Tag 52

29/Apr/2011

Heute kommt Carl Calleman nach Wien. In ein paar Stunden werde ich zum Flughafen hinausfahren und ihn von dort abholen. Ich habe sogar meinen Frühdienst getauscht, um ihn hier willkommen heißen zu können. Danach werde ich ihn während der nächsten Tage seines Aufenthalts in Österreich immer wieder begleiten und gemeinsam mit ihm die verschiedenen geplanten Projekte durchführen. Wie hier schon öfters erwähnt, war sein Buch „Der Mayakalender und die Transformation des Bewusstseins“ eine göttliche Offenbarung für mich. Die Calleman-Matrix, die er diesem Buch voranstellt, halte ich für eine ebenso große Errungenschaft der Menschheitsgeschichte wie Einsteins Relativitätstheorie, Wagners Ring des Nibelungen und Shakespeares Hamlet. Der Mayakalender ist ein göttliches Werk und Callemans Analyse für mich weit bedeutender als die Bibel.

Ich erinnere mich noch genau, als ich zum Abschluss meines Volkswirtschaftsstudiums meine Diplomarbeit verfasste. Diese trug den Titel „Die ökonomische Lehre des Jesus von Nazareth“. Die Idee dahinter war, die Worte des Jesus von Nazareth auf ihre Konsequenzen für die Wirtschaft zu untersuchen. Was bedeutet es für die Wirtschaft, wenn Jesus von „Vater unser im Himmel“ spricht? Was bedeutet die Bergpredigt ökonomisch analysiert: „Seht auf die Vögel des Himmels. Sie säen nicht, sie ernten nicht und unser himmlischer Vater ernährt sie dennoch. Seid ihr nicht viel wertvoller als sie?“ Was bedeuten die Worte des Jesus von Nazareth, die wir in den vier Evangelien nachlesen können, für die „Wissenschaft vom menschlichen Handeln“, wie die Ökonomie in der Österreichischen Schule der Nationalökonomie definiert wird? Was bedeuten die Worte des Jesus von Nazareth für das menschliche Handeln?

Diese Gedanken standen hinter der Arbeit, die ich zum Abschluss meines Studiums verfasste. Es ging unter anderem darum „den Vater im Himmel“ des Jesus von Nazareth mit dem „Impartial Spectator“ und der „Invisible Hand“ des Adam Smith zu vergleichen. Es ging darum, Parallelen zwischen Jesus und Karl Marx zu ziehen, indem man die Begriffe des „Mammon“ und des „Kapitals“ gegenüberstellte. Zu all dem ist es nicht gekommen. Eines Nachts – meine kleine Wohnung war übervoll mit Notizen und Aufzeichnungen – knallte ich aus lauter Zorn die Bibel gegen die Wand und zog einen Schlussstrich. Am nächsten Morgen schrieb ich meinem Betreuer einen Brief, in dem ich ihm mitteilte, dass ich ab sofort keinen Fuß mehr in diese Universität setzen würde. Ich konnte all diese Gedanken nicht einen Augenblick länger ertragen.

Die Bibel ist ein willkürliches Konstrukt. Ich halte sie nach dem Koran für das meistüberschätzte Buch der Welt. Selbst die Worte Jesu sind für mich nicht geeignet, einen Leitfaden für ein gelungenes Leben zu erstellen, zu beliebig ist ihre Zusammenstellung. Ich habe lang schon vor meiner Diplomarbeit meine „heilige Schrift“ gefunden gehabt, entdeckt während meines Aufenthaltes als Entwicklungshelfer in Ecuador. Ich kam auf sie über Albert Einsteins „Mein Weltbild“, das ich in einer Bibliothek an der ecuadorianischen Pazifikküste entdeckte. Darin zitiert Einstein einen Satz, der ihn schon seit seiner frühesten Jugend begeistert hatte: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

Diesen Satz habe ich in dieser Form später niemals vorgefunden, doch ich hatte meinen Heiland gefunden: Arthur Schopenhauer, und meine heilige Schrift wurde „Die Welt als Wille und Vorstellung.“ „Bei jenen will er, was er erkennt, bei mir erkennt er, was er will.“ Dieser Satz der Schopenhauer’schen Erkenntnistheorie stellte mein Weltbild vom Kopf auf die Füße. Nicht die seit Jahrtausenden gepredigte Erkenntnis, sondern der Wille ist das Maß aller Dinge. Es geht letztendlich nicht darum, was wir erkennen, sondern nur darum, was wir wollen. Dieser Gedanke warf mein gesamtes bürgerlich-katholisches Weltkonstrukt über den Haufen. Dementsprechend chancenlos war dieser Jesus meiner Diplomarbeit, final ans Kreuz genagelt zu werden.

Zwanzig Jahre lang habe ich seither mit Schopenhauer in meinem Herzen gelebt. Und dann kam Calleman. Erkenntnis und Wille wurden eins. Plötzlich ahnte ich wieder, dass es so etwas wie Gott geben müsste. Plötzlich wurde meine Welt wieder göttlich. Plötzlich erkannte ich Hunab-Ku.

„Vergessen Sie die Welt. Die Welt ist nichts wert. Vergessen Sie sie!“ sagt Carlos Kleiber im Rahmen einer Orchesterprobe zu seinen Musikern. Ich liebe ihn dafür. Callemans Analyse des Mayakalenders hat mich gelehrt, warum das so ist. Das Universum exisitiert. Und es ist sich seiner selbst bewusst. Wir alle sind Teile dieses Ganzen. Und wir alle sind auf einem Weg. Und darum mache ich mich heute auf den Weg, ihn abzuholen. Aus Liebe und Dankbarkeit. Tak Tak Tak Tak.

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Eine Antwort to “Tag 52”

  1. Magdalena Says:

    Wieder darf ich dir meinen Respekt aussprechen Peter. Deine Erfahrungen, deine Suche nach der Wahrheit berühren mich sehr. Auch für mich werden Zorn und Schmerz zum großen Thema und bin sehr gefordert mich dem zu stellen. Diesen Zorn und Schmerz wohl wahrzunehmen, aber auch in einzupacken in die allumfassende Liebe und selbst darüber hinauszuwachsen. (Weil manchmal ist mir richtig nach alles kurz und klein zu schlagen) Im Moment stehen mir eher die Tränen in den Augen und das ist okay.
    Jedenfalls ich wünsche dir ganz viel Freude bei der Begegnung mit Callemann. ich bin mit dem Herzen dabei!


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