Fremd in der Votivkirche

16/Feb/2013

Mehr als eine Milliarde Menschen dieser Welt sind auf der Flucht. Ungefähr dreißig davon harren seit knapp zwei Monaten in der Wiener Votivkirche aus: Heute Nachmittag kommt es in Wien zu einer Solidaritätskundgebung, zu einer Demonstration vom Westbahnhof in die Innenstadt und dem Abschluss vor der Votivkirche. Mit wem sind wir solidarisch? Mit den dreißig, mit den paar Tausend in Österreich oder mit den Milliarden? Was bedeutet das überhaupt? Was hat ein Flüchtling am Horn von Afrika davon, dass ich mich heute Nachmittag mit ihm solidarisch zeige? „Wer einen Menschen rettet, der rettet die ganze Welt.“ heißt es, glaube ich, im Talmud, der zum Abschluss von Spielbergs „Schindler’s List“ zitiert wird. Und Martin Luther meint: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Als ich gestern mitten in der Nacht vor dem Einschlafen war, da hat es irgendwo im Hof einen kurzen Tumult gegeben. Irgendein Krachen und danach ein kurzes Geschrei. Ich bin im Bett gelegen und habe mir gedacht: „Was mach‘ ich jetzt?“ Und wie ich mir das gedacht habe, da war der Tumult auch schon wieder vorbei. Vielleicht hat irgendein Nachbar seine Frau geschlagen. Ich weiß es nicht. Auch wenn ich aufgestanden wäre, hätte es keinen Sinn gehabt, weil ich nicht einmal gewusst hätte, wo ich hätte hingehen sollen. Auch lebe ich Gott sei Dank in einem Land, in dem es nicht mehr üblich ist, dass mitten in der Nacht die Geheime Staatspolizei läutet und die Nachbarn mitnimmt. Aber ich lebe selbstverständlich in einem Land, in dem die Polizei bei Asylanten läutet, deren Antrag abgelehnt wurde, und diese mitnimmt. Und am nächsten Tag sind sie nicht mehr da.

Mich selber betrifft das nicht, weil ich keinen einzigen Asylanten hier kenne. Und ich war auch nie auf der Saualm, um mich zu erkundigen, was dort wirklich abgeht. Und selbst das „Erstaufnahmezentrum“ in Traiskirchen habe ich nie besucht, obwohl ich dutzende Male daran vorbeigefahren bin. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, denn es hätte mich niemand hineingelassen. Aber als ich von der Räumung des „Refugee-Camps“ vor der Votivkirche gehört habe, da bin ich in der Nacht in die zuständige Polizeidirektion gegangen und habe mit den dortigen Polizisten geredet. Ich kann zwar als gewöhnlicher Bürger nicht viel tun, aber ich kann zumindest zeigen, dass es mich interessiert. Und ich kann zeigen, dass ich da bin, wenn es meine Umgebung betrifft.

„Wie können wir uns mit den Armen, Schwachen und Entrechteten solidarisieren, ohne selbst arm, schwach und entrechtet zu werden?“ habe ich den – inzwischen bald vorletzten – Wojtyla-Papst gefragt. Damals, als er schon nur noch dahingesiecht ist, habe ich mich mit ihm solidarisiert. Der Welt war es wahrscheinlich wurscht, aber mir war es wichtig; und ihm hoffentlich auch. Und so gehe ich heute Nachmittag wieder demonstrieren. Ich habe weder den Irak-Krieg verhindern können, noch den Tod von Marcus Omofuma. Ich kann wahrscheinlich überhaupt nichts verhindern. Aber ich kann zeigen, dass ich da bin. Und dass es mich interessiert.

3 Antworten to “Fremd in der Votivkirche”

  1. Tabitha Says:

    ja es interessiert uns und es interessiert immer mehr von uns!!
    Lg

  2. Lisa Setz Says:

    Wie wäre es wenn Ihr euch um ärmste Österreicher kümmern würdet (Kleinbauern in der Süd-und Oststeiermark, mit sieben, acht Kindern, die nicht wissen, womit sie ihre Kinder kleiden sollen), um Bettler in der Wiener oder Grazer Innenstadt, die nicht, wie man uns weismachen will, aus dem Ausland herangekarrt werden (ich habe welche von ihnen betreut). Also,ihr heiligen Votivkirchen-Asylanten-Liebhaber, wie wäres damit. Ich bin Atheistin, aber warum läßt die Kirche das mit sich machen. Die Asylanten sollens doch in einer Moschee versuchen, ist wahrscheinlich ihrem Glauben eh näher….

    Lisa Setz

    • Peter Wurm Says:

      aha. ich halte nicht viel davon, eine notlage gegen eine andere ausspielen zu wollen. ich bin gerne bereit, hinzuschauen, wenn in meiner welt not und elend auftauchen und so gut ich kann danach zu handeln und freue mich, wenn dies andere menschen tun, wenn ich in not gerate. mir ist es eigentlich ziemlich egal, warum jemand in not geraten ist, mir ist es wichtig, dafür offen zu sein, wen auch immer es betreffen sollte.


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