Whatever the cost may be

13/Jan/2012

Es gibt einen Politiker in der Geschichte der Menschheit, der aus meiner Sicht alle anderen überragt. Selbstverständlich verherrliche ich – wie im letzten Artikel auch erwähnt – Gandhi, Mandela und Havel über alle Maßen, aber diese drei beeindrucken mich vor allem in ihrer Eigenschaft als Widerstandskämpfer gegen die herrschenden Kräfte, bevor sie schlussendlich an die Macht kamen. Es gibt jedoch einen, der in seinem politischen Amt selbst zum Widerstandskämpfer geworden ist: der rechte Verteidiger meines Millenium-All-Star-Teams, Sir Winston Churchill.

Jetzt weiß ich natürlich, dass Churchill in manchen Teilen der Welt, insbesondere von der Türkei bis nach Indien teilweise verhasst war und ist, weil er in seiner Eigenschaft als Brite seinen Beitrag zur anhaltenden Unterdrückung dieser Gebiete im Rahmen des Empire beigetragen hat. In diesen Ländern hält man vom Vereinigten Königreich nicht viel und stand im Laufe der letzten Jahrhunderte mehr auf deutscher Seite als auf der englischen.

Mit großem Amusement denke ich auch an eine Erzählung meines persischen Freundes Keyvan zurück, als er von einem Auswärtsmatch der deutschen Nationalmannschaft unter Jürgen Klinsmann im Iran im Jahr 2004 berichtete. Bei Erklingen der deutschen Nationalhymne zur Begrüßung standen im ausverkauften Teheraner Azadi-Stadion 110.000 Menschen auf und erhoben wie ein Mann die rechte Hand zum deutschen Gruß. Die übertragenden deutschen Fernsehstationen waren bemüht, diese Ehrenbezeugung augenblicklich auszublenden.

Ich bin kein Iraner, ich bin kein Inder, ich bin kein Araber und ich bin kein Türke. Wäre ich in einem dieser Länder geboren, würde meine Wertschätzung möglicherweise anders aussehen. Auch stößt mir übel auf, dass Churchill Mahatma Gandhi zu Beginn der indischen Unabhängigkeitsbewegung abfällig einen „halbnackten Fakir“ genannt hat.

Churchill war gemäß meiner Personaltheorie sicherlich „eher ein Arschloch“. Das hat zur Folge, dass er als Politiker an der Macht zweifelsohne umstritten ist. In einem Teil der Welt ist er bis heute immer noch verhasst. Diese Ablehnung und dieser Hass gründen sich auf eine Charaktereigenschaft, die ich an ihm über alle Maßen bewundere: Die absolute Kompromisslosigkeit.

Winston Churchill stand mit allem, was er war, für die demokratische Tradition des britischen Empire. Dass dieses Empire im Laufe der Jahrhunderte im Kolonialismus die halbe Welt unterdrückt hatte, ist Teil dieser Geschichte. Doch alles in allem war dieses Imperium demokratisch legitimiert, was auch zur Folge hatte, dass Churchill selbst nach dem gewonnenen Zweiten Weltkrieg als Premierminister wieder abgewählt wurde.

Und es ist genau dieser gewonnene Zweite Weltkrieg, den ich als Nachgeborener einzig und alleine diesem Menschen vedanke. Im Frühjahr 1940 stand das Vereinigte Königreich nach der Niederlage von Dünkirchen im Zuge des deutschen Frankreichfeldzuges völlig alleine der scheinbaren Allmacht des Dritten Reiches gegenüber. Die Sowjetunion war mit Deutschland verbündet, der gesamte Kontinent besetzt oder mit Hitler befreundet und die USA in passiver Neutralität gefangen. Alle Historiker stimmen überein, dass dies der mit Abstand kritischte Zeitpunkt für die Weltgeschichte im Zwanzigsten Jahrhundert war.

In dieser Situation stand das Vereinigte Königreich unter Winston Churchill völlig alleine der Übermacht des Deutschen Reiches unter Adolf Hitler gegenüber. In Großbritannien selbst wurden die Stimmen nach einem Waffenstillstand oder Frieden mit Hitler-Deutschland immer lauter. Winston Churchill war als Regierungschef in dieser entscheidenden Situation völlig auf sich alleine gestellt.

„We shall defend our island, whatever the cost may be.“ Es ist genau dieser Satz in einer seiner denkwürdigen Reden zu dieser Zeit, der entscheidend dafür war, dass ich und meine Kinder heute die freie Luft eines demokratischen Europa atmen dürfen. Die Entscheidung im Zweiten Weltkrieg verdanken wir ganz genau diesem einen Satz.

Dieser Satz aus der Rede „We shall fight on the beaches“ am 4. Juni 1040 knüpft in der dunkelsten Stunde der Demokratie und der Menschenrechte an die kurz zuvor erfolgte Regierungserklärung „Blood, Toil, Tears, and Sweat“ an, in der Churchill das Ziel definiert: „Sieg. Sieg um jeden Preis.“

In genau dieser Situation der Niederlage, in der ALLES auf dem Spiel steht, gibt Churchill die Losung aus: „We shall defend our island, whatever the cost may be.“ In dieser dunkelsten Stunde stand zu halten und seine Überzeugungen zu verteidigen, wie hoch der Preis auch sei, das ist die Grundlage eines demokratischen Europa, das ist die Grundlage einer freien Welt.

Winston Churchill hat gezeigt, was im Leben eines Menschen möglich ist. Winston Churchill hat sich entschieden. In der dunkelsten Stunde der Geschichte hat er Position bezogen. „We shall defend our values, whatever the cost may be.“ Thank you very much.

10 Antworten to “Whatever the cost may be”


  1. Hallo Peter,
    ist es Dein ernst, dass Du Churchill so hoch leben lassen möchtest?
    Der, der als Kreigesmittel begann, Bomben auf die Zivilbevölkerung zu schmeißen.
    Der, der den Ausspruch tat, dass er wissen wolle, wie am besten die 600.000 Flüchtlinge aus dem Raum Breslau in Dresden braten kann?
    Und was unsere Demokratie angeht, so müssen wir nach den Wirrungen rund um die Finanzkrise feststellen, dass unsere Demkratie auch nichts anderes ist, als eine verdeckte Gängelung durch unseren Banken- und Konzern-Bosse.
    Egal, wen das Volk wählt, es geht immer gegen das Volk, denn Versprechungen brauchen nicht eingehalten zu werden.
    Soweit meine Analysen nach einem Jahr intensiver Beschäftigung mit den Gründen für unsere Finanzkrise.
    Lieben Gruß, Martin


    • Kann mich Herrn Martin Bartonitz nur anschließen… .

      • maxxxworld Says:

        ich schliesse mich auch vollinhaltlich an…
        Lieber Peter,
        ich verstehe deine Bewunderung der Kompromisslosigkeit, aber ein Mensch an der Macht der auch komprosmisslos ist, ist IST IMMER EIN DIKTATOR.
        Die Frage, ob Europa mit einem Endsieg Hitlers keine Demokratie geworden wäre ist hypothetisch…
        Auch Hitler und seine Schärgen wären einmal gestorben… Keine Menschenmenge lässt sich auf Dauer mit Gewalt in Schach halten. Es ist alles nur eine Frage der Zeit… Es hätte ja auch sein können, wenn Churchill mit Hitler Frieden geschlossen hätte, dass Millionen Menschenopfer ausgeblieben wären… Ein erfolgreicher Putsch gegen Hitler hätte unter Umständen sein 1000jähriges Reich von Selbst beendet…
        Alles hypothetisch…aber ein Sieg eines Krieges hat noch nie eine Verbesserung der Gesamtsituation gebracht, höchstens Mörder wie Churchill und Hitler in die Geschichtsbücher denen ich auch nicht über den Weg traue. Hatten doch schon die Pharaonen, Meder und Perser und sowieso alle Mächtigen Ihre eigenen Geschichtsschreiber.
        Solange Geschichte aus der Sicht der Mächtigen geschrieben wird, solange wird Krieg und Mord auf dem Altar der Macht verherrlicht.
        Und wer weiss ob der oben genannte Spruch nicht von einem PR-Manager der daniederliegenden Waffenindustrie kam. Wer kann das schon sagen…

  2. maxxxworld Says:

    We shall defend our values, whatever the cost may be… das ist jetzt unsere Aufgabe, damit Europa nicht wieder in eine versteckte Dikatur verfällt…
    Churchill war EINER, wir sind VIELE, hoffentlich bald SEHR VIELE…
    OCCUPY und die freien Demokraten lassen grüssen…

  3. Peter Wurm Says:

    Hallo Martin, hallo Maxxx!

    Churchill war sicherlich weder ein Engel, noch ein Heiliger. Churchill hat darüberhinaus auch mindestens einen Befehl (Dresden) gegeben, der ein Kriegsverbrechen war. Er war jedoch ganz sicherlich KEIN Diktator, sondern ein Demokrat.

    Das, was jedoch alles andere überragt, ist, dass er der EINZIGE Mensch auf dieser Welt war, der sich Adolf Hitler erfolgreich in den Weg gestellt hat. Und dafür hat er meine höchste Hochachtung.


  4. Lieber Peter,
    ich komme aus gegebenem Anlass nochmal auf diesen Post zurück.
    Da die aktuelle Geschichte immer die der Gewinner ist, wird es auch Zeit, dass wir mal die Fakten anschauen, die unsere Geschichtsschreiber uns bisher vorenthalten haben.
    In diesem Video erfahren wir, dass unter den Kriegstreibern zum 1. Weltkrieg auch der von Dir so gelobte Herr Churchill ist.
    Ich denke, dass das auch mit dem 2. Weltkrieg nicht so einfach ist. Denn nicht nur Hitler wollte den 2. Weltkrieg.
    Aber schau Dir mal diese Fakten an:
    http://brd-schwindel.org/deutschland-muss-vernichtet-werden/

  5. almasala Says:

    Als Inder habe ich kein Verständnis für die Bewunderung von Churchill. Es ist so, als ob ein Inder Hitler als hervorragenden Organisator und Strategen anhimmelt (was auch in Indien gemacht wird) und gleichzeitig seine Verbrechen an die Juden mit dem Hinweis „ich bin kein Jude“ ausblendet.

    • Peter Wurm Says:

      I disagree. Churhill fought his enemies, because of what they did, Hitler fought his enemies, because of what they were.

      • almasala Says:

        Ich glaube kaum, dass die rücksichtslose und brutale Kolonialpolitik des Empires, der Millionen unschuldige Inder zum Opfer fielen durch ein Statement wie „because of what they did“ rechtfertigen lässt. Im Gegenteil, diese Aussage stellt die Geschichte der Kolonialpolitik schlicht auf dem Kopf.

        Umgekehrt hatte Hitler auch seine Gründe, weshalb er die Juden zu seinen Feinden erkläret, nämlich because of what they did instead of what they are. Und was sie taten war aus Sicht der Hitlers und Antisemiten: Sie unterwandern und zersetzten das deutsche Volk um die Weltherrschaft anzustreben. Das ist natürlich blanker Unsinn aber genauso ist es blanker Unsinn, den Indern Taten unterstellen zu wollen, die sie zum erklärten Feind des britischen Empires machten, der bekämpft werden musste.

        Zudem war Churchill ein typischer Rassist. Die Worte „I hate Indians. They are a beastly people with a beastly religion“ stammen aus seinem Mund. Für Gandhi, immerhin einer Ihrer Top-Helden, hatte er nur Verachtung übrig.

        Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich möchte hier nicht Winston Churchill mit einem der größten Verbrecher der Menschengeschichte auf eine Stufe stellen. Jedoch ist für mich Winston Churchill alles andere als eine bewundernswerte Person sondern schlicht ein rassistischer und brutaler Politiker, der nicht nur meinem Volk großen Schaden zu gefügt hat.

      • Peter Wurm Says:

        Danke, Almasala! Ich versuche und gleube, Dich zu verstehen. Ich sehe die Problematik sehr genau und differenziert. Es tut mir Leid für Indien, es tut mir Leid für Mahatma Gandhi und es tut mir vor llem Leid für die Menschen in Indien.

        Wenn ich jedoch das selbstverständliche Prinzip der Verhältnismäßigkiet zu Rate ziehe, dann ist meine Wertschätzung sonnenklar:

        Wegen Churchill dürfen ich und meine Kinder die Luft der Freiheit atmen. Unter Hitler wären wir bereits alle tot.

        Liebe Grüße Nach Indien, ich habe großes Interesse, dieses großartige Land zu besuchen, ich hatte jedoch bisher weder die Kraft, noch den Mut dazu. Vielleicht treffen wir einander ja einmal dort!

        Liebe Grüße aus Wien

        Peter


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