Tag 23

31/Mrz/2011

Als ich gestern schlafen gegangen bin, war die Lage in Fukushima die vorletzte Meldung der Mitternachtsnachrichten im Radio. Die Tatsache, dass der Grenzwert der radioaktiven Strahlenbelastung im Meer um mehr als das Dreitausendfache überschritten wurde, ist nur noch eine Nachricht unter vielen. Heute Früh war das gar keine Meldung mehr wert. Statt dessen erfuhr ich, dass ein abgestürzter Polizeihubschrauber im Achensee geortet wurde und ein Mann am Großglockner in eine Gletscherspalte gefallen ist.

Gestern hatten wir Propädeutikum zum Thema „Sucht des Kindes- und Jugendalters“. Und dabei sprachen wir auch darüber, inwiefern unsere Gesellschaft Süchte fördert. Die Atomkraft ist ein gutes Beispiel dafür. Wir alle wollen möglichst ohne Aufwand ein riesiges Ausmaß an erfolgreichen Ergebnissen erzielen. Dafür sind uns fast alle Mittel recht. Die Begleiterescheinungen und Folgeschäden werden nicht thematisiert. Und so sind wir kurzfristig glücklich, wenn wir das Leben und seine mühsamen Regeln wieder einmal ausgetrickst haben.

Wir leben in einer suchtkranken Welt. Unsere Gesellschaft braucht legale und illegale Drogen, Konsum, Energie, Aufmerksamkeit und Reize im Übermaß, um überleben zu können. Wir wollen von allem immer mehr. Die Kosten dafür werden nicht beachtet. Heute wird bekannt, dass das Defizit Österreichs im letzten Jahr in Wahrheit 4,6 Prozent des BIP betrug, der höchste Wert seit 15 Jahren. Es war nur niedriger angegeben worden, weil die staatseigenen Betriebe ausgelagert gewesen sind. Ähnlich der Umgang mit der Atomkatastrophe von Fukushima: Am Montag wurden durch einen Beschluss der EU-Kommission die Grenzwerte für Strahlenbelastung in Lebensmitteln einfach um das 20-fache erhöht. Jetzt können wir wieder Fisch aus Japan importieren.

Wir tricksen uns durch das Leben, nur um nicht zuzugeben, dass wir krank sind. Unsere Gesellschaft ist krank, suchtkrank. Wir steuern auf einen Abgrund zu und beschleunigen dabei immer mehr, um uns nicht konfrontieren zu müssen. Wir brauchen ständig eine Erhöhung der Dosis, weil wir sonst zusammenbrechen würden.

Der Zusammenbruch wird kommen; laut Mayakalender Ende August. Ich habe noch keine Vorstellung, wie er konkret aussehen wird, eine Finanzkrise, eine Energiekrise, eine Wirtschaftskrise, eine Lebensmittelkrise, eine Versorgungskrise oder alles zusammen. Wir werden nach Stoff betteln und es wird kein Stoff mehr da sein. „Kauf dich glücklich“ heisst es seit Neuestem in einer irregeleiteten Radiowerbung eines Handelshauses. Dieser Spuk ist bald vorbei.

Eine Antwort to “Tag 23”

  1. crisismaven Says:

    Ich habe mal versucht, das gesamte Ausmass der Japan-Atomkatastrophe, Risiken und Gefahren der Atomkraft und was sie fuer Europa bedeuten hier uebersichtlich zusammenzufassen:
    http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=208864
    Dort auch Hinweise zum Umgang mit radioaktiv verseuchtem Wasser.


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