball völlig egal sind, dann ist es mir auch recht. Du kannst und Du darfst Dich jederzeit entscheiden, wie auch immer Du willst, selbstverständlich auch gegen mich. Ich werde Dich immer unterstützen, ich werde immer zu Dir stehen und ich werde immer für Dich da sein, wann immer Du willst – ganz gleich, was Du tust. Ich bin Dein Vater.

Voriges Jahr hast Du gemeint, dass Giovanni Trapattoni Dein Lieblingstrainer bei der Europameisterschaft wäre. Das kann ich sehr gut verstehen, auch wenn ich mit ihm so meine Probleme habe. Trapattoni ist neben Ernst Happel der erfolgreichste Trainer der Welt. Ich habe Dir damals geantwortet: „Meiner ist der del Bosque. Der bleibt auch in den allergefährlichsten Situationen vollkommen cool. Solche Typen taugen mir.“ Du hast leider keinen Giovanni Trapattoni. Aber Du hast vielleicht einen Vicente del Bosque.

Ich liebe Dich

Papa

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