Tag 196

20/Sep/2011

Heute ist Dienstag, es ist 4 Uhr Früh, ich sitze wieder im Nachtdienst und überlege mir, welche Nachrichten von heute noch in 20 Jahren Bestand haben könnten. Ist es die neuerliche Unterbrechung der Gespräche zur finanziellen Lage Griechenlands, ist es Barack Obamas Plan, die Reichen zu besteuern und das Defizit zu reduzieren, ist es das Scheitern der FDP bei der Berliner Wahl oder ist es der erstmalige Einzug der Piratenpartei in ein Landesparlament?

Ich glaube, alle diese Meldungen geben ein Gesamtbild von dem Zustand, in dem wir uns befinden. Im Grunde dreht sich alles um Geld und wir suchen alle Mittel und Wege, um damit umzugehen. Insofern scheint mir der Aufstieg der Piratenpartei die fröhlichste Nachricht unter allen zu sein, denn er signalisiert wenigstens den Versuch des Ausbruchs aus diesem immergleichen System. Und die Neudefinition von Eigentumsrechten, die direkte Demokratie und das Bedingungslose Grundeinkommen sind ja auch inhaltlich nicht das Übelste für mich. Vielleicht ist der Einzug der Piratenpartei ins Berliner Abgeordnetenhaus die einschneidendste Neuigkeit dieses Wochenbeginns.

Seit Menschengedenken teilt sich die Gesellschaft in jene, die den bisherigen Zustand bewahren wollen und jene, die diesen Zustand verändern wollen, in Konservative und Progressive. Konservative orientieren sich an der Vergangenheit, Progressive an der Zukunft. Dabei scheinen mir die Konservativen eher ängstlich und die Progressiven tendentiell mutig zu sein. Die Gestaltung der Gegenwart geschieht immer im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Polen. Meiner Beobachtung nach definiert sich genau dieses Spannungsfeld zur Zeit am Thema Geld. Was ist Geld und wie wollen wir damit umgehen?

Für Konservative ist Geld eine Sicherheit, die sie nicht aufgeben wollen. Was können wir Progressive dieser Anschauung entgegenstellen? Wie können wir den derzeitigen Zustand des Geldsystems überwinden, ohne dabei massive Ängste auszulösen? Wie schaffen wir es, den gegenwärtigen Zustand der Ausbeutung durch Macht so zu verändern, dass wir eine materielle Basis für unser Leben im Paradies herstellen können?

Zur Zeit gibt es einige wenige Menschen, die das Recht haben, Schuldgeld zu produzieren und dafür Zins zu verlangen. Die meisten Menschen leiden unter diesem System und solidarisieren sich dennoch damit. Geld ist somit zu einem Wert an sich geworden, der Macht verleiht. Wer Geld besitzt, hat die Macht, vom anderen etwas zu verlangen. In diesem System profitieren daher letztendlich nur die Wenigen, die dieses Schuldgeld herstellen dürfen, nämlich die Eigentümer von Zentralbanken und Geschäftsbanken. Alle anderen zahlen drauf.

Der psychologisch interessante Aspekt dabei ist, dass sich die Teilnehmer in der Mitte dieses Systems nun nicht mit den ausgebeuteten Teilnehmern an dessen Ende solidarisieren, sondern mit den mächtigen Teilnehmern an dessen Beginn, wie es auch in einem Artikel des „Spiegel“ beschrieben wird. Wir sind zum Bankdirektor freundlicher als zum Bettler auf der Straße. Wir haben Angst, zu enden wie der Bettler und suchen daher die Gunst des Bankdirektors. Dass wir dadurch dieses asymetrische System am Leben erhalten und dabei selbst zu Bettlern werden, ist uns dabei nicht bewusst.

Die meisten Menschen haben keine Ahnung, wie dieses System funktioniert. Sie spüren nur den dumpfen Zwang, den es mit sich bringt. Die meisten Menschen leiden daher, ohne zu wissen, warum. Solange wir das zinsbasierte Schuldgeld als materielle Basis unseres Wirtschaftssystems akzeptieren, werden wir immer Bettler bleiben. Wir betteln um unseren Anteil vom Kuchen, den nur einige Wenige herstellen dürfen. Erst dann, wenn wir uns vom zinsbasierten Schuldgeld verabschiedet haben werden, erst dann werden wir bereit sein für das Leben im Garten Eden, wo jeder in der Lage ist, seinen Kuchen selbst herzustellen.

Die Lösung ist im Grunde sehr einfach: Ein Freigeld mit Negativzins und bedingungslosem Grundeinkommen, wie es beispielsweise im „Münchener Modell“ vorgeschlagen wird: „Wie Fließendes Geld und Grundeinkommen zusammengehören, zeigt sich, wenn man beide Ideen getrennt betrachtet. Betrachte ich nur das Grundeinkommen, das Monat für Monat bedingungslos an alle ausbezahlt wird, dann stellt sich die Frage: Wer bezahlt das? Betrachte ich nur das fließende Geld, das Monat für Monat bei allen Geldbesitzern durch die Flussgebühr abfließt, stellt sich die Frage: Wo fließt es hin? In der Verbindung zeigt sich: Beide Fragen beantworten sich gegenseitig.“ So sorgt jeder für sich, ohne dem anderen dabei etwas wegnehmen zu müssen. Es ist genug für alle da. Wir müssen uns dessen nur noch bewusst werden. Dann haben wir den Garten Eden erreicht.

13 Antworten to “Tag 196”

  1. Susanne Says:

    http://grundeinkommenimbundestag.blogspot.com/2011/09/grundeinkommen-und-neues-geld_08.html
    Ein Versuch Grundeinkommen und Neues Geld zu verbinden hat gerade begonnen. Mitmachen, mitgestalten erwünscht. Zur Zeit arbeiten wir an dem Aufbau von Webseite und Arbeitsplattform für das Projekt. Uber die weitere Entwicklungen Berichte ich in meinem Blog.
    Herzliche Grüße, Susanne


  2. Hallo Peter,
    der Link oben geht nicht, guck mal, ob dieser geht. Ansonsten bei Cashkurs.com nach Trialismus suchen. Der Artikel ist frei lesbar:
    http://www.cashkurs.com/Detailansicht.80.0.html?&cHash=392dd243d5&tx_t3blog_pi1%5BdaxBlogList%5D%5BshowUid%5D=8609
    lg Helmut

  3. annonym Says:

    hallo

    erstmal schade das ich gestern keine antwort auf meine fragen bekam , es ist ja aber auch nicht ihre pflicht sie zu beantworten.
    trotzdem wäre ein kommentar hierzu toll gewesen da ich ja laut blog 195 nicht der einzige bin dem das aufstößt und tief im inneren beschäftigt.

    auch heute wieder ein paar Grundgedanken zum Thema „Geld“ von mir . Warum wurde Babylon zb die reichste und größte Metropole der Antike ? Sie hatten kein Geld sondern nahmen die verderbbare Ware Weizen als Zahlunsmittel, hatte man es geerntet musste man es wieder ausgeben da es sonst verdarb und somit wertlos wurde. Dies ermöglichte das die Zeit zu blühen anfing. Ein bedingunsloses Grundeinkommen mag plausiebel erklingen doch muss man bedenken das ein System geschaffen werden sollte womit jeder „verpflichtet“ werden sollte dieses Grundeinkommen auch auszugeben. Warum dieser Ansatz ? Wir Deutschen zb. sind eine Sparernation alles was wir wegbekommen können sparen wir , sagen wir so, es ist eine Erziehungsfrage aus unserer Jugend . Bei einem monatlichen Grundeinkommen was nicht ausgegeben wird , häufen sich wieder riesige Mengen an Geld an und dies lässt Spekulationen zu. Denn nur riesige Mengen Geld bewegen die Märkte und die Wirtschaftr… man könnte diesen Zyklus des Verfalls auch auf ein Jahr ausweiten so hat man die möglichkeit größere Anschaffungen zu tätigen, oder man solte sich auch Gedanken machen wie man eine Haus zb. bekommen kann trotz das die „Währung“ in Zyklen verfällt.
    Verfällt es nicht haben wir in ein paar Jahren wieder den selben Quark wie jetzt.

    lg
    „annonym“

    • Peter Wurm Says:

      Hallo anonym,

      es tut mir leid, dass ich noch keine Zeit gefunden habe, Deine Fragen von gestern zu beantworten. Ich nehme mir aber fest vor, es in den nächsten Tagen zu tun, wenn ich genügend Zeit dafür finde.

      Liebe Grüße

      Peter

    • Peter Wurm Says:

      Hab’s gerade beantwortet 🙂

      • annonym Says:

        vielen Dank 🙂

        ja , ich glaube ich spreche jetzt all deinen Lesern aus der Seele
        „Wir können diesen Tag nicht erwarten !“

        wie auch immer er enden wird …

      • Peter Wurm Says:

        Hallo Anonym,

        wir können uns jedoch bereits einüben, indem wir schon jetzt jeden Tag in der Gegenwart leben.

        Liebe Grüße

        Peter

  4. Andy_Mainstream Says:

    Ich bin für Eingentum (da man immer besser damit umgeht als mit Besitz – siehe z. B. Dienstwagen – Der Firmenwagen wird mit 6.000 Umdrehungen „warmgefahren“, aber wenn es der private Wagen ist, machen das nur wennige/bis gar keine(r)).

    Wenn man Menschen von der Straße anspricht, können einem nur wennige den Unterschied erklären (Sie leben halt mit dem System, aber machen sich darum kaum/keine Gedanken) – zwischen Besitz und Eigentum.

    Wie oft höre ich das ist mein Eigentum (dabei steht auf dem Vertrag – Leasing, also Miete/Pacht 😉

    Aber zurück zu den konservativen (vom Lateinischen conservativus – erhaltend, bewahrend), nicht alles was diese als „WERTE“ angeben und erhalten wollen muss gut sein, aber auch nicht alles schlecht.

    Ich glaube die Mischung macht es aus und wir sollten auch ihnen zuhören (eine Eigenschaft die heute nicht mehr weit verbreitet ist – und was ein konservativen WERT darstellt, den ich heute sehr oft vermisse).

    Ich glaube wir sollten als erstes anfangen Geld (Kapital ist nur eines der 3 betriebswirtschaftlichen Produktionsfaktoren) wieder anzugleichen (da z. B. Arbeit nicht so „günstig“ ist wie Kapital – siehe z. B. Kapitalertragssteuer vs. Lohnnebenkosten oder Sozialbetrug (Verjährung nach 30 Jahren) vs. Steuerhinterziehung (Verjährung nach 10 Jahren) usw. – das zieht sich wie der berühmte rote Faden durch unsere Gesellschaft) an Boden und Arbeit. Dies würde schon eine Menge bewegen (und ich glaube auch in die richtige Richtung).

    LG Andy_Mainstream

    P.S. Weiterhin „Gute Reise“

  5. annonym Says:

    [quote]Peter Wurm Sagt:

    20. September 2011 um 10:25

    Hallo Anonym,

    wir können uns jedoch bereits einüben, indem wir schon jetzt jeden Tag in der Gegenwart leben.

    Liebe Grüße

    Peter
    [/quote]

    wie kann man üben , man ist doch hier gefangen , Arbeit Familie , Alltagsstress .. ich habe keine Zeit mich auf anderes einzustellen. während der Arbeit bleit mir ein kurzer Blick in den Pausen hinter die Mainstream Medien die auf mich einstürzen im Radio .. Auf dem weg zur Arbeit und wieder nach Hause wo dann Familie wartet .. die fordern mich bis die Kinder im Bett sind dann wartet die Frau .. ja und danach das Bett ^^

    das die Zeit immer schneller vergeht hab ich bisher darauf geschoben das ich halt je älter ich wurde auch immer mehr Informationen zu verarbeiten hatte.. Jetzt im Moment ist es so krass das ich für mein Hobby nur noch ca 1 Stunde am Tag übrig habe der Rest ist vergeben … verlebt… dahin …

    ein Träumen in bessere Welten / Zeiten ist nur sehr begrenzt möglich .. und das ist Schade.

    gibt es da ein „Geheimrezept“ welches du da beschreibst oder sieht es vor einfach weiterzumachen mit den bisherigen Dingen ? Veränderungen im Denken / Bewusstsein brauchen Zeit und vor allem die Aktzeptanz meiner MItmenschen ..die ist halt nicht gegeben im Alltag ..

    • annonym Says:

      achja eh ichs es vergesse : Vielen Dank !! 🙂

    • Peter Wurm Says:

      Ja, genau darum geht’s. Wenn Du arbeitest, dann arbeite. Wenn Du die Kinder ins Bett bringst, dann bring die Kinder ins Bett, wenn Du die Medien liest, dann lies die Medien und wenn Du Deinem Hobby nachgehst, dann geh Deinem Hobby nach.

      Ja, wir sind hier gefangen. Wir erleben ein raumzeitliches Gefängnis, das uns immer in sich gefangenhält. Wir sind immer im Jetzt gefangen. Wenn wir uns dabei zum Beispiel in jedem Moment auf unseren Atem konzentrieren, dann werden wir mit jedem Mal achtsamer auf den eigentlichen Moment dieser Gegenwart.

      Im Zen gibt es eine schöne Übungsanleitung: „Wenn du durch eine Türe gehst, dann achte darauf, was geschieht, wenn du durch diese Türe gehst.“ Wenn Du diese Art von Achtsamkeit übst, dann wirst du dich von Moment zu Moment mehr in diesem unserem Gefängnis wohlfühlen.


  6. Sauber und klar hergeleitet, wie auch von mir aufgegirffen und behandelt: http://www.adiko.eu/tagebuch/article-1316529004.html

    DANKE! ♥


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