Tag 16

24/Mrz/2011

Worüber soll ich heute schreiben? In Tokio ist das Trinkwasser ausverkauft, in Portugal ist die Regierung zurückgetreten, Libyen wird weiter bombardiert, Ernst Strassers Brüsseler Büro wurde von der Korruptionsbehörde versiegelt und Elizabeth Taylor ist gestorben. Ich beginne mich an all diese Nachrichten zu gewöhnen. Was war das für eine Aufregung, als Griechenland vor der Pleite stand! Jetzt trifft es Portugal und es ist eine Meldung unter vielen. Die Bombardierung Libyens hat ebenso wenig Neuigkeitswert, einzig ein Rücktritt des Revolutionsführers Gaddafi würde hier noch Aufmerksamkeit hervorrufen. Der Wassermangel im Großraum Tokio wird in vielen Nachrichtenseiten überhaupt nicht erwähnt.

Es scheint mir die Qualität der letzten Stufe des Mayakalenders zu sein, dass wir uns im großen Ausmaß an Dinge gewöhnen, die vor Kurzem noch unvorstellbar waren. Ein Euro-Schutzschirm in der Höhe von 700 Miliarden Euro? Ein wirtschaftlicher Schaden durch die japanische Katastrophe in der Höhe von knapp 250 Milliarden Dollar, wie ich kürzlich im Economist las? Die somit größte Naturkatastrophe der Geschichte? Wir stehen vor solchen Meldungen und zucken die Achseln. Die Dimensionen sind uns über den Kopf gewachsen und übersteigen unsere bisherige Vorstellungskraft.

Langsam, aber stetig beginnt sich das Fass zu füllen. Hunderttausende Obdachlose in Haiti? Schon längst vergessen. Bürgerkrieg und Flüchtlingsströme in der Elfenbeinküste? Keiner Rede wert. Die größte Naturkatastrophe Australiens? Wer erinnert sich noch daran? Die Dosis der außergewöhnlichen Geschehnisse wird Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat in einer Intensität erhöht, die vor einiger Zeit noch unvorstellbar war. Die monetären Bewertungen der Ereignisse übersteigen jede bisherige Norm.

Wer kann sich vorstellen, was es heißt, wenn eine Nuklearkatastrophe wie in Japan ein Land trifft, dessen Staatsverschuldung bei knapp 200 Prozent des BIP liegt? Wer kann sich vorstellen, was es heißt, wenn dieses Land die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist? Wer kann sich vorstellen, was es heißt, wenn 35 Millionen Menschen de facto ohne Trinkwasser dastehen? Wer kann sich vorstellen, was es heißt, wenn das Ausmaß des Euro-Rettungsschirms dasjenige dieser japanischen Katastrophe noch um ein Dreifaches übersteigt?

Dagobert Duck, der Uncle Scrooge der Duck-Familie, hat seinen Reichtum einst in Phantastilliarden gezählt. Ähnlich geht es mir im Angesicht der Verhältnisse dieser neuen Welt. Wir gewöhnen uns an immer größere Dimensionen des Herkömmlichen. Dementsprechend gewaltig wird der Zusammenbruch sein.

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