Tag 159

14/Aug/2011

Gestern erfuhr ich, dass die italienische Regierung am Freitagabend ein neues Sparpaket beschlossen hatte, das laut Medienberichten „noch viel härter als das erste“ sein würde. „Mir blutet das Herz“ sagte Premierminister Silvio Berlusconi bei der Präsentation der Maßnahmen. Dieses Sparpaket ist ein weiterer Schritt auf dem Weg in die Verteilungskämpfe im Zuge der Wirtschaftskrise.

Jetzt werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Jetzt wird entschieden, wer zu den Gewinnern und Verlierern der Wirtschaftskrise zählt. So sprach der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble gestern erneut davon, dass es eine „Rettung um jeden Preis“ für hochverschuldete Staaten nicht geben werde. Jeder Teilnehmer versucht nun, den Schaden für sich und die Seinen möglichst gering zu halten.

Gestern war auch der fünfzigste Jahrestag des Baus der Berliner Mauer. Im Zuge dessen kam es zu vereinzelten Diskussionen, wie denn der Bau der Mauer zu bewerten sei. Teile der Linkspartei verließen dabei den breiten Konsens, indem sie den Mauerbau in der Zeit des kalten Krieges als „alternativlos“ bezeichneten. Auch diese Auseinandersetzung zeigt noch einmal das letzte Aufbäumen des dualistischen Urteilsdenkens, während große Teile der Gesellschaft bereits – wie vor Kurzem in Norwegen – in einer ganzheitlichen Akzeptanz leben, was sich unter anderem auch in der Trauer über das Geschehene ausdrücken kann.

Gestern gewann Michelle Bachmann die ersten Testwahlen der republikanischen Präsidentschaftskandidaten in Iowa mit knappem Vorsprung vor Ron Paul. Nun steht ein langer Kampf zwischen den Vertretern der Tea-Party-Bewegung und den moderaten Republikanern bevor.

Ich selbst versuche seit gestern, die neuen Gegebenheiten des Geldsystems anlässlich der Maßnahmen der schweizerischen Nationalbank zu begreifen. Im Gunde gehören seit Freitag Geldsorgen der Vergangenheit an. Wenn es bei uns einmal knapp werden sollte, dann brauchen wir uns nur ins Auto zu setzen, nach Zürich zu fahren und uns dort Geld auszuborgen. Wenn wir uns beispielsweise eine Milliarde Franken leihen, dann lassen wir 999 Millionen bei der Bank zur Tilgung zurück und fahren mit einer Million Franken zurück in die Heimat. Seit Freitag ist dieses Vorgehen prinzipiell möglich.

Die Schweiz ist das erste Land, das das Paradies am Ende des materiellen Wirtschaftssystems erreicht hat. Österreich und Deutschland sind nicht weit entfernt davon, alle andere Länder werden folgen. Es ist genug für alle da, niemand braucht mehr Not zu leiden. Ich weiss, dass der Weg zu diesem Bewusstsein in der Welt in den nächsten Wochen noch durch eine gewaltige Portion Chaos und Katastrophen gehen wird, durch Auseinandersetzungen und Kämpfe. Noch sind nicht alle Menschen bereit, dieses ganzheitliche Bewusstsein der Fülle zu leben, was man auch an den aktuellen Geschehnissen in England, China und Chile sehen kann. Noch gibt es Verteilungskämpfe zwischen Reichtum und Armut, um Recht und Unrecht, um Gut und Böse. Diese Kämpfe werden wir in der nächsten Zeit noch durchstehen müssen, bevor wir alle bereit sind, im neuen Bewusstsein zu leben. Noch bestimmt das Denken in Feindbildern die gesellschaftliche Auseinandersetzung. Noch sind wir alle massiv von unseren Ängsten geprägt.

Meinen gestrigen Blog-Artikel über die Kapitulation des Kapitalismus hatte ich gestern kurz nach Mitternacht geschrieben. Und wie so oft, so dämmerte es mir auch diesmal erst danach, was ich gerade eben hier formuliert hatte. Ich saß da und versuchte die Wucht dieser Erkenntnis zu begreifen. Gerne hätte ich jemanden zum Reden gehabt, doch alle anderen waren bereits schlafen gegangen. Und so schrieb ich an meine Liebste eine Nachricht, in der ich versuchte, das zu formulieren, was mich gerade bewegte und was das für uns alle bedeuten könnte:

„du schlafst gerade und ich sitze hier am computer und höre tom waits und peter gabriel. immer und immer wieder. draußen ist es noch dunkel und ich bin unglaublich glücklich. gerade habe ich meinen letzten blogeintrag geschrieben, tag 158. und das ist die unglaublichste geschichte, die ich je geschrieben habe. ich habe sie vor zwei stunden geschrieben und ich sitze immer noch da und denke nach. vorher habe ich „in the neighbourhood“ von peter gabriel gehört und geweint, weil ich so glücklich bin. ich lieb dich so und ich liebe unsere kinder. und ich lieb meine arbeit und ich liebe diese welt. gestern ist wer gestorben, so wie du am himmel gesagt hast. gestern ist wer gestorben. gestern ist der kapitalismus gestorben. das ist so wahnsinnig groß und viel, dass ich es immer noch nicht begreifen kann. ich sitze schon seit zwei stunden da und genieße das gefühl. alles ist in ordnung, alles ist gut. und alles wird gut. alle probleme sind weg. alle probleme sind weg. die schweiz hat einen negativen zinssatz. ich liebe dich.“

5 Antworten to “Tag 159”

  1. Erika Spivey Says:

    Gott im Himmel, ich Danke Dir!!!!
    Und Dir, lieber Peter, weil Du es so verständlich machst!!!

  2. putzilutzi Says:

    ich liebe deine Ehrlichkeit – deine Offenheit – deine Bereitschaft zu teilen – ich liebe deinen Blog…jeden Tag auf´s Neue 🙂
    und die Nachricht an deine Liebste hat mich zu Tränen berührt.
    Danke! und einen schönen Sonntag.
    ganz herzlich, Harald

  3. Rosmarie Says:

    Die mius Zinsrunde der Schweizer Banken bezieht sich nur auf Hypotheken. Privatkredite (18- 64 alt) werden nach wie vor mit min. 6% belastet, plus Garantie und Rückzahlung. Wäre zu schön, oder habe ich etwas falsch verstanden?
    Ich danke dir für deinen Blog, die tägliche Zusammenfassung.
    Alles LIebe
    Rosmarie

    • Peter Wurm Says:

      Hallo Rosmarie,

      der Negativzins des Franken bezieht sich auf die aktuellste Entwicklung auf dem Geldmarkt. Danke für dein schönes Feedback.

      Liebe Grüße

      Peter

  4. Peter Wurm Says:

    „Dadurch seien die Zinsen in der Schweiz negativ geworden. So deuteten die Zinsfutures auf negative Zinsen hin. Auch die Zinsen für eine 2-jährige Bundesanleihe seien kurzfristig unter Null gesunken; die Zinsen für 4-jährige Eidgenossen lägen praktisch bei Null.“

    NZZ, 16.08.2011


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