Das Glück des Pokerspielers

15/Apr/2012

Artikel für Pokerfirma – Magazin 4/2012:

Das Glück des Pokerspielers

Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich die Größen des Geistes mit diesem Begriff abgemüht, und jetzt habe endlich ich die Gelegenheit, eines der unglaublichsten Phänomene unserer Welt anhand von Poker zu erfassen.

Poker ist das aufregendste und daher gefährlichste aller Kartenspiele. Wenn ich mir eine Pokerpartie vorstelle, dann sehe ich ein verrauchtes Hinterzimmer vor mir, in dem im Halbdunkel ein paar Männer um einen Tisch mit Haufen von Geld sitzen und dabei ein paar Karten in der Hand halten. Warum tun diese Menschen das? Ein Pokerspieler hat mir im letzten Jahr einmal erklärt, worum es im Poker eigentlich geht. Wenn ich ihn recht verstanden habe, dann geht es dabei im Grunde nicht um den Umgang mit den eigenen Karten, sondern um den Umgang mit der Angst des Anderen. Es ist letztendlich egal, welches Blatt ich in der Hand habe, es geht nur darum, dass die Gegner zum Schluss mehr Angst haben. Wenn ich es schaffe, den Spielpartner in Angst zu versetzen, dann habe ich gewonnen. Wenn es mir selbst dabei gelingt, cool zu bleiben, dann gehe ich letztendlich als Gewinner vom Tisch.

In dieser Weise betrachtet erscheint Poker als eine extreme Verdichtung der menschlichen Zivilisation. Überall geht es darum, als Gewinner vom Platz zu gehen. Wir alle lechzen nach Gewinnern, die selbst bei höchster Gefahr cool bleiben. Niemand mag ein Verlierer sein und niemand mag Angst dabei haben. Vielleicht ist es der Sinn des Lebens, bei diesem Spiel des Lebens als Gewinner aus dem Turniersaal zu gehen. Wer geht in diesem Spiel des Lebens als Gewinner aus dem Turniersaal? Es ist derjenige, der im richtigen Moment Glück hat. So erscheint Poker daher nicht nur als menschliches, sondern darüber hinaus auch als sehr sympathisches Spiel. Wenn es eben nicht darauf ankommt, welche Karten man in Händen hält, sondern wie ich damit umgehe, dann ist dieses Spiel letztendlich sehr fair und gerecht. Unter diesen Voraussetzungen kann jeder als Gewinner vom Tisch gehen, völlig unabhängig davon, welche Karten einem das Schicksal zuvor in die Hand gedrückt hat. Letztendlich entscheidet dann nicht das Schicksal, sondern mein eigener Umgang damit.

Glück bedeutet daher nicht, vom Schicksal gute Karten in die Hand zu bekommen, Glück bedeutet, gut damit umgehen zu
können. Glück bedeutet folgend daraus, völlig unabhängig vom Schicksal als Sieger vom Tisch zu gehen. Glück bedeutet nicht, am River seinen Ein-Outer zu treffen. Glück bedeutet, neun Gegner an den Tisch zu bekommen, die weniger gut pokern können als du. Glück bedeutet, unter allen Anwesenden der Fähigste zu sein.

Was bedeutet das letztendlich? Wer geht am Ende als Sieger vom Tisch? Was ist das Ziel dieses Spiels? Ist es das Ziel, so
lange zu spielen, bis alle anderen bankrott sind und ich mit dem gesamten Geld aller Anwesenden nach Hause gehen kann? Dieses Spiel wird gerade im globalen Casinokapitalismus gespielt. Es ist mir von Herzen unsympathisch. Was habe ich davon, wenn ich als Einziger alles Geld der Welt besitze? Mit wem kann ich dann noch spielen?

Wenn ich mir überlege, welche Alternativen wir zu diesem Spiel haben, das gerade überall auf der Welt gespielt wird, dann fällt mir, wie so oft, mein Liebling Arthur Schopenhauer ein. Dieser definiert Glück wie auch der Buddhismus aus der Verneinung heraus. So gibt es eben im Grunde kein „Glück“, sondern eben nur „kein Unglück“. Keinen Zahnschmerz zu haben, ist in diesem Sinne schon Glück. Und so kann eben wirklich jeder als Gewinner vom Tisch gehen.

Es geht eben nicht darum, alles Geld der Welt zu gewinnen. Es geht um etwas ganz anderes. Es geht darum, sein Bestes zu
geben. Und das kann auch heißen, mit einem Fullhouse all in zu sein, und dann mit einem „four of a kind“ des Gegners
konfrontiert zu werden. So grausam dieses Schicksal auch ist, es kommt immer wieder vor. Und am Ende habe ich aus Vertrauen auf meine Hand meinen gesamten Stack verspielt. Und wenn ich dann, gefühlt, bis auf die Unterhose entkleidet, den Spieltisch verlasse, hinaus auf die Straße trete und unter dem Nachthimmel bemerke, dass ich kein Zahnweh habe, dann habe ich dieses Spiel gewonnen. Das ist Glück. Das Glück des Pokerspielers.

Advertisements

2 Antworten to “Das Glück des Pokerspielers”


  1. […] Das Glück des Pokerspielers […]


    • Wer einen Freund gewonnen hat, hat das Glück sich im Freunde wiederzuerkennen. Welcher Pokerspieler hat das? Er ist ein Perfektionist und muss aus dieser Zwangshaltung heraus zerstören, weil ihm das Prinzip wichtiger ist als der Bruder http://www.physik.as/
      wer das begriffen hat, öffnet sich und erzählt seine Geschichten und im Erlebnis des gegenseitigen Geschichten Erzählens liegt das Wiedererkennen eines größeren Gemeinsamen, hier wird die Kunst des Erzählens offenbar in diesem Sinne habe ich Hans Peter Dürr verstanden : http://www.youtube.com/watch?v=pdv1rQUfrks&feature=relmfu so liebe ich die wirks und nicht die realität die nur eine sichtweise ist.


Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: