Tag 160

15/Aug/2011

Mitternacht. Gerade jetzt beginnt Maria Himmelfahrt, der 15. August 2011. In den deutschsprachigen Medien wurde die wirtschaftspolitische Diskussion am gestrigen Sonntag von zwei Themen beherrscht: In Deutschland wird über die Zustimmung der Bundesregierung zur Schaffung von Eurobonds diskutiert und in der Schweiz über die Bindung des Frankenkurses an den Euro.

In Deutschland beginnt der Riss quer durch die Bundesregierung zu gehen. Offiziell wird die Zustimmung zu Eurobonds noch ausgeschlossen, hinter den Kulissen aber anscheinend bereits über die Bedingungen verhandelt. Finanzminister Schäuble sagte gestern wörtlich: „Ich schließe Euro-Bonds aus, solange die Mitgliedstaaten eine eigene Finanzpolitik betreiben und wir die unterschiedlichen Zinssätze benötigen, damit es Anreize und Sanktionsmöglichkeiten gibt, um finanzpolitische Solidität zu erzwingen.“ Diese Aussage im „Spiegel“ wird von Beobachtern als erster Schritt zu einer gemeinsamen europäischen Finanzpolitik gewertet.

In der Schweiz wird inzwischen darüber diskutiert, welcher Wechselkurs zum Euro wünschenswert wäre. Analysten sprechen von 1,3 Franken, Unternehmer und Gewerkschafter präferieren 1,4 Franken. Derzeit notiert die Schweizer Währung weit stärker, gestern bei 1,1 Franken. Die korrigierenden Maßnahmen der schweizerischen Nationalbank hatten am Freitag erstmals zu Negativzinsen auf dem Geldmarkt geführt.

Zum Thema Negativzins hatte ich gestern auf Facebook einen Dialog mit meinem FB-Freund Alex, der meinen gestrigen Artikel kommentierte. Ich möchte ihn hier zitieren, weil er hoffentlich zum Verständnis beiträgt:

Axel: ‎“Wenn wir uns beispielsweise eine Milliarde Franken leihen, dann lassen wir 999 Millionen bei der Bank zur Tilgung zurück und fahren mit einer Million Franken zurück in die Heimat.“
Das klingt nach Geldschöpfung, wie es die (böse) FED doch auch macht … Die Bank muss ja die restliche Million wieder irgendwo herbekommen … woher bzw auf wessen Kosten bekommt sie das Geld? bzw kann so etwas langfristig funktionieren?? Also ich versteh ja nicht viel von dem herrschenden Finanzsystem, aber in diesem Beispiel sehe ich einen deutlichen Haken! Oder seh ich was nicht …??

Peter: die schweiz hat inzwischen ZUVIEL geld. das führt dort zu riesigen problemen, vor allem für die exportwirtschaft. jetzt ist die schweiz inzwischen soweit, dass sie dieses geld wieder loswerden wollen. das ist das eine extrem der derzeitigen weltwirtschaft. das andere extrem befindet sich am horn von afrika, wo die menschen zu tausenden verhungern, weil sie zuwenig geld haben. die restliche welt befindet sich dazwischen.

das beispiel schweiz zeigt jedoch, dass es auf der welt eben nicht zuwenig geld gibt, sondern ausreichend viel. es ist nur ungleich verteilt. und die jetzige entwicklung in der schweiz zeigt, dass wir das extrem der ungleichverteilung bereits erreicht haben und dass es zu einer gegenbewegung kommt. der negative zinssatz ist das ende der fahnenstange. jetzt pendelt es sich auf der ganzen welt ein. wir haben damit das ende des akkumulativen geldsystems erreicht.

Axel: Aber wünscht sich nicht jedes Land solche schweizerische Zustände und strebt danach? und wird dadurch nicht die Schere nicht größer? Ist das vielleicht nur ein Meilenstein in der Geschichte des Geldsystems? Je mehr ich versuche das ganze Finanzsystem zu verstehen, desto unverständlicher wird es für mich … eigenartig … Vielleicht bin ich zu sehr „Steinzeit“

Peter: geldschöpfung an sich ist weder „gut“ noch „böse“. es stellt sich immer nur die frage, wer davon profitiert. wenn die usa unter bush die expansive geldschöpfungspolitik der fed dazu verwendet hätten, auf der welt die malaria und den hunger auszurotten, anstatt in afghanistan und im irak einen „war against terror“ zu führen, dann wäre das auch sichtbar geworden. leider waren wir im letzten jahrzehnt noch nicht so weit. aber jetzt ist das freie spiel der kräfte von selbst zum glücklichen ende gekommen, das heisst zum zusammenbruch des akkumulativen geldsystems. jetzt geht es für uns alle in der nächsten zeit nur darum, wie wir uns in diesem zusammenbruch positionieren.

Axel: Danke, jetzt wirds verständlicher … 🙂

Wenn es auch in der Geschichte der Schweizer Wirtschaft bereits in den 60er und 70er Jahren Negativzinsen gegeben hat, um eine durch einen allzu starken Franken verursachte Deflation zu verhindern, halte ich dieses Phänomen in der jetzigen Situation für den ersten Schritt zum Zusammenbruch des Systems. Die Basis des Kartenhauses ist nun gefallen. Noch vor zehn Tagen hatte es in einem Kommentar im deutschen Investor-Verlag geheissen: „Obgleich es also bereits jetzt Tendenzen zu beobachten gibt, wäre die Einführung von Negativzinsen in der Schweiz mit Sicherheit der letzte Schritt, der unternommen würde, denn er würde einerseits aufzeigen, dass die SNB ihr letztes Pulver verschossen hätte und sich im Grunde nicht mehr anders zu helfen wüsste.“ Jetzt ist diese Basis gefallen und das weltweite Haus beginnt einzustürzen. Nun kommt es nur darauf an, von den umherfliegenden Trümmern nicht erschlagen zu werden.

Auf dem Weg zu einem neuen wirtschaftspolitischen System sind an diesem Wochenende selbst die konservativen Bollwerke „Daily Telegraph“ und FAZ umgeschwenkt. „I’m starting to think that the Left might actually be right“ betitelt der konservative Thatcher-Biograph Charles Moore seinen Kommentar im „Daily Telegraph“ und in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ schreibt Herausgeber Frank Schirrmacher genau so „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat„.

Meine Vision eines neuen gesellschaftlichen Systems ist das eines spirituellen Kommunismus. Das ist jedoch ein zweifacher Widerspruch in sich selbst. Einerseits war der Kommunismus seit seinen Anfängen immer materialistisch definiert, andererseits sind die spirituellen Traditionen der herrschenden monotheistischen Religionen bis zum heutigen Tag dualistisch geprägt, was sich insbesondere in der moralischen Spaltung in Gut und Böse ausdrückt. Doch ganz so weit sind beide Pole nicht voneinander entfernt:

So sagt Jesus von Nazareth in der Bergpredigt nach Matthäus: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen und da die Diebe nicht nachgraben noch stehlen. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?“

Karl Marx andererseits schreibt in „Die deutsche Ideologie“ von der „kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ heißt es im „Gothaer Programm“.

Jesus von Nazareth und Karl Marx. Diese beiden Antipoden der abendländischen wirtschaftspolitischen Denkschulen gilt es zu versöhnen. Die neuen politischen Bewegungen des letzten Jahres scheinen mir auch allesamt in diese Richtung zu gehen. Es ist hoch an der Zeit. Wenn es uns gelingt, die Ganzheitlichkeit des Kommunismus mit der Spiritualität der Religionen zu vereinen, dann haben wir es geschafft. Dann sind wir bereit für das Leben im Garten Eden.

5 Antworten to “Tag 160”

  1. Kerstin Says:

    Grundsätzlich bin ich völlig deiner Meinung. Nur wohnen wir nicht in einem ganzjährigen gemäßigten Klima, wo ganzjährig Erntezeit ist.
    Was also mache ich im Winter, wenn ich keine Vorratswirtschaft betreibe?

    Sonnige und lichtvolle Grüsse von Kerstin

  2. Kashmir Says:

    Stop, stop, stop, ein Gang zurück, damit ich es auch verstehe. =)

    Also von der Methode den Leitszins in Negative zu senken habe ich schon gehört und als du jetzt die Tage davon geschrieben hast, viel es mir wie Schuppen von den Augen, dass dies auch ein gangbarer, relativ einfacher Weg zur bedingungslosen Grundversorgung sein kann.

    Dies ist aber auch der Punkt, den ich nicht nachvollziehen kann.
    Ich finde beim Suchwort Schweiz und Zins, bei news.google.de (was eig. alle Mainstreammedien sein sollte) keine Nachrichten dazu. Höchstens, dass der Zinssatz für Franken jetzt bei 0,25 steht ( http://www.faz.net/artikel/C31163/schweizer-franken-nationalbank-stemmt-sich-gegen-aufwertung-30478791.html ; http://bazonline.ch/wirtschaft/konjunktur/Sie-wagt-es-noch-nicht/story/22148445 )

    Wäre schön, wenn du noch ein paar Links hast, die deine Aussagen bestätigen und dann kann auch ich mich wie Bolle freuen. 😉

    Ansonsten immer weiter so mit deinem genialen Tagebuch =)

    • Peter Wurm Says:

      Hallo Kashmir,

      das ist ja gerade das, was ich an der Entwicklung für so sensationell halte: Ohne offizielle Zinsentscheidung der SNB hat sich auf dem Schweizer Geldmarkt einzig und allein durch das freie Spiel der Kräfte eine Negativverzinsung von -0,01% ergeben. Das kann man aus der Entwicklung der dreimonatigen Terminkontrakte für Franken-Libor Papiere ablesen. Damit ist das erste Loch in den aufgeblasenen Ballon der wachstumsgetriebenen Zinsgeldschöpfung gestochen. Jetzt braucht der Ballon nicht mehr zu platzen, sondern schrumpft zusammen.

      Die Entwicklung wird in Kürze auf ganz Europa überschlagen. Das österreichische EZB-Ratsmitglied, OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny beklagt, dass die Banken Unsummen an Geld bei der EZB parken. Das wird in Kürze die Zinsentwicklung innerhalb der Eurozone zum Kollabieren bringen. Damit wird das Loch im Ballon noch viel größer.

      Den Link zum NZZ-Artikel poste ich dir unten dazu.

      Liebe Grüße

      Peter

      (http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/snb-medizin_beginnt_zu_wirken_1.11888379.html).

      • Kashmir Says:

        Vielen Dank, jetzt habe ich es besser Verstanden und joa, dass ist definitiv Sensationell.

        Kommt mir so vor als würde die vielseits beschworene unsichtbare Hand des Marktes nun greifen und dem wilden treiben ein Ende bereiten.

        Hoffe dass die bald auch bei mir und vielen Anderen in Form von bedingungsloser Grundsicherung ankommt =)

        Liebe Grüße
        André

  3. Peter Wurm Says:

    „Dadurch seien die Zinsen in der Schweiz negativ geworden. So deuteten die Zinsfutures auf negative Zinsen hin. Auch die Zinsen für eine 2-jährige Bundesanleihe seien kurzfristig unter Null gesunken; die Zinsen für 4-jährige Eidgenossen lägen praktisch bei Null.“

    NZZ, 16.08.2011


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