Die Grundlage meines Lebens

27/Jan/2012

Während ich in der letzten Zeit hier auf diesem Blog vorwiegend politische Themen besprochen habe, möchte ich diesmal privat beginnen: Gestern Abend saß ich mit der Frau, die ich hier im letzten Jahr immer „meine Liebste“ genannt habe in einer Mediation, um unsere Scheidung zu besprechen. Wir hatten einander zuletzt im Oktober bei meinem Anwalt gesehen und gingen nun daran, unsere einvernehmliche Scheidung zu finalisieren.

Und so waren wir uns schnell einig, was der Auslöser unserer Trennung war. Der Auslöser unserer Trennung war ganz genau ein Facebook-Posting, das ich Anfang Oktober formuliert hatte. An jenem Sonntag Nachmittag war ich mit den Kindern alleine zu Hause, weil meine Liebste eine Premiere hatte. Sie rief mich von ihrem Büro aus an und sagte, dass sie nun bis zum Ende der Vorstellung am späten Abend nicht mehr erreichbar wäre. Zu dieser Zeit würden die Kinder bereits im Bett sein.

Ich saß am Esszimmertisch vor dem Netbook und war online. Kurz nachdem wir aufgelegt hatten, formulierte ich mein nächstes Posting: „Die Reinkarnation von Jesus von Nazareth und Adolf Hitler gleichzeitig zu sein, ist eine spannende Herausforderung.“ Ich hatte gerade die ersten beiden „Likes“ bekommen, als das Handy läutete. Es war C. Ich ließ es läuten und ging nicht ran. In diesem Moment brachen wir auseinander. Ich wusste sofort und in der Sekunde, was jetzt gerade in ihr vorging. Eine Minute später klingelte es erneut. Das war der Beweis, dass ich recht hatte. „Scheiße. Jetzt geht’s wieder los. Jetzt bricht sie weg.

Beim gestrigen Gespräch fragte eine der beiden Mediatorinnen: „Was wollten Sie damit sagen?“ Ich antwortete: „Ganz genau das.“ Die Zweite fragte: „Beziehen Sie das auf sich?“ Als ich sie nur stumm anblickte, fragte wieder die Erste: „Warum haben Sie das geschrieben?“ „Weil es wahr ist.“ Und so kamen wir ganz schnell auf die Grundlagen, um die es mir in meinem Leben geht. Die Grundlage meines Lebens lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Bedingungslose Paktfähigkeit.

Das war der Grund, warum die Aliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen: Weil Churchill und Roosevelt, sowie Montgomery und Eisenhower bedingungslos paktfähig waren und sich blind aufeinander verlassen konnten. Das war auch der Mythos der SS unter ihrem Leitspruch „Unsere Ehre heißt Treue.“ Diese Menschen konnte sich bedingungslos aufeinander verlassen, bis in den Tod. Auf der anderen Seite schilderte Hans Marsalek in unserem „Herbstspaziergang„, warum er nach dem Kriegsende Kommunist geworden war: Weil er gesehen hatte, wie die Kommunisten im KZ einander bedingungslos beigestanden waren, selbst auf die höchste Gefahr hin, damit ihr Leben zu opfern.

Das ist auch der Grund, warum Josef Stalin letztendlich ein Verbrecher war. Als die Rote Armee auf Warschau vorrückte und die polnische Bevölkerung sich im Vertrauen auf den nahenden Beistand zum Warschauer Aufstand formierte, da ließ Stalin die Truppen innehalten und wartete, bis sich Deutsche und Polen wechselseitig niedergemetzelt hatten und der Warschauer Aufstand niedergeschlagen war. Und das ist auch der Grund, warum sich Franz Hörmann gerade eben als unbrauchbar erwiesen hat: Wenn ich sehe, dass in der Straßenbahn ein Kind geschlagen wird, dann fange ich nicht zu diskutieren an, ob ich das jetzt wissen kann und ob es sich dabei um ein erlebtes oder erfahrenes Wissen handelt, um danach zum Schluss zu kommen, dass ich wahrscheinlich glaube, was ich da sehe und mich letztendlich wegzudrehen, weil mich vor Gewalt ekelt. Wenn ich sehe, dass Gewalt und Unrecht geschieht, dann greife ich ein. Wir haben bedingungslos Stellung zu beziehen. Alles Andere ist unbrauchbar; unbrauchbar und indiskutabel.

Ich bin da sehr sensibel. Die Tragödie, der Schmerz, das Trauma und die Fürchterlichkeit meines Lebens liegen darin begründet, dass meine Mutter diese bedingungslose Paktfähigkeit und Treue in schändlichster Weise verraten hat. Jetzt bin ich 42 Jahre alt und seit mindestens 25 Jahren erwachsen und dennoch bleibt dieser andauernde Verrat der giftige Stachel in meiner Seele. Auf der anderen Seite ist mein Vater trotz seiner psychotischen Biographie, wann immer er konnte, bedingungslos zu mir gestanden. Ich erinnere mich mit großer Dankbarkeit an die Zeit, als ich im Jahr 2003 das „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ verfasst habe. Da rief ich eines Nachts um vier Uhr früh in tiefster Verzweiflung und höchster Not bei meinem Vater an. Er meldete sich und hörte mir eine Stunde lang zu. Und zum Abschluss dieses Gespräches sagte ich zu ihm: „Ich danke Dir, dass ich Dich 24 Stunden am Tag anrufen kann.“ Und er antwortete: „Ich bin ja auch 24 Stunden am Tag Dein Vater.

Und so saß ich gestern mit C. in der Mediation und wir berieten zum Abschluss, zu welchem Konsens wir kommen und wie wir unsere Scheidung unseren Kindern letztendlich mitteilen könnten. Und so erzählte ich, dass ich meiner Cousine Angelica, die ich nun nach 37 Jahren endlich wiedergefunden habe, ein paar Stunden zuvor von den Anfängen meiner Beziehung zu C. berichtete. Damals hatte C. zu mir gemeint, dass man ihr Motto in einem einzigen Lied von Radiohead zusammenfassen könnte: „No alarms and no surprises.“ Da lachte Angelica laut auf und sagte: „Das geht ja niemals zusammen! Du bist ja nur alarms und nur surprises!

Und so verließen wir die Mediation, umarmten uns noch im Stiegenhaus ganz innig und lang, küssten uns und gingen Hand in Hand zu Straßenbahn.

Pacta sunt servanda.

Advertisements

10 Antworten to “Die Grundlage meines Lebens”

  1. Magdalena Says:

    Ich muss dem Peter Recht geben…

    …als erstes hab ich auch gedacht, dass er etwas zu sensibel ist und überreagiert…

    Der Franz Hörmann widerspricht sich selbst…

    Beim Thema Holocaust muss alles objektiv belegt werden!

    Aber bei allen anderen Themen quatscht der Franz Hörmann munter drauf los! Da ist es ihm egal, ob es sich um Fachwissen oder Erlebniswissen handelt…

    Das ist heuchlerisch und sonst nix!

  2. Tabitha Says:

    ich kenne den Peter nicht seit 42 jahren, wäre mir auch gar nicht möglich, werde erst nächsten Monat 38 :-), auch kenne ich ihn nicht persönlich, aber ich kenne seinen Blog und sonst alles was so zu finden gibt, außer das auf facebook, das mag ich nicht und dennoch kann ich sagen, dass ich noch nie irgendeinen Widerspruch gefunden hab, weiters denke ich auch das seine Aussagen autentisch sind.
    Nochmals danke ich dir, lieber Peter, für deine Kraft und deinen Mut den du aufbringst um etwas zu bewegen und positiv zu verändern.
    LG Tabitha

  3. Peter Wurm Says:

    Hallo Falk!

    Es geht nicht darum, ob ich „die andere Meinung von Franz rein psychologisch akzeptieren kann.“ Ich kann jede andere Meinung akzeptieren, außerdem hat Franz in Bezug auf den Holocaust explizit „keine Meinung.“ „Keine Meinung zum Holocaust“ finde ich persönlich schon sehr seltsam. „Ich habe keine Meinung zu den sexuellen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche“, „ich habe keine Meinung zum drohenden Krieg gegen den Iran“, „ich habe keine Meinung dazu, dass in Österreich Menschen unter der Armutsgrenze leben“, „ich habe keine Meinung zu den Problemen unseres Bildungssystems“.

    All das ist für mich schon genug, um Franz als Politiker sicher nicht zu wählen, geschweige denn (wie es bis vor drei Tagen möglich war), ihn dabei zu unterstützen und mitzumachen. Wenn Franz zum Holocaust explizit nicht Stellung bezieht, dann ist mir das persönlich viel zu wenig, weil es meinem gesamten bisherigen Engagement in meinem Leben (Widerstand gegen Gewalt) entgegengesetzt ist. Aber darum geht es nicht.

    Es geht noch viel tiefer. Plötzlich stellt Franz die gesamten gemeinsamen erkenntnistheoretischen Grundlagen in Frage:

    „Er glaubt, dass es den Holocaust gab, aber er weiß nicht.“ Beim chinesischen Geldsystem der Antike (und bei allen anderen Sachen selbstverständlich auch) weiß er es aber so gewiss, dass er ohne jeglichen Zweifel darüber doziert. Das ist die Auschwitz-Lüge. „ich verstehe überhaupt nicht, warum der franz sich jetzt so ziert“ schreibt Klaas Maria in diesen Kommentaren. Ich verstehe es auch überhaupt nicht. Ich verstehe überhaupt nicht, wieso er da plötzlich zu zittern beginnt und irgendwelche hanebüchenen Diskussionen darüber beginnt. Wie soll dieser Mann als künftiger Politiker glaubwürdig zu der Unterdrückung der Palästinenser oder zum Krieg in Libyen oder zu einem drohenden Konflikt mit dem Iran oder zu irgendwelchen anderen Problemen Stellung nehmen, wenn sein gesamtes Weltbild plötzlich nicht mehr verlässlich ist. Wie will er die Sorgen eines Hartz IV-Empfängers in Deutschland oder eines Notstandshilfe-Empfängers in Österreich verstehen, wenn nicht einmal erkenntnistheoretisch klar ist, ob er das jetzt weiß oder wissen kann oder ob der Mann überhaupt existiert?

    Ich bin völlig erschüttert, wohin wir in dieser Diskussion geraten sind. Wenn plötzlich nicht einmal mehr die elementarsten Grundsätze des Lebens klar sind (ob die Welt überhaupt existiert), dann hört sich bei mir jegliches Vertrauen auf. Wie kann ich sicher sein, dass Franz nicht plötzlich mich und meine Existenz in Frage stellt (und ob er mich überhaupt sieht, weil er nicht weiß ob er dazu „ausgebildet“ ist), wenn ich mit einem Problem zu ihm komme? Was soll dieser Scheiß?

    Ich bin erschüttert und habe mit einem Mal alles Vertrauen in diesen Menschen verloren. So etwas ist mir vorher, glaub ich, noch nie passiert.

    Peter

    P.S.: Bedingungslos paktfähig heißt übrigens nicht, dass man die gleiche Meinung haben muss. Ganz im Gegenteil, lieber Falk. Bedingungslos paktfähig heißt, dass man einander vertrauen kann. Franz kann ich plötzlich IN EXISTENTIELLER WEISE nicht mehr vertrauen. Das erschüttert mich elementar.

    • Falk Says:

      Ich weiss ja nicht, wie Ihr Euren Freundschafts-„Pakt“ geschlossen habt, aber ich nehme an, in Euren Vertragsformulierungen steht nichts über die Art und Weise, wie der andere über deutsche Geschichte zu denken hat. Das war doch maximal eine implizite Annahme. Falls das stimmt, kann keine Rede von einem Vertrags- oder Vertrauensbruch sein. Und Churchill wäre wohl kaum so erfolgreich gewesen, wenn er in jeder Situation seiner politischen Laufbahn so kompromisslos gewesen wäre. Die Kompromisslosigkeit bezog sich m.E. immer nur auf bestimmte entscheidenden Momente, in denen auf andere Art und Weise kein Erfolg möglich gewesen wäre.

      Aber zum eigentlichen Thema.

      Seltsamerweise reiben sich die Gemüter immer an diesem einem deutschen Trauma auf. Es ist immer wieder auf effiziente Art und Weise geeignet, Menschen zu trennen, Bewegungen zu spalten. Hier kann eigentlich nur folgendes vermutet werden: ungenügende Vergangenheitsaufarbeitung und -bewältigung. Wir kennen das von 89 und haben eine vage Vorstellung, wie es nach dem Krieg gewesen sein könnte.

      Ich finde es sehr schade, dass trotz des großen Übereinstimmung der Ziele kein Konsens hergestellt werden konnte. Was mit Euch passiert ist, passiert vermutlich gerade tausendfach. Es ist die eigene Eitelkeit, die es nicht zulässt, dem anderen seine Meinung zu lassen. Die Menschen sind offensichtlich immer noch nicht bereit, aus ihrer Knechtschaft aufzusteigen.

      Es wird wahrscheinlich trotzdem zum Systemwechsel kommen. Aber wenn die eigene Eitelkeit nicht überwunden wird (hier und jetzt), etabliert sich mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ein neues Machtsystem. Vielleicht auf Basis der Abhängigkeit der Menschen von einer kleinen Psychoanalytiker-Elite?

  4. Peter Wurm Says:

    ich bin wirklich erschüttert, weil dieser vertrottelte scheiß von franz ÜBERHAUPT NICHT NOTWENDIG wäre. und jetzt entblösst sich das ganze in einem ganz neuen licht. der franz entpuppt sich plötzlich als radikaler opportunist, dem es einzig um seine position in seiner bewegung geht. diese erschreckende beliebigkeit von franz lässt übles befürchten. da ist mir ja der klaussner mit seinem offen ausgesprochenen judenhass noch lieber. der ist wenigstens offen und steht zu dem, was er sagt. dass der franz jetzt plötzlich so einknickt, ist erbärmlich. und seine blindwütigen follower zeigen, wohin die richtung geht.

    der witz ist, dass es in wahrheit gar nicht um den holocaust geht. es geht nur darum, was sich anhand dieses lakmustests für eine weltanschauung offenbart. ein offener judenhasser nimmt sich einen schamlosen opportunisten als galionsfigur. fürchterlich.

    ich krieg von dort jetzt täglich dutzende breitseiten, die von hass und aggression nur so triefen. jetzt heißt es, standzuhalten.

    • Tabitha Says:

      kraft und stärke aus Villach, sende ich dir lieber Peter, ich weiß du haltest stand und wenn die reine Liebe zur Wahrheit mehr Herzen erreicht hat, dürfen wir alle endlich Frei und selbstbestimmt Frieden erfahren. Ich bin mit dir und Allen die den Wandeln erkennen und dafür gerade stehen, egal wie schwer der Weg auch ist, ich gehe Schritt für Schritt in die neue Zukunft mit voller Kraft und meinen mir zu Verfügung stehenden Möglichkeiten, auch wenn es scheint das meine Möglichkeiten nur gering sind, weiß ich das wir alle egal welcher „Schicht“ wir zugeteilt sind, alles erreichen können, wenn es zum Guten für die gesamte Menschheit gedacht ist.
      In Liebe Tabitha

  5. Jhelisa Says:

    Bester Falk,
    …ich bin Spaeteinsteigerin und lese jetzt erst Ihren Kommentar… und moechte sagen, dass ich -diese-
    Ihre Meinung teile.
    Aber es geht ja um ‚den Inhalt‘ eines Paktes!:
    ist man -davor in demokratischer Abstimmung- ‚EINS‘, oder nicht?!
    Wer zum niedrigen Prozentsatz gehoert ist halt der „Verlierer“. Ja, wie soll es anders gehen in einer Demokratie, mit der Menschen regieren mussen?!…

    Menschlich gesehen: wir machen alle Fehler und keiner ist perfekt! und das ist die groesste herausforderende Arbeit die jeder zu bewaeltigen hat, auch im offenen Gespraech mit einander!

    „Aber einander oeffentlich niedermachen…? Das ist……unwuerdig!
    Dies moechte ich an alle Menschen richten!“

    In diesem Sinne,
    Herzliche Grusse, Jhelisa


Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: