Tagebuch an meinen unbekannten Freund Richard

12/Apr/2013

Lieber Richard!

Heute ist Freitag. Für das Abendland beginnt das Wochenende. Ich bin vor Kurzem aufgestanden, draußen regnet es. Ich schreibe Dir aus Wien, selbstverständlich, ich weiß gar nicht, wann ich zum letzten mal über Nacht woanders war. Möglicherweise im Oktober 2009 in Kopenhagen; nein, im Sommer 2011 war ich für vier Tage in Venedig.

Ich habe mich inzwischen völlig von der Außenwelt zurückgezogen. Ich verlasse meine Wohnung nur noch, wenn ich dazu gezwungen werde, durch Behördenbriefe in Richtung Post, durch Hunger in Richtung „Gruft“, oder durch die Champions League in Richtung meines geheimen Stammlokals. Sonst gehe ich nur noch in der Dunkelheit der Nacht hinaus, spazieren, kurz vor oder kurz nach der Geisterstunde. Mit der Außenwelt kommuniziere ich ausschließlich mittels Web, oder wenn mich Freunde spätabends zu sich einladen. Sonst bleibe ich nur noch hier.

Hier habe ich Alles, was ich brauche. Beethoven, Schubert, Bruckner, Strauss und Wagner. Nietzsche, Schopenhauer, Freud, Oskar Werner und Zen. Wenn mir etwas fehlt, dann hole ich es über das Web herein: Das BBC-World Service, den Guardian und die NYT für das politische Update, die Süddeutsche, den Spiegel und hie und da den Standard für das fußballerische (manchmal druckt der Standard „Ballesterer“-Artikel ab). Blöderweise hat die NYT keine Mobile-Version, das nervt mich oft; so lese ich dann aus Protest die FAZ. Wenn das Klopapier ausgeht holen wir uns Nachschub, aber erst, wenn wieder Geld da ist.

Zwei- bis dreimal in der Woche setze ich mich an Marios Klavier und spiele das einzige Stück, das ich noch kann, Bachs C-Dur Präludium. Meist spätabends oder mitten in der Nacht – vorausgesetzt Mario ist ebenfalls wach und lässt mich. Interessanterweise brauche ich fast kein Geld mehr. Meine einzigen finanziellen Ausgaben sind Spaghetti, Reis und Klopapier; die Betriebskosten, Telefongebühr und Kreditrückzahlung werden automatisch abgebucht – wenn das Konto gedeckt ist. Die teuersten Tage sind jene, an denen ich meinen Vater in Linz besuche, dafür brauche ich fast genau 36 Euro für die Hin- und Rückfahrt. Man fährt übrigens nur noch knapp über eine Stunde mit der Bahn nach Linz. Früher hat man knapp zwei Stunden gebraucht, wenn man die elende Strecke durch den dunklen Wienerwald heil und ganz überlebt hat – dafür tun jetzt die vielen Tunnels in den Ohren weh.

Dann setze ich mich mit meinem Vater ins Krankenhaus-Café, und wir erzählen einander langsam aus unserem Leben. Zum Abschluss des Besuches kratzt mein Vater sein inzwischen Erspartes zusammen und reicht es mir über den Tisch. So kann ich die Rückfahrt bezahlen und das Bier an den Abenden der Fußball-Übertragungen – und das Klopapier. Wenn das Monat zu Ende geht, dann muss meist Zeitungspapier dafür herhalten, wobei eine Ausgabe der „Zeit“ schon für ein halbes Jahr reicht. Das schätze ich an ihr.

Die einzige Frau, die uns in unserer Dachstube zur Zeit besucht, ist Marios Kollegin und Freundin Yi-Ting. Sie ist Violinistin und kommt aus Taiwan. Manchmal schläft sie hier. Mario kommt aus der Obersteiermark, geboren ist er jedoch in Bregenz. Ich komme, wie Du weißt, aus Döbling. Und so sind wir Beide hier in Mariahilf im Exil. Wir brauchen jedoch nicht so oft wie Mozart, oder gar Beethoven, umzuziehen, weil die Wohnung mir gehört. Außerdem wohnen wir hier im Dach, sodass wir eigentlich keine Nachbarn haben, die sich über laute Musik beschweren könnten, nicht einmal in der Nacht.

Ich selbst bin wieder sehnsüchtig verliebt. Sie heißt Pauline. Ich habe sie nur ein einziges mal gesehen, beim Rückspiel von Arsenal in der Allianz-Arena. Da war sie in der ersten Halbzeit ebenfalls da. Seither warte ich bei jedem Fußballspiel, dass sie wiederkommt. Sie ist jedoch bisher niemals wieder erschienen. Ich hoffe, sie ist kein Arsenal-Fan. Und so wünsche ich mir, dass ich die nächsten zehn Tage bis zum ersten Semifinale überstehe und sie dann vielleicht auch wieder da ist. Ich habe ja damals nur zwei Sätze mit ihr geredet. So zähle ich die Stunden bis zum nächsten Spiel. Draußen regnet es noch immer.

Gott bewahre uns vor der Erfüllung unserer Wünsche.

Es grüßt Dich liebevoll

Dein Peter

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