Freitag Abend in Wien

12/Apr/2013

Wissen Sie, Anton Pawlowitsch, jetzt gerade beginnt für die meisten Menschen hier in Wien das Wochenende. Mir ist das nicht so wichtig. Ich habe mich inzwischen völlig davon zurückgezogen. Ich verlasse meine Wohnung nur noch so selten wie möglich, meist in der Dunkelheit der Nacht. Dann gehe ich langsam spazieren, genau zur Geisterstunde. Sonst bleibe ich am liebsten zu Hause.

Hier lebe ich zurückgezogen mit meinem Wohnungskollegen Mario, einem Komponisten. Zwei- bis dreimal in der Woche setze ich mich an Marios Klavier und spiele das einzige Stück, das ich noch kann, Bachs C-Dur Präludium. Manchmal spiele ich auch spätabends oder mitten in der Nacht. Gott sei Dank wohnen wir hier im Dach, sodass wir keine Nachbarn haben, die sich darüber beschweren könnten.

Interessanterweise brauche ich fast kein Geld mehr. Meine einzigen finanziellen Ausgaben sind Spaghetti, Reis und Toilettpapier. Die teuersten Tage sind jene, an denen ich meinen Vater in Linz besuche. Da fahre ich während des Tages mit der Bahn. Dann setze ich mich mit meinem Vater ins Café, und wir erzählen einander langsam aus unserem Leben. Zum Abschluss des Besuches kratzt mein Vater ein paar Münzen zusammen und reicht sie mir über den Tisch. So bezahle ich damit die Rückfahrt – oder das Toilettpapier. Wenn das Monat zu Ende geht, dann muss oft Zeitungspapier dafür herhalten, wobei eine Ausgabe der „Zeit“ schon für ein halbes Jahr reicht. Das schätze ich an ihr.

Ich selbst bin seit Kurzem wieder sehnsüchtig verliebt. Sie heißt Pauline. Ich habe sie nur ein einziges mal gesehen, bei einem Spaziergang vor zwei Wochen. Seither warte ich bei jedem Spaziergang, dass sie wiederkommt. Sie ist mir jedoch bisher niemals wieder begegnet. Und so wünsche ich mir jedesmal, dass sie vielleicht auch wieder da ist. Ich habe bisher ja nur ein paar Sätze mit ihr geredet. So zähle ich täglich die Stunden bis Mitternacht…

Ich danke Ihnen, Anton Pawlowitsch, dass Sie mir zugehört haben. Ich gehe jetzt spazieren. Haben Sie eine gute Nacht!

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