Die Schöpfung

15. März 2012

Gestern Abend traf ich noch meinen Malerfreund Roger. Roger hatte mir vorgestern Abend, als ich mich dem Höhepunkt meiner kurzen Krise befand, sehr geholfen, als er sich mein Schaffensproblem geduldig anhörte und irgendwann zusammenfassend meinte: “Ganz egal, einfach weitermalen. Einfach immer wieder weitermalen.” Diese Antwort hatte mich sogleich beruhigt und wenn ich heute Nacht darauf zurückblicke, dann frage ich mich, ob ich mir meine Luxusprobleme angesichts von fünf verhungernden Kindern pro Minute überhaupt leisten darf.

So ist es eben. Das kleine Kind in Äthiopien hat eben seine Probleme und ich habe meine. Und ganz genau angesichts dieser Realität bin ich – wie jeder andere Mensch auch – gefordert, mich eben dieser Realität zu stellen. Eine Möglichkeit wäre, wie gesagt, sich umzubringen, eine andere, das Beste daraus zu machen. Was aber ist das Beste? Was ist notwendig anlässlich dieser, unserer Welt? Diese Diskussion hatten wir gestern.

Und so traf ich Abends Roger im Kafka und wir sprachen viel und fast ausschließlich über Kunst, vor allem über Malerei. Kurz kam auch sein Bruder Marcel vorbei, der als Schriftsteller und Dichter zwar nicht über sein derzeitiges Werk, sehr wohl aber über seine Liebe zu Hemingway erzählen wollte. Hemingway hatte seine Mutter zeitlebens gehasst, was anscheinend allgemein bekannt ist, mir jedoch neu, und daher umso tröstlicher war. “We are all bitched from the start…”

Marcel ging bald wieder, um die Champions’ League zu verfolgen und ich begann mich mehr und mehr mit dem Fortgang meines aktuellen Bildes zu beschäftigen, das ich gestern Nacht eben so unfertig zurückgelassen hatte. “Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde…” Und wie sollte es nun weitergehen? “Und die Erde war ohne Form und leer.” war der nächste Satz der Genesis, der Schöpfungsgeschichte. “Ohne Form und leer” (im Hebräischen übrigens als “Tohu wa Bohu” bezeichnet), das hatte ich ja eigentlich schon. Dieses zurückgelassene blasse Bild war im Grunde genommen schon “ohne Form und leer”. Ich müsste nur nochmals im Zentrum “Himmel und Erde” betonen, dann wären die ersten beiden Sätze der Schöpfungsgeschichte vollbracht. Aber wer würde sich das anschauen wollen?

“Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war ohne Form und leer.” War das nicht auch irgendwie die Beschreibung des derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Chaos im Rahmen der Zeitenwende? Eine halbfertige, chaotische Andeutung der Jetztzeit? Ganz egal, ob sich das wer anschaut. Wenn es wahr ist, ist es wahr. Aber es würde hässlich sein. Niemand würde sich solch ein Bild gerne in sein Wohnzimmer hängen wollen. Dann müsste es eben ein Museum kaufen…

“Wenn es ein Kind nicht begeistert, dann ist es nichts wert.” Ich konnte Rogers Bemerkung nur zustimmen und entsann mich voller Glück an jenen Augenblick vor 13 Jahren, als ich in meinem damaligen Arbeitszimmer den weißen Würfel zu unserer Aktion “radically beyond the object” anlässlich der Biennale von Venedig anprobierte und meine kleine, damals eineinhalbjährige Tochter Hanna bei dem kleinen Guckloch hereinschaute und plötzlich voll begeistert aufgelacht hatte. In diesem Moment wusste ich: Diese Aktion ist ein Erfolg.

Und so realisierte ich, dass die halbfertige Schöpfung nicht die Lösung sein könnte. Von Roger wusste ich, dass er mit seiner Arbeit “Schönheit” als Ziel hatte, und als wir beim Thema Selbstmord angelangt waren, meinte ich daher zu ihm: “Du Glücklicher!” Wer weiß, dass sein Ziel Schönheit ist, für den sind die restlichen Jahre auf dieser Welt gesichert. Das kann ich von mir nicht behaupten. “Schönheit” ist nicht zwingend mein Ziel. Was aber dann?

Als ich nach Hause ging, begann ich, mich in den weiteren Verlauf der Genesis, wie ihn auch Joseph Haydn in der “Schöpfung” verarbeitet hatte, zu ergeben. Und gerade eben fällt mir ein, dass ich bei diesem Prozess ja selbstverständlich am Haydndenkmal vor der Haydnkirche vorbeigegangen war:

Raphael:
“Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde,
und die Erde war ohne Form und leer,
und Finsternis war auf der Fläche der Tiefe.”

Chor:
“Und der Geist Gottes
Schwebte auf der Fläche der Wasser,
Und Gott sprach: Es werde Licht!
Und es ward Licht.”

(Genesis 1, 1-3)

Und genau das resultiert eben im “hellsten C-Dur Akkord der Musikgeschichte.” Und so habe ich es eben heute gemalt: Die Schöpfung.

Die Schöpfung
(Acryl auf Leinwand, 60x80cm, 15.03.2012)

die schöpfung

Die Schöpfung

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17 Antworten zu “Die Schöpfung”

  1. Tabitha Sagt:

    Wooow :-)

  2. dagmar Sagt:

    ein anderes Schöpfungsmythos:

    Vor aller Zeiten Beginn
    war…. ist…. und wird immer sein
    die Liebe
    all-ein

    Ihr Wesen,
    erfüllt davon zu lieben -
    sich zu verschenken -
    erschuf also einen Traum:
    das Licht, das ewige Freudenlied

    Das Licht aber
    aus ihr, der Liebe, entstanden
    wollte sich ebenso verschenken.
    Es bat die Liebe,
    ihm doch jemand zu erschaffen
    an den es sich verschenken könne.

    Da träumte die `Liebe´
    einen tiefen, tiefen Seufzer
    aus dem hervorging
    die Finsternis, das im Sterben liegende Klagelied.

    Al-so waren erschaffen
    Zeit und Raum.

    Das Licht umfing die Finsternis
    Und sang bis tief in sie hinein;
    die Finsternis nahm es schluchzend auf
    und im berauschenden Moment dieser Vereinigung
    verschmolzen das Lied der Freude
    und das im Sterben liegende Klagelied

    Doch das Licht war grösser
    soviel grösser als die Finsternis
    dass es in Liebe von ihr ließ
    damit sie nicht verbrenne

    Aus dieser Vereinigung
    ging ein Kind hervor :
    das ewig wachsende Leben.
    Und sie nannten es :
    SEHNSUCHT

  3. Peter Wurm Sagt:

    schön!
    “sehnsucht” habe ich 2003 gemalt. ;-)
    liebe grüße nach berlin
    peter


    • hoffnungslos der ich bin, gib ich mich der hoffnung hin
      sehnen ohne sucht und suche findet den augenblick des glücks in der heiterkeit des seins im tun und im augenblick

      • dagmar Sagt:

        schön!!
        jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaooooooooooooouuuuuuuuuummmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm

  4. Jhelisa Sagt:

    …ja, und dann sind aus “dem Wort”
    auch noch Menschen

    mit Ihren wunderbaren “Wort-Farben”
    hervorgegengen……..!

    welch eine Himmelsweide,,,!

  5. Magdalena Sagt:

    Das größte Übel liegt im eigenen Innern!

  6. Judith-Elis Sagt:

    …auch dieses Uebel laesst sich reinigen!

  7. Magdalena Sagt:

    Ich mag es etwas dreckig… :D


  8. was bedeutet der 26. 03. 2012 = 61 aber auch die überwindung der ANGST und was sagt uns die zahl 185?

    übel bübel rübel schübel dübel wo liegt was? was ist innen was außen? kann das außen ein übel im innen erzeugen?
    als kind habe ich immer geschrien wenn ich was essen sollte, was ich nicht wollte, und ich habe geschien wenn ich hunger hatte, und heute, was schlucken wir alles? doch wir machen weiter, weil wir trotzdem unsere mutter lieben, denn sie hat uns das leben geschenkt und hat mich aus den 60 millionen samenfäden des vaters ausgesucht, das alleine nenne ich unbefleckte empfängnis, somit ist jede mutter eine MARIA wer das verstanden hat heilt die mutter erde = stella maris
    meeres stille und glückliche fahrt wünsche ich http://www.youtube.com/watch?v=Zcxh_XpuNS0

    • Judith-Elis Sagt:

      …ja und nicht zu vergessen ist auch; in welch schlechten Umstaenden auch heutzutage noch, manche Muetter leben muessen und nicht das gute Vorbild haben, oder nicht gefragt wurden um ein Kind gemacht zu kriegen, es auch noch gross bringen und
      alleine ans Ueberleben denken zu muessen….

      Also verzeihen wir doch uns-eren Muettern! und helfen, dass solche Umstaende nicht mehr vorkommen muessen!…..Wie?
      Ein erstes :
      Grundversorgung und Begleitung sichern!
      Was noch ……?

  9. Judith-Elis Sagt:

    …..kann ich mir gut vorstellen, dass du so ein schwieriges buerchsen warst!!…nicht ganz verstehen tu ich den satz….”trotzdem” unsere Mutter lieben?! dich geliebt hat sie sicherlich “trorzdem”! denke ich so…!?

    aber: dass sie Dich ausgesucht haben sollte aus Mllionen…? ist doch wohl nicht der Fall, menschlich gesehen: unmoeglich, -ja heut vielleicht im reagenzglas.-!?

    Wenn Zwei eins werden wollen, kann nur ein Dritter das letzte Wort haben koennen!
    und das ist der Heilige Geist! Er bestimmt mit den “zwei eins gewordenen, also auch im Geiste eins!”, das Geschlecht des Kindes!

    Maria war ein junges, gottesfuerchtiges Maedchen, so wie auch heute noch die meissten Maedchen “rein” bleiben wollen und ganz Gott/Jesus gehoerend!
    Sich einen ‘anderen Mann’ hin zu geben, ist eine grosse Aufgabe! Ganz natuerlich kommen die Hormone angelaufen….das ist gottgewolltes, natuerliches, menschliche Leben,….! -das damit umgehen lernen-, die naechste Aufgabe!

    Wo koennen Maedchen, -so ‘gesund’- “noch-wieder- ueberhaupt-” aufwachsen?

    Wie koennen -auch heute noch- aus lieben (schreienden..?!) kleinen Jungens, liebe- und respectvolle, verantwortungsbewusste Maenner und Vaeter aufwachsen?

    Jetzt seit Ihr an der Reihe!

    In Liebe, Judith-Elisabeth.

  10. Judith-Elis Sagt:

    …etwas noch zum wachsen:
    die ueberschaeumenden Liebkosungen der Eltern, Familie, Versorgern, Erzieher. -fuer’s aufwachsende Kind-:
    auch wieder so abklingen zu lassen, damit es frei und selbstbwusster weiter wachsen, sich entwickeln kann.

    Liebe geben, wenn Bedarf, eine Frage danach besteht,
    aber erkennen lernen,
    wenn die Frage -das Verlangen darum-, eigentlich
    nicht mehr dir selber gilt (-sanfte Abweisung-). Los-lassen-lernen,
    bekanntlich eines der schwersten Aufgaben im Leben!
    hier besonders fuer Eltern, (-Abnabelen- fuer’s Kind),
    und dieser Prozess geht eben sehr schnell!

    • Judith-Elis Sagt:

      …noch etwas nachgedachtes….
      ….fuer kleine Maedchen ist es meisstens der eigene Vater, den sie heiraten wollen, hier gilt es
      besonders zeitig zu raegieren!
      Der Vater ist auch oft der erste “Gott”!

      Wie es bei Buben ist, wie sie die Mutter sehen, darueber kann ich nichts genaues sagen, aber bekannt ist ja, dass Jungens so lang wie moeglich zu Hause bei Muttern bleiben wollen. Welche Gefuhle aber in jungen Jahren (in normalen Verhaeltnissen) auftreteten -vermag ich nicht zu sagen..


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