Tag 46

23/Apr/2011

Der gestrige Karfreitag war doch nicht so ruhig wie angenommen. In Syrien starben zwischen 70 und 90 Menschen, die gegen das Regime von Bashar al-Assad demonstrierten, als Heckenschützen in die Menge feuerten. Der Ausnahmezustand wurde im Land zwar nach Jahrzehnten aufgehoben, die Regierung wurde ausgetauscht und dennoch geht die Staatsführung in die blutige Auseinandersetzung mit ihrem Volk. Weltweit sorgte das Vorgehen gegen die Demonstranten wie immer für Empörung.

Den heutigen Karsamstag und Höhepunkt des zweiten Tages der neunten Welle möchte ich zum Anlass nehmen, eine kleine Geschichte aus einem Buch zu zitieren, das mir meine Liebste vor einiger Zeit geschenkt hat. Es heißt „… und wo ist das Problem … ? Zen-Buddhismus und Gestalttherapie“ von Bruno M. Schleeger und behandelt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden Richtungen, ganz im Sinne von Fritz Pearls, der sagt: „Wenn Sie etwas über Zen wissen, dann wird es mir vielleicht möglich sein, Ihnen etwas über Gestalttherapie zu vermitteln.“

Sowohl Zen als auch Gestalttherapie streben mit ihren jeweiligen Mitteln einen Zustand an, der am Ende der neunten Welle des Mayakalenders der Normalzustand sein könnte, das erleuchtete Allbewusstsein der unendlichen Gegenwart. Im Kapitel „Hier und Jetzt – Wachstum als Prozess“ erzählt Schleeger eine Geschichte, der er den Gedanken des Talmud voransetzt: „Es ist nicht Deine Sache, das Große zu vollenden, das befreit Dich aber nicht davon, Deinen Teil dazu beizutragen.“

In der Geschichte geht ein verzweifelter Samurai in den Wald, um dort zu sterben: Als er so vor sich hintrabte, begegnete er einem kleinen Spatz, der vor ihm auf seinem Rücken auf dem Boden lag. „Aus dem Weg, du Winzevogel!“ rief der Krieger. „Tut mir leid, edler Samurai“, antwortete der Vogel, „aber du musst mir ausweichen. Ich kann mich hier nicht wegrühren.“ „Bist du verletzt?“ fragte der Samurai. „Nein“, sagte der Spatz, „mir geht’s ganz gut.“ „Bist du müde?“ fragte der Krieger. „Nicht im geringsten“, stellte der Vogel fest, „ich habe gut geruht. Ich bin schon den ganzen Morgen hier.“

Der Reiter stieg von seinem Pferd ab und betrachtete den Vogel. Er konnte sich nicht vorstellen, was der kleine Spatz vorhatte, wie er so dalag, auf dem Rücken, die Füßchen in den Himmel gestreckt. „Dann sag mir, was machst du hier?“ fragte schließlich der Samurai. „Nichts Besonderes“, sagte der Vogel, „ich habe gehört, dass heute der Himmel zur Erde stürzt, und ich habe vor, ihn aufzufangen.“

Als er das hörte, warf der Samurai seinen Kopf zurück und brüllte vor Lachen: „Du willst den Himmel auffangen, kleiner Vogel? Und du glaubst, dass du mit deinen dürren Füßchen das Gewicht des Himmels tragen kannst?“ Darauf antwortete der kleine Spatz: „Man tut, was man kann.“

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