Ich will Bilder malen und Texte schreiben

14. März 2012

Es ist Nacht, bald halb fünf Uhr Früh und von draußen scheint der abnehmende Halbmond beim Fenster herein. Seit ein paar Tagen bin ich jetzt in der Krise gewesen und im Zuge dessen auch noch krank geworden. Eine schwere Verkühlung, möglicherweise eine Grippe, ich habe keine Ahnung, weil ich deswegen nicht bei meiner Ärztin war. Auf jeden Fall hat diese Krankheit meine Seelenkrise voll und ganz ausgenützt und sich genüsslich daran gemästet.

Wofür bin ich eigentlich auf der Welt? Immer und immer wieder ist es diese eine Frage, die mich aus der Bahn wirft. Wenn ich mich dabei an anderen orientiere, dann werde ich immer verzweifelter. Sind wir auf der Welt, um Geld zu verdienen? Sind wir auf der Welt, um uns fortzupflanzen? Sind wir auf der Welt, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen? Sind wir auf der Welt, um anderen zu helfen? Sind wir auf der Welt …

Viktor Frankls Lieblingszitat und philosophische Grundlage seiner Logotherapie und Existenzanalyse stammt von Friedrich Nietzsche: “Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.” Warum leben wir? Anscheinend muss das jeder Mensch für sich selbst beantworten, das macht das Leben hier auch einerseits so schwierig und andererseits so reizvoll. Jeder Mensch hat einen anderen Grund, warum er lebt, wofür er lebt und wozu er lebt. Die Katastrophe meines Lebens liegt unter anderem auch genau darin begründet, dass mir bis zum heutigen Tag dieses Warum, Wofür und Wozu durch meine elterliche Erziehung und Sozialisation fast verunmöglicht wurde. Wenn es nach meiner greisen Mutter ginge, dann wäre ich schon längst besser tot. Mein gesamtes Leben hindurch höre ich bei allem, was ich tue und bei allem, was ich lasse, bei jeder Frage nach dem Warum, Wofür und Wozu, tief in mir drin den andauernden Vorwurf, am Leben zu sein. Und die Quoten stehen gut, dass mich dieses Phänomen einmal wirklich in den Selbstmord treibt.

Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?” fragt Martin Heidegger in seiner Antrittsvorlesung “Was ist Metaphysik?” (An Heidegger finde ich übrigens weniger seinen Inhalt als seine Form erhebend und erheiternd, aber das nur nebenbei.) Warum sind wir? Warum bin ich? Gestern Nacht habe ich aus Verzweiflung über diese Fragen wieder einmal die Telefonseelsorge angerufen. Ich liebe die Telefonseelsorge sehr, weil sie einfach da ist. Nämlich erstens in schwierigen Zeiten und zweitens bei schwierigen Fragen. Das ist der Lakmustest des Menschseins. Wenn mitten in der Nacht das Telefon läutet. Die Reaktion auf dieses Phänomen ist der Gradmesser der Güte eines Menschen. Um zwei Uhr Nachmittag kann ich leicht ein guter Freund sein und noch leichter, wenn es dabei um die Wahl des Lokals oder um politische Fragen geht. Der einzige Freund aber ist der, der sich um Vier in der Nacht deiner Verzweiflung stellt. Der muss gar nichts tun, der muss gar nichts können, es reicht, wenn er einfach da ist. So ist eben die Telefonseelsorge mein bester Freund.

“… bei mir erkennt er, was er will.” ist – wie hier auch schon dutzendfach erwähnt – der entscheidende Halbsatz, der mich zu Schopenhauer gebracht hat. “Was will ich?” Warum bin ich hier und was will ich? Schön langsam wird es entscheidend. Warum bin ich hier und was will ich?  Bin ich hier, um die Welt zu verbessern? Will ich die Welt verbessern? Das wollten und wollen Adolf Hitler, George little Bush und Benjamin Netanjahu wahrscheinlich auch. Dann lieber nicht. Lieber nicht “die Welt verbessern”. Geld verdienen und reich werden? Dann muss ich es jemandem anderen wegnehmen. Wem will ich Geld wegnehmen?

Nein, das ist nicht mein Antrieb. “Money is not important for me. I need it. But it’s not important. I’m a Clown.” sagt Armin Müller-Stahl als Helmut Grokenberger in Jim Jarmusch’s “Night on Earth.” Das hab ich hier auch schon mindestens einmal erwähnt, doch es beschreibt in einem einzigen Gedanken auch meine phantastisch perverse Beziehung zu Geld. Geld ist nicht wichtig. Dann hätten meine letzten 25 Jahre hier völlig anders aussehen müssen. Nein, Geld ist nicht der Antrieb. Was aber dann?

Als ich zum Jahreswechsel mein Leben neu geordnet habe, da habe ich die Vision für mein Leben so formuliert: “Ich möchte von der Kunst leben können.” Seit ich jetzt weiter regelmäßig schreibe und wieder regelmäßig male, stellt sich langsam eine andere Vision ein: “Ich möchte Bilder malen und Texte schreiben.” Für manche scheint das vielleicht gar kein Unterschied zu sein, es ist aber im Grunde ein völlig anderer Ansatz und er fühlt sich plötzlich viel stimmiger an. Es geht überhaupt nicht darum, ob ich von der Kunst leben kann. Es geht nur darum, was ich will. Ich will Bilder malen und Texte schreiben. Und alles, was mir das ermöglicht, das ist gut.

Und zum Abschluss dieses Textes stelle ich hier noch das Foto des Bildes hinein, an dem ich gerade arbeite. Es trägt den Arbeitstitel “Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde” und beschäftigt sich mit dem Anfang des Buch Genesis, dem Anfang der Bibel. Ich bin mitten drinnen, es sieht ganz anders aus als noch vor Kurzem und wahrscheinlich auch sehr anders als in Kürze. Dennoch ist es notwendiger Teil des Prozesses. Das also habe ich gerade vor mir:

im anfang schuf gott himmel und erde

16 Antworten zu “Ich will Bilder malen und Texte schreiben”


  1. genau das was ich tue will ich, wenn ich es nicht will, bin ich im widerspruch mit dem was ich tue, wer diesen hafen nicht kennt für den ist jeder wind ein ungünstiger, so seneca, deshalb neigt der ehrliche künstler dazu depressiv zu sein oder sich töten zu wollen, weil er nach dem sinn sucht und was wäre wenn er den sinn gefunden hat? bringt er sich um, wie van gogh, also das ist es nicht. für mich bleibt das wir, und das du, was ich in mir erkenne, dadurch dass ich sehe was dich berührt. http://www.youtube.com/watch?v=ojqDYuJ8D4I

    • Judith-Elis Sagt:

      …das ist sehr schoen gesagt, lieber prometheus141,

      …”was ich in mir erkennen kann, dadurch,
      dass ich sehe, was dich beruehrt”.

      Doch:
      ein Kuenstler hat ganz gewiss ein Gegenueber,
      -”ein Das” noetig!
      das ich sehe, was dich bewegt, bedrueckt
      und traurig macht…..?
      doch bestimmt auch, was erfreuen kann…!):

      Was meinst Du, lieber Peter dazu?

      Herzliche Gruesse, J-E.

      • Judith-Elis Sagt:

        …..nachgedachtes….

        kuenstler zu sein bedeutet::
        ‘meine inneren bewegungen in aeussere formen bringen…’;
        hoer- und sichtbar machen’.

        J-E.

  2. Judith-Elis Sagt:

    …ja… und nein….
    endlich kommt das Du….!,
    aber nicht im Ich…….
    denn zum Du muss ich mich umdrehen/umorientieren; hinwenden, um es eben sehen zu koennen!
    Das ‘Zusammen-treffen; Gedankenaustauschen usw.—-’ beider Indiviuums ergibt dann erst das Wir!?

    (…ich wollte ja nur keine bilder mehr kommentieren, also: so moechte ich doch noch mitmachen, wenn ich darf….?!)

  3. Judith-Elis Sagt:

    und lieber Peter, Du bist wichtig!! und schicke die haesslichen, vernichtenwollenden Gedanken zum Teufel!, der soll sie auffressen…!

    Jesus Christus ist unser Herr! Durch Ihn koennen wir gereinigt werden! ….wenn wir es wirklich wollen!
    ….Demut……Gnade…..


  4. bitte keine ratschläge für andere, das leben schlägt mich genug, da braucht es keine weiteren gut gemeinten empfehlungen. was wäre wenn jeder bei sich seinen todestrieb findet? denn ich habe da viel erlebt, was mich durch den prozess gestärkt hat, jedoch nie durch vor schläge anderer.

    • Judith-Elis Sagt:

      aber mein lieber freund,
      hiermit bitte ich dich umverzeihung,
      wenn es so rueber gekommen ist!
      gebe ich ratschlaege…? dann waere ich ja auch noch zu etwas nuetze… waere dann nur ein anderes formulieren angebracht….? bedeutet vielleicht ratschlaege gebend nicht mehr zum wir gehoerend? ist da auch noch ein bei- lernen noetig? gern hoere ich hier deine ratschlaege dazu!
      ich ecke oft durch -den ton?-an (hab schon immer gesagt, ich bin nicht so musikalisch wie ich gern sein moechte..?!), ganz einfach, weil mir das gegenueber immer gefehlt hat….
      die uebung…..
      dich kenne ich ja nur ueber dein vieles schreiben schon etwas laenger als du mich (-ab nov.-verg.j). und kann ein kleines bisschen..ahnen, mir vorstellen, was alles in deinem leben geschehen! etwas von fremden, war angedeutet, ja! aber auch ich muss alles, sowie die mir fremden schwingungen, erst verstehen lernen…. wenn du nie von dir selbst erzaehlst, von deinem leiden; leben, wie kann man dich dann richtig kennen lernen und gar probieren das leid etwas lindern zu helfen?
      bedingungsloses schenken; wissen; kennen lernen des anderen….kann das nur durch schwingungen…?!
      …und du weisst auch, dass du es warst, der mich rufen
      durfte!? dich auch gluecklich machen, ja….?! doch nicht
      ungluecklich….!?! meine freude war eben etwas anders… , den rechten weg suchend, gehen zu lassen, da gibt es nicht immer sonnenschein, sondern auch regen….! -und wenn wir meinen ihn gefunden zu haben, kommt da jemand daher die.anders fuehlt, denkt, ist….?….! das verstehe ich sehr gut, dass dies auch fuer dich zu viel sein kann, bei den vielen bezogenheiten und liebe fuer andere!!
      ich schreibe erst wieder seit kurzem und vielleicht zu nuechtern fuer dich? ich hingegen muss mir deine schriften erst des oefteren vor nehmen, ehe ich recht verstehe…!
      wie koennen wir uns gegenseitig helfen?.
      Mit Liebe moechte ich Dir / Euch begegnen, aber das ist auch ein Lernprozess? J-E.

    • Judith-Elis Sagt:

      …was ist es, das dich so sehr schlaegt? Lass mich mit dir leiden! koennte es dadurch nicht etwas ertraeglicher werden? du hast meine adressen!

    • Judith-Elis Sagt:

      …..auch nicht durch liebende?…

      geraet man dann nicht in ein abseits?

  5. Watman Sagt:

    Sie schreiben gute Texte und malen gute Bilder.

  6. Judith-Elis Sagt:

    Lieber Peter,
    ich freue mich sehr ueber Dein neues Vornehmen, ich hoffe, dass es auch bei diesem Thema bleiben kann, denn das bedeutet:echten Reichtum!

    Eine Frage haette ich an Dich, Peter,
    (wenn moeglich, koenntest Du bitte meine Texte von heute den 14-3, -aber nur diese, die Dir auch nicht gefallen- loeschen? Danke!
    es ist Dein Blog, entschuldige, dass ich ihn so voll geschrieben habe und scheinbar einen lieben Freund damit nicht erfreute).

    Herzliche gruesse und eine gute Nacht und ein froehliches Zwitschern der Voegel im Morgengrauen! wuensche ich Dir von Herzen! Judith-Elis

  7. Peter Wurm Sagt:

    hallo judith-elis!
    ich hab keinen grund, deine kommentare zu löschen. ich lösche nur kommentare, die das mindestmaß an respekt unterlaufen. aber wenn es dir wichtig ist, dann lösche ich gerne einen oder auch mehrere kommentare von dir. sag mir doch bitte per mail, welchen text ich löschen soll.

    ich male übrigens – um eine deiner fragen von früher zu beantworten – derzeit in acryl.

    alles liebe und liebe grüße aus wien

    peter

    • Judith-Elis Sagt:

      Lieber Peter, guten Morgen!

      ich danke DIe von ganzem Herzen!
      Du machst mich sehr gluecklich und und ich moechte, dass Ihr es auch seit!
      ich muss jetzt schnell weg, bis spaeter dann….

      Liebe Grusse, von einen schoenen Tag,
      in himmelblau…..

      judith-elis


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