Für meinen kleinen Freund Jan

17/Apr/2013

Gerade habe ich mit meinem Freund Gerhard in Augsburg telefoniert. Ich kenne Gerhard schon seit fast zwanzig Jahren von meiner Zeit in Deutschland. Früher haben wir Beide für dieselbe Stuttgarter Marketing-Firma gearbeitet und uns recht bald angefreundet. Gerhard ist ein wenig älter als ich und stammt aus Würzburg. Ich bin ein wenig jünger als er und stamme aus Wien.

Gerhard ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Die Beiden sind jetzt acht und vier Jahre alt. Vor sechs Jahren haben seine Frau und er ein weiteres Kind erwartet, einen Sohn. Dieser hatte schon im Mutterleib große Schwierigkeiten und ist dann bei der Geburt gestorben. Gerhard hat mir das damals in allen Einzelheiten erzählt, und ich habe dabei gemerkt, wie er fast daran zerbrochen wäre.

Gerhard hat einen Sohn gehabt. Er hieß Jan. Ich habe ihn nur aus Gerhards Erzählungen gekannt, schon während der Schwangerschaft. Ich war damals ebenfalls bereits Vater, Vater einer Tochter und eines Sohnes. Als Jan auf die Welt kommen sollte, gingen meine beiden Kinder schon zur Schule. Ich wusste, was es heißt, Vater zu sein, und ich wusste, was es bedeutete, Vater eines Sohnes zu sein. Ich bin selbst Sohn eines Vaters.

Gerhard und ich telefonierten zu jener Zeit oft abends, manchmal auch in der Nacht. Er erzählte mir dabei, welche Probleme sein Sohn bereits im Mutterleib hätte. Und er befürchtete, dass es bei der Geburt zu großen Schwierigkeiten kommen könnte. Manchmal weinte er bei diesen Gesprächen. Er wusste, dass sein Sohn die Geburt wahrscheinlich nicht überleben würde.

Ich hörte ihm immer wieder lange zu und versuchte zu verstehen, was in ihm vorging. Ich dachte an meinen Sohn, der in jenen Nächten bereits schlief, um am nächsten Tag gemeinsam mit seiner großen Schwester in die Schule zu gehen. Aus Gerhards Erzählungen entnahm ich, dass sein Sohn wahrscheinlich niemals gemeinsam mit seiner großen Schwester in die Schule gehen würde und dass er in lebensgefährlichen Schwierigkeiten steckte.

Jan ist bei der Geburt gestorben. Gerhard war bei dieser Geburt dabei. Ich war ebenfalls bei der Geburt meiner zwei Kinder dabei gewesen und hatte sie noch bei ihrem ersten Schrei lange in meine Arme genommen. Als Jan geboren wurde, da machte er keinen Schrei. Er bewegte sich auch nicht, und er atmete nicht. Jan war tot.

Kurz darauf wurde Jan begraben. War er überhaupt auf die Welt gekommen? Seine große Schwester war damals zwei Jahre alt und seine kleine Schwester wurde erst zwei Jahre später geboren. Nachdem ich nun heute mit Gerhard telefoniert habe, kommt mir wieder sein kleiner Sohn Jan in den Sinn. In Wien ist es bereits Nacht, ebenso in Augsburg. Ich habe Gerhard eingeladen, mich wieder einmal zu besuchen. Das letzte mal war er bei meiner zweiten Hochzeit hier.

Wenn ich jetzt aus meinem Dachfenster schaue, dann sehe ich den klaren Sternenhimmel über mir. Und drüben, auf dem dunklen Dach des Nachbarhauses sitzt ein kleiner Junge und winkt mir zu. Ich schätze, er ist ungefähr sechs Jahre alt, vielleicht geht er schon zur Schule. Er hat einen kleinen Stein in der Hand und lacht. „Grüß‘ Deinen Vater von mir, lieber Jan! Ich freue mich, wenn er mich wieder einmal besucht!“

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